„Großmacht Russland – ‚Nichts fürchteten die Herrscher mehr'“ (Zusammenfassung, Kommentar)

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Vielleicht sollten wir das häufiger tun. Einfach mal darüber schreiben, was wir gelesen haben und interessant fanden, auch wenn wir nicht immer sehr dezidiert und richtungstreu kommentieren können. Wir meinen, über Russland wird viel zu wenig gelesen. Natürlich gibt es zu der Zusammenfassung dieses Artikels: Russland von den Zaren bis Putin: “Nichts fürchteten sie mehr” trotzdem ein paar Anmerkungen.

Der Artikel bietet einen tiefgreifenden Einblick in die Geschichte Russlands vom Zarenreich bis zur Gegenwart und beleuchtet dabei die komplexe Entwicklung des Landes in Bezug auf Liberalisierung, Reformen und gesellschaftlichen Wandel.

## Liberalisierung und Reformen im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erlebte Russland unter Zar Alexander II. eine Phase der Liberalisierung und Reformen:

– Alexander II. leitete wichtige Veränderungen ein, darunter die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Trennung von Rechtsprechung und Exekutive sowie die Einführung lokaler Selbstverwaltung[1].

– Diese Reformen führten zu einer Öffnung der Gesellschaft, in der Zeitungen und Journale aufblühten und westliche Literatur verbreitet wurde[1].
– Die russische Elite entwickelte ein neues Bewusstsein für soziale Verantwortung, was sich in den Werken von Schriftstellern wie Iwan Turgenjew und Lew Tolstoi widerspiegelte[1].

## Herausforderungen und Widersprüche

Trotz der Reformbemühungen gab es erhebliche Herausforderungen:

– Die Liberalisierung war hauptsächlich ein Elitenprojekt, das die breite Bevölkerung kaum erreichte[1].
– Es bestand eine tiefe Kluft zwischen der intellektuellen Elite und dem Rest der Bevölkerung, was zu einer Isolation der Reformbewegung führte[1].
– Die Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert brachte massive soziale Verwerfungen mit sich, auf die der Staat nicht vorbereitet war[1].

## Politische Entwicklungen und Unruhen

Die politische Landschaft Russlands war von Instabilität und Gewalt geprägt:

– 1881 wurde Alexander II. von Terroristen ermordet, was das Ende der liberalen Reformära einleitete[1].
– Die Revolution von 1905 führte zur Einführung einer Verfassung und eines Parlaments (Duma), markierte aber auch den Beginn weiterer Unruhen[1].
– Der Erste Weltkrieg brachte schließlich das Ende des Zarenreiches und führte zur Machtübernahme der Bolschewiki[1].

## Analyse und Ausblick

Der Artikel zeigt die tiefgreifenden Widersprüche in der russischen Geschichte auf:

– Einerseits gab es Bestrebungen zur Liberalisierung und Modernisierung, andererseits blieben autoritäre Strukturen bestehen.
– Die Kluft zwischen Elite und Volk sowie die Unfähigkeit, breite Bevölkerungsschichten in den Reformprozess einzubeziehen, verhinderten nachhaltige Veränderungen.
– Das imperiale Erbe und die Schwierigkeit, sich von der Idee eines Vielvölkerreiches zu lösen, belasten Russland bis heute[1].

Der Autor des Artikels sieht trotz der aktuellen Krise und des Krieges gegen die Ukraine Hoffnung für Russlands Zukunft, betont aber, dass dies nur möglich sei, wenn die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt würden[1].

Diese historische Perspektive bietet wertvolle Einblicke in die Wurzeln der gegenwärtigen Situation Russlands und zeigt die Komplexität der Herausforderungen, denen das Land gegenübersteht.

Die Fußnotenanmerkungen beziehen sich nur auf den zusammengefassten und kurz analysierten, deswegen haben wir sie nicht nachgebildet.  

Kommentar

Wenn Sie ein paar Minuten mehr Zeit aufbringen können, lesen Sie bitte auch den Artikel, den wir referieren. Was zum Beispiel in der Zusammenfassung ausgelassen wurde, ist eine Sicht auf Peter den Großen, die uns doch verblüfft hat, denn wir kennen ihn in Westeuropa vor allem als Reformer, der das Land so weit wie irgend möglich voranbringen wollte. Dass er dabei nicht in die Tiefe wirkte, kann man sich zwar gut vorstellen, angesichts der verfestigten Strukturen, die im Grunde bis heute bestehen, aber dass er sogar Rückschritte auslöste und Unfreiheit einrichtete, um seine Projekte durchziehen zu können, war uns so nicht geläufig. Dass auch die russische Revolution von 1917 im Grunde ein Elitenprojekt war, hingegen schon.

Der Autor sieht Russland aus westlicher Sicht, wie die meisten Historiker, daran ändert auch tiefere Kenntnis nichts, und wurde bekannt mit einem Buch, das Stalins Herrschaft beleuchtet. Aber Geschichtswissenschaft ist, wie alle Geisteswissenschaft, nicht nur beschreibend, sondern auch bewertend. 

Was der Artikel nicht beleuchtet, weil er historisch ausgerichtet, trotz der darin ausgedrückten Hoffnungen: Ob die Mehrheit der Russen heute wirklich hinter diesem imperialistischen Modell steht. Davon Abstand zu nehmen und Herrscher nicht zu unterstützen, die dieses Modell perpetuieren wollen, wäre nämlich Voraussetzung dafür, dass man es nicht mehr zur Sicherung der eigenen Macht verwenden kann.

Wie weit verbreitet ist außerdem der Realismus, dass, die Ukraine und die vielen Opfer dafür hin oder her, es komplett außerhalb der Möglichkeiten liegt, Russland in den Grenzen von 1914 wiederherstellen zu wollen oder gar das osteuropäische Glacis der Sowjetunion zurückzugewinnen? Kann man damit in die Geschichte als der nächste große Zar nach Verrätern wie Gorbatschow und Jelzin in die Geschichte eingehen, dass man so viel für die Donbass-Region opfert, einen Teil der Ukraine „repatriiert“ hat? Der Beitrag erlaubt also einen Einblick in die russische Geschichte, ist aber nicht ausreichend, um die Mentalität der aktuellen politischen Führung in Russland tatsächlich zu erklären und man ist immer noch auf Plattitüden angewiesen, nämlich, dass die Russen eben anders sind, und unglaublich zäh im Leiden, auch wenn der Ertrag dieses Leidens eher bescheiden ausfallen muss, vor allem für das Leben eines jeden Menschen in dem Land. Wie gut sind geostrategische Interessen der Staatsführungen der Bevölkerung zu verkaufen? 

Trotzdem führt er zu einer Konkretisierung dessen, was man grob immer im Kopf hat, nämlich, dass Russland niemals demokratisiert war und deshalb auch das demokratische Experiment von Gorbatschow auf tönernen Füßen stand. Daraus leiten ja viele Autoritäre auch ab, dass Russland gar keine Demokratie sein sollte, weil es einfach zu groß dafür ist. Wir meinen, es ist administrativ nie von oben nach unten demokratisiert worden, weil das den Allmachtsanspruch der Zentrale eines so riesigen Landes erheblich einschränken würde. Andere Länder zeigen aber, dass es sehr wohl möglich ist, durch Delegation von Macht und ausgeprägte individuelle Meinungsstärke der Bürger:innen auch als sehr große Einheiten zu funktionieren.

Auch wenn es nicht jedem passt, dafür sind die USA natürlich das beste Beispiel, immer noch. Ob es so bleibt, werden wir sehen, aber ein Niedergang ist kein Beweis des Gegenteils, sondern eher ein Beleg dafür, dass die Demokratie in ihrer konkreten Ausprägung nicht mehr liefert, verschlissen ist, sich festgefahren hat, wie es jedem System geht, dessen innerer Erneuerungsmotor zum Stillstand kommt. Der Stecker für den Strom, mit dem dieser Motor der Progression versorgt wird, wurde in den USA im Grunde schon während der 1960er gezogen, in Deutschland, als die BRD erst knapp 25 Jahre alt war. Diese Entwicklung ist also auch in kleineren Ländern wie dem unsrigen ein Thema und sie passieren nicht von heute auf morgen. Eine trotzdem ganz  andere Situation als in Russland, wo fünfhundert Jahre Zarentum einer wieder einmal von oben verordneten Demokratie von wenigen Jahren gegenüberstehen, die nie wirklich Fuß fassen konnte.

TH


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