Briefing 318 | Wirtschaft, Gesellschaft | Tourismus, Klimawandel, Konsum, soziale Aspekte
Liebe Leser:innen, wo waren Sie dieses Jahr in Urlaub? Und wo während Corona? Die Zahl derer, die während der Hochphase der Pandemie zuhause blieben oder bleiben mussten, war naturgemäß hoch. Doch auch nach dieser Zeit herrscht noch keine Normalität:
Infografik: Globaler Tourismus erholt sich nur langsam von Pandemie | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Die Tourismusbranche hat sich bis dato noch nicht wieder von der Corona-Pandemie erholt. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten der World Tourism Organization (UNWTO). Zwar war die Zahl der Internationalen Touristenankünfte im Jahr 2022 in etwa doppelt so groß wie 2020 und 2021 – gleichwohl fehlen zum Niveau des Jahres 2019 noch über 500 Millionen Touristenankünfte. Der Anteil der Tourismusbranche am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug 2019 vier Prozent. 2022 sind es lediglich 2,5 Prozent.
Rund 80 Millionen Touristen sind im vergangenen Jahr nach Frankreich gereist. Damit liegt das Land an der Spitze der Rangliste der Länder mit den meisten Touristenankünften. Deutschland hat es auch unter die Top-10 geschafft und liegt mit rund 29 Millionen Touristenankünften auf Platz 8.
Hier finden Sie weitere Informationen und Daten zum Thema Urlaub und Tourismus:
- Exklusive Daten zum weltweiten Tourismus-Markt
- Animation zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen
- Statistiken zum Reiseverhalten der Deutschen
- Statistiken zu Urlaub allgemein
- Statistiken zu Kurzurlaubsreisen und Tagestourismus
- Statistiken zu Caravaning & Reisemobil-Tourismus
Ein bisschen Werbung für Content von Statista, der teilweise Premiumzugang erfordert? Wir hätten den obigen Text natürlich kürzen können, aber wir finden das okay. Die Nummer eins unter den Modulen, die kostenfrei im Netz verfügbar sind, ist für uns die Wikipedia, sie ist die Datenquelle, die wir am häufigsten nutzen. Aber danach folgt schon Statista, wir profitieren also von dem vielen Open-Source-Content, der dort in Grafiken zur Verfügung gestellt wird. Darum auch die Gewährung von Raum für nicht kostenfreie Inhalte. Wir schreiben diesen Absatz, weil bisher nie eine solche lange Liste von Weiterverweisen in den Statista-Begleittexten enthalten war.
Nun aber zum Tourismus. Wir sind der obigen Grafik gegenüber zwiespältig. Aus Umwelt- und Klimagründen ist es ja eher zu begrüßen, dass der Tourismus abgenommen hat. Die Menschen, die vom Tourismus leben, werden das anders sehen. Und die Zahlen offenbaren ein Problem, das wir aus vielen Zusammenhängen kennen: Der Anteil des Tourismus am BIP ging während Corona nicht in gleichem Maße zurück wie die Ankunftszahlen und er steigt nicht in gleichem Maße wie die Ankunftszahlen sich nach dem Ende der Kernphase der Pandemie wieder erholt haben. Das bedeutet nichts anderes, als dass vor allem der teure Tourismus auch während der Pandemie weitergelaufen ist, während einfache Menschen, die günstigere Reisen buchen, die Pandemie voll ausbaden mussten.
Das heißt, soziale Aspekte spielen bei dieser Betrachtung eine verdeckte, aber wichtige Rolle und das macht die Bewertung der Zahlen diffizil. Die Tendenz ist dieselbe wie auf vielen Gebieten: Diejenigen, die es sich leisten können, sind natürlich viel krisenfester, profitieren, wenn sie Unternehmen betreiben oder beim Staat arbeiten, wo es erhebliche Krisenzulagen gab, möglicherweise sogar von der Situation, während diejenigen, die unsere Gesellschaft weitgehend am Laufen erhalten und im obigen Zusammenhang gerne als Billigtouristen abqualifiziert werden, die weit überwiegende Last zu tragen haben. Von diesem Standpunkt aus ist es nicht schwer, nachzuvollziehen, warum so viel Unruhe in den Gesellschaften herrscht, in denen große Teile dieser Gesellschaften vom Abstieg bedroht sind oder ihn schon konkret erleben.
Sicher kann man Situationen wie die Corona-Pandemie auch nutzen, um sein Konsumverhalten zu überdenken, aber die Freiheit, dies zu tun, hat man nur, wenn man tatsächlich selbst entscheiden kann, ob man sich an ein paar Punkten einschränkt, die am Ende des Tages nicht so wichtig sind, wie man am Morgen dachte. Wer aber diese Wahl nicht hat, sondern aus ökonomischen Gründen zum Verzicht gezwungen wird und wenn die Politik diese ökonomischen Gründe verursacht, der wird auf diese Entwicklungen eine andere Sicht haben. Soziologisch ist dieses Thema freilich komplexer, als wir es hier darstellen können, aber es geht darum, zum Nachdenken anzuregen und ein wenig Verständnis auch für diejenigen zu haben, die sich nicht mehr als Träger freier Entscheidungen sehen.
Welche Haltung haben wir zu dieser Statistik? Wir sind hin- und hergerissen und werden weiter abwägen, was Statistiken hinter den nackten Zahlen alles zeigen, um uns ein Urteil darüber zu bilden, ob zum Beispiel der Rückgang des CO2-Ausstoßes durch weniger Tourismus so bedeutsam ist, dass die sozialen Aspekte zurückstehen müssen. Exemplarisch ist diese Betrachtung auch: Es gibt kaum Alltagsthemen, die von diesem Abwägungszwang nicht betroffen sind.
TH
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

