Briefing 619 Rentensystem, Rente mit 70, Bürojobs, CDU, Kapital, Arbeitende und Arbeitsempfänger, Wirtschaft, Gesellschaft
Man hätte vor einigen Jahren noch für einen schlechten Scherz gehalten, was Civey heute zu einer Umfrage verdichtet hat:
Rente mit 70 für Bürojobs? (civey.com)
Ist es aber nicht. Es ist dem Kapital und den ihm hörigen Politiker:innen absolut ernst. Der nächste Schritt auf dem Weg zum Arbeiten bis Ableben wird in Angriff genommen. Tückischerweise nicht für alle, sondern spalterisch nur für Menschen, die „Bürojobs“ haben. In den Büros ist aber bekanntlich der Stress am höchsten und die Burnout-Quote daraus folgend ebenso.
Dafür kommt es dort weniger zu Berufsunfähigkeit aus körperlichen Gründen. Rehabilitationsmaßnahmen sind in allen Fällen teuer, aber gerade bei den Bürojobs sind oft die Unternehmen diejenigen, die Schuld an vorzeitigen Ausfällen tragen, weil sie ihre Mitarbeitenden überlasten, unterbezahlen und das Betriebsklima mies ist. Es ist keineswegs logisch, dass Menschen in Bürojobs prinzipiell länger durchhalten, wie es die Lobbyisten den Menschen weismachen wollen. Folgend der Civey-Begleittext, wir kommentieren darunter weiter.
Civey-Text:
Ein Renteneintritt mit 70 Jahren sei für Personen, die eine Bürotätigkeit ausführen, zumutbar. Das sagte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, im Interview mit dem SWR kürzlich. Um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, sei es notwendig, dass die Menschen hierzulande mehr statt weniger arbeiten, betonte Wolf. Aus den Reihen der CDU gibt es laut ntv ebenfalls Forderungen nach einer Anhebung des Renteneintrittsalters – etwa von Gitta Connemann, Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion.
Connemann sprach sich zudem dafür aus, die Möglichkeit abzuschaffen, dass langjährig Versicherte zwei Jahre früher in Rente gehen können. CDU-Chef Friedrich Merz hält Reformen zwar für nötig, lehnt die Rente mit 70 Jahren jedoch ab. Im CDU-Grundsatzprogramm stehe, „dass wir in der längeren Perspektive die Lebensarbeitszeit an die Lebenserwartung koppeln müssen“, sagte Merz jüngst gegenüber dem RND. Zudem hält er ein starres, schematisches Renteneintrittsalter für alle Berufsgruppen“ für falsch.
Nach geltender Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Innerhalb der Ampelregierung gibt es darüber unterschiedliche Ansichten, die SPD und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) lehnen eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters jedoch ab. Der Sozialverband VdK ist ebenfalls dagegen. VdK-Präsidentin Verena Bentele fordert stattdessen eine reformierte Grundrente, eine höhere Erwerbsminderungsrente und mehr Rente für pflegende Angehörige. Die Ampel rief sie laut dpa zudem auf, Menschen eine gute und sichere Rente zu ermöglichen und vor Altersarmut zu schützen.
Kommentarfortführung
Niemand soll weniger arbeiten müssen, als er wirklich will und kann. Wenn jemand sich bis 70 oder gar bis 80 auf seinem Sessel im Büro noch wohlfühlt, vielleicht sogar seinen Lebenssinn dort angesiedelt sieht, als Rentner unglücklich über den Mangel an Aufgaben wäre, warum sollte er das nicht tun? Vergünstigungen, zum Beispiel steuerlicher Art, Einkommen zusätzlich zur Rente, alles kein Problem für uns.
Aber das Zauberwort ist Freiwilligkeit. Und nicht, dass man erst mit 70 die vollständige, heutzutage ohnehin schmale Rente erreicht, 70 also das reguläre Renteneintrittsalter wird. So kann man die Rentenbeiträge natürlich auch senken, indem kaum noch jemand in den Genuss der Rente kommt. Vor allem für Männer ist das relevant, denn sie werden (Zahlen aus dem Jahr 2023) in Deutschland im Durchschnitt 78,6 Jahre alt, hätten also nicht einmal neun Jahre zum Genießen des Ruhestands, wenn diese Forderungen tatsächlich Politik würden. Die Rente mit 67 hat man schon durchgedrückt, davon sind auch wir betroffen. Aber wohin noch?
Auf der schiefen neoliberalen Bahn gibt es offenbar in Deutschland keinen Halt mehr, Forderungen nach mehr als 40 Arbeitsstunden Pro Woche und sogar einer Wiedereinführung der Sechstagewoche werden immer unverblümter gestellt. Anstatt dass die Betriebe ihren Fachkräftemangel mit anständiger Bezahlung der Mitarbeitenden, guter Ausbildung und gutem Betriebsklima selbst beheben, wollen sie die Menschen noch mehr ausquetschen.
Interessanterweise verfangen neoliberalistische Spins nicht so gut, wenn es möglicherweise an den eigenen Wams, an die eigenen Interessen geht. Deshalb erteilen derzeit auch etwa 50 Prozent der Abstimmenden dieser Idee, die Lebensarbeitszeit immer dichter an die Lebenserwartung heranzuschieben, eine klare Absage, während nur knapp 20 Prozent eindeutig dafür sind.
Vermutlich handelt es sich dabei um Menschen, die keine Bürojobs haben und tatsächlich glauben, sie wären nicht als nächste im Visier der Lebensarbeitszeitverlängerer, oder natürlich um die Ausbeuter, die die gesundheitlichen Schäden für diesen Wahnsinn selbstverständlich der Allgemeinheit überhäufen werden, sprich denjenigen „Arbeitnehmern“ (= Arbeitenden), welche sie auspressen, bis sie nicht mehr können. Aufwendige Reha-Maßnahmen werden die Folgen dieser Idee der immerwährenden Lebensarbeitszeitverlängerung sein. Diese Maßnahmen bezahlen sich die immer länger Arbeitenden mit ihren Steuer- oder Rentenbeiträgen quasi selbst.
Selbst CDU-Chef Merz dämmert, dass er sich die Wahlchancen 2025 damit verschlechtern könnte, wenn er diesen Ideen pauschal zustimmt, obwohl er sich sonst für keinen neoliberal-marktradikalen Populismus zu schade ist. Also verschwurbelt er seine Ansichten ein wenig und lässt sie dadurch differenzierter wirken.
Die „Arbeitgeber“ (=Arbeitsempfänger) merken vielleicht, dass sie aufgrund des von ihnen selbst verschuldeten Fachkräftemangels möglicherweise nicht mehr in der Position sind, den Menschen immer weitere Opfer nach ohnehin opferreichen Jahren abzuverlangen. Also wollen sie sich von der stets dienlichen Politik helfen lassen. Dabei stört der Rechtsdrall in Deutschland überhaupt nicht, den diese mangelnde Teilhabe am Wohlstand auslöst, denn die Rechten sind genau diejenigen, die die „Volksgemeinschaft“ endgültig der Willkür des Kapitals ausliefern wollen. Hier noch einmal der Link zu Abstimmung: Lassen Sie sich bitte nicht verscheißern von Leuten, unfähig sind, das Rentensystem vom Kopf auf die Füße zu stellen und Sie dafür gerne bis zum Lebensende arbeiten lassen wollen, damit Sie gar nicht erst in den Rentenbezug eintreten.
Rente mit 70 für Bürojobs? (civey.com)
TH
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