Wie viel Fleisch wird in Deutschland gegessen? (Statista + Kommentar) | Briefing 282 | Gesundheit, Gesellschaft, Wirtschaft, Klima / Umwelt

Briefing 282 | Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt schneller

Essen Sie noch Fleisch, liebe Leser:innen? Falls nicht, liegen Sie im Trend, falls doch, dürfen Sie sich auf stabile Preise freuen, denn bei sinkenden Umsätzen trauen sich die Produzenten meist nicht, allzu sehr in die Grütze zu hauen. Vielleicht hilft der Staat bzw. hilft die Politik aber nach, wie bei so vielen Preisen in letzter Zeit, dass es mal richtig nach oben knallt. Wir bilden mit Statista ab, wie es um den Fleischverkehr bestellt ist.

Infografik: Wie viel Fleisch wird in Deutschland gegessen? | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz  erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Fleisch war lange eine stabile Größe in Deutschland. 1991 aß jeder Mensch hierzulande im Schnitt 63,9 Kilogramm, 2011 waren es 62,8 Kilogramm und 2018 verspeisten die hiesigen Konsument:innen immer noch 61,1 Kilogramm pro Kopf. Aber in den folgenden Jahren hat sich etwas verschoben bei den Ernährungsgewohnheiten, wie der in der Statista-Grafik sichtbare Abwärtstrend zeigt.

Für 2022 taxiert die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung den Verbrauch auf 52 Kilogramm – das sind mehr als vier Kilogramm weniger als im Vorjahr und rund neun Kilogramm als 2018. Besonders deutlich ist der Abwärtstrend bei Schweinefleisch zu sehen: waren es 2018 noch rund 36 Kilogramm pro Kopf, waren es zuletzt noch 29 Kilogramm. Dagegen ist der Konsum von Geflügel und Rind nur leicht zurück gegangen.

Gleichzeitig werden Fleischersatzprodukte immer populärer. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2022 hierzulande 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr mehr Fleischersatzprodukte hergestellt, im Vergleich zum Jahr 2019 erhöhte sich die Produktion sogar um 72,7 Prozent.

Vor allem bei Produkten, bei denen Verbraucher wirklich frei entscheiden können, ob sie diese konsumieren oder nicht. Anders also als etwa bei der Energie, wo man nicht von heute auf morgen, in Städten sowieso meist nicht im Alleingang, alles ändern kann, weil z. B. Vermieter bestimmen, wie geheizt wird. Man kann das höchstens beim Umzug und der Wahl der nächsten Wohnung berücksichtigen. Fleisch aber kann jeder sofort sein lassen, zumal es immer mehr Ersatzprodukte gibt. Klar, sie sind nicht vollkommen adäquat, das werden vor allem Feinschmecker:innen bemängeln, aber es geht ja nicht um dieses oder jenes Highlight, sondern um den täglichen Verzehr. Und der ist beispielsweise, die Essgewohnheiten in Berlin betreffend, nicht so hochklassig, dass jeder kleine Unterschied im Geschmack ein No-Go sein sollte.

Sie merken schon, wir adressieren diejenigen, die noch Fleisch verzehren, nicht die ohnehin vegetarisch oder vegan lebende Minderheiten. Es ist immer noch eine Minderheit, das darf man nicht aus dem Blick verlieren, selbst wenn man mit dieser Minderheit jeden Tag zusammenlebt und die Diskussionen sich nicht mehr um das „Ob“, sondern nur noch um Details des „Wie“ drehen. Wie optimiert man die fleischfreie Lebensweise immer weiter? Wie macht man sie vollwertig und schmackhaft zugleich? Wir gönnen uns zum Ausgleich manchmal etwas Süßes, immer mit scheelem Blick auf die Blutwerte. Es ist alles nicht mehr so einfach wie früher. Können Sie sich noch erinnern an die Zeiten, als es einfach nur darum ging, satt zu werden? Die wenigsten von Ihnen werden dies erlebt haben und immer weniger von Ihnen werden noch Menschen kennen, die davon erzählen können. Bei unseren Großeltern war das noch so. Für sie war deshalb Fleischverzehr ein Ausweis von steigendem Wohlstand. Jeden Tag Fleisch einstiger Luxus, der zur Selbstverständlichkeit wurde. Mehr oder weniger. Ob sie sich noch hätten umstellen können und wollen?

Doch nicht nur der Klimawandel und die Gesundheit, wie wir sie heute verstehen, nämlich nicht darin, möglichst viel zu essen, um groß und stark zu werden (und durch Hormonfleisch ungeahntes Größenwachstum zu erreichen, den Verdacht haben wir bei einigen unserer Cousins und Cousinen, wobei erstere locker die 2-Meter-Marke geknackt haben, obwohl die Eltern bloß die für ihre Generation typische Größe von 1,70 bis 1,80 Meter hatten), spielt eine Rolle. Dass nicht mehr so viele arme Schweine geschlachtet werden, ist in der Grafik deutlich sichtbar und auch, dass der Rückgang früher einsetzte als bei Rindfleisch. Dabei dürften auch kulturelle Einflüsse eine Rolle spielen, speziell die Schweinefleisch-Abstinenz des zunehmenden Anteils an muslimischer Bevölkerung in Deutschland.

Mittlerweile scheint es Rückgänge quasi auf allein Fleischsektoren zu geben. Ist das gut? Wir meinen, überwiegend ja und wenn man es einfach macht, fleischarm oder -frei essen, und es nicht, wie so oft hierzulande, als Ideologie vor sich herträgt. Wir kennen einige Veganer:innen, die ziehen fast ihr gesamtes Ich aus dieser Eigenschaft, das ist uns zu sehr hardcore. Sie selbst würden es als Leidenschaft sehen, die man offensiv nach außen tragen darf, mithin spricht für Menschen, die so gestrickt sind, nichts dagegen, dass diese auch missionarische Züge annimmt. Wir sind ja auch politisch ähnlich beseelt, sonst würden wir keine Artikel über politische Themen schreiben. Und sind doch erstaunt, wie traditionell teilweise noch gegessen wird. Es ist wie mit allem, es wird diverser, die Essgewohnheiten der Menschen unterscheiden sich immer stärker voneinander. Gerade deswegen ist es wichtig, Trends zu zeigen, und das tun wir heute mit der obenstehenden Grafik.

Besonders werden Sie sich über den Begleittext zur Grafik freuen, wenn Sie ein Hersteller von Fleischersatzprodukten sind oder bei einem solchen arbeiten. Da gibt es selbst in einem Land noch Wachstum, das auffällig stark von Stagnation geprägt ist. Vor allem in den Jahren 2020, 2021 scheint es auf dem Gebiet des Fleischersatzes geradezu einen Sprung nach vorne gegeben zu haben. Für uns nicht ganz unlogisch: Menschen haben während Corona an ihren Gewohnheiten gearbeitet oder einfach nur mehr zu Hause gegessen als zuvor, wo sie freier entscheiden konnten, was sie zu sich nehmen. Zumindest dürfte das ein Faktor für den massiven Anstieg gewesen sein, während sich der Zuwachs 2022 wieder quasi normalisiert hat.

Dass gerade im Jahr 2022 der Rückgang so deutlich ausgefallen ist, darf man allerdings nicht unter „gestiegenes Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein“ abhaken. Auch, wenn wir eingangs geschrieben haben, dass die Fleischpreise angesichts des Kampfes um die Umsätze nicht zu stark anziehen dürften, sofern der Staat nicht steuernd durch höhere Steuern eingreift: Da insgesamt zuletzt bei den Nahrungsmitteln gespart wurde, dürfte das besonders Fleischprodukten einen Umsatzrückgang beschert haben, denn bei ihnen lässt sich nun einmal relativ leicht Geld einsparen, während das bei Produkten wie günstigem Mineralwasser kaum möglich ist. Wir haben mehrfach über die enorm hohe Lebensmittelinflation in Deutschland berichtet, die gerade bei bisher günstigen Produkten noch einmal stärker ausfällt als im Durchschnitt und von Raten zwischen 21 Prozent und 14 Prozent (März, April, Mai) berichtet, über alle Nahrungsmittel hinweg betrachtet.

Ganz sicher ist auch einiges an Fleischverzehr dem Sparzwang zum Opfer gefallen, und zwar, ohne dass teure Ersatzprodukte im Einkaufswagen landeten. Wer sich darüber freut, dass der Fleischverzehr sinkt, weil die Menschen es sich einfach nicht mehr leisten können, der versteht nicht, warum der soziale Unmut im Land immer größer wird und uns möglicherweise, so unlogisch es auch erscheinen mag, politisch weit zurückwerfen könnte. Insofern wäre uns ein etwas mäßigerer, aber nachhaltiger Rückgang des Fleischkonsums im Jahr 2022 lieber gewesen als die ca. 8 Prozent innerhalb von nur einem Jahr, den wir nur  ungern als „satt“ bezeichnen möchten. Den höchsten „generischen“ Rückgang, der vermutlich nicht durch Sondereffekte bedingt war, gab es von 2018 auf 2019 mit ca. 5 Prozent. Vielleicht hat die Entstehung von FFF dabei eine Rolle gespielt und das Bewusstsein der Menschen für den Effekt des Fleischkonsums in Sachen Klimawandel gestärkt, die Notwendigkeiten, ihn zu berücksichtigen, in die Familien hineingetragen. Eine solche Erkenntniserweiterung rechnen wir zu den „natürlichen“ Effekten, die auch den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben, ohne dass er erzwungen werden muss. 

Fleischfrei leben muss indes eine Wahlmöglichkeit bleiben, es darf kein Zwang aus Kostengründen sein. Da haben besonders Politiker der Grünen verbal ganz falsche Akzente gesetzt, als die Ampelkoalition die Regierungsgeschäfte in Berlin übernahm und das Drehen an der Preisschraube gehypt, obwohl schon aufgrund von Pandemie-Effekten die zuvor mäßige Inflation stark am Steigen war. Wir wollen nicht noch einmal in die Situation kommen, mit der wir noch aufgewachsen sind. Nämlich, dass wir Menschen kennen, die noch echten Hunger erlebt haben und froh waren, wenn sie alle paar Wochen einen Sack Kartoffeln  hamstern konnten. Diese Art von erzwungener Fleischabstinenz für die nicht kapitalbesitzende Mehrheit darf es niemals wieder geben.

TH


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