Crimetime 1164 – Titelfoto © BR
Der Fall Das Mädchen am Klavier ist der 70. Fernsehfilm der Krimireihe Tatort. Vom Bayerischen Rundfunk produziert, wurde die Episode am 2. Januar 1977 im Ersten Programm der ARD erstmals ausgestrahlt. Es handelt sich um den 8. Fall von Kommissar Veigl, dargestellt von Gustl Bayrhammer.
Nach „Wohnheim Westendstraße“, den wir kürzlich für unsere Rubrik „Crimetime“ besprochen haben, nun also der direkte Veigl-Nachfolger „Das Mädchen am Klavier“. Was wir nach diesem Fall wissen: Woher „Extrabreit“ die Inspiration für den Hit „Hurra, hurra, die Schule brennt“ hatte, der drei Jahre danach erschien. Allerdings gut möglich, dass die Macher des Films sich ihrerseits beim Titel eines der berüchtigten Paukerfilme aus den späten 1960ern bedient haben, der auch so heißt. Was es sonst zu berichten gibt über den 70. Tatort, steht in der –> Rezension.
Handlung (1)
Nach einem Brand einer Schule wird in den Trümmern eine zunächst nicht identifizierbare Leiche gefunden, deren Obduktion ergibt, dass Genickbruch die Todesursache war. Für den ermittelnden Kommissar Veigl gibt es mehrere Verdächtige, die auf unterschiedliche Weise von dem Brand profitieren. Die Lehrerin Dr. Hildegard Förster beschwerte sich schon seit längerem über das marode Gebäude und sorgt schnell dafür, dass der mit ihr gut befreundete Architekt Ruby einen Plan für einen Neubau beim Bauamt präsentieren kann. Das Ehepaar Riedel, die beide als Hausmeister in der Schule wohnten und sich auseinandergelebt haben, waren beide während des Brandes nicht zu Hause und können nun eine hohe Versicherungssumme kassieren. Insbesondere Enrico Riedel gerät ins Visier der Ermittler, da er mehr Geld für seine teuren Hobbys ausgibt, als er anscheinend verdient. Nach ihrer Trennung von ihm widerruft zudem seine junge Freundin das Alibi, das sie ihm zuerst gegeben hatte. Es stellt sich aber heraus, dass Enrico Riedel das Alibi zur Deckung eines anderen Verbrechens brauchte: Er hatte in der entscheidenden Nacht mit einem Komplizen einen amerikanischen Touristen ausgeraubt.
Derweil kann durch eine bei der Toten gefundene Brosche, die im Fernsehen gezeigt wird, von der alten Frau Roon die Tote als eine vermutliche junge Bekannte identifiziert werden, Barbara Köppen, die Sängerin werden wollte, aber keinen festen Wohnsitz hatte und sich mal hier, mal da aufhielt, sich schon länger nicht bei ihr gemeldet hatte. Allerdings hilft das den Ermittlern zunächst nicht wirklich weiter.
Veigl kann ermitteln, dass Sweetie, die durch ein früheres Erlebnis traumatisierte Tochter des Architekten Ruby, das Feuer gelegt hat, um ihrem Vater wieder einen neuen Auftrag zu verschaffen. Sie wusste zwar, dass die Hausmeister in Urlaub waren. Sie wusste aber nicht, dass der Hausmeister Riedel zwei jungen Frauen, die von einer Karriere als Sängerin und Musikerin träumten, erlaubt hatte, die Schule als Notquartier zu benutzen. Veigl kann die junge Frau, die das Feuer überlebt hat (das Mädchen am Klavier), in einer Bar ausfindig machen. Diese bestätigt dem Kommissar, dass sie zusammen mit ihrer Freundin stark alkoholisiert vom Feuer überrascht worden sei und beide zu fliehen versucht hätten. Dabei sei ihre Freundin zu Tode gestürzt, während sie entkommen konnte. Weil sie starke Schuldgefühle hatte, habe sie sich nicht bei der Polizei gemeldet. Nun ist sowohl die Ursache des Brandes als auch die Identität der Toten geklärt.
Rezension
TV Spielfilm gab lediglich für Humor und Spannung jeweils einen Punkt und urteilte: „Ein früher, noch nicht ausgereifter Tatort.“[2]
Die Nutzer:innen des Tatort-Fundus vergeben 5,68/10 und stufen den 8. Veigl-Tatort damit als seinen zweitschlechtesten ein.[1] Allerdings müssen wir uns daran nicht orientieren, denn wir haben für „Wohnheim Westendstraße“ 7/10 vergeben, trotz einiger Macken, gerade aus heutiger Sicht, und der wird von der soeben angesprochenen Stelle wie bewertet? Genau, als schlechtester aller Veigl-Fälle. Eines ist sicher unübersehbar: Die Beinahe-Spielfilm-Qualität einiger NDR-Tatorte aus den 1970ern haben die frühen Münchener Filme der Reihe nicht und am Anfang wurde freiheraus experimentiert, auch mit der Plotanlage. 1977 hatte man aber doch schon Routine (und Beispiele von anderen Standorten der Reihe) genug, um sich einigermaßen sicher im Revier des Premium-Fernsehkrimis bewegen zu können. Sollte man meinen.
Ich muss gleich mit etwas beginnen, was mich richtig geärgert hat. Nicht nur, dass die Brandstifterperson erst kurz vor dem Ende aus dem Hut gezaubert wird, sie ist als solche auch unglaubwürdig, wenn nicht undenkbar. Ihre psychische Erkrankung wird wohl deshalb so schwammig gezeichnet, weil man das vermeiden wollte, was mich trotzdem nicht erfreut hat, nämlich, dass mit psychischen Einschränkungen Täter:innen konstruiert werden, die Klischees vom unberechenbaren Geist der Zurückgebliebenen festigen, obwohl Menschen wie die Tochter des Architekten entweder bis zu einem gewissen Grad bewusst nicht erwachsen werden wollen. In diesem Fall, um den Vater nicht hergeben zu müssen, vielleicht ein Trauma haben, total auf ihn fixiert sind. Dann wären sie aber auch auf dessen Beziehungen eifersüchtig, davon ist im Film nicht die Rede. Die Schulleiterin ist ja wohl doch etwas mehr als eine nur gute Bekannte des Architekten. Außerdem müsste der Vater die Tochter in dem Fall mit professioneller Hilfe behandeln lassen.
Anders, wenn sie tatsächlich enge kognitive Grenzen hat, dann versteht sie aber auch nicht die Situation des Vaters und ergreift vor allem nicht eine so krude Initiative wie das Niederbrennen der Schule. Wenn sie an einer Sonderschule war und von dort ins Standardsystem gewechselt ist, muss sie wiederum einigermaßen leistungsmäßig mitkommen, dann geht es eben nicht um ein geistiges Zurückbleiben, sondern um ein Beziehungsproblem mit dem Vater. Nun ja, wir sind in den 1970ern, aber in westdeutschen Tatorten, das fällt nicht nur hier auf, wird manchmal ganz schön übel und auch diskriminierend mit Menschen umgegangen, die psychische Probleme haben, um sie als ungewöhnliche und überraschende Täter:innen präsentieren zu können. Vielleicht deshalb noch einmal zum Mitschreiben: Viele der „Normalen“ oder so Eingstuften sind im wörtlichen und übertragenen Sinne brandgefährlich, einige von ihnen sind zu jedem Verbrechen fähig, weil die Persönlichkeitsbilder, die dazu führen, in unserer Gesellschaft geradezu privilegiert und durch ihr Fassaden- und Konkurrenzsystem gefördert werden, und nicht etwa als Persönlichkeitsstörungen indiziert, die zu Konsequenzen fühen müssten. Besonders die schweren, die Gemeinschaft schädigenden Wirtschaftsverbrechen sind fast ausschließlich mit toxisch narzisstischen Typen in Verbindung zu bringen.
Das Mädchen wollte zwar niemanden töten, ging davon aus, dass die Schule leer war, weil sie von der Abwesenheit des Hausmeister-Ehepaars wusste, wie angemerkt wird. Die Brandstiftung ist trotzdem starker Tobak. Klar, die PC gab es in den 1970ern nicht, wie wir auch anhand von „Wohnheim Westendstraße“ erläutert haben. Doch warum konnten andere Sender, besonders der erwähnte NDR mit seiner Kiel- und Hamburg-Schiene damals schon so hoch veranlagte und differenzierte Tatorte machen, die heute noch psychologisch stimmig wirken, auch wenn sie genauso zeitbezogen, oft auch richtig zeitgeistig sind, wie die bayerischen auf ihre Weise? Diese spielfilmreife Kombination aus genauer Beobachtung der Trends und Verwerfungen einer Epoche, verbunden mit Universellem und Überzeitlichem, das machte die Filme der 1970er aus dem Norden so besonders. Deswegen sind eben Regisseure wie Wolfgang Petersen bis nach Hollywood gekommen und die Namen, die für die Inszenierung von Tatorten wie „Das Mädchen am Klavier“ zuständig waren, sind heute kaum noch bekannt. Das Mädchen am Klavier sieht man übrigens wirklich, das Klavier aber nur für wenige Sekunden. Die Person ist die Überlebende des nächtlichen Brandanschlags auf die Schule.
Plottechnisch ist es ebenfalls nicht besonders elaboriert, die Täterin erst ganz zum Schluss einzuführen; so einzuführen, dass sie nicht bloß mal durchs Bild rennt und sich die ganze Zeit auf einen Verdächtigen zu konzentrieren, der zwar ein Oasch ist, aber leider nicht der Brandstifter, denn ihm hätte man ein vorsätzliches Tötungsdelikt sehr wohl anhängen können. Sein Chiemsee-Leben wird recht ausführlich dargestell. Wie er schon für damalige Verhältnisse mit seiner Freundin fies umgeht und überhaupt ein Hallodri ist, der die Polizei auf seine Spur zwingt, weil er mit einem falschen Alibi von ebenjener Freundin eine andere Straftat sehr wohl verdecken will. Jedoch handelt es sich dabei nicht um die Schulbrandstiftung.
Seine Überraschung bezüglich dieser Sache und des damit verbundenen Todesfalls wirkt auch echt. In dem Zusammenhang mit der Toten und mit dem Chiemsee-Lover nimmt sich der Film auch Zeit für insgesamt ca. 15 Minuten Wasserski zeigen und ein Chanson, das die Tote aufgenommen hat, auf Video, und das mich ein wenig an die Liedermacher in der DDR zu jener Zeit erinnert hat. NDW ist es noch nicht, aber auch kein deutscher Schlager oder dergleichen. Zu dem Stück gebe ich keine Meinung ab, weil es meine Bewertung nicht beeinflusst. Immerhin bringt es uns die Tote und ihre Welt und ihre Träume nachträglich etwas näher. Grundsätzlich okay, aber, wie einiges in dem Film, ziemlich herbeizitiert. Insofern hat die Redaktion von TV-Spielfilm recht, der Film wirkt unausgegoren in seiner Dramaturgie. Gefilmt ist er sogar recht ansprechend, besonders natürlich die Wasserskiaufnahmen.
Finale
Das Beste ist auch dieses Mal wieder das Team. Ganz sicher eines der sympathischsten jener Jahre, der eine mit einer Wampe, der andere mit einem Gesicht wie ein A…, wie der Hausmeister Riedel dem lauschenden Lenz unabsichtlich mitteilt. Eine gewisse Fähigkeit zur Selbstironie brauchte man damals wohl, auch als Volks-Starschauspieler, wie Gustl Bayrhammer einer war, um mit dem klarzukommen, was Drehbücher an Aussagen zur Rollenfigur und, wenn es die Optik betraf, logischerweise auch der Person des Darstellers, an Zumutungen beinhalteten.
Ich finde den Stoff gar nicht so uninteressant, aber man würde ihn heute ganz anders filmen und gewisse Unsauberkeiten und Diskriminierungen müssten dabei entfallen. Man kann natürlich auch sagen: Wow, wie unverstellt die Menschen hier noch reden! Wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Leider macht es das gerade so unangenehm. Das muss nicht sein, wie die erwähnten alten Nord-Tatorte belegen. Das Derbe und sogar der Dialekt haben heute im München-Tatort auch einen wesentlich schwereren Stand. Ich meine: basst scho. Denn bei den Veigl-Filmen muss ich mich stellenweise anstrengen, um das gesprochene Wort zu verstehen. Besonders ausgeprägt war das in „Wohnheim Westendstraße“, wo Italienisch ohne Untertitel auf Bayerisch ohne Untertitel traf. Da fühlt man sich als Preiß wie in einem fremden Land. Wie ein Immigrant, der auf dem schwankenden Boden des sprachlichen Neulands geht. „Das Mädchen am Klavier“ ist aber auch kein zünftiger Bauernkrimi, sondern ein wirklich seltsames Gemisch aus allem und nichts. Das Team Veigl, Lenz, Brettschneider wuchtet dieses nicht sehr stimmige Werk noch über das, was bei uns Level 0 ist, aktuell 4 bis 4,5/10.
5,5/10
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas (Entwurf 2022)
| Regie | Lutz Büscher |
|---|---|
| Drehbuch | Erna Fentsch |
| Produktion | Roland Weesel |
| Musik | Siegfried Schwab |
| Kamera | Gero Erhardt |
| Schnitt | Rosemarie Boemelburg |
| Premiere | 2. Jan. 1977 auf Deutsches Fernsehen |
| Besetzung | |
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[1] Wertungen aller Folgen eines Ermittles (tatort-fundus.de)
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