Update 2: Wirtschaftsboom durch Olympia? (Statista + Kommentar) +++ Olympische Spiele in Deutschland? +++ Olympia ist selten ausverkauft | Briefing 596 Update 2 | Sport, Olympia 2024

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In unserem dritten Olympia-Artikel, dem zweiten Update der Reihe, befassen wir uns ein wenig mit den wirtschaftlichen Auswirkungen Olympischer Spiele, die von der Politik gerne als ein Argument pro Spiele herangezogen werden.

Im ersten Update hatte sich gezeigt, dass die Menschen in Deutschland wenig begeistert von Olympischen Spielen hierzulande sind. Aber es könnte ja sein, dass das wirtschaftliche Argument zieht, daher haben wir heute diesen Aspekt in einer Grafik veranschaulicht. Der Text dazu ist etwas mehr an Winterspielen orientiert. Ein paar Worte zu den aktuellen Spielen in Paris sind auch dabei.

Infografik: Wirtschaft profitiert wenig von Olympischen Spielen | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz CC BY-ND 4.0 Deed | Namensnennung-Keine Bearbeitung 4.0 International | Creative Commons erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Die wirtschaftlichen Impulse Olympischer Spiele auf die Gastgeberländer sind überschaubar. Wie die Infografik von Statista auf Basis einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, gibt es bei Olympischen Winterspielen keine messbaren regionalen oder nationale Impulse auf die Gastgeberländer, bei Olympischen Sommerspielen dagegen treten regionale Effekte auf – das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf steigt im Jahr des Events und im Jahr davor um rund drei bis vier Prozentpunkte. Ursache hierfür seien neben hohen Infrastrukturinvestitionen auch der Zustrom an internationalen Touristen, Delegationen und deren Ausgaben in der Region. Auch für längerfristige positive regionale Effekte nach Sommerspielen gibt es laut Studienautor Dr. Matthias Firgo Hinweise. Diese erweisen sich in seiner statistischen Analyse allerdings nicht als robust genug, um als gesichert gelten zu können. Für ganze Länder fanden frühere Studien keinerlei messbare Effekte. Untersucht wurden hierbei Winter- und Sommerspiele zurück bis in die 1990er-Jahre.

Dass Olympische Winterspiele keine messbaren Wachstumsimpulse aussenden, liegt laut Einschätzungen von Firgo einerseits an der kleineren Dimension von Winterspielen und dem damit verbundenen geringeren unmittelbaren Aktivitätslevel und Werbewert im Vergleich zu Sommerspielen. Außerdem fänden Winterspiele während der touristischen Hauptsaison statt, in der Wintersportregionen meist ohnehin gut bis völlig ausgelastet seien. Matthias Firgo war zum Zeitpunkt der Studie Associate am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung und ist heute Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule München.

Genau 100 Jahre nach den letzten Sommerspielen in Paris von 1924 wird die französische Hauptstadt vom 26. Juli bis zum 11. August 2024 bereits zum dritten Mal zum Austragungsort für das Sportevent. Die insgesamt 35 verschiedenen Austragungsorte liegen jeweils nicht weiter als zehn Kilometer vom Olympischen Dorf entfernt. Insgesamt stehen für die Spiele mehr als zehn Millionen Tickets zum Verkauf. Diese werden aufgrund der hohen Nachfrage teils per Losverfahren vergeben.

Die Sache mit dem Losverfahren hat uns überrascht, schließlich sind noch 1,3 Millionen Tickets nicht verkauft – nach der Statistik im Ausgangsartikel. Die Informationen dazu im obigen Text dürften etwa den Aktualitätsstand wie jenen der benannten Grafik spiegeln.

Überrascht es Sie, dass Olympische Spiele keinen wirtschaftlichen Boom auslösen, allenfalls in der Region, in der sie stattfinden, das wäre also aktuell Paris, nicht ganz Frankreich. Natürlich zieht ein regionales Wachstum auch das Wachstum der kompletten austragenden Nation ein wenig nach oben. Aber wie sieht es in den Folgejahren aus, wenn der Tourismuseffekt entfällt?

Nachhaltige, langfristige Arbeitsplätze entstehen durch Olympische Spiele nicht, keinerlei Industrieansiedlungen oder größere Dienstleistungsbetriebe, die auf Dauer ausgelegt sind. Die Bauwirtschaft kann ein paar neue Wohnungen schaffen, das war schon in München 1972 so, wo das olympische Dorf anschließend einer marktüblichen Nutzung zugeführt wurde, das soll auch in Paris so sein. Freilich ersetzen die vorhandenen Dimensionen keine strategische Wohnungspolitik. Wir halten es eher für möglich, dass stattdessen Investitionen andernorts ausbleiben, weil sich alles auf die Spiele und ihre Umgebung konzentriert. Insofern findet also ein Nullsummenspiel statt. Ein BIP-Wachstum, das auf vermehrten Tourismus durch Olympia zurückzuführen ist, sollte sich normalerweise im Jahr darauf als Minus auswirken, da der Effekt verflogen ist. So herausragend, dass sie zu einem touristischen Dauermagnet werden, zusätzliche Attraktion schaffen, sind olympische Sportstätten in der Regel nicht.

Hingegen sind die Investitionen gewaltig. Noch gut in Erinnerung ist, wie die Spiele 2016 in Brasilien kostenseitig vollkommen aus dem Ruder liefen, weil unzählige Sportstätten neu errichtet werden mussten und dabei ein erhebliches Planungs- und Ausführungschaos zu beobachten war. Es wurde seinerzeit gemunkelt, dass sie ersatzweise in die USA verlegt werden, falls Brasilien dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. So schlimm ist es in Frankreich natürlich nicht, Europa hat generell eine dichte Sport-Infrastruktur.

Wir hatten uns in der Umfrage (Update 1) tendenziell gegen Olympische Spiele in Deutschland ausgesprochen, weil wir keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Effekt sehen und weil so viele Parameter im Allgemeinen nicht stimmen. Wir sehen es eher so, dass Olympische Spiele Prestigeprojekte sind, die m an sich leisten können muss und für die die richtige Stimmung vorhanden sein muss. Natürlich können wir nicht einschätzen, wie diese in Deutschland im Jahr 2036 oder 2040 sein wird, deswegen haben wir unser Voting „eher dagegen“ auch auf den jetzigen Zeitpunkt bezogen, auf 2024.

Das war eine ganz rationale, nüchterne Entscheidung, erleichtert dadurch, dass wir mit Großsportereignissen keine großen Emotionen mehr verbinden. Bei der Fußball-EM 2024 „im eigenen Land“ haben wir uns häufiger an den Kopf gefasst oder selbigen geschüttelt, als dass wir uns gefreut hätten. Es gab viele Gründe, am Sinn des Ganzen zu zweifeln, auch wenn wir der Ansicht sind, dass letztlich die Mannschaft Europameister wurde, die es am meisten verdient hatte. Während der WM 2006 waren wir nicht hier, haben also keinen Vergleich, wohl aber in Erinnerung, dass die EM 2008 und die WM 2010 aus persönlichen Gründen recht nett waren, wir einige Spiele im Außenbereich von Restaurants angeschaut haben, wegen der Stimmung und so.

Das sind im Wesentlichen die Erinnerungen, nicht Glanz und Gloria, kein Boom in irgendeiner Hinsicht. Olympische Spiele in Deutschland haben wir nicht bewusst miterlebt, so lange sind die letzten schon her (1972 in München). Wir haben im vorausgehenden Update auch festgehalten, dass wir nicht an positive ideelle Auswirkungen solcher Ereignisse auf das Gastgeberland glauben. Sie können nicht kitten, was in einer Gesellschaft im Argen liegt. Das wäre schön, das wäre einfach, aber die Realität ist nicht einfach und Nachhaltigkeit wird im täglichen Klein-Klein erarbeitet. Sie entsteht nicht durch pompöse Selbstdarstellungen, denen nach einem kurzen Rausch ein langer Kater folgt, wenn das Szenario nicht passt, in das diese Ereignisse eingebettet sind. Im Gegenteil, Fiktionen von nationaler Größe können einen kontraproduktiven Charakter haben. Gerade Frankreich belegt das im Allgemeinen und natürlich wieder durch die Bombastik der Pariser Spiele. Die Ambitionen sind immer etwas oberhalb der Möglichkeiten oder der Logik angesiedelt, und politische Krisen werden durch die Spiele eher weitergeschleppt, weil sie während der Zeit des Ereignisses nicht diskutiert werden sollen.

Wir können natürlich jedem dieser Artikel ein paar weitere Überlegungen hinzufügen, die eine kritischen Blick fördern sollen und eins draufsetzen, durch ein Fazit wie dieses: Damit Sportler:innen ihre Leistungen messen können, reichen Weltmeisterschaften in den einzelnen Sportarten vollkommen aus, Olympische Spiele sind lediglich ein Brennglas für menschliche Unzulänglichkeiten, die wir hier nicht mehr näher ausführen, aber es geht um Fairness, es geht um Doping, es geht um Kungelei, um wirtschaftliche Interessen, um Politik im Sport, um Tricks und der Priorität von nationalem Prestige gegenüber Völkerverständigung;  um typische Verhaltensweisen entsprechend der fehlerhaften menschlichen Natur, die aber weit weg von der Olympischen Idee sind, die von einem nicht vorhandenen Ideal oder doch davon, dass man ein Ideal damit fördern kann.

Wir hatten im letzten Beitrag ein paar Sätze dazu geschrieben, wie sich Politik in den Spielen (negativ) gezeigt hat und sind jetzt beim Check aller bisherigen Spiele auf weitere Ereignisse gestoßen, die uns bisher nicht geläufig waren. Das Kopfschütteln hat sich demgemäß verstärkt.

TH

26.07.2024

Heute werden die XXXIII. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit in Paris eröffnet. Gestern hatten wir einen Vorab-Artikel verfasst, heute setzen wir unsere Berichterstattung mit einem Update fort.

Wir werden uns nicht an den einzelnen Sportereignissen orientieren, sofern dabei nicht spektakuläre Vorkommnisse zu verzeichnen sind, sondern mehr aufs Ganze schauen. Der Ausgangsartikel ist unten auch angehängt.

Heute fragt Civey Sie, ob Sie gerne Olympische Spiele in Deutschland hätten. Alles Weitere in unserem Kommentar, den wir zum Lesen vor Abstimmung empfehlen.

Olympische Spiele in Deutschland? (civey.com)

Der Begleittext von Civey

Die Bundesregierung hat am Mittwoch eine Absichtserklärung beschlossen, um den Weg für eine Olympia-Bewerbung Deutschlands zu ebnen. Für den möglichen Bewerbungsprozess habe die Ampel laut rbb für 2025 bereits 2,2 Milliarden Euro als Fördermittel im Bundeshaushalt eingeplant. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bemüht sich schon länger aktiv darum, die Olympischen Sommerspiele hierzulande auszutragen. Angestrebt wird eine Bewerbung für 2040, alternativ käme auch 2036 für den DOSB infrage. Als mögliche Austragungsorte gelten Berlin, Hamburg, Leipzig und die Region Rhein-Ruhr.  

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sieht in den Olympischen und Paralympischen Spielen „eine große Chance für unser Land“. „Sie wecken nicht nur Sportbegeisterung, sondern können auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und Impulse für die Wirtschaft setzen. Wir können zeigen, für welche Werte unsere freiheitliche Demokratie steht”, sagte Faeser laut Sport1. Zudem habe man jüngst mit der EM bewiesen, dass Deutschland eine Sportnation und ein großartiger Gastgeber sei. Der Präsident des Landessportbunds Berlin, Thomas Härtel, plädiert für eine Austragung in Berlin, München und Warnemünde – und zwar im Jahr 2036: „Ein positiver Effekt wäre, dass sich die Sportinfrastruktur in dieser Stadt verbessern würde, genauso wie die öffentlichen Verkehrsmittel“, sagte er im Tagesspiegel. 

Die letzten deutschen Bewerbungsversuche scheiterten bereits in der Vorbereitungsphase am Widerstand in der Bevölkerung. Der DOSB räumte laut Sportschau ein, dass man damals die Menschen mit einem fertigen Konzept vor den Kopf gestoßen hätte. Kritisiert wurden die jüngsten Bewerbungsbemühungen zudem wegen des vorgeschlagenen Jahres 2036. Genau 100 Jahre zuvor, 1936, fanden die Olympischen Spiele in Berlin statt und dienten dem Nazi-Regime als riesiges Propaganda-Werkzeug. SPD-Fraktionschef Raed Saleh warnte im rbb daher davor, Rechtspopulisten mit jenem Datum eine Bühne zu bieten. Grünen-Fraktionschef Werner Graf äußerte sich ebenfalls skeptisch. Er erwarte bei einer offiziellen Bewerbung Berlins „zivilgesellschaftlichen Widerstand“. 

Unser Kommentar

Versuche, die Sommerspiele nach Deutschland zu holen,  gab es in den letzten Jahrzehnten mehrfach, aber sie sind ziemlich kläglich gescheitert, wohingegen Fußball-Großveranstaltungen immer wieder einmal hierzulande stattfinden.

Allerdings vermuten wir aufgrund der immer weiteren lokalen Diversifizierung des Fußballs, dass das  zu unseren Lebzeiten nicht noch einmal der Fall sein wird, es sei denn, es gibt wieder „paneuropäische Spiele“, die über mehrere Länder verteilt werden, dann wird sicher auch die eine oder andere deutsche Sportstätte berücksichtigt werden.

Die letzten Olympischen Spiele in Deutschland sind hingegen schon lange her, im Grunde wäre das Land mal wieder „dran“. Leider sind die letzten Spiele in Deutschland, 1972 in München abgehalten, aber mit dem Attentat und der Tötung von 11 israelischen Sportler:innen durch ein palästinensiches Terrorkommando verbunden, das diese Spiele für immer überschatten wird.

Noch problematischer die ersten Spiele in Deutschland 1936 in Berlin, wie oben nachzulesen ist. Sie sollten schon 1916 in unserer Wahlheimatstadt ausgetragen werden, daraus wurde aufgrund des Ersten Weltkriegs nichts und 1920 war Deutschland gesperrt, weil es von den Siegern als Alleinschuldiger an diesem Krieg markiert wurde (Siegerjustiz). Berechtigt hingegen der Ausschluss Deutschlands in London 1948. Danach wurde die Politik tatsächlich mehr in den Hintergrund gedrängt, bis es in Mexiko 1968 zu der legendären Black-Power-Faust afroamerikanischer Sportler kam. Im Jahr 1980 boykottierte der Westen die Spiele in Moskau wegen des Einmarschs in Afghanistan, 1984 der Osten jene in Los Angeles als Retourkutsche, was dem westdeutschen Team zu einem unverhofften Medaillenregen verhalf. Derzeit darf Russland wegen des Ukrainekriegs als Nation nicht teilnehmen, nicht im üblichen kompletten Maßstab jedenfalls.

Die Olympischen Spiele waren also immer schon politisch, was sie im Grunde und der Idee nach nicht sein dürften, im Gegenteil, sie sollten Spannungen zwischen den Nationen verringern.

Hinzu kommen Probleme, die im Sport selbst angesiedelt sind. Diesbezüglich kann man gut an 1984 anknüpfen, denn 1988 in Seoul waren die staatlich hochgedopten Ostblock-Sportler:innen, besonders jene der DDR, wieder dabei und dominierten die Medaillenränge. Nach der Wende baute Deutschland nicht linear, aber sukzessive leistungsmäßig ab, in Relation zu anderen Nationen – sind die anderen besser, motivierter oder spielt Doping eine Rolle, das in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark promotet werden könnte? Gerade gab es den Fall der 23 chinesischen Schwimmer:innen, der diesbezüglich diskutiert wird.

Schwimmen ist eine der am dopinganfälligsten Sportarten, aus physischen Gründen, aber auch, weil hier sehr viele Medaillen von nur einer einzigen Person erobert werden können, die auf verschiedenen Strecken gewinnen kann. Fünf Goldmedaillen für eine:n Schwimmer:in  sind ohne weiteres möglich, wenn alles passt, eingeschlossen unfaire, aber nicht aufgedeckte Formen der Leistungssteigerung. In Zeiten des sich steigernden Nationalismus und staatlichen Prestigedenkens ist die Versuchung groß, gerade diese Sportart zu missbrauchen.

Auch die Tatsache, dass die Gastgeber seit einigen Spielen so auffällig gut abschneiden, wirkt nicht grade vertrauenerweckend. Das kann nach unserer Ansicht nicht allein am Heimeffekt und den Sportstätten liegen, die den Athletinnen des austragenden Landes besser bekannt sind.

Ein weiterer Aspekt ist die deutsche Situation, und zwar nicht sportlich, sondern gesellschaftlich und wirtschaftlich gesehen. Kurz nach dem Start der Umfrage sprechen sich etwa 40 Prozent eindeutig oder überwiegend für die Austragung der Spiele in Deutschland aus, 46 Prozent eindeutig oder überwiegend dagegen.

Wir haben „überwiegend dagegen“ gestimmt. Unter günstigen Voraussetzungen wären wir dafür, aber wir sehen diese vorerst nicht, und das Problem ist, dass die Spiele so weit voraus vergeben werden, dass man die Situation bis zum Ereignis von der Vergabe aus heutzutage nicht mehr einschätzen kann. Die Sicherheit dafür ist einfach weg. Wenn sie aktuell hierzulande stattfinden sollten, würden wir zum Beispiel ganz klar gegen Olympische Spiele votieren. Schon in Frankreich zeigt sich, dass die Weltlage einen unfassbaren Sicherheitsaufwand mit sich bringt, trotzdem ließen sich die Anschläge auf wichtige Bahnstrecken, die gerade stattfanden, nicht verhindern. Deutschland wäre angesichts des partiell eher nachlässigen hiesigen Sicherheitsapparats in Kombination mit vielen potenziellen Attentätern genauso gefährdet, was Sabotageakte und möglicherweise sogar Anschläge auf Sportler:innen oder Ereignisse und Zuschauer:innen angeht.

Hinzu tritt der Aufwand. Es ist längst erwiesen, dass dieser sich nicht im wirtschaftlichen Gewinn spiegelt, und den Spin, dass solche Ereignisse für die Gesellschaft eine Art medizinische Wirkung haben, weisen wir besonders vehement zurück, das ist Quacksalberei.

Die EM 2024 hat dazu geführt, dass zehn Verbände teilnehmender Nationen mit Strafen seitens der UEFA wegen rassistischer Ausschreitungen ihrer Fans belegt wurden, alle in Mittelosteuropa angesiedelt, inklusive Österreich. Deutschland war zum Glück nicht betroffen, aber das macht es nicht besser, die Völkerverständigung betreffend. Die Türkei wurde interessanterweise nicht genannt, obwohl deren Fans mit die unsportlichsten des gesamten Turniers waren.

Der offene Nationalismus ist bei Olympischen Spielen nicht so ausgeprägt, wenn sie nicht gerade unter der Ägide eines NS-Regimes stattfinden, wie 1936. In der Tat stehen die Athlet:innen mehr im Vordergrund, aber nur in den Einzelsportarten, bei den Mannschaftswettbewerben sieht es schon wieder anders aus und natürlich werden französische Sportler:innen auch als Einzelpersonen in Paris den meisten Applaus und die größte Anfeuerung erhalten. Wer das normal findet, hat den olympischen Gedanken noch immer nicht verstanden.

Noch zentraler ist eben nach unserer Ansicht die Lüge vom Push durch Großereignisse. Vielleicht wird dadurch das Selbstbewusstsein einer Nation etwas gestärkt, weil man es gut hingekriegt und vielleicht sogar gut abgeschnitten hat. Insofern hat die EM 2024 in Deutschland als aktuellestes Vergleichsevent allenfalls mittleren Wert. Die Bahn hat nicht richtig funktioniert, die deutsche Mannschaft hatte einen ungünstigen Turnierbaum und schied im Viertelfinale gegen den späteren Europameister Spanien aus. Es lief so lala, wenn man ehrlich ist. Weder ein Grund zur Versteinerung, noch zur Euphorie. 

Der Hype ist vorbei, das Wetter nicht berauschend, wie schon während der EM, die Probleme des Landes bleiben. Kein einziges dieser Probleme kann durch irgendein Großereignis gelöst werden; und dass danach alle motivierter an ihre Alltagsherausforderungen gehen, halten wir für ein glattes Märchen. Psychologisch würden wir sogar eher sagen, das Gegenteil ist der Fall, der Adrenalinspiegel sinkt, die Misslichkeiten des Lebens werden wieder stärker sichtbar.

Wirtschaftlich gesehen würden wir auf ein Nullsummenspiel tippen. Viele verkaufte Tickets und teure Fernsehrechte  stünden erheblichen Investitionen gegenüber. Für Olympische Spiele müssten, anders als für die EM, Sportstätten erheblich renoviert oder sogar neu errichtet werden, sie würden wesentlich teurer.

Schauen wir uns die Spiele von München 1972 an, wenn es um die tatsächlichen Auswirkungen geht. Ja, das Olympiastadion ist heute noch schön, ein Dokument einer besseren Zeit, architektonisch gesehen, aber der FC Bayern mochte es nicht und hat sich inzwischen ein reines Fußballstadion gebaut, womit die Haupteinnahmequelle für das Olympiastadion wegfällt.

Auch abseits des schrecklichen Terroranschlags haben die Spiele, die so heiter begannen, nicht verhindert, dass Westdeutschland von ihnen nicht gepusht, sondern just in den Jahren 1972, 1973 seinen Höhepunkt in wirtschaftlicher und demokratietechnischer Hinsicht erreicht hatte und es danach schlechter wurde. Die Spiele waren das Ergebnis einer positiven Entwicklung oder das Symbol des Erfolgs der damals allerjüngsten Vergangenheit, aber nicht der Auslöser weiterer Progression. Langsam, sukzessive, und auch im Sport, wie die nachfolgenden Spiele in Montreal zeigten. Sport-Großereignisse bewirken keine geschlossenere Gesellschaft oder einen nachhaltigen Fortschritt für die Wirtschaft. Dafür fehlt es ihnen schlicht an Integrations- und Innovationswirkung. Sie sind Prestigeprojekte, und die muss man sich leisten können, für sie muss es die richtige Stimmung in einem Land geben, dann haben sie Ausstrahlungswirkung und Flair, aber was sie nicht tun, das ist, eine verfahrene Lage zu wenden.

In Deutschland müsste man außerdem befürchten, dass es zu Ausschreitungen oder Anschlägen von allen möglichen Seiten käme, die Belastung für die Umwelt träte hinzu, die gerade einem Land schlecht ansteht, das Mühe haben wird, seine Klimaziele für 2030 zu erreichen.

Solche Events, die trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Verbände immer mehr ins Gigantische tendieren, sind bisher auch nicht „nachhaltig“ zu organisieren.

Ethisch sind sie dadurch diskreditiert, dass sie nicht nach Menschenrechtslage, sondern ausschließlich nach Interessenlage vergeben werden und wie üblich, verschiedene Standards an verschiedene Länder angelegt werden. Wo man also ein politisch richtiges Zeichen setzen könnte, tut man es nicht. Das entwertet wiederum den Zuschlag für solche Spiele. Sie sind kein Beweis dafür, dass ein Land eine gute Demokratie ist, die weltweit die Ideale der Fairness hochhält, im Sport wie in der Politik. Sie sind ein Beleg dafür, dass Verbände mächtig und Lobbys stark sind. Unter dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach ist dieses Denken besonders ausgeprägt, war aber zuvor nicht viel besser. Vielleicht krönt er seine Karriere noch mit einer Vergabe von Spielen nach Deutschland. Für uns wäre das kein Grund zum Jubeln.

Es gab in der Geschichte schon wirklich schöne Olympische Spiele, da hat fast alles gepasst, das wollen wir gar nicht abstreiten, bis zum Anschlag kann man das auch für  München so sehen.

Aber mit Deutschland als Austragungsort, da würde im Moment fast nichts passen. Ein Land im Abstieg, dessen Mehrheitsbevölkerung immer ärmer wird, das von immer krasseren Populist:innen bevölkert wird, die nichts mit Völkverbundenheit am Hut haben, mit immer mehr Wähler:innen, die das gut finden, anstatt sich solidarisch für ihre Interessen einzusetzen? Während der Austragung von Spielen, die weltweit vermarktet werden, werden solche Risse natürlich nicht sichtbar. Die Nazi-Spiele haben es noch einmal geschafft, das wahre Ausmaß der Verbrechen in diesem Regime  für kurze Zeit zu verschleiern. Selbst diese Wirkung hielt aber nicht sehr lange an.

Auch die Franzosen werden, wenn es nicht zu weiteren massiven Störungen kommt, eine tolle Werbung für ihr ohnehin tourismusmäßig weltweit führendes Land abliefern, aber werden dadurch die massiven aktuellen gesellschaftlich-politischen Probleme gelöst der sogenannten Grande Nation gelöst? Ganz gewiss nicht.

Und deswegen sollte die Politik auch damit nicht argumentieren. Wir können es nicht ändern, die Innenministerin Nancy Faeser wird uns immer unsympathischer. Sie ist natürlich nicht die einzige, die mit verlogenen Argumenten für Olympia wirbt, aber bei ihr ist der Zusammenhang sehr deutlich. Sie ist nun einmal dafür zuständig, Sicherheit und Zusammenhalt im Land gegeneinander abzuwägen, und da sieht es ganz schlecht aus. Das Dysfunktionale, Anti-Olympische kommt  in ihrem Ressortbereich deutlich zum Vorschein, das uns davon abhält, Olympische Spiele in Deutschland für eine gute Idee zu halten.

Es kann Spaß machen, sich in einem gutgelaunten, optimistischen Land Olympische Spiele zu leisten, aber Pessimismus und immer größere Spaltung der Gesellschaft mit ihnen zu kitten zu können, ist eine ganz absurde Vorstellung. Brot und Spiele, das mag im alten Rom funktioniert haben. Hat es auch, aber auch nur, weil weite Teile der Gesellschaft schon statusmäßig von allen Vergnügungen ausgeschlossen waren und diejenigen, die dabei sein durften, zu den privilegierten Profiteuren dieser klassistischen Ordnung zählten.

Anders als damals gibt es heute eine Sichtbarkeit der Mehrheit per Meinungsfreiheit und Massenmedien, und diese Transparenz macht offenbar, dass Spiele in Deutschland derzeit nicht von einer klaren  Mehrheit gutgeheißen würden. Das ist nach wie vor so. Nach wie vor deshalb, weil diese Skepsis schon vorhanden war, bevor das Gesamtgefühl noch nicht so negativ tendierte. Das zeigen die gescheiterten Bemühungen der letzten Jahre.  Auf eine Weise ist das eine sehr erwachsene Haltung der Bevölkerung: Sich nicht die Augen zuschmieren zu lassen, sich nicht hochzuziehen an Dingen, die auf das persönliche Leben überhaupt keine positiven Auswirkungen haben, sondern allenfalls ein kurzer Rausch sind, dem der anhaltende Kater mit unausweichlicher Sicherheit folgen wird.

TH

25.07.2024

Liebe Leser:innen, wir werden es mit den Olympischen Spielen 2024 wohl halten wie mit der Fußball-Europameisterschaft. Wir haben es geschafft, kein einziges Spiel anzuschauen, damit waren wir besser, als wir es uns vorgenommen hatten (ab Halbfinale, wenn die deutsche Mannschaft es erreicht, also hat uns das Ausscheiden gegen Spanien insofern geholfen). 

Die Spiele laufen schon, obwohl die Eröffnungsfeier erst Morgen stattfindet; den ersten Skandal gab es auch schon. Die Einschaltquoten während der Fußball-EM waren gigantisch, obwohl viele Menschen ja gar nicht selbst den Fernseher bedienten, sondern irgendwo draußen saßen oder standen. Das eine oder andere Spiel haben wir im Audiostream auf der Abendrunde verfolgt. Wir wollen es mal so ausdrücken: Das auch noch optisch? Da haben wir also nicht viel verpasst. 

Trotzdem, die vier Beiträge, die wir zur EM geschrieben haben, werden wir wohl auch für die Olympischen Spiele erreichen, wenngleich wir hier selten Einzelereignisse kommentieren.

Olympische Spiele sind per se faszinierend, aber in diesen Zeiten hat alles einen faden Geschmack. Der Sport steht im Verdacht, korrumpiert und dopingdurchtränkt zu sein, und das alles vor politischen Hintergründen, die im Grunde dazu führen müssten, Spiele abzusagen.  Aber es ist eben Zeit für Brot und Spiele, da gibt es kein Pardon. Wir fangen heute ganz harmlos an. Anders als die Spiele bei der EM sind die Arenen bei Olympia selten ausverkauft, deswegen wird unsere heutige Zusatzinfo sich mit den Preisen befassen, zunächst aber die aktuelle Statista-Grafik, die gerade erst erschienen ist:

Olympiade ist ein Publikumsmagnet, aber selten ausverkauft

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz CC BY-ND 4.0 Deed | Namensnennung-Keine Bearbeitung 4.0 International | Creative Commons erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Neben den rund 10.500 Athlet:innen, 20.000 akkreditierten Journalist:innen und 45.000 freiwilligen Helfer:innen werden in den kommenden Wochen auch Millionen Zuschauer:innen nach Paris kommen, um die Olympischen Sommerspiele 2024 zu verfolgen. Am 21. Juli gab der Präsident des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Paris gegenüber der AFP bekannt, dass bereits 8,7 Millionen Eintrittskarten verkauft wurden. Damit hat die Pariser Olympiade den bisherigen Rekord für die meisten verkauften Eintrittskarten deutlich übertroffen. Dieser wurde bislang von den Olympischen Spielen im US-Amerikanischen Atlanta (1996) gehalten, wo laut dem Internationalen Olympischen Komitee 8,3 Millionen Tickets verkauft wurden.

Es bleibt nun abzuwarten, ob Paris 2024 das schafft, was weder Rio, London, Peking oder Atlanta gelungen war: alle für die Veranstaltung zum Verkauf angebotenen Karten zu verkaufen. Mit 97 Prozent aller verfügbaren Karten, die verkauft wurden, war London 2012 die Veranstaltung, die in den letzten vier Jahrzehnten am nächsten dran war, knapp vor Peking 2008 (96 Prozent), während Athen 2004 mit nur 71 Prozent der verkauften Karten die größten Schwierigkeiten hatte, seine Stadien und Hallen zu füllen. Bisher wurden 87 Prozent des Kontingents für Paris 2024 (ohne Paralympics) verkauft, aber die Organisatoren sind zuversichtlich, dass sie bis zum Ende der Veranstaltung alle zehn Millionen Karten verkaufen können.

‌Wir erinnern uns noch an Bilder, die darauf hindeuteten, dass nicht alle, die Karten hatten, auch wirklich in den Stadien waren – oder waren die Kartenverkaufszahlen auch manipuliert? Wer weiß das schon. Offiziell hat Paris jedenfalls schon einen Rekord in der Tasche, denjenigen für die meisten jemals verkauften Karten. Die Zahl der angebotenen Tickets war nach wie vor in Atlanta 1996 die größte.

Und hier noch eine schnelle Info zu den Ticketpreisen von Paris: 

Die kommenden Olympischen Spiele in Paris weisen eine sehr breite Preisspanne auf. Die Tickets kosten zwischen 24 Euro für die günstigsten Plätze und bis zu 980 Euro für Premium-Plätze bei beliebten Veranstaltungen wie das 100-Meter-Finale der Männer in der Leichtathletik.

Falls Sie dabei sein wollen, bedenken Sie bitte, dass der Ticketpreis nur den kleineren Teil des Budgets ausmacht und dass Paris nicht gerade eine billige Stadt zum Übernachten ist.

TH


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