Filmfest Cinema – Die große Rezension
Spur der Systeme und der Kulturpolitik
Spur der Steine ist ein vom DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe (KAG) „Heinrich Greif“, produzierter Gegenwartsfilm aus dem Jahr 1966. Der Film wurde in Schwarzweiß gedreht. Regisseur war Frank Beyer, der mit Karl Georg Egel auch das Drehbuch verfasste. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch. Der Film wurde am Vorabend der 8. Arbeiterfestspiele der DDR in Potsdam uraufgeführt, lief anschließend in einigen Kinos, bevor er wegen „antisozialistischer Tendenzen“ aus dem Programm genommen wurde. Er gehört damit zu den Verbotsfilmen der DDR. Erst im Oktober 1989 durfte der Film wieder in der DDR aufgeführt werden, wenig später wurde er bei der Berlinale 1990 in der Bundesrepublik Deutschland gezeigt.
„Spur der Steine“ ist einer der legendärsten DEFA-Filme, schon wegen seiner Geschichte: Verfilmung eines Erfolgsromans, der seinerseits mit Preisen bedacht wurde, Freigabe durch die Zensur, kurz darauf Verbot und Wiederaufführung erst Ende 1989, sehr kurz vor dem Mauerfall. Immerhin kann die DDR noch für sich beanspruchen, in einer anderen Zeit ein Urteil revidiert zu haben, das aus der Sicht der SED so falsch gar nicht war. Schon gar nicht im Jahr 1966, als der saarländische Kleinbürger oder Spießer im roten Gewand, Erich Honecker, mit seinem begrenzten Weltbild an die Parteispitze trat und gleich ahnen ließ, wohin er die DDR künstlerisch (und wirtschaftlich) zu führen gedachte: abwärts. Entscheidend war der XI. Parteitag des ZK der SED im Dezember 1965 unter seinem Vorsitz, der eine mit dem Begriff konservativer sehr behutsam umschriebene Kulturpolitik mit sich brachte. Einige Filme wie „Das Kaninchen bin ich“ von Kurt Maetzig fielen der neuen Linie noch vor ihrer Aufführung zum Opfer. Damit die DEFA überhaupt noch etwas vorzeigen konnte, wurde der für DDR-Verhältnisse sehr aufwendige „Spur der Steine“ noch in die Kinos gebracht, um wegen von der Partei inszenierter Proteste gleich wieder daraus zu verschwinden. Um diesen auf vielen Ebenen politischen Film geht es also in der Rezension.
Handlung (1)
Auf der DDR-Großbaustelle Schkona arbeitet der Zimmermann und Brigadeleiter (Vorarbeiter) Hannes Balla. Balla und seine Leute halten nicht viel von den bürokratischen Regeln der Planwirtschaft, zählen aber trotzdem zu den produktivsten Arbeitsbrigaden auf dem Bau. Notfalls verschaffen sie sich fehlendes Material auch mit Gewalt. Dennoch werden ihre Methoden auf Grund ihrer Arbeitsleistungen von der Bauleitung zunächst geduldet. Als eines Tages der idealistische SED-Parteisekretär Werner Horrath seinen Dienst an der Baustelle antritt, fühlt er anfangs seine Autorität untergraben, dennoch gelingt es ihm, Balla, den er als erstklassigen Arbeiter schätzt, für seine Idee einer höheren Produktivität zu gewinnen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Die beiden Männer verbindet bald eine Mischung aus gegenseitigem Respekt, aber auch eine gewisse Rivalität um die Liebe der Ingenieurin Kati Klee, die ebenfalls neu auf die Großbaustelle gekommen ist. Beide Männer verlieben sich in Kati, Horrath gelingt es schließlich jedoch, Katis Herz für sich zu gewinnen. Es beginnt eine heimliche Liebesaffäre, da Horrath bereits verheiratet ist, seinen Parteiposten nicht gefährden will und sich außerdem nicht von seiner Familie trennen kann. Später wird Kati schwanger. Sie verrät aber aus Parteiloyalität den Namen des Vaters nicht und schützt so Horrath, der wiederum sich immer mehr von Kati entfremdet und in eine Krise gerät, in der er zwischen Pflichterfüllung und seiner Liebe zu Kati entscheiden muss. Erst als sich Kati von ihm endgültig lösen will, bekennt er sich öffentlich zu ihr und verliert dadurch sämtliche Parteiposten. Seine Frau reicht die Scheidung ein, sodass Horrath fortan als Arbeiter in Hannes Ballas Brigade arbeiten muss. Balla ist letztlich die Person, die ihn bei einem Parteiausschlussverfahren verteidigt.
Rezension
Es ist ein recht umfängliches Spektrum von Publikationen, die wir wegen unserer politischen Meinungsbildung regelmäßig sichten. Dazu gehört auch die Zeitung „Neues Deutschland“. Aber das heißt nicht, dass wir alles kaufen, was da drin steht, denn die Beurteilung des „ND“ von „Spur der Steine“ lautete 1966 so:
„Der Film Spur der Steine wird der Größe des Themas nicht gerecht. Er gibt ein verzerrtes Bild von unserer sozialistischen Wirklichkeit, dem Kampf der Arbeiterklasse, ihrer ruhmreichen Partei und dem aufopferungsvollen Wirken ihrer Mitglieder …“ (…) „Der Film erfasst nicht das Ethos, die politisch-moralische Kraft der Partei der Arbeiterklasse und der Idee des Sozialismus, bringt dafür aber Szenen auf die Leinwand, die bei den Zuschauern mit Recht Empörung auslösten.“ – Hans Konrad: Spuren der Steine? Zu einem Film von Frank Beyer. Filmkritik. In: Neues Deutschlandvom 6. Juli 1966
Ob mit den „Empörung“ auslösenden Elementen mehr die wilde Brigade Balla mit ihrem autoritätskritischen Anführer gemeint ist oder die verbotene Liebe zwischen Horrath und Kati Klee? Beides möglicherweise. Und natürlich geht es nach offizieller Maßgabe nicht, wie Parteifunktionäre à la Bleibtreu sich verhalten und ihre menschliche und fachliche Unfähigkeit demonstrieren. Es gibt eine Menge, was ein linientreuer SED-Parteisoldat an dem Film hätte aussetzen können. Bevor wir auf die Ost-Diktatur schimpfen, machen wir aber mal einen Test anhand der Wirklichkeit, die wir am besten kennen: Der in Westdeutschland.
Im Westen wäre der Film 1966, zu Beginn der großen Koalition, sicher nicht verboten worden, wenn er westdeutsche Politik- und Wirtschaftsverhältnisse ähnlich kritisch dargestellt hätte. Das immerhin hatte die BRD der DDR schon voraus. Allerdings entwickelten sich die beiden Staaten auch gegensätzlich. Während im Westen immer mehr möglich war und die Gesellschaft zunehmend toleranter wurde, grenzten im Osten der erwähnte DDR-Unglücksfall Erich Honecker und seine Helfer die Möglichkeiten der Kunstschaffenden immer mehr ein und verhinderten so eine Weiterentwicklung. Die Angst vor der Kritik in Kunstform wurde größer, als das Vertrauen in ihre vorwärts gerichtete Kraft, ihre konstruktiven Ansätze. Wir schreiben über konstruktive Kritik, die im Film als „nach vorne diskutieren“ bezeichnet wird und richtigerweise die bisherigen Fehler akzeptiert und nicht überbewertet, sie schon gar keiner rigiden Moralbetrachtung unterzieht, wo es nur um fachlich-sachliche Mängel geht.
Der Film ist im Ganzen nicht unbedingt dem Sozialismus feindlich gesinnt, aber er lotet die Grenzen der Kritik aus, die man kurz vor der erwähnten ZK-Tagung nach eigenem Gefühl und von der Zensur bestätigt noch gerade gewahrt hatte.
In Westdeutschland hingegen gab es gar kein vergleichbares Werk. Der „Junge Deutsche Film“ war schon in Ansätzen sichtbar, aber einen solchen Wurf, der das Ganze zu erfassen sucht, ohne Kompromisse und massenuntaugliche Verfremdungen, gab es in der BRD im Grunde nie. Die Mittel, mit denen die Neufilmer arbeiteten, waren vor allem in den ersten Jahren viel abstrakter und sowohl subjektiv als auch induktiv ausgerichtet.
Frank Beyer hingegen arbeitet erkennbar mit einer Prämisse, nämlich der eines Sozialismus, wie er sein sollte und funktionieren könnte, und prüft anhand des Geschehens auf der Großbaustelle Schkona, wie sich die Wirklichkeit zur Prämisse verhält. Er stellt fest, dass einiges im Argen liegt und falsche Prioritäten gesetzt werden und beschreibt, wie am Ende in einer großen Diskussionsrunde die Prämisse sich doch durchsetzt – in Westsprache: Die Konzernleitung und die politisch Verantwortlichen setzen sich zusammen an einem nicht runden, aber großen Tisch, sind ganz ehrlich miteinander und bereinigen alles zum Besten.
Trotzdem bleibt da ein tiefgreifender Zweifel, und das war es wohl, was die SED-Leute besonders geärgert hat. Gar zu modellhaft wird am Ende die Eintracht hergestellt. Man befürchtete jedoch, jenen, die den Film gesehen hatten, würde vor allem im Gedächtnis bleiben: Die Planwirtschaft nach realem DDR-Muster ist eine Mangelwirtschaft. Zweiter Punkt: Alle privaten Vorgänge werden schonungslos von der Partei bewertet. Schon diese beiden Aspekte reichen aus, um dem Film hinter dem versöhnlichen Ende, das aber immerhin Frau Klee oder wenigstens ihre Verbindung zu Horrath als Opfer fordert, eine systemkritische Tendenz zuzusprechen.
Noch zwei Jahre zuvor war der ebenfalls nicht unkritische Konrad Wolf-Film „Der geteilte Himmel“ vor allem arbeitsseitig mit ähnlichen Problemen unterwegs, legte sich aber dahingehend fest, dass der Kapitalismus trotz seiner warenwirtschaftlichen Überlegenheit kein Gesellschaftssystem ist, in dem man sich wohlfühlen kann. Diesen Vergleich zieht „Spur der Steine“ nicht, sondern lässt es unwidersprochen stehen, dass Balla, wenn ihm alles gegen den Strich geht, auch schon mal mit rübermachen liebäugelt. Eine so kritische Darstellung, dabei bleiben wir aber, hätte im umgekehrten Fall nicht zum Totalverbot geführt. Eine harte politische Zensur von Filmen gab es in den späten 1960ern in der BRD nicht mehr. Laut Grundgesetz hätte es sie von Beginn an nicht geben dürfen. Das stimmte nicht ganz und darüber kam es zu legendären Prozessen vor dem Bundesverfassungsgericht, die dazu beitrugen, diese Demokratie auf ihre späteres Niveau zu heben.
Wir bleiben aber bei der vergleichenden Betrachtung und beziehen sie mehr auf den Umgang mit Kunst durch die Kulturpolitik, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst.
Auch wenn es kolportagehaft klingen mag, man sieht an akutellen Bauprojekten in Berlin, dass der Kapitalismus nicht zwangsläufig effizienter ist. Im Gegenteil, das Planungs- und Ausführungsversagen kann in diesem System apokalyptische Ausmaße erreichen, weil niemand so rigide durchgreifen kann oder will, wie es in der DDR seitens der Partei zweifelsohne der Fall war.
Das wertet nicht das westliche Produktionssystem ab, schon gar nicht im Konsümgüterbereich, und die Bauwirtschaft war immer schon ein spezieller Fall. Aber es macht deutlich, dass konstruktive Kritik überall ihre Schwierigkeiten hat und das Bessere, das nach Meinung von Horrath nicht mehr zu unterdrücken ist, wenn es sich erst einmal durchgesetzt hat – in diesem Fall das Dreischicht-System mit Nachtarbeit am Bau, das selbst heute nur im Straßenbau und bei ganz wichtigen Projekten durchgeführt wird, bei denen die Tageszeit eine Rolle spielt, des Verkehrsflusses wegen. Die Bauwirtschaft ist für Planungs- und Ausführungsfehler so anfällig wie kaum eine andere Branche, macht hin und wieder einen technologischen Fortschritt, aber sperrt sich gegen der Deutschen Lieblingsart, Dinge zu verbessern: den kontinuierlichen Prozess, das Feilen an immer mehr und mehr Nähe zur Perfektion in langfristigen Produktionszyklen. Denn jedes neue Bauprojekt basiert nicht nur auf Bekanntem, sondern kann neue Fehler beinhalten, die bei anderen Porjekten, bereits gemacht wurden. In der Produktion kann das auch passieren, aber die Prozesses sind mehr genormt und qualitativ besser kontrollierbar. Die Normbauplatte K 70 der DDR lassen wir dabei außen vor.
Das Setting von „Spur der Steine“ ist natürlich sehr interessant, weil so viel Exemplarisches gezeigt werden kann, aber für Kritik am DDR-Wirtschaftssystem weniger geeignet als Bereiche, in denen die DDR technisch vom Westen schlicht abgehängt wurde.
Anderes gilt für den gesellschaftlichen Aspekt. Wie moralisch muss ein Mann sein, der Politiker und Manager zugleich ist, was sein Privatleben angeht? Muss er Vorbildfunktion in allem und jedem haben? Offensichtlich, und das ist kein DDR-Phänomen. In den letzten Jahren mindert sich jedoch die gesellschaftliche Relevanz dessen, was Politiker privat veranstalten, solange es nicht besonders hässliche Auswüchse nimmt.
Würde heute ein Politiker noch über eine Affäre stolpern oder über ein uneheliches Kind? Nicht mehr, wenn er etabliert ist. Aber 1966? Der gesellschaftliche Druck auf einen westdeutschen Politiker wäre ebenso groß gewesen wie der Druck der SED auf Horrath. Das Unheimliche, das in „Spur der Steine“ sichtbar wird: Dass sich eine staatliche Organisation anmaßt, über andere ein so vernichtendes Urteil zu fällen, sogar über einen Mann, der sich so müht, beruflich das Beste zu erreichen, und zwar nicht für sich, sondern für alle, fürs Kollektiv, und der sich mit allen anlegt, die aus eigensüchtigen Gründen nicht optimal dafür Sorge tragen, dass das große (Bau-) Werk gelingen möge.
Zeitweise im Verlauf des Films mochten wir den Mann ihn nicht sehr, weil er so laviert zwischen den Frauen, aber wären wir in einer ähnlichen Position, würden wir sie sofort riskieren, um unser privates neues Glück vollständig zu verwirklichen? Zumal, wenn wir so aus Überzeugung in dieser Position und auch am richtigen Platz wären, wie Horrath? Dass jemand aus Liebe „schwach“ werden kann, das wird hier ernsthaft diskutiert, alle Beteiligten reden sich die Köpfe heiß darüber. Das ist furchtbar demütigend und dem menschlichen Wesen zuwider. Im Westen hätte zu jener Zeit, wenn sie dahinter gekommen wäre, die Presse sich der Sache angenommen, und die Lawine, die dann in Gang gesetzt worden wäre, die hätte möglicherweise ebensolche Folgen für die Betroffenen gehabt. Aber nur, wenn eine Prämisse verletzt worden wäre: Es gab eine Art Konsens zwischen der Politik und den Medien, ein „Bis hierher und nicht weiter“. Auch deswegen hatten Politiker in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik offiziell keine Verhältnisse außerhalb der Ehe. Das war eine Selbstzensur der Journalisten, und dem Grunde nach war diese Handhabe richtig. Man muss Arbeitsrolle und Privatleben getrennt halten dürfen. Heute bedarf es dieser Zurückhaltung, die es nicht mehr gibt, auch nicht mehr, weil die Folgen eines „Fehltritts“ nicht mehr so gravierend sind für Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Vor allem nach der Wiedervereinigung hat sich die Lage erheblich entspannt oder verändert, was die gesellschaftliche Bewertung von Ehebruch angeht. Darauf hatte die „Ost-Erfahrung“ sicher auch einen Einfluss.
Auf die eine oder andere Weise waren beide Gesellschaften in Deutschland nicht in wünschenswertem Maß fortschrittlich, auch wenn in der DDR die Frauenquote im Arbeitsleben höher war. Dies wird allzu gerne und fälschlicherweise als Beleg für ein moderneres, frauenfreundliches System im Ganzen hergenommen wird. Dass Frauen so sehr eingebunden wurden, hatte vor allem ökonomische Gründe, unter anderem bis 1961, um die vielen Abgänge in den Westen zu kompensieren.
Aber dass zum Beispiel Ingenieure im Handumdrehen aus disziplinarischen Gründen zu Arbeitern gemacht werden können, die am Bau körperlich schwerste Tätigkeiten ausüben müssen, ist nicht nur ineffizient, es ist auch ein komplett rücksichtsloses , bewusst erniedrigendes und gar nicht frauenfreundliches Vorgehen, wie es Kati Klee widerfährt. Es ist wie Arbeitslager ohne Kasernierung. Die ist auch gar nicht nötig, denn die braven Leute, denen dies widerfährt wollen ja nicht einmal deswegen abhauen, da ist der Film entgegenkommend gegenüber denen, die ihn dann doch verboten haben. Dieses Willkürliche von oben wirkt auf uns so unheimlich, weil wir vom Westen her wohl Formen der Repression gewohnt sind, aber sie erschienen während der guten Jahre nicht so offen autoritär oder verbohrt, entfalteten mehr Wirkung auf Einzelschicksale, als dass sie sichtbar ein Volk geradezu verbiegen mussten, weil es im inneren Zwist zwischen systemdienlicher Rhetorik, einem rigiden Anpassungsdruck im Arbeitsleben und privater Glücksuche als Ausgleich eingequetscht war. Mobbing von oben und beim auf eigene Faust Durchbeißen nach oben ist schlussendlich dem Kapitalismus geradezu in die Wiege gelegt worden. In einem echten Sozialismus sollte es das nicht geben. Dort, wo Menschen zugange sind, ist eben nichts perfekt, schon gar nicht zwischenmenschlich.
Gesellschaftspolitisch-ökonomisch und übergeordnet betrachtet, kann man sich heute nicht darüber echauffieren, dass der sozialistische Mensch nicht in wenigen Jahren zu erschaffen war, der all jene Fehler nicht mehr hat, die wir im Film sehen. Im Gegenteil, weil es immer schwieriger wurde, sich offen zu äußern, entstanden Deformationen, die bis heute Bestandteil von Verhaltensweisen sind, die uns immer wieder seltsam und manchmal bedrückend erscheinen. Dazu gehört unter anderem eine äußerst stark wertende Art zu reden und zu denken, die zwar gundsätzlich sehr deutsch und wenig tolerant, aber nach unserer Beobachtung im Osten noch stärker ausgeprägt, bis hin zu kleinsten Kleinigkeiten. Ein solches System verschwindet politisch, aber nicht aus den Köpfen. Es bleibt dort vielleicht sogar länger, als es politisch bestanden hat und tradiert sich.
Der Film wäre aber als Plädoyer für mehr Aufklärung im bestehenden und der Verbesserung zugänglichen Sozialismus nichts ohne die geniale Idee, die Leute in der unangepassten Zimmermanskluft den anderen Arbeitern gegenüberzustellen und sie bezüglich ihres Arbeitseinsatzes sogar als Vorbilder herauszustellen. Nicht die genau konforme ideologische Position macht den Sozialismus aus, sondern der Wille zur Solidarität und zum Ziehen an einem Strang, in das Horrath seinen Widersacher, den Brigadier Balla, mehr und mehr einbindet.
Der wiederum gibt gegenüber Kati zu, dass Vieles von seinem widerborstigen Wesen gespielt ist, weil er „einen schlechten Ruf zu verteidigen hat“, sprich: es ist seine Art, sich Autorität und Respekt zu verschaffen. Dabei hat der Film ein weiteres Plus vorzuweisen, das damit in Verbindung steht:
Manfred Krug sticht darstellerisch aus einem guten Ensemble noch einmal bedeutend heraus, weil er anders spielt als alle anderen. Es ist ja auch das Ding seiner Figur, anders zu sein. Das machte den Darsteller im Osten zu einer Ikone der Jugend. Die Authentizitätsvermutung wird fantastisch unterstützt. Ob es mehr ein Titanenkampf geworden wäre, wenn der dominante Krug, wie ursprünglich geplant, sich Armin Mueller-Stahl hätte messen müssen, der aber wegen anderer Verpflichtung an „Spur der Steine“ nicht mitwirken konnte? Wie auch immer, er gibt dem Outsider eine manifeste Statur, ist einzig nicht nur unter den ostdeutschen Schauspielern der Zeit. Uns fällt auch im Westen kein ähnlicher Darsteller ein, der 1966 schon aktiv war und der auf mit einer so neuzeitlichen Spielweise und glaubwürdige Art einen dominanten Bauarbeiter verkörpert. Ob es so gedacht war oder nicht, die Sympathien liegen vielleicht nicht ab der ersten Minute, aber dann doch so bald bei ihm, dass man sich unter anderem fragt, warum Kati sich nicht ihm zuwendet – der Schluss liegt aber nah, dass die Akademiker eben doch einander eher finden. weegen der gemeinsamen Sprachverwendung. So viel zum Arbeiter- und Bauernstaat als einem Ideal, in dem die Kopfarbeiter zwar nicht so viel besser bezahlt wurden wie im Westen, aber dessen egalitärer Ansatz aber nicht dazu führte, dass alles gleich wurde, was nicht gleich sein wollte. Da hat, wie wir später festgestellt haben, auch der bewusste Hyp um den proletarischen Menschen eher zu einer Abwärtsbewegung geführt, weil dieser eben nicht im Sinne einer humanoiden Neuheit erhoben wurde oder sich selbst erheben wollte.
Finale
Im visuellen Bereich stellt sich die Frage, ob viele Settings symbolischen Charakter haben, viele Szenen mit ihrer Ausgestaltung etwas ausdrücken wollen, wie es etwa in Konrad Wolfs oben erwähntem Film eindeutig der Fall ist. Wir meinen, eher nicht. Die ins Bild gesetzte Vision ist nicht das Haupt-Arbeitsmittel von Frank Beyer, sondern der große gesellschaftliche Diskurs wird dort gezeigt, wo er gerade stattfindet oder anhand von Dialogen sichtbar gemacht werden kann.
Diese sind allerdings hervorragend ausgearbeitet. Sie wirken so echt, wie man sich Echtheit im DDR-System eben vorstellen kann. Das heißt, sie wirken auf uns teilweise sonderbar, aber wenn man sich mit älteren Ostbürgern unterhält, findet man durchaus Spuren davon – nicht nur in der Diktion, sondern auch bezüglich der Ansichten. Zwischendurch dachten wir, bei dieser Diskussionskultur, bei er sich alle mehr oder weniger aufreiben, bleibt ja keine Energie mehr für die eigentlichen Aufgaben. Aber wird im Westen weniger rumgeredet und greift nicht geradezu heutzutage das Sitzungswesen so um sich, dass Absicherung und Konsens nach allen Seiten Mut und Tatkraft ersetzen? Dass die Herstellung einer Linie wichtiger ist als die Ergebnisse, die aus einer solchen Linie erwachsen können? Oh doch. Und das hat nichts damit zu tun, dass man Kompromisse eingehen muss, um etwas erreichen zu können.
Viele DEFA-Filme sind „Einzelstücke“, weil die Produktion nicht so groß war, dass sehr viele ähnliche, sich zu eigenständigen Genres entwickelnden Werke hätten auf den Markt kommen können, und es gab kein Studiosystem à la Hollywood, das immer das Gleiche in anderen Dekors verkaufte und mit anderen Darstellern, das war nicht die Herangehensweise und dafür wäre der Markt auch zu klein gewesen. Es gab die „Arbeitsgruppen“, wie „Roter Kreis“, oder eben, wie hier, „Heinrich Greif“. Und die hatten einen oft vom Staat ausgehenden oder unterstützten künstlerischen Auftrag – was nicht heißt, dass es kein „Kommerzkino mit Botschaft“ gegeben hätte, wie die Indianerfilme der 1960er und 1970er. „Spur der Steine“ ist aber dennoch besonders. Der große Bogen, den der Film schlägt, wird zeitweilig etwas überdehnt, aber die Handlung fängt sich immer wieder ein und die Dinge gehen voran. Ein wichtiges Stilmittel weist der Film in diesem Zusammenhang auf:
Er bewegt sich auf zwei Zeitebenen vorwärts. Er setzt ein in dem Moment, als alle zum entscheidenden Treffen fahren und von da ab wird in Rückblenden gleichzeitig die Vergangenheit vorangetrieben, die zu diesem Treffen geführt hat wie auch das Meeting selbst. Das ist sehr versiert gemacht und steigert die Dynamik. Weniger gut gefallen haben uns manche Zeitsprünge und Szenenwechsel, nach denen man sich erst einmal orientieren muss, wieviel Zeit zwischen den Szenen vergangen sein könnte, die aufeinander folgen. Vor allem die private Erzählung von Horrath weist diese etwas ruckigen Übergänge auf.
Der perfekte Film, nach dem wir immer suchen, ist „Spur der Steine“ nicht, aber er ist auf seine Weise das größte Ding, das in der DDR produziert wurde: Ein Gegenwartsfilm, der nichts auslässt, was wichtig ist, um den Realsozialismus zu verstehen – und zu erfahren.
Anmerkung anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension im neuen Wahlberliner 2024
Im Jahr 2016 schrieben wir: Anlässlich des Todes von Manfred Krug, der heute bekannt geworden ist veröffentlichen wir an diesem Sonderplatz die Rezension zu „Spur der Steine“. Geplant war ursprünglich die Publikation des Beitrages im Rahmen einer kleinen Werkschau „70 Jahre DEFA“. Der Tag der Veröffentlichung war der 27. Oktober 2016, Manfred Krug verstarb am 21. Oktober. Da wir den „ersten“ Wahlberliner am 31.12.2026 schlossen, kam es nicht mehr zur DEFA-Werkschau. Das werden wir auch nicht nachholen, denn wir gehen mittlerweile chronologisch vor, das Filmland Deutschland betreffend und haben mittlerweile viele weitere DEFA-Filme entdeckt, die wir noch sichten möchten, außerdem viel Zeit in die fast vollständige Rezension der Fernsehreihe Polizeiruf 110 investiert, die ganz hervorragende Aufschlüsse über das Alltagsleben in der DDR gibt – nach unserer Ansicht in stärkerem Maße als künstlerisch anspruchsvolle und dadurch mehr stilisierte Filme. Gerade in dieser aufgeregten Zeit ist es wichtig, sich – nicht in Erinnerung zu rufen, das ist bei uns nicht möglich – damit zu befassen, wie es wirklich war. Das ist einfacher, wenn man nicht das Befürfnis hat, sich an etwas so zu erinnern, wie man es gerne gehabt hätte und anderen gerne darstellen würde.
Die Punktzahl haben wir um das maximal mögliche Maß von 2 reduziert, was dank der jetzigen 100er-Wertung besser möglich ist. Der Film hatte zuvor 9/10, 90/100 oder mehr vergeben wir aber äußerst selten, zu 100/100 kam es in 1226 Rezensionen, die bisher veröffentlicht sind, noch nie. Gleichwohl ein faszinierender Film, das haben wir beim Lesen und (nur stilistischen und orthografischen) Überarbeiten wieder nachspüren können.
Wir hätten aus heutiger Sicht noch viel dazu schreiben können, denn die Welt hat sich weitergedreht und Systemfragen sind alles andere als gelöst. Im Gegenteil. Eine idealistische Position, wie sie letztlich „Die Spur der Steine“ einnimmt, täte dringend not, ist aber kaum zu finden.
88/100
© 2024, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Frank Beyer |
|---|---|
| Drehbuch | Karl Georg Egel, Frank Beyer |
| Musik | Wolfram Heicking, Hans Kunze |
| Kamera | Günter Marczinkowsky |
| Schnitt | Hildegard Conrad |
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