Drachenzähmen leicht gemacht (How to Train Your Dragon, USA 2010) #Filmfest 1144 #Top250

Filmfest 1144 – Concept IMDb Top 250 of All Time (199)

Reitet den wilden Drachen!

Drachenzähmen leicht gemacht (Originaltitel: How to Train Your Dragon) ist ein US-amerikanischer 3DComputeranimationsfilm von DreamWorks Animation SKG aus dem Jahr 2010.

My Goodness, was für ein Spektakel! Wir haben den Film jetzt nur in HD-2D gesehen, aber wir können uns lebhaft vorstellen, dass man sich im Sessel anschnallen muss, wenn man ihn in 3D serviert bekommt. Dreamworks, die schon für die Mega-Erfolge „Shrek“ und „Madagascar“ mit ihren jeweiligen Fortsetzungen verantwortlich zeichneten, haben mit „Drachen“, wie wir den Film in der Folge verkürzt nennen werden, einen neuen Höhepunkt erreicht. Animationstechnisch sowieso, wir sind schon gespannt auf Teil 2, der gerade läuft, darauf, ob sie es noch weiter treiben. Mehr zum ersten Drachenzähmungsfilm steht in der Rezension.

Handlung (1)

Hicks ist ein junger Wikinger und stammt aus dem Dorf Berk, in dem die Bevölkerung in einem ewigen Kampf mit den Drachen liegt, die immer wieder Lebensmittel klauen, meist gegen bei den Kämpfen auch Häuser in Flammen auf, daher ist das Dorf zwar uralt, die Gebäude aber sind alle neueren Baujahrs.

Im Gegensatz zu seinem Vater, dem Chef, ist Hicks ein schmächtiges Bürschchen, aber genau wie alle im Dorf beseelt davon, einen Drachen zu töten. Weil ihm sowieso niemand viel zutraut, sucht er sich den seltensten und geheimnisvollsten der Drachen aus, einen schwarzen Schatten. Tatsächlich gelingt es ihm, ein Exemplar in einer Falle zu fangen – doch töten kann er den Drachen nicht.

Vielmehr lernt er, das Fabeltier zu verstehen, merkt, dass ihm eine Schwanzflosse zur Steuerung fehlt und baut eine solche aus Holz nach. Bald lernt Hicks, den Drachen zu reiten und findet sogar das Nest der Drachen, das die Wikinger seit ewigen Zeiten suchen, um es zu vernichten. Hicks stellt fest, dass all die gefährlichen Drachen nur Sklaven einer Riesenechse sind und dieser einen Großteil ihrer Beute abliefern müssen.

Die erste, die hinter Hicks‘ Geheimnis kommt, ist Astrid, ein blondes Wikingermädchen, das auf diese Weise auch lernt, wie Hicks es schafft, beim Drachenkampftraining plötzlich besser zu sein als alle anderen Schüler – indem er die Drachen in der Art manipuliert, wie er’s bei dem schwarzen Schatten gelernt hat, den er Ohnezahn nennt, weil dessen Zähne  zunächst unsichtbar sind, wenn der Drachen das Maul öffnet.

Astrid wird Teil der kleinen Verschwörung, doch zwischen Vater und Sohn gibt es einige traditionelle Missverständnisse. Der Vater schnappt sich Ohnezahn und mit dessen Hilfe navigiert er die gesamte Wikingerflotte zum Nest der Drachen. Dort kommt es wieder einmal zu einem Brand, bei dem die gesamte Wikingerflotte draufgeht, aber letztlich wird die Riesenechse von Hicks und dem wieder befreiten Ohnezahn besiegt. Hicks gewinnt die Liebe von Astrid und all die befreiten Drachen enden als gezähmte Haustiere der Wikinger.

Rezension 

Aber da ist mehr. In den Film wird alles gepackt, was in tausenden von anderen Filmen schon gut funktioniert hat: Eine Initialisierungsgeschichte, dazu die eines Außenseiters, eine wunderbare Freundschaft zwischen Mensch und Tier und eine erste Liebe zwischen Teenagern, ein Vater-Sohn-Konflikt-On-Off, eine große humanistische Botschaft und ungeheuer viele Ideen und viel Humor und am Ende etwas, das wir bisher so noch nie in einem Film dieser Art gesehen haben. Der Film ist für Kinder ein Megaspaß und für Erwachsene nicht zu flach geraten.

Langsam stellt sich die Frage, wie man das alles noch steigern will und ob es nicht irgendwann mal eine Art Rücksturz in die Reduktion geben wird. Aber sie haben bei Dreamworks eben alle Möglichkeiten ausgenutzt, die der CGI-Animationsfilm geboten hat, Stand 2010. Vor allem die Dreidimensionalität der Figuren, die schon in 2D beachtlich ist, noch mehr aber die Geschwindigkeit und Natürlichkeit der Bewegungen sind atemberaubend. Das Beste in diesem Bereich, was wir bisher gesehen haben.

Figuren über Figuren

Hervorragend ist Hicks, der Held und die Identifikationsfigur geworden. Er ist klug, schmächtig, also körperlich gegenüber den starken Wikingerkindern benachteiligt, aber er gewinnt die Herzen auf die typische Weise, wie Außenseiter es tun, indem er ganz neue Wege geht und sich dabei nicht nur treu bleibt, sondern ganz zu sich selbst findet. Als er merkt, dass er keinen Killerinstinkt hat, macht er  zwar das Training weiter, kann erst einmal nicht mit seinem Vater sprechen, aber er schlägt den Pfad der ungewöhnlichen Freundschaft ein, wo andere nur auf Konflikt aus sind. Er rettet mit dem Weg der intuitiven Weisheit nicht nur das Wikingerdorf, sondern auch die Drachen.

Genauso gut ist der Drache Ohnezahn ausgedacht. Wie er ganz langsam mit dem Jungen vertraut wird, das ist einfach nur schön gemacht und wirkt so stimmig, dass hinterher auffällt, dass es mit dem Zähmen der übrigen Drachen durch weniger sensible Jugendliche wie Hicks doch etwas zu fix geht. Die Raffung einer echten Zähmung von Tieren durch Menschen auf dramaturgisch geschickte Weise ist beinahe kontemplativ dargestellt, aber in sich spannend und recht logisch. Kritiken sprechen von einem eher langsamen Einstieg in den Film, aber daran merkt man vor allem, wie sich unsere Wahrnehmung von Medien offenbar verändert hat – nein, wir sind froh, dass es eben nicht in jeder Szene pausenlose Action ohne Wechsel ins Lyrische gibt. Und lyrisch sind einige Momente in diesem Film, sie sind alle dem Verhältnis des Jungen zu seinem Drachen gewidmet. Der Film hat poetische Momente, wenn die beiden auf und davonfliegen in die untergehende Sonne und später ist auch noch das Mädchen dabei, wenn es diese Momente nicht gäbe, hätte der Film viel weniger Reiz.

Denn wie jeder gute Trickfilm hat er auch eine romantische Seite und wir sind froh, dass die nicht von den Drachenzähnen zerrissen wurde. Die Versuchung war sicher groß, noch mehr die Technik wüten zu lassen, aber es ist, dass man dieser Versuchung widerstanden hat.

Zur emotionalen Seite trägt natürlich auch die herrliche, immer der Situation angemessen jubelnde, sehr stimmungsvolle oder etwas dunklere Musik von John Powell bei, die wir für oscarwürdig halten und schon vor dem Film kannten, weil sie ein moderner Filmmusik-Klassiker ist. Wir kennen „Social Network“, gegen dessen Musik die von „Dragon“ sich nicht durchsetzen konnte – ja, kann  man so und so sehen. Wir hätten es dem Drachen-Score gegönnt, die Trophäe heimzutragen. Als bester Animationsfilm war „Dragon“ natürlich auch nominiert, aber verlor auch hier – gegen „Toy Story 3“ vom Hauptkonkurrenten Pixar, der auch von den Kritikern und dem Publikum noch einmal einen Tick besser bewertet wird. 

Aber auch die Rezeption von „Dragon“ kann sich sehen lassen. Die Produktionskosten waren mit 165 Millionen Dollar für einen Film, für den kein einziger echter Star bezahlt werden, keine Location angesteuert, kein Set gebaut werden musste, gigantisch. Alles der Computerpower geschuldet. Aber er hat auch fast 500 Millionen weltweit eingespielt, die spätere Verwertung auf Datenträgern und Leihportalen nicht mitgerechnet. Der Metascore liegt bei recht guten 75/100, Das Tomatometer zeigt 93/100 an und in der IMDb liegt der Film mit durchschnittlich 8,2/10 auf Platz 152 (Stand 28.08.2014, 8,1/10 und Platz 202 im August 2024, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes) in der Liste der 250 besten Filme aller Zeiten. Ja, kann man vertreten, auch wenn sich wichtigere Filme dahinter befinden.

Außerdem ist dies ein Frauenfilm, sie geben durchschnittlich 0,3/10 mehr als Männer. Das verwundert ein wenig, wo doch der Held ein junger Mann ist. Dieser ruft allerdings auch Mutterinstinkte wach, und wir kommen an dieser Stelle zu dem, was uns am meisten beeindruckt hat.

Die Botschaft für Frieden und Toleranz ist deutlich und Außenseiter in den Mittelpunkt zu rücken, ist nicht einfach nur eine Masche, es ist wichtig. Dass am Ende im Kampf mit der Echse der junge Hicks ein Bein verliert und eine etwas quietschende Stahlprothese bekommt, ähnlich einem anderen Wikinger, der einige Gliedmaßen im Kampf mit den Drachen gelassen hat, dass dies so beiläufig und selbstverständlich wirkt und den Gefühlen des Mädchens zu Hicks keinerlei Abbruch tut, ja nicht einmal zwischen beiden erwähnt wird, ist zwar märchenhaft, aber im besten Sinn konsequent und vielleicht sogar ein wenig mutig, denn einen menschlichen Helden, der am Ende mit geminderter körperlicher Integrität aus einem Trickfilm geht, sehen wir hier erstmalig. Das ist beinahe so revolutionär wie es im New Hollywood Ende der 1960er neu war, dass Verbrecher mit der Beute davonkommen durften. Es ist eine Grenzüberschreitung und eine Grenzen-Erweiterung, die wir gesondert würdigen wollen.

Die Drachen sind visuell so originell gestaltet, dass sie sehr freakig wirken. Neben der etwas zu schnellen Zähmung der Trainingsdrachen ist die zweite Schwäche der Handlung, dass sie niemals in der Lage sind, jemanden wirklich zu töten. Okay, es ist ein Kinderfilm, aber mit der Zeit verliert man ein wenig den Glauben daran, dass sie wirklich gefährlich sind. Sie zielen beim Feuer speien immer so konsequent daneben, dass man versteht, dass bei den Kämpfen keine Wikinger draufgehen, sondern nur deren Häuser. Die Bedrohung ist auch in Kinderfilmen schon glaubwürdiger dargestellt worden – andererseits ist „Dragon“ nicht geeignet für kleinere Kinder, weil doch mit einigen Ängsten gearbeitet wird, die man erst ab einem gewissen Alter intellektuell filtern kann, indem man zum Beispiel die Fiktionalität des Geschehens erkennt und den Spaß ungestört genießt.

Finale

Uns hat der Film mitgerissen und gehört zu den besten Animations-Abenteuern, die wir bisher gesehen haben. Viele erfolgreiche Filme schaffen eine Sicherheit und man traut sich auch mal etwas, das kann man bei Studios wie Dreamworks, die hier im Verleih der Paramount sind, oder deren mittlerweile von Disney gesteuerten Konkurrenten von Pixar erkennen. Alle großen Animationsfilme seit den 2000ern waren Kassenerfolge, irgendwas müssen die Computerspezialisten wohl richtig gemacht haben. Zum Beispiel kultige Figuren erschaffen, Dinge auf die Leinwand bringen, die man mit dem traditionellen Zeichentrickfilm einfach so nicht hinbekommen kann. Wir sind immer noch Fans dieser klassischen Kunst, bei der versierte Zeichner Szene für Szene auf Papier bringen, gewisse mystische Momente lassen sich durch diese vereinfachte, konzentrierte Darstellung unseres Erachtens sogar besser schaffen. Aber wenn wir einem Beispiel für einen solchen Film, Walt Disneys „Dschungelbuch“, neulich 8,5/10 gegeben haben, müssen wir das bei „Drachenzähmen leicht gemacht“ auch tun, weil er auf seine andere Art so viel zeigt.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung im Jahr 2024: Disneys „Meisterwerke“ und einige andere Filme haben wir in eine Werkschau ausgelagert, deren Start noch nicht erfolgt ist, nicht aber die Filme der Hauptkonkurrenten, zu denen Dreamworks ab den 2000ern zählte und unter dem Dach von Universal Pictures heute einer der wenigen unabhängigen Mitbewerber geblieben ist, die Disney nicht aufgekauft hat.

86/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

Regie Dean DeBlois,
Chris Sanders
Drehbuch Cressida Cowell,
Dean DeBlois,
Adam F. Goldberg,
Chris Sanders,
Peter Tolan
Produktion Bonnie Arnold
Musik John Powell
Schnitt Maryann Brandon

 

 

 


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