Der Blaufuchs (DE 1938) #Filmfest 1134

Filmfest 1134 Cinema

Kann Liebe wirklich Sünde sein?

Der Blaufuchs ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 1938 unter der Regie von Viktor TourjanskyZarah Leander spielt zum zweiten Mal an der Seite von Willy Birgel in einer Filmproduktion der UFA. Weitere tragende Rollen sind mit Paul HörbigerKarl Schönböck und Jane Tilden besetzt. Der Film spielt in Ungarn. Er basiert auf Ferenc Herczegs gleichnamigem Bühnenstück, Originaltitel A kék róka.

Auch heute wird ja immer mal wieder ein Film mit Zarah Leander auf den Bildschirm gebracht, interessanterweise gehört „Der Blaufuchs“ zu den am häufigsten ausgestrahlten dieser Kinostücke. Vielleicht, weil er vergleichsweise unverfänglich ist? Zumindest politisch trifft das wohl zu, und das kann man für ihre Filme in den 1940ern nicht mehr so eindeutig sagen. Mehr dazu lesen Sie in der Rezension.

Handlung (1)

Stephan Paulus ist Privatdozent und auf seinem Gebiet ein begnadeter Wissenschaftler. Fische haben es ihm angetan. Brütet er über Fischen, vergisst er alles um sich herum, manchmal auch seinen Hochzeitstag. Auch wenn es verwundert, dieser so gut wie nur an seiner Arbeit interessierte junge Wissenschaftler hat eine bezaubernde Frau an seiner Seite. Ilona versucht immer wieder vergeblich, ihn von seiner Arbeit loszueisen. Er jedoch ist sich seiner Frau sicher und meint, nicht mehr um sie werben zu müssen. Vielmehr ist er der Meinung, dass sie ja alles habe, um glücklich zu sein. Immerhin hat er sich ausgedacht, Ilona zum Hochzeitstag einen Blaufuchs zu schenken, aber auch das vergisst er.

Um etwas Abwechslung zu haben, besucht Ilona ihre Tante Margit auf deren Gut. Auf der Rückfahrt macht sie bei einem Zwischenfall die Bekanntschaft des Fliegers Tibor Vary. Beide finden sofort Gefallen aneinander, Tibor verliebt sich sogar ernsthaft in sie. Ilona erzählt ihm auch, dass sie verheiratet ist; er sieht darin aber nicht unbedingt ein Hindernis, um sie zu werben. Er will sie unbedingt wiedersehen.

Als er seinen langjährigen Freund Dr. Stephan Paulus in Budapest besucht, erfährt er, dass Ilona dessen Frau ist. Damit ist sie für ihn unerreichbar. Dem Freund die Frau wegzunehmen kommt für ihn nicht in Frage. Gleichwohl verliebt er sich immer mehr in Ilona. Zudem taucht auch noch der Operettentenor Trill in Budapest auf und macht Ilona Avancen.

Dr. Paulus merkt von alledem nichts; zu sehr ist er in seine Forschungen vertieft. Ilona ist locker mit der jungen mittellosen Modezeichnerin Lisi befreundet, die sie auch ihrem Mann vorstellt. Lisi merkt sofort, dass die Eheleute eigentlich schon lange getrennte Wege gehen und will sich den Gelehrten, der immerhin nicht unvermögend ist und auch noch bald Professor werden soll, angeln. Es kommt ihr entgegen, dass sie sich schon immer für Süßwasserfische interessiert hat und so kommt sie auf die Idee, sich bei Paulus mit ihrem Wissen auf diesem Gebiet einzuschmeicheln und sich nach und nach unentbehrlich zu machen. Er ist begeistert: endlich jemand, mit dem er über Fische fachsimpeln kann. (…)

 Rezension 

Das Beste an „Der Blaufuchs“ ist tatsächlich das Lied, das Zarah Leander mit ihrer unverwechselbaren Stimme auf ihre unverwechselbare Art vorträgt und das zur Handlung auch ganz gut passt. Es wurde von Bruno Balz für den Film geschrieben und für die Leander natürlich, im zugrundeliegenden Stück von Ferenc Herczeg gibt es keine Musik, auch nicht den anderen Song, den man hier hören kann: „Von der Puszta will ich träumen“.

An diesen beiden Liedern kann man sogar das Problem des Films aufhängen. Während „Kann denn Liebe“ als Boulevard- oder Varieté-Hit noch heute frech und frisch wirkt, ist „Von der Puszta“ ein romantischer, sehnsuchtsvoller Schmachtfetzen, der eher dem entspricht, was die Leander ausmachte: Ihr Overacting ins Melodramatische, das wiederum gut zum deutschen Zeitstil ab Mitte der 1930er passt. Es gab auch viele reine Komödien, Zerstreuung war ja eine wichtige Aufgabe der Filmindustrie, besonders dann im Krieg, aber die Leander war nicht eine der Schauspielerinnen, die Komödie wirklich konnten, und das merkt man in „Der Blaufuchs“ an vielen Stellen. Sie hätte auch dort, wo die Handlung witzig ist und die Dialoge nicht unoriginell sind, vermutlich den Ernst ihrer Gefühlslage gerne mehr betont. Durch ihr Spiel wirkt der Film daher sehr ambivalent.

Sie ist es aber nicht allein. Auch ihr Partner Willi Birgel ist kein Komödiant und wenn die beiden zusammen auf der Leinwand zu sehen sind, hat man den Eindruck, sie sind – im falschen Film. Die Österreicher können es auch nicht herausreißen. Paul Hörbiger wirkt als zerstreuter Professor zwar adäquat, hebt das Komödiantische aber auch nicht so an, dass es als Kontrast hinreichen würde. Jane Tilden als Tierzeichnerin Lisi hellt alles dann doch etwas auf und Karl Schönböck, der auf der Leinwand älter wirkt, als er damals war, spielt erfrischend dezent und gewinnt seinem Part als Startenor eine dezente Form von Wurstigkeit ab, die moderner wirkt als das Spiel der Hauptdarsteller.

Schade für den Film, dass man nicht z. B. Willi Fritsch in der männlichen Hauptrolle besetzt hat, der ist uns sofort als potenzieller Flieger mit Charme und einer angemessen draufgängerischen Attitüde eingefallen. Man hätte ihn nicht unbedingt wieder mit Lilian Harvey zusammenbringen müssen, die war sowieso kurz davor, Deutschland zu verlassen, aber es hätte andere talentierte Partnerinnen gegeben.

Andererseits muss man es der Ufa nachsehen, dass sie ihren neuen schwedischen Star vermarkten wollte, denn nach dem Abgang von Marlene Dietrich, die nicht wegen der Nazis, sondern schon 1930 wegen der besseren Aussichten auf große Gagen nach Hollywood ging (wo sie zwischenzeitlich der bestbezahlte Filmstar der Welt wurde) hatte es mehrere Jahre gedauert, bis mit  Zarah Leander eine Nachfolgerin mit ähnlichem Glamour-Faktor gefunden war.

Die Handlung von „Der Blaufuchs“ ist durchaus witzig, wenn auch nicht wahrscheinlich, die Regie von Viktor Tourjansky eher unaufällig, bildgestalterisch bleiben einige Wünsche offen, was die Flüssigkeit der Szenenfolgen und die Kameraeinsätze angeht – wie häufig in den Streifen jener Zeit, nachdem fast alle erstrangigen Filmkünstler das Land verlassen hatten, in dem die Kunstwerdung des Films so wesentliche Impulse erhalten hatte. Nur wenige Filme, die während der NS-Zeit gedreht wurden, kann man als Kunstwerke bezeichnen, „Der Blaufuchs“ gehört zu diesen gewiss nicht.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Jahr 2024: Viele Filme sind nicht mehr in der originalen vollständigen Schnittfassung  erhalten, immer wieder fehlt das eine oder andere, das muss man berücksichtigen, wenn es darum geht, wie flüssig oder holprig ein Film geschnitten wirkt.  Unsere vermehrte Befassung mit der deutschen Filmgeschichte seit dem Jahr des Entwurfs (2015) zeigt ein etwas differenzierteres Bild, auch wenn der Eindruck bleibt, dass US-Filme dem deutschen Kino in den 1930ern bildtechnisch davongeeilt sind. 

Wenn man deutsche Filme aus der Zeit von 1933-1945 anschaut, gibt es allerdings ein Metaproblem, das uns sehr bewusst ist: Man sucht immer nach den Zeichen für die kranke Seele des Volkes, das sich dieses Regime verordnet hatte, und man findet sie leider nur allzu häufig. Auch diese Unfähigkeit, eine Komödie wie „Der Blaufuchs“ frei von Pathos zu gestalten, dieses Abgleiten ins zu Schwere bei einem Film wie diesem kann man durchaus als Symptom herausfiltern. Dafür geht es nicht so laut zu wie in den „echten“ Komödien, es wird nicht so viel geschrien, die Spuren einer kollektiven Seelenverwüstung sind hier vor allem dann zu erkennen, wenn man es darauf anlegt, alles, was in einem Film individuell daneben gegangen ist, politisch-sozial zu deuten.

Finale

Leider gibt es in „Der Blaufuchs“ nicht viel, was man an Erbaulichem mitnehmen kann, wir blieben während der 100 Minuten Spielzeit immer auf der Ebene eines distanzierten Beobachters, der vor allem die Zeit anschaut, in welcher der Film entstanden ist. Das ist auch bei Werken aus der NS-Ära nicht immer so, bei Filmen wie „Romanze in Moll“, „Große Freiheit Nr. 7“ oder „Münchhausen“ kamen wir den Figuren wesentlich näher.

Zarah Leanders Spiel hat uns aber auch in den Film von Detlef Sierck (Douglas Sirk) „Zu neuen Ufern“ und „La Habanera“ nicht so recht einnehmen können, obwohl wir geradezu Fans seiner amerikanischen Werke sind. Es steht eben doch für eine Zeit, in der eine unnatürliche Form von Pathos und eine beinahe ahnungsvolle Schwermut sich auf der Leinwand breitmachten und in der Nachbetrachtung für ein unabwendbares Beklemmungsgefühl sorgen.

Anmerkung 2 anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024. Aus den Jahren 1934 bis 1937 haben wir im Rahmen der laufenden deutschen / deutschsprachigen Filmfest-Chronologie ausschließlich Komödien rezensiert. Teilweise belegen sie, dass es auch anders geht, vor allem in der Wiener Variante. 

DE 1937, Der Mann, der Sherlock Holmes war
AT1936, Ungeküsst soll  man nicht schlafengehn
AT 1935, Der Himmel auf Erden
DE 1934, Ein Walzer für dich

56/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Viktor Tourjansky
Drehbuch Karl Georg Külb
Produktion Bruno Duday
Musik Lothar Brühne
Kamera Franz Weihmayr
Schnitt Walter Fredersdorf
Besetzung

 

 

 

 

 


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