Quax, der Bruchpilot (DE 1941) #Filmfest 1142

Filmfest 1142 Cinema

Rühmann, Hoffmann und der unholde Zeitgeist als Komödie

Quax, der Bruchpilot ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 1941. Die Komödie mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle wurde nach der gleichnamigen Verserzählung von Hermann Grote gedreht.

Über Heinz Rühmanns Rolle als Filmstar im Dritten Reich ist viel berichtet worden, und er war nicht der einzige, der sich später Fragen gefallen lassen musste und dessen Karriere durch sein Mitwirken in Nazifilmen beschädigt war. Seine ungeheure Beliebtheit sorgte aber dafür, dass er sich in den 1950ern wieder zu immer besseren Filmen vorarbeiten konnten, von denen wir einige bereits rezensiert haben. Mehr zu dem umstrittenen „Quax“ steht in der Rezension.

Handlung (1)

Der Reisebüro-Angestellte Otto Groschenbügel aus Dünkelstätt gewinnt in einem Preisausschreiben den Hauptpreis, eine Fliegerausbildung. Angezielt hatte er den zweiten Preis, eine Reise, und deswegen ein lediglich mittelgutes Gedicht geschrieben. In der Flugschule Bergried wird er schnell als Außenseiter offenbar, wird rausgeworfen, wird bei der Rückkehr ins Reisebüro aber von seiner Freundin enttäuscht, die mit einem anderen davongehen will und kehrt an die Flugschule zurück. Von da an wird alles besser: Groschenbügel, genannt Quax, zeigt Talent und am Ende sogar ein Bewusstsein für die Gemeinschaft der Flieger und deren Werte, gewinnt die hübsche Marianne und einen Job als Flugausbilder.

Rezension

Der Rühmann-Film aus der NS-Zeit, der am kritischsten gesehen wird, ist „Quax, der Bruchpilot“, als Regisseur der junge Kurt Hoffmann am Werk, dessen Karriere unter diesem Werk nicht litt und der ebenfalls in den 1950ern den Höhepunkt seines Schaffens erleben sollte.

Nach Kriegsende wurde „Quax“ von den alliierten Zensurbehörden erst einmal verboten, die viele Filme zu Recht aus dem Verkehr zogen, denen aber auch Fehleinschätzungen unterliefen, wie etwa das Verbot von „Liebelei“ von Max Ophüls (1933) zeigt. Einige verbotene Filme wurden nie wieder für unkommentierte Aufführungen freigegeben, darunter die ganz klaren Propagandafilme wie „Jud Süß“ oder „Hitlerjunge Quex“, viele Kriegsfilme und sonst ideologisch dominierte Streifen. Zwei davon haben wir im Rahmen der Vorarbeit für die nächsten chronologischen Durchläufe gerade rezensiert: „Morgenrot“ und „Flüchtlinge“, beide aus dem Jahr 1933.

„Quax“ wurde aber später von der FSK wieder freigegeben – nicht als Vorbehaltsfilm deklariert und wird sogar ab 6 Jahren empfohlen, was ihn besonders harmlos wirken lässt. In der Tat, ein Sechsjähriger wird kaum die tatsächlich vorhandene Propganda auch in diesem Film verstehen. Ob Heinz Rühmann sie verstanden hat, ist nicht belegt – er hat es später immer abgestritten. Wenn man den Film heute sieht, kaum vorstellbar, dass Künstler so naiv gewesen sein sollen, aber es gab Gemengelagen, die moralisch nicht mit einem einzigen Satz zu bewerten sind. Wenn man sich den Film anschaut, kann man heute sagen, dass er ohne Kommentierung gezeigt wird, ist deshalb in Ordnung, weil er in heutigem Umfeld wohl kaum eine propagandistische Wirkung entfalten wird, nicht, weil darin keine NS-Ideologie zu finden wäre.

Welche NS-Elemente sind in „Quax“? Der personifizierte, überzeugte Nationalsozialist ist der Fluglehrer Hansen (Lothar Firmans). Schon die Szene, in welcher er die angehenden Flugschüler mustert, wie sie da auf dem Flugfeld nach Größe aufgereiht stehen, also Quax ganz am Ende, sagt im Grunde alles. Da werden Leute nicht nach Flugtauglichkeit gecheckt, über die kann Hansen sich zu dem Zeitpunkt kein Bild machen, sondern nach Statur im Sinne der Volksgemeinschaft. Hoffmanns spätere Meisterschaft in subtilen Untertönen zeigt sich schon hier: Hansen lässt sich einen Namen nach dem anderen sagen, und die Namen derer, die er als besonders positive Persönlichkeiten empfindet, wiederholt er, bei den anderen nickt er nur. Erkennbar kommen die Leute aus verschiedenen Bevölkerungsschichten und Hansen hat eine Vorliebe für eher proletarische Männer, die aber so etwas Festes haben und gut als spätere Kriegsflieger denkbar sind.

Hansen findet sie aber alle mehr oder weniger in Ordnung – bis auf Otto Groschenbügel, der „mit allem Komfort“ fliegen lernen will, versteht sich. Diese Szene ist richtig gut, unterscheidet sich kaum von Propaganda anderer Länder, hätte genausogut einem Sowjetfilm entnommen sein können. Auch Hollywood pflegt ja häufig die Tendenz, dass wertvoll ist, wer sich vom Individualisten, sprich Egoisten, zum wertvollen Mitglied der Gemeinschaft wandelt (1). Diese Szene zeigt auffällig, dass immer dieselben Bilder den unterschiedlichsten Wertesystemen dienen können und dabei immer eine einzige Aussage haben: Anpassung ist richtig, Disziplin ist wichtig, ein bunter Vogel sein ist nichtig.

Später wird es dann deutlicher. Der Film, das muss man wissen, spielt offensichtlich vor der NS-Zeit, etwa im Jahr 1930. Das geht aus der Aufschrift auf einem Flugzeug hervor, aus den verwendeten Flugzeugtypen und ist auch dadurch indiziert, dass die Geschichte von Quax, dem Bruchpiloten 1928 herauskam. Ein guter Kniff, den Film nicht etwa in die Gegenwart zu verlegen und damit in den Krieg, sondern in eine Zeit, in welcher die Bewegung anfing, große Erfolge zu feiern. Hansen, der ein Nazi der ersten Stunde sein könnte, sagt zu Quax, die Zeit wird kommen, in der es wichtig ist, den richtigen Gemeinschaftsgeist in der Fliegerei zu haben – so, als ob in der Weimarer Republik das offene Aussprechen der eigenen politischen Überzeugung verboten gewesen wäre, hält er sich  halb bedeckt, spricht die NSDAP nicht direkt an. Kurios, wenn man bedenkt, dass es genau umgekehrt war und während Hitlers Regime die Opposition, wenn noch vorhanden, nur in Chiffres sprechen konnte. 

Anmerkung im Rahmen der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024: Die NSDAP war nach einem Putschversuch 1923 tatsächlich verboten worden, aber schon 1925, im Wege einer Neugründung, wurde sie wieder erlaubt, um 1930 gab es also keinen Grund, sich konspirativ zu geben, wenn man deren Ideologie vertrat. 

Der Hintergrund ist natürlich, dass „Quax“ eine Komödie ein sollte, und eben kein offen ideologischer Film. Dennoch trieft er stellenweise unangenehm vor Zeitgeist und wenn man bedenkt, wie viele deutsche Piloten etwa bei der Luftschlacht um England ums Leben kamen, hätten die Fluglehrer die Konzentration mehr auf die technische Ausbildung und Weiterentwicklung als auf die Ideologie legen sollen.  

Der Film entstand auf Betreiben von Heinz Rühmann, der tatsächlich ein passionierter Flieger war und alle Flugszenen selbst drehte, inklusive der Luftabkrobatik-Nummern. Da hat der Film auch eine seiner Stärken, die Luftaufnahmen mit auf den Tragflächen montierten Kameras sind für die damalige Zeit gut, die Szene, als Rühmann vor dem Bergpanorama fliegt und wippt und der Hit des Films, „Heimat, deine Sterne“ im Walzertakt gespielt wird, hat etwas sehr Beschwingtes und zeigt Kurt Hoffmanns Talent schon sehr früh, Leichtigkeit und Rhythmus zu inszenieren (2). Dafür gibt es Probleme mit der Continuity, zum Beispiel hat Quax bei seinem ersten Übungsflug mal eine Pilotenbrille auf, mal nicht, auch die Stellung seiner Kappe wechselt. Überhaupt wirkt der Film, den die Murnau-Stiftung nicht restauriert hat bzw. der in unrestaurierter Fassung gesendet wurde, stellenweise schlecht geschnitten und flimmert vergleichsweise stark, außerdem ist der Ton sehr schlecht – teilweise sind die schnell und hart oder auch mehr genuschelt gesprochenen Sätze kaum verständlich. Die schneidige Sprechweise, durch Rühmanns schnodderigen Duktus eher verstärkt als gebrochen, gehört zu den unangenehmsten Aspekten dieses Films und zeigt die typische Tendenz im Nazi-Film, Komödien zu schreien, anstatt sie normal zu sprechen und etwa auf den Effekt eines slow burn zu setzen. Psychologisch kann man das sehr gut und einfach deuten als die Art, wie ein Land, das nach dem Ersten Weltkrieg im permanenten Ausnahmezustand war, zunehmend die Balance verliert und mit diesem ständig hohen Lautstärke-Pegel die Furcht vor sich selbst und dem, was kommt, übertüncht. Die Wochenschauen und der Ton in den Spielfilmen näherten sich im Verlauf der NS-Diktatur zunehmend an – und leider war Hein Rühmann damals, im Gegensatz zu seinen Nachkriegsfilmen und auch im Gegensatz zum vielleicht mehr heroischen, aber auch dezenter, zuweilen sogar melancholisch wirkenden Hans Albers ein absoluter Protagonist dieser Lautsprecherei. Wenn der Ton damaliger Filme an seine Grenzen stößt, ist es heute manchmal kein Spaß, die Dialoge zu erfassen.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024: Auch Heinz Rühmanns Spielweise konnte durch starke Regisseure variiert werden, wenn auch in einem gewissen Rahmen; Albers hat, wie wir gerade in „Flüchtlinge“ gesehen haben, auch Rollen gespielt, die ihm gesagt haben müssten, dass er sich damit in den Dienst des (seinerzeit ganz neuen) Regimes stellt.

Auch die Art, wie Hilde Sessak als Freundin von Quax, die durchgehen will, überagieren muss, wirkt heute kurios, nicht etwa komisch, und trägt zum irritierenden Ganzen bei, das der Film darstellt.

Aber „Quax“ ist nicht nur so,  die Romantik beherrscht der Regisseur Hoffmann bereits auf eine eigenwillig kindliche Weise – das Verhältnis von Quax zu Marianne mit diesem Bubenkuss ist lächerlich für einen Mann um 30, den er darstellt, die Szenen mit Karin Himboldt haben aber dennoch etwas Anziehendes – Himboldt war eine Entdeckung von Rühmann und spielte als 24jährige drei Jahre später in „Die Feuerzangenbowle“ glaubhaft eine 17jährige Schülerin, ebenso wie Rühmann mit 42 erstaunlich gekonnt den Pennäler mimte. Auch Hilde Sessak als seine Freundin aus Berlin, die störend in die Idylle einbricht, macht wieder mit.

„Quax“ hat durchaus unterschiedliche Temperamente und Färbungen, ist stilistisch nicht sehr einheitlich, ideologisch nicht unbedenklich, manchmal grob, aber er hat stellenweise Charme, und diese seltsame Mischung hat damals hervorragend funktioniert, der Film war beim Publikum sehr beliebt.

Vielleicht hat dazu auch der Plot beigetragen, der ziemlich undeutsch ist. „Quax“ ist eine typische Hollywood-Story, in der sich jemand vom Versager zum Vorzeige-Helden wandelt, aus bescheidenen Anfängen eine Karriere gewinnt und natürlich eine hübsche Frau, während deutsche Komödien der Zeit sozial eher statische Figuren zeigten, keine Persönlichkeitsentwicklungen, wie wir sie hier bei Quax bewundern dürfen. Die erzählte Zeit erstreckt sich über den ebenfalls für dies Art Produktion ungewöhnlich langen Zeitraum von zwei  Jahren, wobei der Schluss einen Sprung darstellt, vom gerade geläuterten Quax hin zu einem Ausbilder, der sogar ein wenig von seiner unbekümmerten Art bewahren kann und demgemäß ein anderer Typ bleibt als sein anfänglicher Intimfeind und späterer Förderer Hansen. Stellenweise hat man sogar den Eindruck, der Schluss wirkt leicht ironisch – Hoffmann wäre es durchaus zuzutrauen, unterschwellig doch noch ein Statement zum Nazi-Irrsinn der Volksgemeinschaft, der bekanntlich zum Tod unzähliger Volksgenossen im Krieg und vermeintlicher Gegner der Gemeinschaft in den KZs führte, abgegeben zu haben.

Finale

Wenn man den Film bewerten will, muss man leider auch seine Tendenz in Anrechnung bringen und man sollte vor allem nicht glauben, dass Rühmann wirklich so blauäugig war, nicht dessen Wirksamkeit zu erkennen. Der Staatsschauspieler war mit den Nazigrößen sehr vertraut, auch wenn man Experte sein müsste, um auseinanderzuhalten, welche Kontakte er pflegte, um sich und andere vor Nachteilen zu bewahren und welche aus Überzeugung. Wer nicht emigrierte, weil sein Leben oder seine Arbeitsgrundlage nicht bedroht war, hatte später einen quasi automatischen Rechtfertigungsdruck, und manche, darunter Rühmann, empfanden das als ungerecht.

Wir würden uns nicht dahin versteigen, alle Rühmann-Filme wegen seiner zweifelhaften Rolle in der NS-Zeit abzuwerten, wir haben das bei „Die Feuerzangenbowle“, der nur ganz wenig Propaganda enthält, nicht getan. Bei „Quax“ liegt der Fall allerdings anders, weil man ihn sowohl als der NS-Ideologie verpflichtet als auch, spezieller, als Wehrertüchtigungsfilm ansehen kann. Als der Film in die Kinos kam, war die Luftschlacht um England schon verloren und Werbung für die  Fliegerei zu machen, passte perfekt zu den Anforderungen der Wehrmacht. Wir haben in der Wikipedia nachgeschaut: Die deutsche Rüstungsindustrie hat während des Zweiten Weltkrieges insgesamt etwa 100.000 Militärmaschinen gebaut, eine heute schon aus Kostengründen unvorstellbare Zahl, wobei eine nicht geringe Anzahl von Zwangsarbeitern eingesetzt wurde.

Gegenüber dieser gigantischen Maschinerie wirkt der Film so idyllisch und harmlos und ist es doch nicht. Aber er ist ein vielbesprochenes, typisches Produkt seiner Zeit, deshalb kommt es bei uns zu einer ungewöhnlichen Ausnahme: Wir geben nur 5/10, ohne seine Tendenz wären es wohl 6,5 oder 7 geworden – und nehmen ihn trotzdem als einen der ersten Filme in die Digital-Anthologie auf, für deren Erstellung wir uns jüngst entschieden haben – weil er ein wichtiges Werk seiner Zeit ist und unserem Interesse an der Filmgeschichte dient.

Nach dem aktuellen Wertungsschema des Filmfests: 50/100

(1) Besonders in Western, in denen so gerne mit archetypischen Situationen und Charakteren gespielt wird, kommen solche Wandlungen vor. Paradebeispiele dafür sind die Stewart / Mann-Filme aus den 1950er Jahren.
(2) Das Lied ist außerordentlich schön und romantisch, vor allem, wenn man den Zeitkontext weglässt, nämlich, dass es vor allem für Soldaten geschrieben wurde, die in viele fremde Länder einmarschiert waren und für die Heimatfront, die diesen Soldaten verbunden war.

Kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Kurt Hoffmann
Drehbuch Robert A. Stemmle
Produktion Heinz Rühmann
Musik Werner Bochmann
Kamera Heinz von Jaworsky
Schnitt Walter Fredersdorf
Besetzung

 

 


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