Crimetime Vorschau – Titelbild © HR / U5 Filmproduktion, Daniel Dornhöfer
Die zweite Tatort-Premiere nach der Sommerpause steht an, von Ludwigshafen aus geht es ins nahe gelegene Frankfurt am Main. Dort geschieht folgendes:
„Nachtschicht für die Frankfurter Ermittler: In der Einsamkeit der Wälder rund um die Mainmetropole lösen die Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) ihren 17. Fall. Die Tatort-Episode 1243 „Erbarmen. Zu spät.“ handelt vom Verschwinden des jungen Polizisten Simon Laby. Ein Zeuge will beobachtet haben, wie er ermordet wurde, kann sich aber nicht an den genauen Ort des Geschehens erinnern. Als schließlich Labys abgelegene Waldhütte gefunden wird, bekommt der vermeintliche Vermisstenfall eine völlig andere, viel größere Dimension.“
Tatort Folge 1243: Erbarmen. Zu spät – Tatort Fans (tatort-fans.de)
Der Titel ist schon innovativ. Meines Wissens der erste, der aus zwei Sätzen besteht, von denen einer nur aus einem Wort besteht. Punkt. Passt aber in unsere Zeit, finde ich, ohne hier eine soziologische Abhandlung anzuschließen. Ich habe heute schon eine politische Abhandlung geschrieben, die nicht geplant und einem aktuellen Ereignis geschuldet war. Deswegen wird die heutige Vorschau auch recht kurz ausfallen und wenig meinungsstark ausfallen. Unsere Meinung zum Frankfurter Team ist ohnehin kompliziert: Man experimentiert zwar viel, aber an die Avantgarde-Stellung, die man in der Bankenstadt mit dem Team Sänger-Dellwo erreicht und mit dem vorzeitigen Aus der Nachfolger verspielt hat, konnte man nicht ohne Weiters anknüpfen. Im heutigen Umfeld ist der Frankfurt-Tatort nicht mehr so einflussreich, die gelungeneren Experimente macht der Hessische Rundfunk mit
Felix Murot. Seinerzeit hatte man durch den Wechsel von Brinkmann zu Sänger und Dellwo geradezu einen Katapultstart ins 21. Jahrhundert hingelegt, während man jetzt mäandert, ohne eine klare Positionierung für das aktuelle Team zu finden. Was sagen die Kritiker:innen aber nun zum 1243. Tatort, dem immerhin schon 17. des Frankfurt-Teams?
Auf eines ist in der Tatort-Welt Verlass: Wo Godehard Giese auftaucht, ist das Böse nicht weit. Niemand sonst verkörpert die Rolle des Schurken im bieder-bürgerlichen Gewand derart überzeugend. So weit zum Erwartbaren, ansonsten glänzt dieser Krimi vor allem damit, dass er aus dem Rahmen fällt: Sei es das für einen Frankfurt-Tatort sehr ungewohnte, kammerspielartige Setting „nachts allein im Wald“ oder das Spiel mit farblichen und musikalischen Motiven, die die düster-unheimliche Stimmung verstärken. Den Schlussakkord bildet ein furioses Finale, auf das sich jeder seinen eigenen Reim machen sollte. Zwei Minuspunkte gibt’s allerdings für den sehr langatmigen Auftakt und die De-facto-Nebenrolle, in die Anna Janneke diesmal gedrängt wird. (Tatort-Fans, siehe oben)
Wären also 3/5 und damit wieder eine mittlere Wertung.
Es mag sein, dass der Regisseur Bastian Günther mit dieser Düsterheit zeigen will, wie belastend es ist, wenn sich ein rechtes Netzwerk innerhalb der Polizei leise und unbemerkt einschleust. Für mich war die Dunkelheit vor allem anstrengend und die Story sehr langatmig. Als Zuschauer hätte ich nach spätestens 20 Minuten weggeschaltet. Deshalb für den Tatort Erbarmen zu spät – aus Erbarmen nur 1 von 5 Elchen.
Tatort-Kritik: „Erbarmen. Zu spät“ mit Janneke und Brix aus Frankfurt (swr3.de)
Da kriegt der HR von den Nachbarn aus dem Südwesten, die für den letztwöchigen Tatort verantwortlich waren, ordentlich eins verpasst. Offenbar ist es während des Films tatsächlich 80 Minuten lang dunkel. Auf jeden Fall schont das die LEDs des Fernsehers und in der Stadt auch die Nachbarn, die das Wohnzimmergefilmmer von gegenüber nicht mögen. Offenbar sind auch die Dialoge sehr mühselig, oder die Rezensentin hat besonders negative Beispiel so herausgegriffen, als seien sie typisch. Wenn es sie gibt, sind sie meist aber auch typisch. Eine Null-Elche-Bewertung haben wir bisher vom SWR noch nicht gesehen, aber beinahe wäre es jetzt passiert. Möglicherweise besteht derzeit ein generelles Problem mit der Qualität der neuen Krimis, zumindest liest sich das Folgende so:
Nach dem langen entbehrungsreichen Sommer können Krimi-Fans derzeit wieder aus dem Vollen schöpfen, die öffentlich-rechtlichen Sender bringen mehrfach pro Woche Nachschub. Während das quantitativ beeindruckend ist, sieht das bei der Qualität sehr viel weniger glücklich aus. Das gilt auch für die Filme, die am Sonntagabend im Ersten ausgestrahlt werden. Der Auftakt Polizeiruf 110: Du gehörst mir ließ schon einiges zu wünschen übrig. Die Woche drauf meldete sich auch der Tatort zurück. Doch auch wenn Gold, das sich mit dem legendären Nibelungenschatz beschäftigt, sicherlich ein ungewöhnlicher Teil war, wird er Freundinnen und Freude des gepflegten Rätselkrimis weniger zufriedenstellen. Und auch bei Erbarmen. Zu spät. sieht es in der Hinsicht schwierig aus.
Tatort: Erbarmen. Zu spät. | Film-Rezensionen.de
Das kommt eben daher, dass man den ÖR-Rundfunk kaputtsparen will, fällt uns als Antwort dazu spontan ein. Das ganz große Drehbuch fürs ganz kleine Geld ist eben doch nicht so einfach aufzutreiben. Gerüchteweise sollen sich einige wirklich Gute aus dem Business schon zurückgezogen haben, weil sie von dem schmalen Salär oft jahrelang leben müssen, welches es für ein Tatort-Drehbuch gibt, und ein solches zählt immerhin zu den auch vergütungsmäßigen Spitzenprodukten des deutschen Fernsehkrimis.
Das hier ist kein Film, den man anschaltet, wenn man viel rätseln möchte. Hochspannung sollte man ebenfalls nicht erwarten. Selbst ab dem Zeitpunkt, an dem die Geschichte konkreter wird, nimmt das Tempo nicht nennenswert zu. Brenzlige Situationen gibt es nicht, die Konflikte werden verbal ausgetragen. Das wird Tatort: Erbarmen. Zu spät. für viele zu langweilig machen. Und doch ist der Film durchaus sehenswert, wenn man sich auf diese etwas andere Art Krimi einlassen kann. Die Melancholie, verbunden mit einer Fassungslosigkeit, was sich da im Verborgenen so abspielt, kann schon Eindruck hinterlassen. Es darf dann aber gern demnächst auch mal wieder ein guter traditioneller Krimi gezeigt werden. Denn das hat mittlerweile Seltenheitswert. (Rezensionen.de, siehe oben)
Auch einen traditionellen Krimi kann man visuell bekanntlich flott und im heutigen Stil einkleiden, aber was in Frankfurt schon lange auffällt, ist tatsächlich, dass die Dialoge schwach sind und damit das Gefühl von Mühsamkeit selbst dann kommt, wenn das Szenario arg bedräulich wirkt. Das Hessische an sich ist ja auch ein wenig so, auch die vom SWR-Check gebrachten Beispiele wirken furchtbar unliterarisch – aber das wird in den Filmen bekanntlich heute nicht mehr gesprochen und eine Art Selbstähnlichkeit bezüglich des Duktus entscheidet hoffentlich nicht über die Auswahl der Drehbücher. Immerhin vergibt die oben anzitierte Stelle 6/10, das ist ein deutlicher Aufwärtstrend gegenüber dem SWR. Jetzt aber ein Knaller:
Filmkunst in Finsternis: Die Frankfurter „Tatort“-Episode „Erbarmen. Zu spät.“ (HR / U5 Filmproduktion) ist ein düsteres Drama um ein mörderisches Netzwerk in der Polizei. Die Handlung beschränkt sich auf eine einzige Nacht und die Suche nach einem vermissten Polizisten in der Wetterau. Ohne Gewalt explizit zu zeigen, entfalten Autor und Regisseur Bastian Günther sowie Kameramann Michael Kotschi eine bedrückende und zunehmend bedrohliche Atmosphäre. Ihr Film erzählt nicht den urbanen Thrill eines drohenden Anschlags, sondern setzt in karger, fast menschenleerer Landschaft die unsichtbare, schleichende Unterwanderung der Polizei in Szene. Ein sehr unbehagliches und meisterhaft fotografiertes, teils fantastisch ausgeleuchtetes Drama – mit einem denkwürdigen Finale. http://www.tittelbach.tv/programm/reihe/artikel-6386.html
Jetzt kommt’s: 5,5/6. Zwar ist bei Tittelbach nicht, wie man meinen könnte, 3/6 der Durchschnitt, sondern ca. 4,5/6, trotzdem werden 5,5 selten gezogen. Tja. Alles, was die anderen bemängelt haben, wird hier als Kunst angesehen. Es ist wie mit den politischen Ansichten der Menschen, es geht weit auseinander. Durchaus möglich, dass das Unbehagen anderer Stellen auch der Aufarbeitung des Themas selbst gilt, das man so nicht möchte, nämlich den gefährlichen Rechtstendenzen in der Polizei und dass diese geradezu ein Modethema geworden sind, das aber noch der endgültigen Ausarbeitung harrt, der wirklich überzeugenden Darstellung. Für Tittelbach-TV scheint dieser Status jetzt erreicht zu sein.
Nachts, wenn der NSU 2.0 erwacht. Umzingelt von Nazis? Kommissar Brix muss bei einer nächtlichen Tour erkennen, dass Kollegen das System stürzen wollen. Der »Tatort« als Schattenspiel über die Risse im Rechtsstaat.
»Tatort« aus Hessen: »Erbarmen. Zu spät« mit Wolfram Koch – DER SPIEGEL
Wenn Sie zahlungsfähig und -willig sind, lesen Sie rein. Die Kritik endet wieder dort, wo wir angefangen haben, nämlich bei einer mittleren Bewertung. Das past, weil wir insgesamt den Eindruck haben, viele sind von dem Film hin- und hergerissen und daher keine der ausgesprochen negativen oder positiven Meinungen zum Abschluss anreißen wollten. Sind Sie jetzt schlauer? Wir meinen, Sie müssen selbst reinschauen, um genau dies zu werden, sprechen aber keine Empfehlung aus.
TH
Handlung
Am Rande eines Waldgebietes fahren nachts zwei Autos über einen Feldweg. Darin befinden sich Brix und weitere Polizeibeamte. Außerdem ein Verdächtiger, Anton Schilling, der kurz zuvor zur Polizei gekommen ist und berichtet hat, dass der Polizist Simon Laby erschossen und dann am Waldrand vergraben wurde.
Die Suche verläuft schwierig. Als man schließlich das Waldhaus Labys durchsucht und dort große Mengen an Essensvorräten, Waffen, Munition und ein falsches Polizeiauto entdeckt, bekommt der Fall eine ganz neue Dimension. Janneke vermutet schon bald, dass es bei der Suche in dieser einen Nacht nicht nur um einen Toten geht.
Besetzung und Stab
Hauptkommissarin Anna Janneke – Margarita Broich
Hauptkommissar Paul Brix – Wolfram Koch
Kriminalassistent Jonas Hauck – Isaak Dentler
Staatsanwalt Bachmann – Werner Wölbern
Radomski – Godehard Giese
Glasner – Karsten Antonia Mielke
Franz Decker – Uwe Rohde
Goosens – Christoph Pütthoff
Anton Schilling – Niels Bormann
Simon Laby – Sebastian Klein
u. v. a.
Drehbuch – Bastian Günther
Regie – Bastian Günther
Kamera – Michael Kotschi
Musik – Dallas Acid
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