Der seltsame Fall des Benjamin Button (The Curious Case of Benjamin Button, USA 2008) #Filmfest 1139 #Top250

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Einmal das Leben rückwärts erleben

Der seltsame Fall des Benjamin Button (Originaltitel: The Curious Case of Benjamin Button) ist ein US-amerikanischer Fantasyfilm des Regisseurs David Fincher aus dem Jahr 2008 mit Brad Pitt und Cate Blanchett in den Hauptrollen. Die Handlung wurde von der gleichnamigen Erzählung von F. Scott Fitzgerald in einer modernen Version frei adaptiert. 

Was wäre, wenn wir das Leben rückwärts erleben könnten? Ohne jede Frage wäre das ein Desaster, denn rückwärts heißt ja nicht Verlängerung, also nicht das, wonach wir insgeheim oder ganz offen trachten. Es ist vielmehr eine schwindelerregende Reise ins Bekannte, und ein Trichter, in den man fällt, ohne wirklich Person werden zu können. Im Jahr 2008 war die Filmtechnik so weit, dass diese Zeitreise rückwärts auf die Leinwand gebracht werden konnte. Mehr dazu lesen Sie in der Rezension.

Handlung

Der Film beginnt im August 2005, zwei Jahre nach Benjamins Tod, zur Zeit des Hurrikans Katrina, als die alte Daisy im Sterben liegt. Ihre Tochter Caroline, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wer ihr Vater ist, möchte sie in ihren letzten Stunden begleiten. Daisy erzählt die Geschichte eines blinden Uhrmachers, der gegen Ende des Ersten Weltkrieges den Auftrag erhalten hatte, eine Bahnhofsuhr anzufertigen. Dieser Mann hatte seinen einzigen Sohn durch den Krieg verloren. Als die Uhr feierlich enthüllt und gestartet wurde, erschraken die Zuschauer, denn sie lief rückwärts. Der Uhrmacher erklärte, dass dies keinesfalls ein Versehen gewesen sei, denn er habe das Uhrwerk – in der Hoffnung, auf diese Weise die Zeit zurückdrehen und seinen Sohn wieder zum Leben erwecken zu können – absichtlich so gebaut (erster Abschnitt der Inhaltsangabe in der Wikipedia).

Rezension 

Lange Zeit galt die Long-Shortstory von F. Scott Fitzgerald, die dem Film zugrunde liegt, als unverfilmbar, es lässt sich leicht nachvollziehen, warum: Die Filmtechnik war nicht weit genug, um das Leben eines Mannes rückwärts darzustellen. Und man geht wirklich den ganzen Weg und man geht ihn konsequenter, als Fitzgerald das getan hat: Bei ihm ist Benjamin Button zwar alt geboren, aber in voller Mannesgröße. Die Macher des Films haben sich, soweit das überhaupt möglich ist, um mehr Realismus bemüht, indem sie ihn als Baby eingeführt haben, das aussieht wie ein alter Mann und von dem man denkt, es habe aufgrund seiner Gebrechlichkeit nicht lange zu leben. Weit gefehlt, das Leben des Benjamin Button reicht für ein wahrhaftes Epos.

Sicher ist der Film nicht fehlerlos, aber an dieser Stelle verraten wir schon, dass er uns so tief berührt hat wie kaum ein anderes Kinostück der letzten Jahre. Das war beim Ansehen im TV jetzt kaum anders als vor fünf Jahren, als wir ihn im Kino gesehen hatten.  Beim abgeschiedenen, konzentrierten Allein-Schauen verändern sich Details, weil die eigenen Emotionen nicht mit denen anderer  Zuschauer oder der Begleitung, die man hatte, interagieren, aber natürlich spielt der Faktor Zeit eine Rolle: Auch für uns sind seit dem Kinobesuch fünf Jahre vergangen, in denen sich viel ereignet hat. Auch deshalb ist ein zweites Ansehen ja so spannend. Wie reagiert man angesichts der Tatsache, dass die Zeit vor keinem von uns Halt macht, auf einen Film, der sich so intensiv und beinahe ausschließlich mit dem Faktor Zeit befasst?

Interessant war es auch, vor dem heutigen Schreiben über den Film andere Kritiker zu lesen – besonders diejenigen, die dem Film nichts abgewinnen konnten. Es ist schon interessant, sich damit zu befassen, wie ein emotionales Unbehagen mal an der Konzeption, mal an Brad Pitt oder woran auch immer aufgehängt wird, manchmal haben diese Negierungen hohes Niveau und man kann immer sagen, es ist etwas dran. Außerdem hat der Film nur einen der dreizehn Oscars gewonnen, für die er nominiert war. Kaum verwunderlich, dass es der Academy Award für die beste Maske war. Doch er ging leer aus bei den „inhaltlichen“ Preisen (Bester, Film, Drehbuch, Regie, Schauspieler).  Immerhin war Brad Pitt nominiert und wir finden,  zu Recht. Wir haben viele seiner Filme noch nicht gesehen, aber gemessen an den Auftritten von ihm, die wir bisher kennen, spielt er hier am besten (zuletzt haben wir ihn in „Ocean’s Eleven“ rezensiert).

Es ist ohnehin beeindruckend, dass sich jemand einer Rolle annimmt, die so sehr fordert. Das Ergebnis ist nicht perfekt geworden, soviel Abstand muss sein, aber gemessen an der Herausforderung sehr, sehr achtbar. Es gelingt Pitt nicht in jedem Moment, das Kind im alten Mann und den alten Mann im Kind so rüberzubringen, dass wir diese Diskrepanz, diesen enormen Druck, den sie auch erzeugen muss, deutlich vor Augen haben. In anderen Szenen aber gelingt das hervorragend, und natürlich ist der Part „In der Mitte des Lebens“ der emotional ansprechendste, denn da stimmen Optik und wahres Alter überein und wir sehen einen ganz normalen Mann in seinen 40ern, der mit einer Frau zusammen ist, die ebenfalls dieses Alter hat.

Es gab auch Kritik an der Glaubwürdigkeit dieser Beziehung – wie müssen zwei Menschen sich miteinander fühlen, die vom jeweils anderen wissen, dass er in die andere Richtung marschiert, unabwendbar? Kann eine Liebe so groß sein, dass die Vereinigung unter solchen Voraussetzungen möglich ist? Wir meinen, das ist zu akademisch gedacht. Es kann ja sogar ein besonderer Magnetismus darin bestehen, eine ganz besondere Zeit mit jemandem zu verbringen, die dadurch erst ihre ganze Intensität entfaltet, dass die Begrenztheit von Beginn an klar ist oder klar sein sollte. Ähnlich, wie bei Liebenden, von denen einer todkrank ist. Darüber gab es schon herzzereißende Filme, die manchmal des Guten zu viel taten.  Hier ist es ein Unfall, der Benjamin und Daisy zusammenführt. Sie war fünf und er auch, sah aber aus wie 85, als sie sich kennenlernten. Mit der unschuldigen Neugier eines Kindes hatte sie sich ihm angenähert und er war ja im Grunde auch ein Kind, das gerade erst laufen gelernt hatte. Warum sollte aus der Faszination für das Außergewöhnliche nicht ein außergewöhnliches Gefühl entstehen, das sich erst verwirklichen kann, wenn er das richtige Alter hat und sie aus dem wilden Leben gerissen wurde, das sie als Ballerina führte?

Man sollte nicht vergessen, dass es sich um Fiktion handelt, und da die Handlung zudem ein Märchen ist, geht es nicht um Realismus, auch nicht um psychologischen „Realismus“, der ohnehin eine vage Angelegenheit ist, sondern darum, ob man dieses Märchen als Zuschauer mitträumen kann – und, ja, das geht und geht mehr als bei manch aufgeblasenem Fantasy-Spektakel. Nicht, dass „Benjamin Button“ nicht ziemlich üppig wäre und dass man nicht alle technischen Register gezogen hätte, aber sie dienen weit mehr der Handlung und den Charakteren, als dass sie Selbstzweck sind. Wir haben von David Fincher, dem Regisseur, zuletzt „The Social Network“ gesehen, den Nachfolgefilm aus 2010, der eine komplett andere Atmosphäre hat, und halten „Benjamin Button“ für das weitaus faszinierendere Werk. Ein zeitgeistig gefilmtes Biopic steht gegen den Versuch, Kinogeschichte zu schreiben.

Man weiß nicht, wie „Benjamin Button“ in zehn Jahren wahrgenommen werden wird, aber wir glauben nicht, dass er Kultfilmstatus bekommen wird. Dazu ist er zu ernst, trotz einiger komischer und ironischer Einsprengsel wie den sieben Blitzschlägen, dazu wagt er emotional zu viel, fährt nie in sicherem Fahrwasser, wie die großen Romanzen der Filmgeschichte es getan haben. Dabei ist das Ende der große Verlust, hier wie dort. Die Unmöglichkeit, ein langes, glückliches Leben zusammen zu führen. Dass Daisy sich Benjamins noch einmal annimmt, während er zum Kind wird, führt zu der ergreifenden Schlussszene, in der er als Neugeborener stirbt. Ganz sicher ist das ein Anschlag auf jedermanns Gefühlshaushalt, aber auch auf die Ratio, und ganz konsequent ist die Tatsache nicht, dass wir Button zweimal als Baby sehen. Aber irgendwie musste man die biologische Zeitschiene auf die Reihe bekommen, und man darf bei diesem Film nicht jedes Detail oder jedes Vorgehen nach der Logik bewerten, die es ja hier gerade nicht gibt. Es gehen  in der Realität auch nicht achtzig Jahre lang Bahnhofsuhren rückwärts.

Unser Zeitgefühl, das merkt man auch einigen Kritiken an, sträubt sich gegen die gesamte Konzeption und es wurde darauf verwiesen, dass sogar Zeitreisen, in denen man sich ebenfalls Menschen in ganz unterschiedlichem Alter nähern kann, innerhalb des Ereignisses oder Handlungsabschnitts immer vorwärts laufen. Wie aber, wenn man eine  Zeitmaschine erfinden würde, die genau das ermöglicht, was Benjamin Button erlebt – nämlich nicht auf einen Sprung, sondern kontinuierlich vorwärts zu streben, während man als Zeitreisender dabei jünger wird? Wenn also die Zeit, die man verbringt, nicht der eigenen Lebenszeit hinzuaddiert, sondern von ihr abgezogen würde? Unseres Wissens ist diese Variante literarisch und filmisch noch nicht sehr gut erforscht.

Finale

Natürlich ist der Film blendend bebildert und man hat die heute übliche Sorgfalt auf die historischen Details verwendet, nur in der Paris-Episode gibt es kleinere Unebenheiten. Das Episodische des Films mit seinen Zeitsprüngen ist sehr gut nachvollziehbar, da alles chronologisch rückwärts gefilmt wird, die ungewöhnliche Bewegung des Protagonisten zum Ende hin als solche ist zwar nicht kompliziert, aber hat natürlich eine ungewöhnliche Spannung in sich.

Die Besetzung mit Cate Blanchett und Tilda Swinton ist auch jenseits der Hauptfigur erstklassig und trägt zum Flair des Films bei, der doch recht deutlich vom Korsett der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald befreit wurde, in einer anderen  Zeit spielt, andere Akzente setzt, und uns emotional damit näher gerückt wird. Es gibt auch Momente, die etwas übertrieben erscheinen, wie die Tatsache, dass Daisy während des Hurrikans Kathrina verstirbt, der New Orleans im Jahr 2005 heimsuchte, auch wenn man ganz am Ende sieht, wie das Wasser den Raum erreicht, in dem die alte Uhr lagert, die immer noch rückwärts tickt. Man darf davon ausgehen, dass sie das bald nicht mehr tun wird, nämlich in etwa in dem Moment, in dem sich der Lebenskreis auch für die alte Frau gerundet hat, die Benjamin Buttons große Liebe war.

Da wir weiter oben die Rezeption des Films „in zehn Jahren“ angesprochen haben, diese Rezension tatsächlich zehn Jahre nach dem Entwurf erst veröffentlicht wird und somit ihre eigene Geschichte im Universum der voranschreitenden Zeit hat,  hier kurz die Stellung des Films im Jahr 2024. Er war für kurze Zeit in der der Top-250-Liste, die sich aus den Bewertungen der Nutzer:innen der Internet Movie Database (IMDb) speist, deswegen unterfällt er unserem Konzept, so viele Filme wie möglich zu zeigen, die in dieser Liste vertreten sind oder waren. Mit 7,8/10 hat der Film heute wieder eine sehr anständige Bewertung, der Kritiker-Metascore liegt bei 70/100, und er hat 3 Oscars gewonnen, nicht einen: Beste visuelle Effekte und beste künstlerische Gestaltung.

Es bleibt also dabei, dass es nur Preise für die Gestaltung des Films gab, nicht für seinen Inhalt oder die Darstellerleistungen. Alls bester Film wurde in dem Jahr „Slumdog Millionär“ ausgezeichnet, ein sehr zeitgeistiger Film, nicht einer, der gegen die Zeit arbeitet.  Als bester Schauspieler (Hauptrolle) wurde Sean Penn in seiner Rolle als Harvey Milk ausgezeichnet, den Film kenne ich noch nicht, gehe aber davon aus, dass Penn darin einen großartigen Job gemacht hat, weil er ein großartiger Schauspieler ist; der Oscar für die beste weibliche Hauptrolle ging an Kate Winslet in „Der Vorleser“, mithin in einem Film, der in Deutschland spielt und nach einem deutschen Roman gedreht wurde. Dieses Werk kenne ich und ich muss sagen, ich hätte Schwierigkeiten, mich hier zwischen Winslet und Blanchett zu entscheiden, die Darstellungen und Themen sind sehr unterschiedlich. 

85/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

Kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie David Fincher
Drehbuch
Produktion
Musik Alexandre Desplat
Kamera Claudio Miranda
Schnitt
Besetzung

 

 

 


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