Filmfest 1221 Cinema – Die große Rezension
The Little American is a 1917 American silent romantic war drama film directed by Cecil B. DeMille. The film stars Mary Pickford (who also served as producer) as an American woman who is in love with both a German soldier and a French soldier during World War I. Art direction for the film was done by Wilfred Buckland. John Hay Beith was technical advisor on the film, credited under his pen name, Ian Hay.[3]/[1]
Für das Jahr 1917 in der dritten US-Filmchronologie (“von Beginn an, ein Film pro Jahr“) wollten wir einen Blockbuster rezensieren – doch der größte von allen, „Cleopatra“ mit Teda Bara, ist einer der vielen Filme, die im Nitratfilm-Brand des Fox-Archivs im Jahr 1937 verlorenging. Sehr schade, denn es wäre der erste Monumentalfilm gewesen, den wir im Laufe dieser Chronologie besprochen hätten. Auf Rang zwei der umsatzstärksten Filme aber stand „The Little American“, mit großem Abstand zu dem skandalumwitterten Ägypten-Film, aber immerhin. So trafen wir nicht nur wieder auf Mary Pickford („Ramona“), sondern wurden auch in den Ersten Weltkrieg hineingezogen. Der Film hat keinen deutschen Wikipedia-Eintrag, aus nachvollziehbaren Gründen. Wir wollen es in solchen Fällen künftig häufiger so halten, dass wir den Originaltext nicht übersetzen lassen, weil wir sonst immer mit Korrekturen beschäftigt sind. Das gilt auch für Zitate aus dem Englischen.
Handlung
Karl von Austreim (Jack Holt) lebt mit seinem deutschen Vater und seiner amerikanischen Mutter in Amerika. Er bewundert und umwirbt eine junge Frau, Angela Moore (Mary Pickford). Als sie am 4. Juli 1914 ihren Geburtstag feiert, erhält sie vom französischen Grafen Jules De Destin (Raymond Hatton) Blumen. Sie werden von Karl unterbrochen, der ihr ebenfalls ein Geschenk überreicht, und sie wetteifern um Angelas Gunst. Karl wird unerwartet zu seinem Regiment nach Hamburg beordert, und Angela ist niedergeschlagen, als er ankündigt, dass er gehen muss. Am nächsten Tag liest Angela in der Zeitung, dass sich Deutsche und Franzosen im Krieg befinden und bereits 10.000 Deutsche getötet wurden.
Drei Monate vergehen, ohne dass Karl ein Wort sagt. Angela wird von ihrer Tante in Frankreich gebeten, sie zu besuchen und in die USA mitzunehmen. Es spricht sich herum, dass Deutschland jedes Schiff versenken wird, von dem man annimmt, dass es Munition für die Alliierten transportiert. Angela befindet sich an Bord eines dieser Schiffe, als es torpediert wird, und rettet sich, indem sie auf einen schwimmenden Tisch klettert und die Angreifer anfleht, nicht auf die Passagiere zu schießen. Schließlich wird sie gerettet.
Nach Wochen unaufhörlichen Hämmerns durch die deutschen Geschütze ziehen sich die Franzosen auf Vangy, das Haus von Angelas Tante, zurück. Zur gleichen Zeit kommt Angela ins Chateau Vangy, um ihre Tante zu besuchen, nur um festzustellen, dass sie gestorben ist. Die Preußen bombardieren die Stadt und Angela wird zur Flucht aufgefordert. Sie ist jedoch entschlossen zu bleiben, um die verwundeten französischen Soldaten zu pflegen. Ein französischer Soldat versucht, Angela zur Flucht zu verhelfen, aber sie will nicht. Als nächstes bittet er sie, einen französischen Soldaten die Deutschen ausspionieren zu lassen und die Franzosen über ein geheimes verstecktes Telefon zu informieren. Angela hat Angst, gibt ihnen aber die Erlaubnis. Die Deutschen greifen das Schloss an und der verbleibende französische Soldat wird getötet.[2]
Rezension
Die Produktionsgeschichte des Films habe ich nicht nachgeschaut, jedenfalls wurde er im Juli 1917 veröffentlicht, kurz nach dem Nationalfeiertag, und damals befanden sich die USA bereits drei Monate lang im Kriegszustand mit dem Deutschen Kaiserreich. Das merkt man dem Film deutlich an. Auch wenn er als Kriegsdrama oder Kriegs-Romanze apostrophiert ist, ist er mindestens so sehr ein Propagandafilm, mit allerdings bemerkenswerten Brüchen und Besonderheiten, denen man anmerkt, dass Cecil B. DeMille versucht hat, etwas Außergewöhnliches auf die Beine zu stellen oder auf die berüchtigten Nitratfilmstreifen zu bannen. Interessanterweise ist auch heute noch die Handlungsangabe „biased“, denn sie verschweigt zum Beispiel, dass der Deutsch-Amerikaner der jungen Frau ein viel intelligenteres Geschenk gemacht hat als der Franzose. Während Letzterer erklärt, dass die Blumen, wenn man sie auf eine bestimmte Weise hält, die französischen Nationalfarben zeigen, schenkt der halb-assimilierte Deutsche ihr eine Konfektschachtel, deren Inhalt im Ganzen die US-Flagge ergibt. Überhaupt wirkt er sympathischer und sieht auch besser aus als sein französisches Pendant. Zumindest, bis die beiden in den Krieg ziehen. Danach wendet sich das Blatt plötzlich (vom Aussehen natürlich abgesehen), darauf komme ich noch zu sprechen.
Möglich, dass der Film schon vor Kriegseintritt geplant oder begonnen wurde und eine Sache hat man jedenfalls durchgezogen: Die kleine Amerikanerin (wir haben die automatische englisch-deutsche Übersetzung nicht überall korrigiert, aber es ist die junge Frau gemeint, die von Mary Pickford gespielt wird) verliebt sich, auch da ist die Handlungsbeschreibung nicht korrekt, und zwar nur in den Deutsch-Amerikaner, entscheidet sich schon für ihn, bevor der Krieg beginnt.
Es gibt viele weitere Ungenauigkeiten in der Handlungsangabe, die aber einen bestimmten Grund haben könnten: Ich habe mir die vollständige Fassung von 84 Minuten Länge anschauen können, während in der Wikipedia eingebettet (und vielfach auf Youtube ausgestellt) eine 63-Minuten-Version zu sehen ist. So weit wollte ich nicht gehen, die beiden Versionen zu vergleichen, denn filmhistorisch ist das nicht maximal relevant. Was die 84 Minuten zu bieten haben, ist jedenfalls enorm und ganz anderes strukturiert als der nächste Film von DeMille, den ich mir gerade anschaue, um die Rezension über ein Werk aus dem Jahr 1919 schreiben zu können, „Male and Female“, der dann tatsächlich der größte Kassenerfolg des Jahres war. Was schlaglichtartig belegt, wie kommerziell erfolgreich DeMille in den späten 1910ern und frühen 1920ern war. Es war damals schon eine große Leistung, Filme zu machen, die mehr als eine Million Dollar einspielen. „The Little American“ brachte etwa die Hälfte ein, während das oben erwähnte Ägypten-Histodrama ebenfalls über eine Million Dollar Kasse machte, der Film war ausnahmsweise nicht eine Inszenierung von DeMille, obwohl das Teil so schwülstig gewesen sein muss, dass es gut zu ihm gepasst hätte. Vielmehr war J. Gordon Edwards verantwortlich, dessen Filme zu über 90 Prozent verloren sind.
„The Little American“ ist sehr actionreich und geradezu atemberaubend in seiner Dichte und Brutalität, die natürlich immer von den Deutschen ausgeht. Das wäre einfach als die Propaganda abzutun, die im Kino wie ein Bombenhagel auf die Amerikaner niederging, bis sie endlich kriegsbereit waren. Nicht alles davon, was wir sehen, war frei erfunden, aber natürlich vergröbert und einseitig dargestellt.
Gerade deswegen ist die amerikanisch-deutsche Liebesgeschichte so interessant und kontrovers. Cecil B. DeMilles persönliche Ansicht zur Sache, zumindest eine Annahme darüber, habe ich später nachgelesen, auch dazu unten noch etwas, aber hier ist nicht so sehr das Problem, dass die kleine Amerikanerin ihrer deutschen Liebe treu bleibt, durch all die Kriegswirren hindurch, die hier auf ein paar Tage komprimiert werden, sondern, dass der Mann sich, als er mit anderen Soldaten in das Schloss eindringt, in dem sich die kleine Amerikanerin befindet, genauso widerlich verhält wie die anderen, Teil des Ganzen ist, das sich barbarisch aufführt und Weinflaschen einfach zerschlägt, um aus dem gesplitterten Glas zu saufen, wobei nicht nur das Meiste verlorengeht, sondern was offenbar auch keine Schnittverletzungen hervorruft. Schade aus unserer Sicht, dass die Deutschen nicht wirklich so unverwundbar waren. Karl beteiligt sich zwar nicht an der ersten Vergewaltigungswelle gegenüber den Frauen im Schloss, aber dann unterläuft es ihm, dass er seine Angebetete zunächst nicht erkennt und ihr an die Wäsche will. Welch ein Furor Germanicus. Dann ist er zunächst passiv, hin- und hergerissen vielleicht zwischen dem Rausch der Macht über Menschen in fremden Kampfgebieten, erst zum Ende hin bekommt er mehr Heldenpulver verabreicht. Im Grunde, als er die kleine Amerikanerin als Hilfsspionin enttarnt und sie zu beschützen versucht, was beide beinahe das Leben kostet. Da wird die emotionale Logik wieder eingefangen, die zuvor komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Dass das funktioniert, muss man wohl der aufgeheizten Lage von 1917 zuschreiben und der Tatsache, dass die Amerikaner damals DeMilles sprunghaften Stil nicht komisch fanden, weil sie noch nicht so versiert im Anschauen von komplexeren Langfilmen waren. Das ist eine Erklärung, es muss nicht die einzige sein.
Nicht alle Szenen sind in dieser „Langversion“ ganz austariert, aber diese Eigenschaft habe ich bisher auch bei keinem der frühen Filme entdecken können, die ich für die „dritte Chronologie“ rezensiert habe. Es ist aber alles relativ, und Cecil B. DeMille ist unzweifelhaft ein Geschichtenerzähler, der sich voll reinstürzt und nicht aus sicherer intellektueller Distanz areitet, dem kein Bogen zu groß ist, um gespannt zu werden, damit das Publikum vor Spannung platzt, noch bevor der Bogen selbst überspannt ist. Das ist nicht im elaborierteren, Hitchcock’schen Sinne von Suspense gemeint, sondern als Aneinanderreihung von Sensationen, von Kitzel der Sinne. Das macht diesen Kriegsfilm in gewisser Weise schon recht modern, weil das Publikum nie aus den Fängen gelassen wird und für damalige Verhältnisse enorm in die Kacke gehauen wird, um es vorsichtig auszudrücken.
Es gibt aber eine richtige Exposition, den friedlichen Beginn, den im Wesentlichen als fair gezeigten Wettstreit um eine Frau – und als der Film gedreht wurde, konnte man noch nicht wissen, wie der Krieg ausgehen wird. Es war nicht so eindeutig wie im Zweiten Weltkrieg, wo bereits klar war, dass die Deutschen sich übernommen hatten, als die Amerikaner in den Krieg eintraten, und es sollte bis zum Frühjahr 1918 dauern, bis die materielle und personelle Überlegenheit der Alliierten den Sieg sicher erscheinen ließ, weil die Amerikaner, die vorher nur ein kleines Heer hatten, das bei Weitem nicht ausreichte, um den Anforderungen in der bis dahin größten Materialschlacht der Geschichte gerecht zu werden, voll in diesem Krieg eingerichtet hatten. Diese Situation des noch laufenden Ereignisses gab „The Little American“ natürlich einen zusätzlichen Kick und suggeriert zudem etwas Dokumentarisches, das der Film natürlich nicht vorweisen kann. In wieweit Dokumentarmaterial verwendet wurde, konnte ich nicht an der Bildqualität erkennen, ich meine aber, alles wirkt zu einheitlich, als dass man umfassend auf Bilder von den echten Schlachtfeldern zurückgegriffen hat. Obwohl das ja nicht so fern gelegen hätte. Aber Hollywood war schon damals in der Lage, sich seine eigene Realität zu erschaffen und die Historie dieser Traumstadt-Realität anzupassen.
Und wie sieht es mit dem Spiel aus? Um ehrlich zu sein, bis jetzt bin ich nicht vollständig dahinter gestiegen, warum einige Schauspieler:innen zu unendlichem, ewigem Starruhm kamen und andere nicht. Mary Pickford macht ihre Sache sympathisch, aber das hatten in dem hier gezeigten Maße andere frühe Stummfilmschauspielerinnen auch drauf. Jack Holt, der den US-Deutschen spielt, war kein ganz so großer Star, ist aber ein adäquater Partner für Pickford in diesem Film. Natürlich sind wir heute alle von späteren Hollywoodzeiten geprägt, als man sagen konnte: Klar, dies ist ein Star! Für den Tonfilm lässt sich, alles, was das Spiel dann ausmachte, heute noch eher nachvollziehen. Man hat eine Ahnung davon, warum manche Menschen die Leinwand magisch werden lassen konnten und andere weniger. Aber das Starsystem war 1917 schon etabliert und da erscheinen mir die Unterschiede im Spiel verschieden bekannter Aktricen und Akteure doch eher gering. Ausnahmen bisher: Wallace Reid („Carmen“, 1915) und natürlich Charles Chaplin, der auch in der rüden Frühversion seines Tramps schon eine echte Marke war. Gerade versuche ich zu verstehen, warum Gloria Swanson in „Male and Female“ so eine Sensation dargestellt haben soll. Vielleicht doch nur das Setting, inklusive schlau und cool designter Badewanne? Ich werde mich weiter bemühen, das Aufblühen früher Hollywoodstars zu begreifen. Bisher habe ich noch keinen Film mit Lilian Gish gesehen, weil ich mich mit den Werken von David Wark Griffith etwas zurückhalte, damit für die vierte Chronologie noch ein paar epochale und diskutable Werke übrigbleiben.
Sagen wir also, das Spiel der beiden Hauptdarsteller ist okay, ich habe auch nachgelesen, dass heutige Rezensenten gerade Jack Holt nicht durch den ganzen Film hinweg gut finden – aber ich vergleiche im Moment nur mit Werken, die älter sind, nicht mit späteren. Jedenfalls bin ich nicht auf eine Weise vom Hocker gefallen, die sich im Wege der Betrachtung eines 117 Jahre alten Stummfilms nicht geziemt hätte. Was allgemein festzustellen ist: Das Spiel wird etwas filmischer, Gestik und Mimik bereits um Grade sparsamer, knapper, der Ausdruck dadurch ernsthafter. Das kann man hier auch von Jack Holt sagen, zumindest in den Szenen imt Mary Pickford, wie in einer Rezension bemerk wird.
Obwohl der Film frei verfügbar ist, auch in der vollständigen Version, und obwohl er zu den einflussreichsten des Jahres 1917 gezählt haben dürfte, sind in der IMDb nur fünf professionelle Rezensionen zu finden. Eine davon immerhin von dem bekannten Kritiker Dennis Schwartz.
Cecil B. De Mille collaborates with the celebrated silent actress Mary Pickford to make this patriotic romantic war drama, which was made just at the time America entered World War I. It’s basically a WW1 propaganda film, largely attacking our brutal enemy — the Germans. (…) Not much of a story. One of Pickford’s poorer films. Grade C+[3]
Die Rezension weist auf etwas hin, was ich nicht ausschließen kann: Dass mir die besseren Pickford-Filme noch nicht begegnet sind und ich mein Urteil, dass sie nicht so hervorsticht, dass man verstehen könnte, dass sie die erste Filmstar-Millionärin war, noch revidieren werde. „Not much of a story“ verstehe ich eher als eine qualitative Aussage, bei einem Film, der ab Marys Überfahrt pausenlos Storyelemente produziert.
Was den Vergleich mit anderen Propagandafilmen anbelangt, so kann The Little American seine Mängel nicht überwinden, weil er als Film nicht funktioniert. Das wackelige Drehbuch, die dürftigen Motivationen für Helden und Bösewichte, der unerklärliche Abstieg des Hauptdarstellers in die Schurkerei… Am Ende scheitert The Little American jedoch, weil er zu kitschig ist, um künstlerisch zu sein, zu prätentiös, um ein Publikumsliebling zu sein, und zu hasserfüllt, um von den meisten modernen Zuschauern genossen zu werden.[4]
Die Rezension, deren Conclusio ich gerade zitiert habe, sollten Sie ganz lesen. Selbst über einen Film wie diesen kann man witzig schreiben und muss es vielleicht sogar, wenn man sich auf diese Zeit des frühen Spielfilmkinos spezialisiert hat. Dabei wird auf viele Aspekte dezidiert eingegangen, die ich nur angedeutet oder gar nicht beleuchtet habe. Zum Beispiel, dass Regisseur Cecil B. DeMille einen nahen Freund auf dem Dampfer Lusitania verloren hat, der bekanntlich von einem deutschen U-Boot versenkt wurde. Bestätigt wird auch, dass das Schiff tatsächlich Munition an Bord hatte und somit ein legitimes Kriegsziel war. Man könnte auch sagen, Passagiere als menschliche Schutzschilde für Munition. In Kriegen wie diesem und jedem anderen ist niemand unschuldig, es sei denn, es sind Nazis beteiligt, dann sind es die anderen.
Auch auf den Duktus des Films geht die Rezension viel deutlicher ein als ich und vergleicht die rüden antideutschen Filme Hollywoods aus dem Ersten Weltkrieg mit den geradezu subtilen Darstellungen der Werke, die vom nächsten Krieg handeln und analysiert auch, warum Mary Pickford hier nicht so glänzen kann, was meinen Eindruck bestätigt. Ich kenne ihre Glanzrollen offenbar noch nicht, gewinne jedoch mehr und mehr den Eindruck: Es muss sie geben und sie müssen Pckfords Ausnahmestellung im US-Film der 1910er und frühen 1920er erklären.
Filmhistorisch ist der Part, warum sie und DeMille nicht gut miteinander zu teamen waren, ihres unterschiedlichen Stils wegen, sicher der interessanteste einer reichhaltigen Rezension, die sich auf ironisch-detaillierte Art auch mit der Story an sich befasst. Einig sind wir uns auf jeden Fall darin, dass die Figur Karl, die Jack Holt darstellt, eigentlich kein Happy-End mit Mary Pickford verdient hätte.
Die Bemerkung, dass das Publikum schon damals nicht hätte von diesem Film angetan sein dürfen, stimmt nicht, siehe Box-Office-Angaben in der Wikipedia. Die Leute mochten es so roh, weil es rohe Zeiten waren, das gilt auch unabhängig vom Krieg. Man muss sich nur anschauen, wie Slapstick-Komödien damals aufgezogen wurden, um einen allgemeineren Eindruck zu erhalten. Insofern kann man auch sagen, alles dreht sich im Kreis, aber Trumps Familie kommt ja auch aus dem Land der Hunnen. Das Böse hat sich von dort oder hier aus über die ganze Welt verbreitet, es ist nicht etwa transsilvanischen Ursprungs, wie uns manche Horrorfilme Glauben machen wollen.
Finale
Einige Dinge waren mir gar nicht zentral aufgefallen, wie zum Beispiel, dass Angela (Pickford) zu passiv ist und zu einseitig patriotisch, aber mehr deklarativ als aktiv, um eine gute Figur zu sein. Vermutlich hat Pickford viele Rollen gehabt, wo sie mehr Initiative zeigen konnte als hier, wo sie nur reagiert, nicht agiert, wie die Rezension es ausdrückt, deren Spuren ich weiterhin folge. Vielleicht ist mir das deshalb nicht so aufgefallen, weil ich weit, weit zurückgegangen bin, um die Filme aus der Frühzeit zu verstehen, wo Figuren insgesamt nicht so weit entwickelt waren wie in späteren Zeiten, und dass das 1917 schon anderswo weitaus besser gemacht wurde als gerade in diesem Kriegsfilm, liegt zumindest nah – wenn auch nicht unbedingt nach der Betrachtung dessen, was ich bisher in der „Dritten Chronologie“ rezensiert habe. Die besten Filme in der Hinsicht waren aber auch die in diesem Zusammenhang jüngeren, speziell Frauenfiguren im Mittelpunkt betreffend: „Carmen“ (1915) und „Shoes“ (1916). Das amerikanische Heldentum, wie wir es heute kennen, hat sich nach meiner Ansicht auch erst mit diesen extrem männlichen Typen entwickelt, die im Tonfilm die Leinwand zu bevölkern begannen, dort herumschnoddern konnten und im Wege des Zweiten Weltkrieg ihre volle Ausprägung erfuhren, an der sich bis heute wenig verändert hat – abgesehen davon, dass alles immer übertriebener daherkommt. Dagegen nehmen sich Figuren aus diesen frühen Filmen auf eine Weise bescheiden und eher durch das Schicksal getrieben aus, die heute zu passiv wirkt, um das Heldenlabel zu erhalten. Vielleicht war eine Frau, die sich nicht in Hollywood, sondern im Krieg irgendwie behauptet, ohne gleich den ganzen Laden mit all den sich darin einnistenden Kriegsverbrechern zu rocken – realistischer, im gegebenen gesellschaftlichen Umfeld, und die Kinogänger fanden sie demgemäß hinreichend involviert.
Wenn wir immer wieder Abzüge wegen Rassismus geben, sogar bei guten Filmen, können wir das hier nicht anders machen, nur, weil wir im Sinne der nationalen Zugehörigkeit betroffen sind, denn im Grunde zählt eben doch jedes Leben gleich und jede Diskriminierung macht etwas. Ohne diese übertriebene Propaganda hätten wir dem Film in Berücksichtigung seiner Entstehungszeit etwa 60/100 gegeben. Wir meinen aber trotz der niedrigen Punktzahl, er ist filmhistorisch nicht unwichtig, weil er markiert, wie in der Filmstadt Hollywood gearbeitet wurde, als jede Zensur aufgehoben war und alle Masken fielen. Es folgt die niedrigste bisherige Wertung im Rahmen der 3. US-Chronologie „von Beginn an, jedes Jahr ein Film“.
45/100
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
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Directed by |
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Written by |
Jeanie MacPherson |
- Mary Pickford as Angela More
- Jack Holt as Karl Von Austreim
- Raymond Hatton as Count Jules De Destin
- Hobart Bosworth as German Colonel
- Walter Long as German Captain
- James Neill as Senator John More
- Ben Alexander as Bobby More
- Guy Oliver as Frederick Von Austreim
- Edythe Chapman as Mrs. Von Austreim
- Lillian Leighton as Angela’s Great Aunt
- DeWitt Jennings as English Barrister
- Wallace Beery as German soldier (uncredited)
- Gordon Griffith as Child (uncredited)
- Ramon Novarro as Wounded Soldier (uncredited)
- Colleen Moore as Nurse (uncredited)
- Norman Kerry as Wounded Soldier (uncredited)
- Sam Wood as Wounded Soldier (uncredited)
[1] Der kleine Amerikaner – Wikipedia
[2] Der kleine Amerikaner – Wikipedia, übrige Handlung: Deutsche Soldaten dringen in das Schloss ein, um sich zu betrinken und sich mit den Frauen zu amüsieren, die dort arbeiten. Nachdem die Deutschen die anderen jungen Frauen entdeckt haben, wollen sie auch Angela vergewaltigen, die die einzige Person in der Villa ist, die sich nicht verstecken lässt. Um sich selbst zu retten, gibt sie sich als neutrale Amerikanerin zu erkennen, aber sie interessieren sich nicht für ihre Nationalität. Angela versucht zu fliehen und sich zu verstecken, wird aber von einem deutschen Soldaten entdeckt, der sich als Karl herausstellt. Angela fleht ihn an, die anderen Frauen im Haus zu retten, aber Karl antwortet, dass er seinem Vorgesetzten keine Befehle erteilen kann, der sagt, seine Männer hätten ihre „Entspannung“ verdient. Sie erkennt, dass sie nichts tun kann. Mit der Erlaubnis, die Villa zu verlassen, wird sie Zeugin der Hinrichtung französischer Zivilisten. Sie ist untröstlich und beschließt, zurückzukehren, um sich zu rächen.
Angela ruft heimlich die Franzosen mit dem versteckten Telefon an und beschreibt drei Geschützstellungen in der Nähe des Schlosses. Die Franzosen bereiten sich vor und greifen die Deutschen an. Die Deutschen merken, dass jemand den Franzosen Informationen gibt und Karl fängt Angela ein. Er versucht, ihr zur Flucht zu verhelfen, aber sie werden gefangen genommen. Der Kommandant befiehlt, Angela als Spionin zu erschießen. Als Karl versucht, sie zu retten, wird er wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Als das Paar dem Tod ins Auge blickt, beschießen die Franzosen das Schloss und ermöglichen Angela und Karl die Flucht. Sie sind zu schwach, um zu rennen, und brechen in der Nähe einer Jesusstatue in den Ruinen einer Kirche zusammen. Am nächsten Tag werden sie von französischen Soldaten gefunden. Zunächst wollen sie Karl erschießen, doch Angela fleht ihren Kommandanten, Graf De Destin, an, ihn freizulassen. Sie erlauben es ihr schließlich, mit Karl an ihrer Seite nach Amerika zurückzukehren.
[3] LITTLE AMERICAN, THE – Dennis Schwartz Reviews
[4] Der kleine Amerikaner (1917) Eine Stummfilmkritik – Filme stumm
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