Crimetime 1241 – Titelfoto © WDR
Fangt den Schweiger!
Moltke ist ein Fernsehfilm aus der Fernseh-Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde vom WDR produziert und am 28. Dezember 1988 – einem Mittwoch – erstmals gesendet. Es ist die 214. Folge der Tatort-Reihe, die 19. mit den Kriminalhauptkommissaren Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik), und die erste Tatort-Folge, die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden ist. Anlässlich des 40. Sendejubiläums des Duisburger Tatorts strahlte der WDR am 25. Januar 2022 eine in HD abgetastete und digital restaurierte Folge aus.
Wie? Der Schweiger wurde doch erst 1990 mit einem Manta-Film bekannt, zwei Jahre nach dem Dreh des Tatorts Nr. 214! Keine Bange, hier geht’s um den Schweiger Moltke und um Götz George, der den zotteligen Kommissar Schimanski nicht herunterspielt und auch keine furchtbare Quetschstimme hat, sondern seine Figur aus vollem Herzen und meist mit voller Pulle lebt und liebt.
Und all die anderen um ihn herum! Thanner, Hänschen, die Polen, der Bohlen, die Holländer, der Vorgesetzte, die Juristen und Immobilienhaie, die Saunaclubbesitzer, die Neonazis – eines kann man den damaligen Duisburger Tatorten nicht unterstellen: Dass sie zu karg eingerichtet sind. Aber wie wirkt „Moltke“ fast 30 Jahre nach dem Dreh als Fall? Das klären wir in der -> Rezension.
Handlung
Schimanski und Thanner werden mit einem Fall konfrontiert, der lange zurückliegt und den sie nicht aufklären konnten: 1978 wurde bei einem Bankraub einer der Täter schwer verletzt und daraufhin vom Anführer der Bande noch in der Bank exekutiert. Die Täter konnten entkommen – bis auf den Polen Zbiginiew Pawlak, der bis zum Eintreffen der Polizei neben seinem toten Bruder ausharrte.
Während der anschließenden Ermittlungen war aus Pawlak kein Wort herauszubringen. Die Presse verpasste ihm daraufhin den Spitznamen „Moltke“ (1), den er auch während seiner Haftstrafe behielt, da er weiterhin beharrlich schwieg. Als Pawlak aus dem Gefängnis entlassen wird, kennt er nur noch ein Ziel: den Mörder seines Bruders zu töten. Schimanski weiß das und muss die Tat verhindern.
Als die anderen Weihnachten feiern, beginnt ein Wettlauf zwischen den beiden Männern, bei dem der Pole stets einen kleinen Vorsprung hat. Zwei Bankräuber präsentiert er der Polizei. Als beide später ums Leben kommen, liegt der Verdacht nahe, dass „Moltke“ der Mörder ist. Schimanski glaubt – im Gegensatz zu Thanner – nicht daran. Der Kommissar schließt stattdessen mit dem Polen, der ihm in seiner Sturheit und Entschlossenheit ähnlich ist, einen Pakt: Er wird ihn vorübergehend vor seinen Polizeikollegen schützen, dafür soll „Moltke“ ihn zum Mörder seines Bruders führen. Der Pakt endet, als es endlich so weit ist.
(1) Anmerkung: Der General, der auch als „Der Schweiger“ apostrophiert wurde.
Rezension
Ist das wirklich schon so verdammt lang her, das Vorwende-Jahr 1988? Da wird einem ganz anders, weil man den Eindruck hat, inzwischen hat man zwei Leben gelebt, dabei ist es nicht einmal ein halbes. Nein, in der Realität waren jene Jahre nicht so anders als heute, wie sie in den Tatorten rüberkommen. Aber woher kommt es, dass man denkt, die späten 1980er sind weiter weg als die frühen 1970er, als zum Beispiel die Finke-Tatorte entstanden, die wir gerade rezensiert haben?
Der Grund ist ein ganz einfacher. Zeitgeistiges altert schneller als Zeitloses, denn der Zeitgeist, der mehr durch die Medienlandschaft und –wahrnehmung weht als durch den Alltag, der ändert sich nun einmal ziemlich rasch. Jetzt nicht mehr so schnell wie vielleicht in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg oder vor dem letzten Krieg, aber zwischen 1988 und heute liegen doch viele kleine Schritte auf dem Weg zur heutigen Art, Tatorte zu machen. Sicher gibt es Spuren und Verbindungen zu aktuellen Teams. So hat der Miterfinder des Münster-Teams Boerne und Thiel auch an den Schimanski-Tatorten schon mitgebastelt. Ketzerisch könnte man sagen: Die Handschrift zeigt sich darin, dass beide Schienen mit einem Übermaß an Personal und mit oft ziemlich chaotischen Drehbüchern befrachtet, belastet oder, wenn man es positiv sehen will, ausgestattet sind.
Selbst Schimanski hat in Kressin schon einen 1970er-Vorgänger, der ganz wesentliche Züge des Ruhrpott-Kommissars vorwegnimmt: aktionsreich, unkonventionell, manchmal prollig, immer den Weibern zugetan, als Gegenmodell zu den anderen Ermittlern ihrer Zeit aufgebaut. Bei Schimanski gibt es sogar im Team selbst mit dem wesentlich mehr als Bürokrat und typischer Beamter kenntlichen Thanner einen Gegenpol. Auf eine spezielle Weise ist das Konzept stimmig und man kann nachvollziehen, warum Schimanski der erste echte Kult-Kommissar wurde. Nicht erst nachträglich, sondern schon während seiner aktiven Zeit. Und dass man sich an ihm rieb, ist ebenfalls leicht zu verstehen.
Dabei konnte man mit ihm so herrliche Dinge machen, als Drehbuchautor der Regisseur, die man sich sonst immer verkneifen musste. Einfach aus dem Vollen filmen, nix Reduktion und Stilisierung, es sei denn, man betrachtet das pralle Leben, das aus den Schimm-Filmen platzt wie das Innere der Würstl beim Kochen, wenn die Haut zu heiß wird, ohne dass man vorher Luftlöcher hineingestochen hat. In „Moltke“ ist das besonders ausgeprägt. Selten stolpert und holpert durch den Tatort dieser Schimanski so sehr und macht immer sein eigenes Ding, wie hier. Der Film ist für damalige Verhältnisse rabiat atemlos, sodass Menschen, die noch mit en Rezeptionsgewohnheiten der Nachkriegszeit ausgestattet waren, wohl kaum dezidiert beschreiben konnten, was an diesem Film alles Blödsinn ist, aber insgesamt nicht selten das Gefühl hatten, dass man sie übers Ohr haute. Die Show dominiert klar (über) die Logik. Heute ist das nichts Besonderes mehr, aber wir machen mal einen Quervergleich:
Die Musik von Dieter Bohlen und das Lied „Silent Water“ von Blue System hauen richtig rein, so war die Mucke damals, und wer heute schreibt, das alles sei so grässlich, aber den Film sonst mag, der muss sich vergegenwärtigen, dass dies alles sehr gut aufeinander abgestimmt ist. Bei einem gleichzeitig entstandenen Brinkmann-Fall hätte dieses Fetzig-Übertriebene komplett deplatziert gewirkt, aber zu Schimmi passt es, denn er ist ein Typ, der aus dem Bauch röhrt, wie diejenigen, die den Song vortragen. Und dem Film Abzüge wegen des kurzen Schauspieleinsatzes von Dieter Bohlen zu geben – na ja. Man soll seine heutige Funktion als Reizfigur nicht zu sehr auf 1988 übertragen, denn sein „Modern Talking“ war mit das Erfolgreichste, was im deutschsprachigen Musikraum seinerzeit die Charts stürmte. Und selbst, wenn schon eine gewisse Ironie in seinem Einsatz lag, nehmen wir die gerne.
Wie auch Saunaclubs mit braunen Wandkacheln mit rustikaler Oberfläche und überhaupt die ganze Low Key-Anmutung damaliger Interieurs und, damit einhergehend, der Kamera-Arbeit. Der Stil hat sich eben verändert, das Übergrelle ist heute State of the Art, und wie man in dreißig Jahren zu den hochgradig kalt und überstylt wirkenden Innenrichtungen heutiger Prägung stehen wird, kann man nicht voraussagen. Wer Mediensoziologie studiert, kann eine Dissertation darüber schreiben, wie sich der Filmstil wandelt und damit unser Gefühl in unserer Welt ausdrückt. Allerdings sind wir klar der Meinung, die 1980er waren mode- und einrichtungsseitig ein Tiefpunkt, der kaum zu unterschreiten ist. Lediglich das klare, kantige Design damaliger Autos wie des im Film anwesenden Golf II in Schwarz stellte dazu ein gewisses Gegengewicht dar und war die Grundlage für Formen, die bis heute nur noch evolutionär weiterentwickelt werden.
Weiterentwickelt hat sich seitdem auch die politische Korrektheit, aber im Grunde das gleiche Muster: Auf einem verbesserungsfähigen, aber kultig herzhaften Niveau war Schimanski auch ein Integrator, nicht zuletzt wegen seiner eigenen Herkunft als Nachfahre von Ruhrpott-Polen. Daher funktioniert auch der Gag, dass er in der Kirche angerufen wird und ein anderer Schimanski, der Gast auf einer polnischen Hochzeit ist, ans Telefon geht, sodass Schimmi von Hänschen nicht gewarnt werden kann, dass nun gleich Thanner mit einer Zehn- bis Zwölfschaft anrückt und so seinem Freund und Kollegen die Möglichkeit nimmt, „Moltke“ auf seine Weise zur Räson zu bringen.
Der Fall, das haben wir bereits angedeutet, ist kein Leckerbissen. Nicht so sehr, weil riesige Plotholes klaffen würden, sondern, weil er hinter dem ganzen Getue um und mit Schimanski ziemlich verschwindet. Außerdem, bei aller Freundschaft: Unkonventionalität bedeutet bei uns nicht, dass das ohnehin viel zu weit verbreitete Saufen so gehypt werden muss, wie es die Filmemacher offenbar 1988 noch für notwendig halten, um eine Figur wie den Kommissar mit der alten Windjacke vollständig erscheinen zu lassen. Da ist auch nicht der gesellschaftskritische Kommentar dahinter wie beim ritualisierten Anbieten von Hochprozentigem, das in den 1970ern häufig in Tatorte integriert und zum Symbol für eine Überflussgesellschaft wurde, in welcher der Konsum anfängt sich zu verselbstständigen und in der Mittelstandsbürger sich pseudomondäne Lebenskulissen aufbauten.
Fazit
Der 214. Tatort erhielt 1989 den Adolf Grimme-Preis in Gold. Kann man das heute noch nachvollziehen? Ja und nein. Die Schimmi-Tatorte waren außergewöhnlich und man hat sicher nicht einen exorbitanten Kriminalfall, sondern den Aufruf zu Toleranz und Verständigung würdigen wollen, der in ihm enthalten ist. Vielleicht hat sich Schimanski den Preis letztlich mit den Arschtritten für die beiden Neonazi-Halbstarken verdient, die einen jungen Polen ausgrenzen. Zumindest könnten solche Momente den Ausschlag gegeben haben.
Heute würde das wohl nicht mehr reichen, um einen der begehrtesten deutschen Medienpreis zu erhalten, und der Film ist in der Tat veraltet, weil er so sehr auf einen Zeitgeist abstellte, der unbedingt eine Schimanski-Figur brauchte, um etwas mehr Lockerheit in die dicke Krume des weiten Tatort-Feldes zu einzupflügen. Wir sind aber heute so reich mit sonderbaren Typen gesegnet, wir sind auch so durch und wenig zu beeindrucken, dass wir auf andere Merkmale abstellen, um einen Film herausragend zu finden. Das bedeutet keineswegs, dass wir nicht Klassiker zu würdigen wissen. Aber „Moltke“ ist kein Klassiker, sondern ein als Krimi durchschnittliches Werk, das uns verstehen hilft, warum Schimanski nicht klassisch, sondern Kult ist.
7/10
© 2015 Der Wahlberliner, Alexander Platz
Kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Hajo Gies |
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| Drehbuch | |
| Produktion | Hartmut Grund |
| Musik | Dieter Bohlen |
| Kamera | Karl Kases |
| Schnitt | Claudia Wutz |
| Premiere | 28. Dez. 1988 auf ARD |
| Besetzung | |
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