Bienzle und der steinerne Gast – Tatort 571 #Crimetime 1212 #Tatort #Stuttgart #Bienzle #SWR #Gast #Stein

Crimetime 1212 – Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Gächter, der Opernverächter

Bienzle und der steinerne Gast ist die 571. Episode der Krimireihe Tatort. Die Erstausstrahlung des vom Südwestrundfunk unter der Regie von Hartmut Griesmayr produzierten Beitrags fand am 25. Juli 2004 im Ersten Deutschen Fernsehen statt. Es handelt sich um den 19. Fall mit dem Stuttgarter Kommissar Ernst Bienzle.

Nun ja, am irgendwann versucht der Assistent von Ernst, sich doch wenigstens auf theoretischer Ebene zu interessieren. Meine Opernprobe: Erst ca. 10 Tage nach Anschauen des Films schreiben. Und wenig amüsiert feststellen, dass mir so gut wie nichts davon in Erinnerung geblieben ist. Ja, das Alter. Zum Wohl, Hannelore. Aber ist es nur das nachlassende Gedächtnis? Darüber gibt es mehr zu lesen in der –> Rezension.

Handlung[1]

Die Kommissare Bienzle und Gächter werden zur Stuttgarter Oper gerufen. Bei der Feier nach der Premiere eines neuen Stücks wurde der HNO-Arzt und enge Berater des Ensembles, Dr. Arnulf Sontheim, erstochen aufgefunden. Bienzle wird sogleich von Intendant Bartholdy empfangen, der sich nicht vorstellen kann, wer den beliebten Arzt umgebracht haben könnte. Bei der Vernehmung der Anwesenden ist zunächst der Beleuchter Conrad Lechner auffällig, der wegen eines Gewaltdelikts vorbestraft ist.

Bei der Suche nach einem Motiv tritt Bienzle auf der Stelle. Von Cassian Pfeiffer, einem der Sänger der Oper, erhofft er sich Hinweise, da dieser sehr eng mit dem Opfer befreundet war. So nach und nach hat Bienzle allerdings den Eindruck, dass die angebliche Beliebtheit des Arztes mehr aus Abhängigkeitsverhältnissen bestand, die er besonders bei seinen weiblichen Patienten ausnutzte. Er behandelte nahezu alle Sänger der Oper und umsorgte sie auffallend eng. Einzig Robert van Dahlen, der nach einer Stimmbandlähmung nicht erfolgreich behandelt werden konnte und nun nicht mehr singen kann, hat keine gute Meinung von Sontheim.

Seine Erkrankung rührt von einer Botoxvergiftung her, die er sich angeblich nach dem Genuss von verdorbenem Kaviar zugezogen hatte. Nach Bienzles Recherche hat ihm jedoch jemand das Gift gezielt in den Kaviar gemischt. So findet er heraus, dass Robert van Dahlen sich tatsächlich deshalb bei Sontheim hatte rächen wollen und ihn deshalb erstochen hatte. Er ahnte nicht, dass er nicht von dem Arzt, sondern von Cassian Pfeiffer vergiftet wurde. Pfeiffers Tochter Sarah hatte aus Liebeskummer zu van Dahlen einen Selbstmordversuch unternommen und liegt seitdem im Koma. Ihre Eltern haben das bis heute nicht verwunden. Nachdem Sarah aus dem Koma nicht mehr erwachte und starb, lässt ihre Mutter, Gewandmeisterin der Oper, einen Bühnenscheinwerfer auf van Dahlen fallen und verletzt ihn leicht. Während Bienzle diesen Mordanschlag untersucht, tritt Cassian Pfeiffer in Trauer und Wut offen vor van Dahlen und sticht ihn nieder. Bienzle kann nicht mehr rechtzeitig eingreifen und nimmt Pfeiffer fest.

Rezension

Ach ja, das war der Film mit dem weniger schönen Frauenheld, dessen Schlag bei Frauen man erst einmal verstehen muss und dem sozusagen natürlichen Frauenheld, der seine Stimme verliert. Manchmal glaube ich, mein Verhältnis zum Format Tatort ist etwas angekratzt. Sicher, die Bewertungen, die auf der Plattform Tatort-Fundus abgegeben wurden, entsprechen, wenn man deren Durchschnitt betrachtet, in etwa dem, was ich gesehen habe.[2] Damit gilt „Bienzle und der steinerne Gast“ nach diesem Maßstab aktuell als der viertschlechteste von 25 Bienzle-Tatorten. Dass er selten wiederholt wird, weist ebenfalls darauf hin, dass der SWR den Film nicht für eine besonders helle Kerze auf der Schwabentorte hält. Aber wenn ich erst nach einigem Nachdenken wieder darauf komme, dass ein Elternpaar traumatisiert ist, weil die Tochter die ganze Zeit im Koma liegt und am Ende verstirbt, dann ist etwas faul mit dem Film oder mit mir. Möglicherweise kommt es daher, dass ich im Moment die besten Filme der Weimarer Zeit anschaue. Das wirkt sich nämlich auch auf die Bewertung amerikanischer Filme der kinematografischen Neuzeit aus. Gegenüber dem, was vor 100 Jahren abging, als die Kreativität im Film geradezu explodierte und was man hätte weiterenwickeln können, wenn die Entwicklung nicht gestört worden wäre durch die deutsche Geschichte, kommt bei mir immer häufiger der Eindruck auf, dass das, was wir heute sehen, der Nachhall verpasster Chancen ist, besonders, wenn es um so konventionelle Tatorte wie die mit Bienzle und Gächter geht und mit Hannelore.

Ganz konkret aber ist zu bemerken, dass Gächter bzw. sein Darsteller dieses Mal besonders auffällig underperformen, dass diese Geburtstagsgeschenksache, für die gefühlt 20 Minuten Spielzeit draufgehen, überflüssiger als überflüssig ist und dass der Fall mit der x-ten Darstellung des wilden Lebens auf und hinter der Bühne so gestaltet wurde, dass am Ende keine Aufregung mehr zu verzeichnen ist, wenn der recht vorhersehbare Täter feststeht. Behäbig, klischeehaft, trotz des Settings der Performer nicht sehr kreativ (der Scheinwerfer!) und zu schablonenhaft. Das vor allem. Nicht alle Bienzle-Filme sind so, und wenn der Plot gut ist, kommt auch die Stärke des schwäbischen Ermittlers gut hervor, das Ganze zu strukturieren und sich stoisch durch den dicken Quark zu arbeiten. Aber in einem Film wie diesem wirkt er ein wenig trottelig und alle anderen ebenso. Doch, meine Erinnerung kommt zurück. Das Schicksal eines dem Tod geweihten Mädchens berührt immer, aber dieses Szenario ist auch genau darauf ausgerichtet, weil man sich sonst wenig mit den Figuren identifizieren kann. Gerade dies gelesen:

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv meint sehr ernüchternd: „Hubys Krimis waren schon mal inspirierter und ambitionierter. Auch seine Dialoge stammten nicht immer aus dem Handbuch der Klischees. Als Intrigantenstadel mit einem Füllhorn falscher Fährten und mit absoluter Mitrate-Garantie funktionieren seine kriminalistischen Erfindungen aber fast (noch) immer. Wer also nur dem Täter und Schauspielern wie Jürgen Tarrach, Max Gertsch oder Maren Kroymann auf der Spur sein will – der liegt bei ‚Bienzle und der steinerne Gast‘ richtig. Aber die jüngeren Zuschauer?!“[3]

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm sehen das ähnlich, finden der Tatort bietet „leider nur getragenes Tempo und flache Witze“ und resümieren: „Mer müsset leider sage: verschnarcht.“[4]

Ja, die jüngeren Zuschauer:innen. Man merkt natürlich auch, dass seit dem Entstehen des Films 18 Jahre vergangen sind und wir sind mittlerweile an die Bienzle-Nachfolger Lannert und Bootz und deren teils hervorragende Fälle gewöhnt. Das ist ein anderes Niveau, das muss man klar sagen. Der SWR hat durch seine offensichtliche Präferenz, gute Drehbücher an Lannert und Bootz zu geben, zwar Probleme damit, seine anderen Schienen, Ludwigshafen und den Schwarzwald, am Laufen zu halten, aber bei Lannert und Bootz fängt es bei mir nie an zu kribbeln. Zu kribbeln, weil ich vor Langeweile nervös werde, ist damit gemeint. Die beiden wirken ebenfalls nicht sehr spektakulär, aber die Mischung ist immer noch zeitgemäß und vor allem werden immer wieder innovative Erzählformen ausprobiert. Anstrengender, als Schablonenkrimis zu konstruieren, gewiss. Aber auch besser für das Weiterbestehen des Tatorts.

Finale

Felix Hubys Krimis und seine Figur Ernst Bienzle waren für ihre Zeit schon konservativ, heute undenkbar, um Tatorte zu tragen. „Bienzle und der steinerne Gast“ prägt aber, wenn schon nicht eine Versteinerung, so doch eine Hölzernheit, die auch für diese Schiene ungewöhnlich deutlich hervortritt. Vielleicht hatten auch die Beteiligten eine Ahnung davon, dass sie in einem nicht besonders inspirierten Stück Oper auftreten und wirken deshalb nicht so richtig aufregend. Ich hingegen habe nach mehr als 1.100 Rezensionen für die Formate Tatort und Polizeiruf 110 einen Sättingsgrad erreicht, der es leider erfordert, dass Filme entweder historisch interessant sein müssen, um mich zu erreichen. Dazu ist dieser Tatort aus dem Jahr 2004 aber noch zu jung. Oder sie müssen wirklich gut sein, packend und modern gefilmt, am liebsten nicht als Whodunit, sondern als Thriller angelegt. Auch dieses Schema funktioniert mehr oder weniger immer gleich, aber man ist viel mehr mittendrin und kann auch mal die Perspektive des Täters oder der Täterin kennenlernen. Das ist dann besonders wichtig, wenn zwei Typen wie Bienzle und Gächter sich zusammen durch die Kulissen des Opernhauses wurschteln. Die Verfolgungsjagd mit Gächter und einem Verdächtigen oben in der Technik wirkt in dem Film beinahe deplatziert.

5,5/10

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2022)

Regie Hartmut Griesmayr
Drehbuch Felix Huby
Produktion Brigitte Dithard
Musik Joe Mubare
Kamera Hans-Jörg Allgeier
Schnitt Katja Habermehl
Premiere 25. Juli 2004 auf Erstes Deutsches Fernsehen
Besetzung

[1] Sowie kursiv und tabellarisch: Tatort: Bienzle und der steinerne Gast – Wikipedia

[2] https://www.tatort-fundus.de/web/rangliste/folgen-wertungen/rangliste-auswertung/einzelwertungen-einer-folge-tatort.html?Nr=9&folge=571.0


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