Sieben Jahre in Tibet (Seven Years in Tibet, USA 1997) #Filmfest 986 #DGR

Filmfest 986 Cinema – Die große Rezension

Das Dach und das Herz der Welt?

Sieben Jahre in Tibet ist ein Spielfilm von Jean-Jacques Annaud, basierend auf Heinrich Harrers gleichnamigem Buch über seinen Aufenthalt in Tibet. 

Im Jahr 1997 gab es gleich zwei Filme über den Dalai Lama, den wir alle mit seinem gütigen Gesicht und seiner altmodischen, großen Brille kennen, und natürlich kennen wir alle seine buddhistische Weisheit als religiöser Führer, die auch im Westen großen Anklang findet. Zum einen hat Martin Scorsese mit „Kundun“ das Leben des Dalai Lama direkt verfilmt und erhielt dafür vier Oscar-Nominierungen.

„Sieben Jahre in Tibet“ hingegen ist eurozentrisch und eine Verfilmung des Weltbeststellers von Heinrich Harrer über seine Zeit im asiatischen Hochgebirge und die legendäre Verbindung zum geistigen und bis 2011 auch weltlichen Oberhaupt der Tibeter (bzw. ab 1959 der tibetanischen Exilregierung). Richard Gere, der einer der Kandidaten für die Hauptrolle in diesem Film war, soll das Drehbuch an den Dalai Lama gesendet haben und dieser fand es offensichtlich gelungen. Er wird in dem Film als rein positive Figur dargestellt; der eine oder andere Schatten, der trotz des Friedensnobelpreises von 1989 auch auf sein Bild fiel, wird zu Recht nicht thematisiert, weil es dabei um spätere Verstrickungen ging (3).

Handlung (1)

Heinrich Harrer, ein äußerst egozentrischer österreichischer Bergsteiger, fährt, obwohl seine Frau Ingrid bereits schwanger ist, als Mitglied einer Expeditionsgruppe in den Himalaya, um dort den Berg Nanga Parbat zu besteigen. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird er interniert und bekommt im Internierungslager einen Brief seiner Frau, die ihn um sein Einverständnis zur Scheidung bittet. Harrer kann, nach einer langen, schwierigen Flucht mit seinem Kollegen Peter Aufschnaiter nach Tibetentkommen. Er arbeitet dort an einer Karte der Hauptstadt und schreibt, von Aufschnaiter ermutigt, Briefe an seinen ihm völlig unbekannten Sohn Rolf, der mit einem anderen Mann als Vater aufwächst. Aufschnaiter heiratet indessen eine tibetische Frau.

Harrer wird von dem 14. Dalai Lama zu einer Audienz eingeladen und freundet sich mit ihm an. Auf Wunsch des jungen Dalai Lama bringt er ihm alles bei, was er über die Welt außerhalb Tibets weiß.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und im Wissen, dass die chinesischen Truppen eine Invasion in Tibet planen, will Harrer nach Österreich zurückkehren, erhält aber von seinem Sohn einen Brief, in dem dieser bestreitet, Harrers Sohn zu sein. Da er den Brief mit dem Namen von Ingrids neuem Mann unterschreibt, muss Heinrich akzeptieren, dass alle Bande zu seiner Familie zerschnitten sind.

Im Jahr 1950 wird Tibet von den Chinesen besetzt. Harrer bleibt, bis der Dalai Lama endgültig zum religiösen und weltlichen Oberhaupt Tibets ernannt ist, dann verlässt er auf dessen Drängen hin Tibet, um sich um seinen Sohn zu kümmern. 

Rezension

Wo, wenn nicht im gewaltigen Bergmassiv des Himalaya, soll es zu großartigen Bildern und erleuchteter Philosophie kommen? Das Meer hat auch etwas Erhabens, aber oben ist man Gott näher. Demgemäß wird dem Panorama viel Raum gegeben, ebenso wie buddhistische Grundregeln des Seins zur Sprache kommen. Leider müssen wir hier auch schon bei der Kritik ansetzen. Die Interaktion mit dem Westler Harrer hätte mehr Diskurs beinhalten dürfen, wenn man auf das Thema abhebt. Man hätte es aber glaubwürdig darstellen müssen. Andererseits gibt es in dem Film eine Menge Details zwecks mehr Dramatik, die in der Buchvorlage von Heinrich Harrer nicht enthalten sind.

Brad Pitt spielt den Harrer auf eine motderne Weise. Im Gegensatz zu seinem Rivalen und Expeditionskollegen am Berg, dargestellt von dem Briten David Thewlis, der auf uns authentischer wirkt. Brad Pitt ist natürlich auch ein Opfer seines Starruhms, man billigt ihm nicht immer zu, hinter eine Rolle zurücktreten zu können, aber hier ist es für uns recht offensichtlich, dass er nicht die Absicht hatte, sich Harrer hinsichtlich Gestik, Mimik, Persönlichkeit komplett anzueignen. Harrer selbst sagte, Pitt sei ihm nicht sehr ähnlich und er habe in dem Alter erheblich besser ausgesehen – nach den Maßstäben der Zeit, muss man wiederum hinzufügen.

In der Tat ist der enorme Erfolg von Pitt insbesondere beim weiblichen Publikum wohl eher diesen Grübchen und der trotzig vorgeschobenen Unterlippe, diesem jungenhaften Touch als klassischer Schönheit zu verdanken – diese Schalkhaftigkeit und der juvenile Charme funktionieren in vielen Rollen auch recht gut. Doch Harrer war gewiss ein ernsthafterer Typ, als er in „Sieben Jahre in Tibet“ in der Darstellung von Brad Pitt wirkt. Apropos: Wir mochten zum Beispiel seine Darstellung in „Benjamin Button“ sehr, die allerdings jüngeren Datums ist und er bekam seine bisher zwei Oscar-Nominierungen als bester Hauptdarsteller auch erst in 2008 (für „Benjamin Button“) und 2011 (für „Moneyball“) (1).

Gemäß einer gegenüber dem Buch geänderten Idee, eine Wandlung Harrers zu zeigen, stellt Pit den Bergsteiger zunächst als „pompous ass“ und manchmal auch etwas verschlagen dar, so dass man automatisch Sympathie für seinen Freund-Gegner Aufschnaiter gewinnt, aber dass der Dalai Lama in ihm einen Narren frisst, hat man den Eindruck, ist eher der Tatsache zu verdanken, dass er einer der ganz wenigen Ausländer im abgeschotteten Tibet ist und die Physis hatte, die Strapazen dieser entbehrungsreichen Reise bis nach Lhasa zu überstehen – als einer besonderen Persönlichkeit, in welcher der Buddhist eine Berufung erkennen könnte.

Bis zum Ende des Films bleibt Harrer trotz aller Wandung ein Westler – und das ist wiederum konsequent. Er huldigt dem Leistungsprinzip und nicht der Menschenliebe oder der Liebe allen Wesen gegenüber im buddhistischen Sinn. Man wird den Eindruck nicht los, dass Harrer die Tibeter bis zum Ende des Films eher als kurios denn als geistig überlegen oder wenigstens ebenbürtig empfindet. Sicher spielt dabei eine Rolle, dass Technik in den 1930ern und auch heute noch mit geistigem Fortschritt zu sehr gleichgesetzt wird.

Wir kennen das zugrundeliegende Buch „Sieben Jahr in Tibet“ nicht, können also nicht ermessen, ob Harrer selbst auf diese Weise von seinen Erlebnissen berichtet, glauben es aber eher nicht, denn eine solch ungewöhnliche Erfahrung wie diese Reise sollte sich in die Charakterzüge eingraben – demgemäß hätte die Interaktion zwischen Harrer und dem Dalai Lama hätte man demgemäß etwas tiefergehend ausfallen  können.

Die Aktion und das Abenteuer stehen aber im Vordergrund, und das ist es, was wir modernen „Period Pieces“ häufig anzukreiden haben. Sie sind zwar recht genau in optischen und sachlichen Details, erfassen aber selten den Geist der Epoche, in der sie angesiedelt sind und den Geist der Menschen, die im Mittelpunkt der Handlung stehen.

Es ist immer die Verschung da, ein wenig Popcorn-Kino einzustreuen, und dieser Versuchung hat auch Jean-Jacques Annaud, der französische Regisseur des Films (bekannt geworden durch die Verfilmung von „Der Name der Rose“ mit Sean Connery) nicht widerstanden. Das merkt man auch an verräterischen Details wie der nochmaligen Aufblondierung des ohnehin blonden Brad Pitt hin zum sommerstrohfarbenen SS-Klischee-Haarwuchs, den der echte Harrer gemäß alten Fotos so nicht aufwies.

Arier ist Arier, egal ob deutsch oder österreichisch. Im Grunde beginnt die Handlung erst nach der Hälfte des Films, als Heinrich und Peter Lhasa erreichen. Immer wieder witzig in dem Zusammenhang: Wie Europäer den anderen Technik beibringen. Harrer war demnach ein echtes Allroundtalent, nicht nur auf sportlichem Gebiet. Er konnte Radios basteln, Kinos bauen, stillgelegte Autos wieder in Gang setzen, mithin die gesamte Zivilisation nach Tibet bringen – insofern ist Vieles in diesem Film so klassisch, als hätten es die Nazis oder die Amerikaner selbst erfunden. Selbst, wenn dies so im Buch enthalten ist, es dominiert den Eindruck, den wir von der gemeinsamen Zeit des Dalai Lama und Harrers gewinnen.

Fraglos hat der Film berührende Momente und ist kein Häppchen von einem Kinostück,sondern durchaus eine aufwendige und ambitionierte Produktion. Jedoch, es wird auch einiges geglättet, was nichts mit Pitts Schauspielerei zu tun hat. Selbstverständlich wird gezeigt, dass er aus Österreich kommt und dieses zum Deutschen Reich gehörte, als die Expedition startete, aber es wirkt, als man ihm eine NS-Flagge in die Hand drückt, um ein Abschieds-Propagandafoto zu schießen, als täte er das eher widerwillig.

Dass Harrer damals überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der SS war, hat man sich bei einem Protagonisten, der schon seine Arroganz als Päckchen zu schultern hatte und eben doch von einem Frauenschwarm gespielt wird, nicht zu thematisieren getraut. Mithin verhält man sich im Film so, wie die Österreicher es bezüglich ihres Verhältnisses zu Hitler und dem Nationalsozialismus sowieso gerne tun, nämlich, als sei er wie ein Naturereignis über sie gekommen und nicht in ihren Herzen ebenso verwurzelt und ihrer Mentalität ebenso zugänglich gewesen wie bei den deutschen Nachbarn.

Vermutlich wird der echte Harrer deshalb nicht ständig darauf gepocht haben, dass er Österreicher und nicht Deutscher ist, wie es im Film gezeigt wird, denn gemäß seiner damaligen Einstellung wird er den Anschluss, wie viele seiner Landsleute, begrüßt und sich damit identifiziert haben. Das Blöde ist, dass man von heutigen Filmen erwartet, dass sie genauer mit der Historie umgehen, und wenn sie es dann nicht tun, nimmt man es eher krumm als bei älteren Werken, in denen noch Traumata der Filmschaffenden stecken, die aus jener dunklen Zeit kommen.

Dabei hätte die Herausstellung des Gegensatzes Herrenmensch-Weltliebender, das Aggressive und Expansive der NS-Ideologie gegenüber dem Buddhismus, der prinzipiell wohl die friedlichste aller Weltreligionen und eine der am meisten pazifistischen Weltanschauungen ist, sehr reizvoll sein können. Die Parallele zwischen den Nazis und ihrer Handhabe in Europa und den Chinesen, die, ideologisch gestählt und technisch überlegen, in dem kleinen, kaum vorbereiteten Tibet einmarschieren, wird nur einmal gegen Ende als eine Art Erkenntnis von Harrer erwähnt (in einem Satz, den er als Narrator spricht). Dort redet er übrigens doch über sein Land im Sinn von Großdeutschland, und sondert sich nicht alpenländlerisch davon ab. Als Symptom einer Wandlung ist das aber nicht ausreichend, sondern wirkt eher zufällig. Die Synchronisation widerum weist Grammatikfehler auf, die dem Film einen leicht schlampigen Anstrich geben.

Trotz all der Entbehrungen und einschneidenden Erlebnisse wirkt der Film-Harrer recht light-hearted, ganz im Sinn klassischer amerikanischer Helden, die von keiner physischen und mentalen Anfechtung so richtig herausgefordert werden. Einmal rasieren, und der Mann, der monatelang durchs karge Gebirge geirrt ist und kaum etwas zu essen hatte, wirkt wie neu. Und bekommt sogar europäische Kleider verpasst, denn zufällig ist eine Schneiderin anwesend, die als einzige ihres Landes in Kalkutta gelernt hat und dort wohl für die englischen Besatzer Tweedjacken herstellen durfte.

Dass diese Frau sich in Peter verliebt und mit ihm zusammenlebt und nicht mit Heinrich, das ist seine einzige echte Niederlage im Film und auch die nimmt er sehr stoisch. Im Grunde ist das geschickt gemacht, denn man gönnt zum relevanten Zeitpunkt dem eher bescheidenen Peter die Frau mehr als dem prahlerischen Heinrich, und als er dieses Opfer der Beziehungslosigkeit gebracht hat, nachdem er seine Familie in Österreich zwischenzeitlich durch Fernscheidung verloren hat, ist man weit mehr auf seiner Seite als zuvor (Frau und Kind haben im Film andere Namen als in der Wirklichkeit, wir wissen nicht, warum man auch hier von der historischen Wahrheit abgewichen ist).

Die Bebilderung und die Kostüme sind großartig, daran kann man sich bis zum Schluss nicht sattsehen. Andererseits erwartet man von einem modernen Hollywoodfilm auch gute Schnitttechnik, die perfekte Inszenierung von Berglandschaften und Menschen und Krönungs-Zeremonien und was es sonst noch an Augenschmaus geben kann. Es erweist sich jedoch keine Szene als so auffällig, dass sie sich ins Gedächtnis brennt und man das Gefühl hat, hier haben wir einen kinogeschichtlich wertvollen Moment.

Man kann den Film auch nicht mit dem betörenden „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci vergleichen, an den er uns zwar stellenweise erinnert hat, der aber einen ganz anderen Impact liefert (auch der Kaiser, eine Generation älter als der Dalai Lama, hat einen europäischen „Lehrer“ als wichtige Figur und Aufhänger für die okzidentalen Kinozuschauer). Im Wesentlichen ist „Sieben Jahre in Tibet“, im Gegensatz zu Bertoluccis Film, kein Historiendrama, sondern ein Abenteuerfilm vor historischem Hintergrund.

Selten genug finden wir einen Film zu kurz, aber hier müssen wir konstatieren, ein reicheres Werk von drei Stunden Länge anstatt 136 Minuten wäre die richtige Option gewesen, eine Extension, diemehr Hintergrund und Details vermittelt hätte, ohne dass man die Aktion hätte streichen müssen. Es ist heute kein Problem mehr, solche Spannen interessant zu füllen und Charaktere richtig auszuformen – was im Grunde nur bei den beiden Bergsteigern gelingt, nicht bei den Tibetern, die zu spät ins Spiel kommen, nicht beim Dalai Lama.

So spürt man wenig von dem Gewicht, das der Verrat eines hohen Beamten gegenüber dem Dalai Lama hat, welcher eine Festung im Norden Tibet, Einfallstor ins Land, verteidigen will, jendes Mannes, der sie dann aber der chinesischen Armee übergibt. Ist es nur wegen der offensichtlichen Übermacht und um weiteres Blutvergießen zu verhindern, womit auch der Dalai Lama selbst schlussendlich seine Unterzeichnung des Autonomie-Abkommens rechtfertigt hat?

Der Abspann verrät uns, dass die Eingliederung Tibets eine Million Opfer gefordert hat und dass dabei 6000 buddhistische Klöster zerstört wurden. Das Vorgehen der chinesischen Kommunistenin Tibet unterscheidet sich in Anbetracht der Größenverhältnisse nicht wesentlich von anderen Völkermorden des 20. Jahrhunderts (insgesamt haben unter der Herrschaft des Mao, dessen Bibel unseren linken Freunden so wichtig war, 40 Millionen Menschen ihr Leben gewaltsam verloren, mehr als bei Hitler und Stalin zusammen).

Brad Pitt und David Thewlis wurden wegen ihrer Rollen nach dem Film mit einem Einreiseverbot nach China belegt, das bis heute anhält, der Film hat also eine politische Dimension zumindest in dieser Richtung. China ist neben einigen weniger bedeutenden Diktaturen eines der wenigen Länder, die nicht auf unserem Flag-Counter zu verzeichnen sind, weil das Internet dort im Jahr 2013 noch offenbar so eingerichtet ist, dass freier Zugang selbst zu kleinen Medien nicht geht. Das nur am Rande, weil häufig die Darstellung der „drei Generäle“ als Steinzeitkommunisten so kritisiert wird, die im Film auftreten und arrogant und hartherzig wirken und bewusst ein Mandala zerstören, das die Tibeter zur Begrüßung haben für sie anfertigen lassen.

Man wehrt sich intuitiv gegen eine so einseitige Darstellung von Kräften der Linken, aber man muss sich der Mühe unterziehen sich vorzustellen, wie jede zur Unterdrückung eingesetzte, wie auch immer ausgerichtete Ideologie einem symmetrischen Weltverständnis zuwiderläuft und den Unfrieden zwischen den Völkern fördert. Dass dabei kurz die Internationale intoniert wird, ist eine jener typischen Ironien, die wir zu gut kennen – Unterdrückung wird als Akt der Befreiung und Völkerfreundschaft verkauft und die Lieder mit den hochherzigen Texten sind zu falschen Zeitpunkten und zu falschen Anlässen zu hören (2).

Brad Pitt wurde natürlich zu seiner Haltung zum China-Tibet-Konflikt befragt, der bis heute anhält und hat es vermieden, sich zu positionieren, indem er mehr oder weniger kundgab, nur ein Schauspieler zu sein, also ein professionelles Verhältnis zum Stoff zu haben. In gewisser Weise spiegelt seine Art der Darstellung das auch wieder.

Fakten zum Film

  • Bergsteigen war in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg der bekannteste Extremsport, eine Grenzerfahrung, die im deutschsprachigen Raum ein eigenes Filmgenre geschaffen hat, Bergfilm genannt. Arnold Fanck, Luis Trenker und auch Leni Riefenstahl haben dafür gesorgt, dass die Hyperdramatik zu Bildern verdichtet wurde, die wiederum gut in die NS-Ideologie von der absoluten Herausforderung und Selbstüberwindungsfähigkeit des Herrenmenschen passen.
  • Am Nanga Parbat, zu dem die Expedition mit Harrer und unter der Leitung von Aufschnaiter sich begibt, sind bereits ca. 30 Menschen, vorwiegend deutscher Zunge, ums Leben gekommen – erst 1953 konnte der besonders schwierige Berg dann bei günstigen Bedingungen genommen werden, im selben Jahr, in dem Edmund Hillary und sein Sherpa Tensing Norgay den Mount Everest bezwangen. Das NS-Regime rief den Nanga Pabat zum Schicksalsberg aus und richtete eine eigene Gesellschaft zu dessen Erkundung und Bezwingung ein, unter deren Ägide auch die Expedition stand, über im Film berichtet wird.
  • Der Film wurde hauptsächlich in Argentinien gedreht, da eine Dreherlaubnis in Tibet seitens der chinesischen Behörden nicht zu erhalten gewesen wäre. Regisseur Annaud schickte aber ein Team nach Tibet, das dort heimlich unter dem Vorwand einer Dokumentation filmte – etwa 20 Minuten des Materials gelangten in den fertigen Film. Vermutlich hat es sich dabei um Klosteranlagen, Aufnahmen von Lhasa u. Ä. gehandelt, die man so realistisch, wie sie wirken, kaum hätte nachbauen können.
  • Jetsun Pema, die im Film die Mutter des Dalai Lama spielt, ist dessen leibliche Schwester und spielt demgemäß ihre eigene Mutter.
  • Die Produktionskosten des Films lagen bei damals beachtlichen 70 Millionen US-Dollar (heutiger Wert ca. 102 Mio. US-$), die Gage von Brad Pitt lag bei 8 Millionen Dollar (ca. 11,2 Millionen in 2013). Von einigen Kritiken wird moniert, dass ein Schauspieler wie Daniel Day-Lewis dem Heinrich Harrer ein ernsthafteres Gepräge hätten verleihen können. Obwohl Day-Lewis 1997 bereits einen Hauptrollen-Oscar gewonnen hatte (heute sind es 3 und spätestens seit dem jüngsten für „Lincoln“ ist Lewis ein Superstar) war er 1997 nicht ein Zugpferd wie Brad Pitt, und ohne einen großen Star wäre „Sieben Tage in Tibet“ nicht gedreht worden. Daher ist das Nachdenken über geeignetere Besetzungen für die Hauptrolle sozusagen doppelt theoretisch. Zu Pitts Oscar-Historie siehe oben.
  • Der deutsch-österreichische Akzent, den Brad Pitt im Film (im Original, in der Synchronisation spricht er Hochdeutsch) hat, wurde vom „Empire Magazine“ als der drittschlimmste in der Kinogeschichte ausgezeichnet.
  • Zur großen Zahl von wichtigen Unterschieden zwischen Buch und Film ist die o. g. Beschreibung zum Film in der Wikipedia sehr instruktiv.

Finale

Man sollte sich den Film anschauen, wenn man schönes Abenteuerkino liebt, ein Fan von Brad Pitt ist oder des Dalai Lama und des Buddhismus. Man sollte sich aber keine Erleuchtung erwarten. Man sollte von dem Werk absehen, wenn man dem kommunistischen China in irgendeiner Weise nahe steht, zum Beispiel wenn man Fan von Mao-tse Tung und seiner berühmten Bibel anstatt der buddhistischen Weisheiten ist oder die schlichten Uniformen der Volksbefreiungsarmee mit demütiger Denkweise gleichsetzt.

Bergfans kommen bedingt auf ihre Kosten, es gibt schöne, schneebedeckte Gipfel zu bestaunen; das Mountain Climbing ist in einigen recht dramatischen Szenen inszeniert, aber dominiert nicht den Film so, wie es die guten alten Eispickelfilme getan haben, bei denen wirklich der Berg gerufen hat, und nicht die nächste Mahlzeit.

Hingegen sind Freunde von Hungermärschen und Strapazen, die am Ende aber doch gut und ohne auffällige Veränderungen in Geist und Physis überwunden werden, gut bedient. Wer etwas von Pilgerfahrten sehen möchte, ist also eher fehl im Sessel, denn da geht es ja um geistige Erneuerung und sogar um Absolution durch den langen Marsch in eine heilige Stadt oder zu einem Heiligtum (Lhasa, das wir im Film erwähnt, ist für die Tibeter das Gleiche wie Mekka für die Moslems). Derlei wird hier nicht vorgeführt.

Wir bewerten dem Film trotz der problematischen Besetzung der Hauptrolle und der Akzentuierung mit 7,5/10. Allerdings wollten wir ursprünglich mehr geben, weil wir unserem Eindruck misstraut haben und vermuteten, wir seien Brad Pitt gegenüber vielleicht nicht gerecht – andere Kritiken haben uns aber bestätigt, dass unser Fremdeln mit seinem Harrer keine Einzelwahrnehmung ist. Uns hat die Verbindung von Peter Aufschnaiter zu der tibetanischen Schneiderin am meisten berührt.

Ergänzende Anmerkungen im Wege der Veröffentlichungs-Überarbeitung (2014).

(1) Für „12 Years a Slave“ hat er den Oscar nun gewonnen – allerdings als Mitproduzent, im Film spielt er nur eine kleine Nebenrolle.
(2) Mittlerweile gab es tatsächlich  zwei Besucher aus der VR-China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt (aktuell 1,341 Milliarden Einwohner).
(3) Im Nachspann wird nur die lebenslange Freundschaft des Dalai Lama zum 2006 verstorbenen Heinrich Harrer erwähnt. Verständlicherweise hingegen nicht, dass dessen Exilregierung von der CIA finanziell und ausbildungstechnisch nach dem Tibet-Aufstand von 1959 unterstützt wurde – durch die 60er Jahre hindurch, bis Präsident Richard Nixon auf Entspannungskurs zu China ging und dieses Verfahren beenden ließ.

75/100

© 2023, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia 

Regie Jean-Jacques Annaud
Drehbuch Becky Johnston
Produktion Jean-Jacques Annaud
Musik John Williams
Kamera Robert Fraisse
Schnitt Noëlle Boisson
Besetzung

 


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