Vergiftete Wahrheit (Dark Waters, USA 2019) #Filmfest 1159

Filmfest 1159 Cinema

Vergiftete Wahrheit (Originaltitel Dark Waters; ursprünglich vorgesehener Titel Dry Run) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Todd Haynes und die Filmadaption eines Berichts von Nathaniel Rich im New York Times Magazine über die 19 Jahre andauernde juristische Auseinandersetzung zwischen Robert Bilott und DuPont. Der Film kam am 22. November 2019 in die US-Kinos. In der Hauptrolle ist Mark Ruffalo als Robert Bilott zu sehen.

  • Wenn in einem Spielfilm ein real existierendes US-amerikanisches Unternehmen negativ dargestellt wird, was heißt das? Dass die Tatbestände absolut wasserdicht bewiesen sind, sonst könnten sich die Filmemacher vor gigantischen Klagen nicht retten.
  • Wenn Sie jemals mit einer Teflonpfanne gekocht haben, werden Sie jetzt vielleicht anders darüber denken, was angeblich alles aus der Raumfahrt den Weg in unsere Haushalte gefunden hat und dort seinen Wunderdienst zum Wohl der Menschheit tut.
  • Wenn Sie glauben, Sie hätten es nicht im Körper, das PFOA, irren Sie sich vermutlich. Sie haben, wie die meisten von uns, lediglich das Glück, dass die Konzentration nicht so hoch ist, dass es zu schweren Krankheiten und zum Tod kommen wird. Wollen wir hoffen, dass dies, nebst allen möglichen anderen Giftstoffen, in den nächsten Generationen so bleiben wird. Es ist immer wieder erstaunlich, was der menschliche Körper alles irgendwie verarbeiten kann, ohne dass es zur Auslöschung der Menschheit kommt.

Nach diesem Vorwort lesen Sie bitte nach der Handlungsangabe die -> Rezension zu „Vergiftete Wahrheit“.

Handlung[1]

1998: Der bei Taft Stettinius & Hollister in Cincinnati angestellte Unternehmensanwalt Robert Bilott hat es nach jahrelangem Bemühen geschafft, den Rang eines offiziellen „Partners“ in der Firma zu erlangen. Sein Arbeitgeber vertritt traditionell große Chemieunternehmen, weshalb Bilott zunächst wenig interessiert an der Übernahme des Falls des Farmers Wilbur Tennant ist, der aus der Wohngegend von Bilotts Großmutter um Parkersburg in West Virginia stammt. Tennant sind seine Kühe weggestorben, nachdem das Chemieunternehmen DuPont das Nachbargrundstück angekauft und das Wasser offenbar vergiftet hatte. Ein Bericht versucht, Tennants angeblich mangelnde Fähigkeiten als Farmer als Grund darzustellen, doch Bilott beginnt die Legalität der Machenschaften von DuPont zu hinterfragen. Als er den Fall übernimmt, stößt er auch innerhalb seiner Firma auf Widerstände, die DuPont zwar nicht vertritt, aber mit dem Konzern als Teil der Chemieindustrie auf freundschaftlichem Fuß steht.

In den folgenden Jahren ermittelt Bilott, dass DuPont chemische Stoffe wie Perfluoroctansäure (PFOA) und andere per- und polyfluorierte Alkylverbindungen einsetzt, obwohl ihnen durch verschiedene interne Studien seit den 1960er-Jahren deren giftige Wirkung bekannt ist. Gegenüber der Regierung und der Öffentlichkeit wurde der Einsatz von PFOA aber verschleiert und verharmlost. Die Mitarbeiter wurden dem PFOA während der Arbeit stark ausgesetzt, ebenso die Einwohner von Parkersburg, da PFOA via Umwelt auch ins Trinkwasser gelangt ist. Die Gefährdung ist zudem nicht nur regional, denn über Produkte wie die Teflonpfanne ist PFOA auch in die Haushalte gelangt.

Bilott kann einen Schadensersatz für den inzwischen krebskranken Wilbur Tennant erstreiten, kämpft aber anschließend aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Gefährdung weiter und schaltet die Environmental Protection Agency ein. Diese verurteilt DuPont zu einer Strafzahlung von 16,5 Millionen US-Dollar, was für den Milliardenkonzern aber nur Kleingeld ist. Bilott möchte mit seinem kleinen Team aber noch weiter gehen: da auffällig viele Anwohner in Parkersburg an verschiedenen Krankheiten wie Krebs leiden, will er vor Gericht erstreiten, dass DuPont den Bewohnern der Umgebung lebenslang die gesundheitliche Überwachung für Krankheiten bezahlt, die in Zusammenhang mit PFOA stehen. Um eine Chance zu haben, muss ein Zusammenhang zwischen PFOA und den Krankheiten der Anwohner festgestellt werden. Rund 69.000 Menschen geben eine Blutprobe ab.

Es kommt zu jahrelangen Entbehrungen und Krisen. Da die Überprüfung der Tests sieben Jahre andauert, wird Bilott aufgrund der langen Wartezeit für viele Bewohner von Parkersburg zu einer persona non grata. Weil in dem Fall keine Entwicklung erkennbar ist, er aber nicht davon loslassen will, stagnieren Karriere und Gehalt. Er bekommt gesundheitliche Probleme und die Beziehung mit seiner Ehefrau Sarah, mit der er drei Kinder hat, muss Belastungen aushalten, da sie ihm den Rücken freihält, er aber nur wenig Zeit für die Familie hat. (…)

Informationen

Der Film konnte bislang 89 Prozent der Kritiker bei Rotten Tomatoes überzeugen und erreichte hierbei eine Bewertung von 7,3 der möglichen 10 Punkte.[15]

In der IMDb kommt der Film zu einer Nutzerwertung von 7,6/10 und der Metascore beträgt 73/100.

Die Jury der Evangelischen Filmarbeit empfahl im April 2020 Vergiftete Wahrheit als Film des Monats. In der Begründung heißt es, Todd Haynes zeige, was es seinem Protagonisten abverlangt, sich mit einem einflussreichen Unternehmen anzulegen, das mit aller Macht verhindern will, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Der Film vermittle fundiertes Wissen um einen Umweltskandal mit weltweiten Auswirkungen, ohne zu belehren. Die dunklen Farbtöne, in die der Kameramann Edward Lachman die Bilder getaucht habe, spiegelten die abgründige Atmosphäre, in der sich der mutige Kampf des Anwaltes gegen den mächtigen Chemiekonzern abspiele. Zudem besteche der packende Film durch die herausragende schauspielerische Leistung von Mark Ruffalo.[16]

Der Film konnte weltweit 23,1 Millionen US-Dollar einspielen.[17]

Rezension

Man kann sich angesichts des Umweltskandals, der in diesem Film gezeigt wird, nur an den Kopf fassen, weil so offensichtliche Tatbestände 20 Jahre brauchen, bis sie endlich zu Schadensersatz fähren. Aber musste DuPont auch Strafen wegen Umweltvergehen zahlen?

DuPont de Nemours führte 2019 den Toxic 100 Water Polluters Index an und ist demnach der größte Verschmutzer von Wasser in den Vereinigten Staaten.[8] Die Vorgängerfirma E. I. du Pont de Nemours and Company, aus der DuPont de Nemours entstand, war in mehrere Umweltskandale verwickelt, darunter die Kontamination von Trinkwasser in Parkersburg[9] und die Verbreitung von Falschinformationen bezüglich der Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA), welche sehr persistent, stark bioakkumulativ und toxisch ist.[2]

So gewaltig und einflussreich wie BASF ist DuPont bei Weitem nicht, aber für amerikanische Verhältnisse ein Chemie-Gigant, der in der Lage war, einen der größten Umweltskandale der USA zu verursachen. Der Film tut weh, das muss ich vorausschicken, ein Blockbuster kann derlei gar nicht sein, zumal nicht in Zeiten, in denen auf der einen Seite Umweltaktivist:innen zwar für Klimaschutz kämpfen, andererseits aber wieder eine Technikgläubigkeit Einzug gehalten hat, die vorhersehbar macht, dass es zu vielen weiteren Pannen in der Wirtschaft kommen wird, weil die meisten Menschen schlicht kein Interesse daran haben, sich mit den negativen Folgen des Konsumismus auszeinanderzusetzen. Es sei denn, sie sind die direkt betroffen, wie der bemitleidenswerte Farmer in Parkersburg. Erst werden seine Kühe verrückt und gehen ein, dann er selbst.

„Vergiftete Wahrheit“ zeigt das in ruhigen, dunklen Bildern, vermeidet jede Effekthascherei. Das ist der zweite Grund, warum er keine Blockbuster-Qualitäten hat. Vereinfachungen  müssen wohl auch hier sein und würde man das Ganze nicht an der Geschichte des Anwalts aufhängen, der mehr oder weniger in die Sache hineingezogen wird, weil er eine Tante in Parkersburg hat und so die Kupplerin zwischen ihm und seinem Farmer-Mandanten spielt, sich dann aber mehr und mehr aus eigenem Antrieb engagiert. Das ist sehr klassisch-hollywoodmäßig, auch da geht der Film keinerlei Experimente ein und vermeidet mit dem Vertrauten einen zu großen Schock und auch einen zu dokumentarischen Ton, der in den USA nicht besonders beliebt ist. Gleichwohl, weil er Ross und Reiter nennt, weil er die zwielichtige Rolle der Politik benennt, weil er kein Mitleid für den Chemieriesen kennt, ist er ein Risikofilm, der auf Risiken hinweist.

 Man hätte das viel rührender filmen können, denn die Familienverhältnisse des Anwalts bieten sich dafür an, Krise, knapp vor der Scheidung, die Kinder leiden, die Frau leidet. Ja, man sieht es, aber es wird nicht so in den Vordergrund geschoben, dass das Anliegen dieses ambitionierten Werks in Klischees ertrinkt. Der übliche Rahmen wird eingehalten, aber es gibt einen weiteren Grund, warum man nicht zu sehr in die Grütze haut und kriminalistische Aspekte weitgehend raushält: Da DuPont genannt wird, konnte man nicht hingehen und dem Anwalt zum Beispiel eine tödliche Bedrohung von dieser Seite andichten, wenn es sie in Wirklichkeit nicht gab. Fiktionale Stoffe dieser Art, wie sie in den 1990ern in Mode waren, konnten sich da mehr Freiheiten erlauben, solange man nur ahnen konnte, um wen es vielleicht geht, wem die Akteur:innen nachgebildet sind, es aber meist nicht wusste (eine der Ausnahmen: „Erin Brockovich“ (2000), der ein ähnliches Thema behandelt und ebenfalls einen realen Fall aufgreift).

Vieles an dem Film erinnert aber auch an jene Filme wie „Die Firma“, in denen Anwälte, die Karriere machen könnten, auf Ungereimtheiten stoßen und diese Karriere letztlich für die Wahrheit und die Gerechtigkeit aufs Spiel setzen. Nur macht Mark Ruffalo das in „Vergiftete Wahrheit“ so unspektakulär und klar, dass man davor im Grunde mehr den Hut ziehen muss als vor den beseelten, aber auch eitlen Vorstellungen von Superstars wie Tom Cruise, die in solchen Rollen gerne zu finden sind oder im richtigen Alter darin zu finden waren, in dem sie aufstrebende Junganwälte oder Offiziere mit Ehrgefühl spielen konnten. Dies Filme, die dabei herauskamen sind spannend, das ist keine Frage. Als Courtyard-Dramen viel spannender als „Vergiftete Wahrheit“, der manchmal so zäh anmutet, wie das Durchforsten der Aktenberge von DuPont wohl gewesen sein muss. Auch da wird nichts beschönigt oder zu sehr gerafft. Der Film macht den Zuschauer nie durch Emotionalisierung zum Komplizen, nicht zu einem des Anwalts, nicht zu einem des Farmers.

Parteiisch wird man nur aufgrund der Ruchlosigkeit des Chemiekonzerns, die leider so gut vorstellbar ist. Auch sie wird nicht überdramatisiert oder systemkritisch analysiert. Die Dimensionen ahnt man jenseits von Parkersburg nur, weil man weiß und es erzählt bekommt, dass das Unternehmen weltweit fast alle Haushalt mit Produkten beglückt hat, die PFOA enthalten. Das Bedrohliche erwächst aus den Fakten, nicht aus einer besonders eindringlichen Darstellung.

Finale

Es ist wichtig, dass solche Independent-Filme immer wieder gemacht werden, deswegen ziehen wir sie manchmal vor, obwohl wir derzeit selten so junge Kinostücke rezensieren, sondern uns hauptsächlich in die Geschichte des Films vertiefen. Dies ist kein schöner Film. Wer sich vor dem Fernseher wohlfühlen oder ein wirklich gutes Ende sehen will, der ist bei „Vergiftete Wahrheit“ falsch. Denn was nützt der Schadensersatz, wenn die Gesundheit unrettbar ruiniert ist? Den Nachkommen am meisten, wenn es ihnen nicht ähnlich ergangen ist. Das mag ein Trost sein, aber befriedigend für den Rezipienten ist es nicht. Dass der Film für die Schule geeignet ist, würde ich jederzeit unterschreiben, denn so dröge er auch manchmal wirkt, er ist bei weitem besser geeignet, die Gefahren der chemischen Industrie darzustellen als eine rein theoretische Abhandlung oder gar ein unkritischer Umgang mit den künstlich hergestellten Verbindungen, von denen so viele unser Leben mitbestimmen. Es ist verständlich, dass es Jahrzehnte brauchte, um ein Bewusstsein für die Nachteile dieser Techniken, nicht nur der chemischen Industrie, herauszubilden. Aber dass die meisten Menschen es immer noch nicht haben, ist nicht mehr zu entschuldigen.

In Rede steht dabei aktuell vor allem die Lebensmittelindustrie. Mit Zähnen und Klauen kämpfen hier Lobbys gegen Aufklärer:innen und die Dummen sind die Verbraucher, das Tragische daran ist, dass Menschen, die nicht sehr gut gestellt sind, kaum eine andere Wahl haben, als die Chemie mitzuessen. Das ist durchaus eine andere Situation als eine, in der die Probleme eines Produkts noch gar nicht bekannt waren, wie bei Teflon nach seiner Einführung 1961 und dann jahrzehntelang.

Es geht bei einem Werk wie „Vergiftete Wahrheit“ nicht ums Gefallen, aber es ist ein wichtiger Film, daher von uns

83/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] Vergiftete Wahrheit – Wikipedia (+ kursive + tabellarische Textteile)

[2] DuPont de Nemours – Wikipedia

Regie Todd Haynes
Drehbuch Mario Correa,
Matthew Michael Carnahan
Produktion Pamela Koffler,
Mark Ruffalo,
Jeff Skoll,
Christine Vachon
Musik Marcelo Zarvos
Kamera Edward Lachman
Schnitt Affonso Gonçalves
Besetzung

Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar