Sollte es für Fahrradfahrende eine Helmpflicht geben? (Umfrage + Kommentar) | Briefing 398 | Gesellschaft, Verkehrswende

Briefing 398 Verkehrswende, Radfahrende, Gesellschaft, Fahrradhelm, Helmpflicht

Heute haben wir eine besonders wichtige Umfrage zu besprechen. Sie betrifft uns alle, zumindest in Berlin. Denn wir sind doch hier alle Radfahrende. Oder etwa nicht? Da wird’s aber Zeit! Die Diskussion ist nicht ganz neu: Sollte es zur Pflicht gemacht werden, dass Radfahrer:innen einen Helm tragen müssen?

Civey-Umfrage: Sollte Ihrer Meinung nach in Deutschland eine gesetzliche Helmpflicht für Fahrradfahrende eingeführt werden? – Civey

Der Begleittext aus dem Newsletter:

Im Jahr 2022 sind laut Bundesregierung 98.000 Radfahrende mit Personenschaden verunfallt und 474 davon im Straßenverkehr gestorben. Der Bundesanstalt für das Straßenwesen nach trugen im selben Jahr rund 40 Prozent aller Radfahrenden einen Schutzhelm, 2021 waren es noch knapp 35 Prozent.  

Obwohl sich mehrere Verbände wie der ADAC oder der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club sowie Unfallforscher für das Tragen von Helmen aussprechen, gibt es in Deutschland keine Helmpflicht. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Thomas Bareiß sprach sich im September gegenüber der Welt für eine Helmpflicht aus. „Das Tragen eines Helms bietet bestmöglichen Schutz und sollte heute eigentlich schon bei allen Radfahrern obligatorisch sein.“ 

Die Bundesregierung sieht es nicht als notwendig an, eine Helmtragepflicht für Radfahrende einzuführen. Sie setze weiterhin auf das Prinzip der Freiwilligkeit und darauf, die Eigenverantwortlichkeit der Verkehrsteilnehmer zu stärken, berichtete heise vor wenigen Tagen. Zudem wird befürchtet, dass eine Pflicht zu einer sinkenden Nutzung von Fahrrädern führen könnte.

Da der Heise-Artikel nicht verlinkt, aber sehr aufschlussreich ist, hier ein paar Abschnitte daraus:

Laut Bundesanstalt für das Straßenwesen trugen 2022 rund 40 Prozent aller Radfahrer einen Schutzhelm, 2021 waren es noch knapp 35 Prozent. Die Helmtragequote von Fahrern konventioneller Fahrräder betrug 34 Prozent, diejenige von Pedelec-Fahrern 60 Prozent. Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren haben zu 81 Prozent einen Helm auf, 11- bis 16-Jährige zu 47,5 Prozent. Von den 17- bis 21-Jährigen trugen im vergangenen Jahr 31 Prozent einen Helm.

Zu der in diesem Jahr abgeschafften Pflicht, am Fahrrad einen Dynamo anzubringen, liegen der Bundesregierung nach ihren Angaben keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor. Sie plant, mit der geplanten Neufassung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung Vorgaben für optionale Fahrtrichtungsanzeiger an allen Fahrrädern einzuführen. Dies schließt auch eine Warnblinklichtfunktion ein, die nach einem Sturz aktiviert wird.

Der Nationale Radverkehrsplan enthält Handlungsempfehlungen und Strategien, um bis 2030 den Radverkehr auf dem Land und in der Stadt zu fördern und die Bundesrepublik bis zum Ende des Jahrzehnts zum „Fahrradland“ auszubauen. Nach aktuellen Zahlen ist die Länge der Radwege entlang von Bundesstraßen von 2006 bis Anfang 2022 von 14.100 auf 14.879 km gewachsen, an Landesstraßen von 18.307 auf 24.846 und an Kreisstraßen von 13.976 auf 17.120.

Helmpflicht für Radfahrer wird nicht kommen | heise online

Was uns noch interessiert hätte: Wie der Ausbau von Radwegen in den Städten in dem obigen, doch recht langen Zeitraum vorangegangen ist. Der Ausbau außerorts wirkt doch eher dürftig. 

Schon seltsam, dass für Autofahrer alle möglichen Pflichten eingeführt wurden, aber man bei den Radfahrenden da nicht so genau ist. Andererseits gibt es auch im obigen Artikel keine Zahlen dazu, wie viele Radfahrende einen Unfall hatten, bei dem der Kopfschutz durch Helm eine schwerere Verletzung oder gar einen Todesfall verhindert hat. In Berlin, so unser Verdacht, fahren vor allem PKW und Lastwagen Radfahrende um, wenn sie einfach abbiegen, ohne auf Zweiräder zu achten – ob da der Helm des / der Radfahrenden noch viel nützt? Anders sieht es u. E. bei den Alleinunfällen aus. Bei einem Überschlag nach vorne aufgrund heftigster, fremdverschuldeter Zwangsbremsung sind wir tatsächlich kopfüber auf dem Asphalt gelandet und wer weiß, wie das ohne Helm ausgegangen wäre. So war es nur ein Handbruch. Was wir schon hätten an Schadensersatz verlangen können, wenn wir der Verursacher habhaft geworden wären … nun ja.

Wir haben mit Unentschieden gestimmt. Wir registrieren durchaus, dass immer mehr Menschen mit Helm auf Fahrrädern unterwegs sind. Auch die Kombination Helm, Weste in Warnfarben und mit Reflektorstreifen und irgendein blinkendes Licht im Helm kommt immer häufiger vor. Interessant, worüber jetzt schon nachgedacht, wie man Fahrräder ordnungsgemäß noch sicherer machen könnte. Über diese Sache mit den Warnwesten sind wir uns noch nicht klar. Bisher tragen wir keine. Wohl aber einen Helm. Falls wir vergessen haben, es zu erwähnen.

Würde die Helmpflicht Menschen vom Radfahren abhalten? Der Frisur wegen? Einen anderen Grund können wir uns nicht vorstellen, denn Druck am Kopf entsteht durch diese leichten Helme kaum.

Leider ist die Zahl der getöteten Radfahrer:innen noch immer viel zu hoch und hat 2022 zuletzt sogar zugenommen, den höchsten Stand seit Jahren erreicht. Der vorherige deutliche Rückgang hing vielleicht mit Corona und der damals geringeren Verkehrsdichte zusammen. Trotzdem sind wir im Moment nicht schlüssig darüber, ob wir eine Helmpflicht ähnlich der Anschnallpflicht im Auto befürworten sollten.

Wir sind nicht der Ansicht, dass alles so machen müssen, wie wir es machen. Regeln verlangen wir vor allem, wenn Menschen andere gefährden – Silvester ist schon in Sicht! – aber nicht, wenn es nur um Eigengefährdung geht, deswegen haben wir, obwohl wir selbst keinen Drogen nehmen, eine eher tolerante Meinung dazu. Ausnahme wiederum: Wenn z. B. durch Fahren unter Alkoholeinfluss eine Straßenverkehrsgefährdung entsteht. Wir hoffen derweil das Beste und dass durch den weiteren Ausbau des Radwegenetzes die Zahl der getöteten Radfahrer:innen endlich dauerhaft rückläufig sein wird. Wirklich zuversichtlich sind wir nicht: weiter steigendes Verkehrsaufkommen und aggressiveres Verhalten, und zwar seitens aller Verkehrsteilnehmer, könnten den Effekt besserer individueller und allgemeiner Schutzvorkehrungen zunichtemachen.

TH

 


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