Crimetime 1226 – Titelfoto © BR
Schwarze Einser ist ein Fernsehfilm aus der Fernseh-Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde vom BR produziert und am 3. Dezember 1978 zum ersten Mal gesendet. Er ist die 94. Folge der Tatort-Reihe, der 11. mit Hauptkommissar Veigl.
Ich kann mich nicht daran erinnern, einmal einen Tatort mit Karlheinz Böhm in einer Episoden-Hauptrolle gesehen zu haben – aber zwischen der Erstellung des Entwurfs, den Sie unten lesen werden und der Veröffentlichung am heutigen Tag sind ja auch fast zehn Jahre vergangen. Nur wenige sind auserwählt. Tatorte, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber Bemerkenswertes gibt es zu jeder der mittlerweile etwa 1.250 Episoden zu berichten.
Handlung (1)
Irmgard Döring, eine reiche Anteilseignerin der Brauerei Döring in Markt Schwaben, ist von ihrem Balkon gestürzt. Ein Obdachloser bemerkt im Morgengrauen ihre Leiche, stiehlt ein Armband und flieht vor einem Kellner auf dem Heimweg, der die Polizei verständigt. Nachdem es auf den ersten Blick wie Selbstmord aussah, vermutet Hauptkommissar Veigl doch Mord, da es keinen Abschiedsbrief oder sonstige Hinweise auf Suizid gibt. Durch ein Foto kann die Kripo den Cellisten Dr. Prelinger als Irmgard Dörings neuen Freund identifizieren, doch der war zur Tatzeit in Berlin.
Nach einer Zeugenaussage eines Nachbarn gerät Dörings Schwager, der arbeitslose Herr Simon, in Verdacht. Er gibt zwar zu, wegen seiner Geldsorgen bei ihr gewesen zu sein. Da er aber seine Unschuld beteuert und Veigl ihn aufgrund seiner Verfassung nicht für schuldig hält, lässt er im Privatleben des Musikers weiterforschen. Dieser war bei einem Heiratsinstitut bekannt und hatte mehrere Frauenbekanntschaften wie zuletzt Eva Ertl, die eine Massagepraxis betreibt und auch recht vermögend ist. Nebenbei stellt sich heraus, dass Frau Dörings Briefmarkensammlung, in der sich unter anderen auch „Schwarze Einser“ befanden, verschwunden ist.
Als Dr. Prelinger in Begleitung seiner alten Bekannten Frau Ahlhauser nach Nizza fliegt, folgt ihm auch Eva dorthin. Veigl lässt Eva von seinen französischen Kollegen beschatten und macht sich auch auf den Weg dorthin. In einem Casino überrascht Eva Dr. Prelinger und sie halten eine Aussprache auf dem Parkplatz. Sie erschießt ihn, als er zugibt, sie nur benutzt zu haben. Veigl und sein Amtskollege Haeberlin nehmen sie fest und verhören sie. Sie gibt an, Frau Döring mit Hilfe von Dr. Prelinger ermordet zu haben, der die Tat vorbereitete. Die Briefmarken hatte er sich bereits vorher gesichert.
Rezension
Wenn man ein wenig mit dem Thema Bauen und Wohnen vertraut ist, fällt bereits der Schauplatz des Geschehens auf. Wer um Himmels Willen wohnt freiwillig in einem solchen Betonklotz und die Maisonette-Wohnung darin wird auf damals horrende 500.000 DM geschätzt? Da muss man sich ja über die Brüstung stürzen, angesichts dieser Fehlinvestition. Aber wir sind in München, besser, in Schwabing, und da mag das wohl angehen. Wir sind uns sicher, nicht umsonst wurde das Haus, in dessen WEG sich die Irmgard Döring eingekauft hat, so düster ins Bild gesetzt. Die Betonwände wirken trotz der etwas arrivierteren Architektur mit schräg versetzten Glasfronten und Balkonen anonym und kalt, wie sie ja auch sind. Der Hausmeister sagt, in dem Haus redet nie jemand miteinander. Etwas seltsam, denn immerhin treffen sich alle normalerweise einmal pro Jahr zur Eigentümerversammlung und reden miteinander und mit der Hausverwaltung.
Doch das Ensemble wirkt schon ziemlich riesig und den Wunsch nach Anonymität kauft man den Bewohnern dieses Klotzes ab. Außerdem wirkt es, als ob dort nie die Sonne hineinschiene, als ob das Hochhaus gegenüber so stehen würde, dass es permanent fast alles Licht wegnimmt. Gemäß Bauvorschriften in den 1970ern gewiss nicht mehr zulässig, aber geschickt arrangiert, um den Eindruck einer kalten und abweisenden Umgebung zu verstärken. Wie nett doch hingegen dieses Normalviertel, in dem Irmgards Schwester mit ihrem kranken Mann wohnt, da kann man noch das Glasteil der Haustür extra öffnen, um hindurch zu reden, und das wirkt doch anders als wie ein Spion oder, heute, wie eine Videoanlage. Das damals neue wird gegen das alte, kleinbürgerliche München gestellt, ohne dass jemand darüber ausdrücklich philosophiert. Aber das alte München wirkt intakter als das neue. Wir wissen nicht, ob man absichtlich die ersten Verschleißspuren an der Fassade des Neubaus so deutlich ins Bild gerückt hat, aber es wirkt beinahe wie ein Symbol des inneren Verfalls seiner Bewohner, wie der Frau Döring und ihres Liebhabers, so modern und klotzig und nicht für die Ewigkeit gebaut. Wir schätzen, dass das Haus tatsächlich erst wenige Jahre alt sein konnte, aber die Probleme mit dem Sichtbeton und die nicht immer perfekt ausgesonnene Praktikabilität von Fassadengestaltungen in jener Zeit, die eine beinahe bösartig wirkende Repräsentativität gegenüber der Funktionalität, etwa funktionierenden Regenablaufsystemen, in den Vordergrund stellt, sind bekannt und machen diese Häuser heute so sanierungsaufwendig.
Die Sinnbildlichkeit all dessen ist jedenfalls sehr augenfällig, selbst dann, wenn manches Detail zufällig sein sollte. Auf der anderen Seite gibt es dann diese Urbayern wie den Melior Veigl, der leitende Ermittler von der Mordkommission, seinen geplagten Assistenten Lenz und einige andere Polizisten, die das Bild abrunden. Auch wenn er banal ist, uns hat der running Gag mit dem Kaffee gefallen, und die ganze Art der Kommunikation. Immer ein wenig übergriffig, aber nie bösartig. Die Stimmung, die im Kommissariat herrscht, ist robust, wie man es eben den Bayern zurechnet, aber sie ist auch das Gegenteil der heutigen, weitgehend normierten Umgangsweise, durch die bei Abweichungen sofort Irritationen entstehen und wo das Mobbing durch Nuancen eine Spitze und Heftigkeit erreichen kann, gegen die das Geflachse und Geschubse von Veigl mit seinen Untergebenen ein Klacks ist. In Wirklichkeit schätzen diese Leute einander, das ist wohl keine Frage, und natürlich begreift man, dass es sich hier um verdichtete Kommunikation handelt. Allerdings signalisiert diese Lockerheit bei Grenzüberschreitungen auch, dass das alles nicht so schlimm ist – und rechtfertigt die größere Achtsamkeit in der heutigen Kommunikation dadurch, dass die Tatortpolizisten etwas abnicken, was in der Realität eben nicht immer so halbgut gemeint ist oder war. Wie bei der häufigen inneren Anwendung von Alkohol in frühen Tatorten spiegeln die Medien zwar die Gesellschaft, wirken aber auch auf sie zurück. Man mag zu vielen Einschränkungen und Verboten, die es heute gibt, stehen , wie man will, weil sie die Originalität von Dialogen und Figuren negativ beeinflussen, aber die falschen Signale, die vom hemmungslosen Saufen oder Untergebene aus reiner Wurschtigkeit niedermachen ausgehen – auch letzteres war damals nicht nur bei Veigl zu beobachten, sondern bei allen „großen“ Ermittlern der frühen Jahre zu beobachten, bei Finke, Konrad oder Lutz – die sind eben falsch.
Andererseits war der Tatort immer schon gesellschaftskritisch, und das sieht man auch in „Schwarze Einser“ wieder recht gut. Er hat nicht diesen dramatischen, pointierten Zeitkolorit wie einige andere Filme der frühen Jahre, er wirkt in mancher Hinsicht überzeitlicher – ohne Wertung – aber dies auch, weil er die bis heute nicht gestillte Gier der Menschen nach mehr Geld anspricht. Eifersucht und Enttäuschung sind ebenfalls keine Motive, die es gerade 1978 gab, und so wird hier ein klassisches Geflecht gesponnen, in dem beides eine Rolle spielt und sich unangenehm miteinander verfilzt. Ein großes Plus von „Schwarze Einser“ ist, dass man hier einmal Karlheinz Böhm sieht, wie er gegen seine positive Aura besetzt wird, und als windiger Cellist mit Doktortitel und Hang zum nass Rasieren nicht nur eine überzeugende Figur macht, sondern auch wunderbar gezeichnet wird.
Auf diesen Mann, Künstler und Gauner in einer Person, Frauenheld und emotional so kalt, wie man es einem Künstler, einem Musiker gar, nicht zutrauen würde, wird von den Machern des Films die meiste Sorgfalt verwendet, während die urigen Polizisten sozusagen von selbst funktionieren (Veigl allerdings muss dieses Mal ohne den Dackel als Requisit auskommen). Sicher kann ein Cellist gut verdienen, aber nur, wenn er einer der wenigen Stars der Szene ist und möglichst noch in einem Top-Orchester spielt. Man wird gewusst haben, warum man keinen Violinisten oder Pianisten nimmt. Freunde des Cellos werden zugeben müssen, dass das Instrument nicht diese emotionale Strahlkraft hat wie das Klavier, und dass es vielleicht eher von Menschen gespielt wird, bei denen folgerichtig noch Raum fürs Böse bleibt und einiges an unerfüllten Wünschen und Sehnsüchten. Das Cello an sich ist zu langweilig, da muss man noch der Spielsucht frönen und Frauen nachstellen, die Geld haben. Falls tatsächlich ein Cellist diesen Text lesen sollte – das ist natürlich nicht ernst gemeint. Aber ganz sicher hat sich der Autor des Films etwas dabei gedacht.
Als Krimi und handlungsseitig ist „Schwarze Einser“ kein Prunkstück der Tatort-Reihe, zumal die „Schwarzen Einser“ nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen, so untergeordnet, dass der Titel ein wenig überdrüber wirkt. Wir schätzen Titel, die nicht so fantasielos klingen, wie das heute häufig der Fall ist („Ohmacht“, „Allmacht“, „Verfolgt“, „Verraten“, „Verführt“, „Verlaust“ etc.), aber die Briefmarken sind doch eher ein McGuffin, es hätte eine Münzsammlung, eine Schmuck-Kollektion oder irgendetwas Wertvolles sein können, was sich nach den mageren Nachkriegsjahren bei kollektionistisch veranlagten Persönlichkeiten zunehmend vermögenswirksam einfindet. Auch der Wert solcher Dinge lässt sich demgemäß kritisch hinterfragen, so, wie man den heutigen Kunstmarkt für hyptertroph und Ausdruck einer voranschreitenden Systemkrise ansehen kann. Außerdem hat eine Briefmarkensammlung, Wert hin oder her und volkssportartige Ausprägung in jenen 1970ern hin oder her, auch etwas Kleinbürgerliches, ist auch nur Papier und würde man in einer Wohnung wie der von Frau Döring nicht unbedingt vermuten.
Außerdem leidet die Handlung darunter, dass schon früh evident ist, dass mit dem Dr. Prehlinger etwas nicht stimmt und dass die Nizza-Episode zwar ein netter Ausflug ist, aber, wie oft bei Tatorten, die sich in die Fremde begeben, auch der Konzentration des Films aufs Wesentliche schadet. Elässer, das deutsch-französische Verhältnis mit augenzwinkernder Kumpelhaftigkeit dem deutschen Biertrinker gegenüber, aber die Côte d’Azur mit wenig Atmosphäre, Casino und Strandpromenade des Anglais zum Trotz. Der Film verliert an Dichte und Veigl im Ausland an Kontrolle. Es ist schon ein starkes Stück, dass das Anrufen fast so gut klappt wie heute, weil immer alle wissen, wo die anderen sich gerade aufhalten und natürlich auch die Telefonnummern parat haben – aber im entscheidenden Moment gibt es dann doch einmal eine Kontaktklemme. Könnte heute nicht mehr passieren? Im Notfall ist eben der Handy-Akku alle oder es gibt keinen Empfang, whatever.
Dass die Filme aus jener Zeit langsamer, penibler, detailreicher sind als die heutigen, hat den Vorteil, dassman die Auflösungen leichter nachvollziehen kann, aber manchmal scharrt man doch ein wenig mit den Füßen auf dem Wohnzimmerboden. Oder nickt dann doch weg, wenn man den Film etwas zu spät am Abend guckt, und muss am nächsten Tag fertigschauen. So ist es uns ergangen mit Episode 94.
Finale
Das Interesse an historischen Tatorten ist bei uns aber doch so groß, dass wir kein Problem damit haben, dass sie in mancher Hinsicht noch nicht heutigen Standards entsprechen. Dafür nehmen wir sie als viel origineller wahr und es ist nicht so, dass die damaligen Ermittler keine Duftmarken setzen konnten, weil sie mehr im Hintergrund standen als heutige, und weil ihr Privatleben nicht so wichtig und nicht so häufig mit dem Fall verknüpft war wie heutzutage. Gerade Melchior Veigl ist der Beweis dafür, dass man auch damals profilierte Polizisten aufstellen konnte.
7/10
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