Crimetime 1225 – Titelfoto © NDR
Pauls Dutzend ist voll
Lauf eines Todes ist ein Fernsehfilm aus der Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde vom Norddeutschen Rundfunk produziert und am 21. Januar 1990 erstmals ausgestrahlt. Es handelt sich um die Tatort-Folge 227. Für den Kriminalhauptkommissar Paul Stoever (Manfred Krug) ist es der 12. Fall. Für seinen Kollegen Peter Brockmöller (Charles Brauer) ist es der 9. Fall.
Unsere Besprechungen der Stoever-Brockmöller-Fälle bildet innerhalb der Tatort-Anthologie (im neuen Wahlberliner in „Crimetime“ integriert) eine Untergruppe. Kein anderes ausgeschiedenes Team haben wir besser dokumentiert und dabei hilft uns sehr der NDR mit seiner erstklassigen Traditionspflege. Trotzdem sind noch viele Lücken vorhanden, daher freuen wir uns über jede neue Ausstrahlung eines HH-Tatorts aus der langen Zeit von 1984 bis 2001 so sehr, dass wir uns ein wenig zurücknehmen müssen, um die Filme objektiv bewerten zu können. Gleichzeitig verschieben sich immer wieder die Maßstäbe ein wenig (1).
Was waren die beiden Hamburger Kommissare grandiose Typen! Humorvoll und derb der eine, sozial und sensibel der andere – zusammen ein herrliches Team. Ist „Lauf eines Todes“ auch ein herrlicher Krimi? Mehr dazu lesen Sie in der Rezension.
Handlung
Die Hauptkommissare Stoever und Brockmöller werden zu einem Mordfall gerufen. Der Tote – erstochen auf erschreckende Weise – war Zuhälter für Homosexuelle. Das Erstaunliche daran: Er war Privatchauffeur des Staatsrates für Umweltfragen, Herwart Branding. Der über Parteigrenzen hinweg geachtete Politiker erfährt erst jetzt vom Doppelleben seines Angestellten. Branding kommt zwangsläufig in die Schlagzeilen, und es scheint, als bräche dadurch in seiner Privatsphäre etwas auf, was nur verborgen, längst aber bedrohlich vorhanden war.
Brandig verunglückt mit dem Auto seiner Tochter Felicia und verbrennt. Ein Journalist war – dank seiner Spürnase – Zeuge des Unfalls. Ein Anruf, ausgerechnet in der selben Redaktion, deklariert das Unglück als terroristischen Anschlag. Paul Stoever soll aufklären, ob es Mord war. Oder doch ein Unfall? Oder Selbstmord?
Brockmöller stellt den Mörder von Brandings Chauffeur. Er wird dabei schwer verletzt – und gerade deshalb erreicht er das Geständnis. Stoever erfährt, ohne sein Zutun, von Brandings Tochter die Wahrheit. Die beiden Hauptkommissare erleben deutlich die Grenzen ihres Berufs.
Rezension
Wir befinden uns im Jahr 1990, sozusagen am Ende der Frühphase der beiden und im zwölften Fall von Paul Stoever. Die beiden Cops haben sich nun gefunden, Brocki trägt schon Schnauzer, aber gesungen wird noch nicht. Wie schon am Anfang von Stoevers Zeit, als er noch alleine ermittelt hat und viel kühler und härter rüberkam als zum Ende hin, ist der Haupt-Dienstwagen ein Audi 100 der ersten Stromlinien-Generation, ein „200“, der auf dem anderen Modell basiert, ist hinzugekommen.
Und am Ende ein Schwein. Die in einem Standbild erstarrte Schlusszene, als Stoever seinem Kumpel ein Spielzeugschwein ans Krankenbett bringt und dabei lacht wie ein Pferd, ist knuffig und rührend. Man bekommt einen guten Eindruck davon, wie die Hamburger Kommissare zu Lieblingen aufstiegen – sie waren als echte Polizisten gut vorstellbar, sie waren auch Typen mit Herz und Witz und hatten kleine Macken, ein wenig Privatleben kam auch vor. Sie wirkten glaubwürdig. Als Verdächtiger würde man sich wünschen, vom rehäugigen Brocki sanft und eindringlich vernommen zu werden; als Angehöriger des Mordopfers hingegen, dass der charakterfeste, stimmgewaltige Stoever mit aller durchsetzungfähigen Hartnäckigkeit ermittelt.
Dieser Tatort, im Januar 1990 ausgestrahlt, wurde noch vor der Öffnung der Berliner (9.11.1989) gedreht und ist somit ein später und auch klassischer Vorwende-Film. Stilistisch gilt das auf jeden Fall, zuweilen hat man sogar den Eindruck, wieder in den 1970ern zu sein – nämlich dann, wenn in der Familie Branding auf eine so gestelzt und hölzern wirkende Art gesprochen wird, als habe man ein Sozialmilieu-Pointierungs- und Verfremdungswerk von R. W. Fassbinder vor sich, und nicht einen zwanzig Jahre später gedrehten Fernsehkrimi.
Gekontert wird diese zudem steif-hanseatisch wirkende Atmosphäre von den zwar ebenfalls hanseatischen, aber wesentlich neuzeitlicher wirkenden Kommissaren Stoever und Brockmöller, die sich durch eine Reihe von Verdächtigen kämpfen müssen, bis am Ende ein Typ im Krankenhaus-Nachbarzimmer von Brocki liegt, dem man eine so üble Zurichtung seines Zuhälters gar nicht zutraut, wie sie zu Beginn des Films gezeigt wird. Aber die Menschen sind immer wieder mal komplett unberechenbar und wachsen im Guten und im Bösen zuweilen über sich hinaus. Bei einem heutigen Tatort würden wir schreiben: Täterfigur wirkt unauthentisch.
Warum lassen wir den Hamburgern das eher durchgehen? Weil eh alles Tatort-Schnee von gestern ist? Weil wir eh nichts ändern können? Letzteres gilt immerhin für jeden Tatort.
Die Psychologie der Figuren spielt in „Lauf eines Todes“ eine wichtige Rolle, der Fall des Zuhälters wird mehr und mehr zu einem seines Arbeitgebers, der gegen Ende des Films einen spektakulären Selbstmord begeht. Die Szene mit dem zerstörten Mercedes lässt das Herrhausen-Attentat, das sich ereignete, als der Chefbanker einen baugleichen Wagen auf dem Weg zur Arbeitsstelle benutzte, nachklingen (das sich kurz vor dem Dreh von „Lauf eines Todes“ ereignete). Auch die Intrigen, die es hätte geben können, weisen auf die RAF hin – wohingegen die rechtsextreme Szene sich nicht durch Angriffe auf Prominente hervortut.
Eine wichtige Rolle beim Selbstmord des Staatsrats, der den Kern des Films bildet, spielen die Medien, die einen Mann, so wirkt es hier, zu Tode hetzen können. Besonders ein Medium, das immer schon ein Stachel im Fleisch des hochwertigen und moralisch anspruchsvollen Journalismus war: Es handelt sich um die Schmierfinken von der BILD. Dass diese hier so deutlich und überhaupt nicht mit einem anderen Namen versehen in Bezug genommen wird, erstaunt auf den ersten Blick. Sonst sagt Stoever immer BLÖD-Zeitung, wenn er sie meint.
Spontan denkt man, dagegen müsste man doch klagen können – aber wie, wenn man nicht direkt genannt wird? Hätte die BILD sich öffentlich gewehrt, hätte das einen großen Rummel verursacht, der nicht in deren Interesse gewesen wäre, sind doch die beschriebenen Methoden, Informationen zu Märchen zu verdichten und Menschen nachzustellen und dabei nur an die Sensation zu denken, gewiss nicht aus der Luft gegriffen. Auch hier gab es 1990 eine Tradition des seriösen Journalismus und des deutschen Films, der uns einen Feldzug gegen die auch ideologisch positionierte BILD zeigt: Der bereits erwähnte R. W. Fassbinder hat zum Beispiel den wichtigen Film „Die Ehre der Katharina Blum“ gedreht, an den sich „Lauf eines Todes“ ebenso anlehnt wie an die legendäre Undercover-Tätigkeit des Journalisten Günter Wallraff bei besagter Zeitung.
Dieses Mal wirkt das Medium zu gefährlich, als dass man es bei der Stoever-typischen Verballhornung seines Namens bewenden lassen könnte. Nebenbei darf bemerkt werden, dass hier ein ehrlicher Politiker mit Umweltgewissen gegen eine Arbeiterschaft und gegen Exkollegen = Firmenchefs steht, dessen Sprüche immerhin recht modern wirken. Heute würde er wohl den Begriff „Nachhaltigkeit“ verwenden, um den Typen, die Angst um ihre Arbeitsplätze haben zu erklären, wie die Welt in einigen Generationen aussehen wird, wenn so weiter gewirtschaftet wird wie bisher. Inzwischen sind wir eine Generation weiter, Vieles wurde in Deutschland verändert, trotzdem hat sich die Lage global gesehen nicht zuletzt aufgrund Globalisierung weiter verschlechtert.
Der Journalismus-Komplex ist allerdings das Interessanteste an einem Fall, in dem er aber auch zu viel Raum einnimmt und in dem die Ermittlungen zunächst quälend langsam vorankommen und dann durch zufällige Elemente ihren Abschluss finden. Dass der Staatsrat Selbstmord begangen hat, steht in einem Abschiedsbrief und die Auflösung des auslösenden Mordes an dem Zuhälter wird eher suggeriert als dass sie eindeutig feststünde.
Finale
Es sind die Kommissare, die diesen konventionellen und doch uneinheitlich wirkenden Film wieder einmal zu einer vergnüglichen Abendunterhaltung machen. Der Humor und die Sprüche der beiden sind nicht so ausgeprägt wie in anderen Werken, die Manierismen, die sich diese Hamburg-Schiene mit der Zeit zulegte, noch eher dezent. Wenn wir heutige Tatorte für ihre schwachen Handlungen kritisieren, können wir aber nicht deshalb bei Stoever und Brockmöller anders optieren, weil sie Fossilschutz genießen – das Buch ist auch hier so angelegt, dass die Ermittlungsarbeit unter vielen Nebenaspekten leidet. So unlogisch und voller Sachfehler wie manche heutigen Tatorte ist der Film aber nicht. Er ist vor allem fragwürdig akzentuiert und die Familie Branding wirkt trotz viel eingeräumter Spielzeit für deren privat-berufliche Konflikte etwas schablonenhaft.
Der Beitrag ist die Tandem-Rezension zum neuen NDR-Tatort „Verbrannt“ – zwar ist das Team Falke nicht mehr in Hamburg tätig und damit kein direktes Nachfolgerteam von Stoever-Brockmöller mehr, aber ursprünglich war es so angelegt und musste dann den HH-Tatorten mit Nick Tschiller ausweichen und wurde bei der Bund
6,5/10
(2) Die Anmerkung wurde unverändert aus dem archivierten Urtext der Rezension übernommen, die aus dem November 2013 stammt, mittlerweile sind z. B. auch die Dredner / Leipziger Kommissar Ehrlicher und Kain ähnlich umfassend aufbereitet (Stand 2016). Der Text wurde weiterhin übernommen für die Republizierung im neuen Wahlberliner im Jahr 2024.
© 2024, 2016, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
Kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Wolfgang Storch |
|---|---|
| Drehbuch | Lothar Hirschmann |
| Produktion | Matthias Esche bei Studio Hamburg Filmproduktion |
| Musik | Nils Sustrate |
| Kamera | |
| Schnitt | |
| Premiere | 21. Jan. 1990 auf ARD |
| Besetzung | |
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