Drohen im Osten einsame Landschaften? (Statista + Kurzkommentar)| Briefing 249 | Gesellschaft

Briefing 249 | Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, Ost und West

Der Weltbevölkerungstag, der im Begleittext zur folgenden Grafik erwähnt wird, ist nun ein paar Tage her, aber das ändert natürlich nichts an den Prognosen für das Jahr 2053, die Bevölkerung in Deutschland betreffend. Wohnen Sie in Berlin? Dann dürfen Sie sich auf weitere viele neue Mitbürger:innen freuen. Leben Sie noch in Sachsen-Anhalt? Dann werden Sie vielleicht der Letzte oder die Letzte Ihres Dorfes oder in Ihrer Straße sein.

Infografik: Drohen im Osten einsame Landschaften? | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

In den nächsten 30 Jahren wird die Bevölkerung Deutschlands laut Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) insgesamt nur leicht schrumpfen. Gleichzeitig gehen die Statisker:innen davon aus, dass es hierzulande immer mehr Ältere und immer weniger Menschen im Erwerbsalter geben wird.

Die Statista-Grafik zeigt, dass es bei der Bevölkerungsentwicklung regionale Unterschiede gibt. Dabei fällt auf, dass den ostdeutschen Bundesländern ein deutlicher Bevölkerungsrückgang bevorsteht. Das gilt nicht nur für das hier gewählte Modell, sondern trifft in allen fünf von Destatis durchgerechneten Varianten zu. Dagegen wird die Bevölkerung im Westen insgesamt eher wachsen. Das betrifft vor allem die Stadtstaaten Berlin und Hamburg, aber auch die südlichen Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern.

Ausführliche Ergebnisse zu allen Varianten und Modellrechnungen für Deutschland und zu fünf Varianten nach Bundesländern sind als Webartikel, in Form von Statistischen Berichten sowie in der Datenbank GENESIS-Online (Tabelle 12421) verfügbar.

Direkt im Anschluss an den Text von Statista muss festgehalten werden: Abgebildet wurde nur eines von fünf Modellen der möglichen Bevölkerungsentwicklung. Wir nehmen nicht darauf Bezug, ob wir es für das wahrscheinlichste der fünf Szenarien halten. Aufgrund der Immigrationswellen der letzten Jahre haben sich aber bisherige, pessimistische Prognosen nicht bewahrheitet, im Gegenteil, die Bevölkerung Deutschlands wächst und könnte in den nächsten Jahren die Grenze von 85 Millionen Einwohnern überschreiten. Wir gehen davon aus, dass es weiterhin zu Krisen kommen wird, die eine Migrationsbewegung nach Europa auslösen werden und der Klimawandel eine neue Verschiebung mit sich bringen wird, auch ohne konkrete politische Ereignisse wie den Ukrainekrieg. Die Geburtenrate in Deutschland wird vermutlich weiterhin weit unter 2,1 liegen, dem Wert, der erforderlich ist, um die Bevölkerung aus sich selbst heraus stabil zu halten.

Was wir auf der Grafik gemäß dem „moderaten“ Modell auch sehen, ist eine Fortschreibung der bisherigen Entwicklung, die einzelnen Bundesländer betreffend. Man geht davon aus, dass die wirtschaftlich starken Staaten im Süden weiterhin an Bevölkerung zulegen werden, im Norden und Westen wird es recht stabil bleiben – im Osten hingegen ist die Verödung weiter Landstriche wirklich ein Thema. Einen bleibenden Eindruck davon haben wir in der Tat im am stärksten betroffenen Sachsen-Anhalt bekommen, wo man die Alterung der Bevölkerung in der Tat sofort wahrnehmen konnte, weil auf den Straßen überwiegend Senior:innen unterwegs waren. Nur ein entscheidender wirtschaftlicher Umschwung könnte diese Entwicklung bremsen. Wenn Gegenden erst einmal als unattraktiv gelten, ist es jedoch schwierig, den Selbstverstärkungseffekt zum Erliegen zu bringen. Brandenburg soll demnach trotz der Tatsache an Einwohner:innen verlieren, dass die Nähe zu Berlin für erheblichen Zuwachs im Speckgürtel der Stadt sorgt und trotz einer darüber hinaus offensiven Wirtschaftspolitik, die gerade 10.000 Arbeitsplätze in Grünheide, dem Standort von Tesla, geschaffen hat.

Die Stadtstaaten brauchen ohnehin nicht zu befürchten, dass es in ihnen still wird. Selbst das wirtschaftsschwache Bremen wird nach der gezeigten Prognose einen Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen haben. Und ob wir in Berlin jemals auskömmlich Wohnraum für alle verzeichnen werden? Wir denken daran, dass das obige Szenario ja ein moderates ist.

Dass die Erwerbsbevölkerung sinken soll, wird gerne zum Anlass genommen, um Arbeitnehmer:innen zur Totalverfügbarkeit zu erziehen. Wir lehnen das klar ab. Vielmehr könnte man endlich ein Grundproblem beheben, das sich in Deutschland schon länger zeigt: Es gibt keine Produktivitätsfortschritte mehr und vieles wird noch von Hand gemacht, was längst digital passieren könnte, ohne dass dadurch ein Minus an zwischenmenschlichen Begegnungsmöglichkeiten zu verzeichnen werden. Nicht längere Lebens- und Wochenarbeitszeit sind das Gebot der Stunde, sondern das Gegenteil in Form einer Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich. Dann würde auch die verdeckte Unterbeschäftigung endlich sinken und die Unternehmen müssten ihre Mitarbeitenden vernünftig bezahlen und behandeln. Auch die Einstellung der Bevölkerung zur Immigration müsste sich ändern, man müsste weltoffener werden, um für die Bereiche, in denen es einen echten und nur durch den Einsatz von Menschen behebbaren Mangel gibt, genügend interessierte Bewerber:innen aus dem Ausland zu gewinnen.

Ein Problem, das wir hier nicht anschneiden, ist der Umgang mit der auf jeden Fall und vorerst weiter alternden Bevölkerung. Es wird noch sehr spannend werden, in diesem Bereich, denn hier spielt die Entwicklung der Sozialsysteme und damit der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Nicht nur die Bevölkerungszahlen sind wichtig, nicht nur das Arbeitskräftepotenzial, sondern, wie die Generationen zueinander stehen und wie sich alle integrieren, auch diejenigen, die schon seit ihrer Geburt hier leben.

Nehmen wir an, wir würden uns entscheiden, im Alter nach Sachsen-Anhalt zu ziehen, weil wir dort sicher ein günstiges und sehr ruhiges Plätzchen finden würden. Aber wie sähe es mit den sozialen Möglichkeiten und der Infrastruktur aus?  Unser Eindruck ist, viele Entwicklungen werden von der Politik einfach laufen gelassen. Das wird man sich auf keinen Fall mehr lange leisten können, gleich, ob in den Städten viele Neubürger:innen so erfolgreich zu integrieren sind, dass sie dauerhaft bleiben wollen, oder ob man der totalen Desintegration auf dem Land entgegenwirken muss. 

TH


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