Filmfest 1229 Cinema – Die große Rezension
Gebrochene Blüten (englischsprachiger Originaltitel: Broken Blossoms or The Yellow Man and the Girl, alternativer deutscher Titel: Eine Blüte gebrochen) ist ein US-amerikanisches Filmdrama des Regisseurs David Wark Griffith aus dem Jahr 1919, basierend auf einer Erzählung des britischen Autors Thomas Burke. 1996 wurde der Film in das National Film Registry aufgenommen.[1]
Im Rahmen unserer dritten US-Filmchronologie „Ein Jahr, ein Film, von Beginn an“ sind wir also im Jahr 1919 angelangt, in dem auch der deutsche Film begann, mit einem großen Schub nach vorne zu drängen. Von David Wark Griffith haben wir bisher nur ein Werk rezensiert, seinen Erstling „Die Abenteuer der Dollie“ und sind sofort über rassistische Elemente gestolpert. „Birth of a Nation“ haben wir lieber umgangen und „Intolerance“ war uns erst einmal eine Nummer zu groß für einen Film aus dem Jahr 1916. Sein nächstes berühmtes Werk ist „Broken Blossoms“, das uns außerdem die Möglichkeit gibt, erstmals Lilian Gish, eine der wichtigsten Filmschauspielerinnen der 1910er und frühen 1920er Jahre und eine Muse von Griffith, zu sehen.
Handlung (1)
Cheng Huan verlässt seine Heimat China, um die Lehren Buddhas im Westen bekannt zu machen. Sein Optimismus verschwindet, nachdem er die brutale Realität der Stadt London kennenlernt. Während seiner Mission trifft Huan auf die gebrochene Blüte Lucy Burrows, die misshandelte Adoptivtochter des Preisboxers Battling Burrows.
Nachdem Lucy eines Abends vom Battling Burrows misshandelt und geschlagen wird, findet sie bei Cheng Zuflucht. In seinem exotisch eingerichteten Zimmer über seinem Laden pflegt Cheng die Verletzte. Zwischen den beiden von der Gesellschaft Verstoßenen beginnt eine Liebesgeschichte. Doch als ein Kunde Lucy bei Cheng erkennt und ihren Vater ins Bild setzt, schleift dieser sie ob der Schande zurück nach Hause, wo sie sich aus Todesangst in einem Wandschrank einschließt.
Als Cheng schließlich ihr Haus erreicht, findet er nur noch ihren Leichnam, und auf ihrem Gesicht ist zum ersten Mal der Ansatz eines Lächelns zu sehen. Der betrunkene Battling Burrows trifft auf den trauernden Cheng und geht auf ihn mit einem Beil los, worauf er von Cheng erschossen wird. Dieser trägt Lucys Leichnam zu sich nach Hause, wo er sich vor einem Buddhaschrein mit Hilfe eines Messers das Leben nimmt.
Rezension
Ich gebe zu, ich bin immer noch ein wenig mitgenommen von dem Film. Bisher gab es kaum einen Stummfilm, in dem diese Art von Emotion das filmhistorische Interesse überlagert hätte, und ich habe mich ja schon durch einen großen Teil der Klassiker des Weimarer Kinos gekämpft. Deutsche Filme sind anders, das waren sie auch damals schon, als amerikanische. Hinzu kommt, dass Griffith‘ Filme vielleicht mal am Kitsch entlangschrammen, das ist auch in „Broken Blossoms“ zuweilen der Fall, aber nie im Kern kitschig sind. Das unterscheidet ihn zum Beispiel vonm kommerziell führenden Regisseur der Zeit, Cecil B. DeMille, der ziemlich rabiat durch das Blumenbeet der Emotionen wanderte. Deswegen stehen beim Box Office des Jahres 1919 auch wieder Filme von DeMille ganz vorne, doch immerhin sehen wir „Broken Blossoms“ als Nummer fünf. Ich wollte ursprünglich den erfolgreichsten Film des Jahres, DeMilles „Male and Female“ anschauen, blieb aber wegen Müdigkeit stecken und bin mir sicher, egal in welchem körperlichen Zustand, das wäre mir bei „Broken Blossoms“ nicht passiert.
Griffiths ist in diesem außergewöhnlichen Film mit atemberaubender kinematografischer Versiertheit unterwegs. Optisch ist „Broken Blossoms“ der beste Film, den ich auf der bisherigen Wanderung von 1889 bis 1919 gesichtet habe. Er hat schon ganz klar diese Intensität und Atmosphäre, welche die meisten Regisseure, die einen künstlerischen Anspruch hatten, erst in den 1920ern erreichten. Die fantastische Belichtung, die ganz dem Timbre der Szenen angepasst ist, die häufigen Großaufnahmen, das Spiel mit den Stimmungen durch die Kadrage, das ist herausragend für seine Zeit. Ja, man kann von Griffith als Mensch halten, was man will, er hatte es drauf, das Kino zu innovieren.
Broken Blossoms wurde auch später von Filmkritikern meist gelobt; bei Rotten Tomatoes fallen 20 der 21 Kritiken positiv aus.[3] Roger Ebert lobt die Schauspielleistung von Lilian Gish sowie die atmosphärische Regie Griffiths. Die Darstellung der Asiaten im Film wirke heute vielleicht stereotypisch, sei aber damals fortschrittlich gewesen und habe für Toleranz zwischen Menschen verschiedener Herkunft plädiert.[4] Der Filmdienst sieht Gebrochene Blüten als „Meisterwerk“ von Griffith; seine „konzentrierte Verdichtung von Raum und Zeit, verbunden mit atmosphärischer Fotografie und virtuosen Schauspielerleistungen“, hätte den impressionistischen französischen Film sowie den deutschen Kammerspielfilm der 20er Jahre maßgeblich beeinflusst.[5]
Die deutschen Kammerspielfilme kenne ich zum Teil – diejenigen, die ich bisher gesehen habe, sind nicht so hoch veranlagt wie „Broken Blossoms“. Vermutlich, weil man in Deutschland mit etwas mehr Distanz an das überall hervorquellende menschliche Elend herangehen wollte, nach dem verlorenen Krieg, während man in den USA im Melodram schwelgen konnte. Vor diesem Urknall des Bösen im 20. Jahrhundert hätte man eher vermutet, es müsste umgekehrt sein, die Amerikaner als kompakte Realisten und die Deutschen in ihrer typisch verträumt-romantischen Art, die man ihnen im 19. Jahrhundert zugeschrieben hatte.
Vor allem gab es in Deutschland keine Lilian Gish, die vielleicht die Filme von F. W. Murnau, dessen Art zu filmen von den Filmautoren aus der ersten Reihe in mancher Hinsicht der von Griffith am meisten ähnelte, verändert hätte. Gish macht den Unterschied, noch mehr als Griffith‘ Handwerkskunst in der visuellen und erzählerischen Ausführung. Sie spielt das arme, misshandelte Mädchen so herzerreißend und doch so differenziert, dass man gar nicht mehr wegsehen kann. Das ist hypnotisch und ich habe es so in einem Stummfilm noch nicht erlebt. Es gibt nichts Leichteres, als sich mit ihrer Figur zu identifizieren, zumal, da sie im Zentrum des massiven Missbrauchs einer Minderjährigen oder vielleicht gerade nicht mehr minderjährigen jungen Frau steht, die von ihrem Vater – ja, totgeschlagen, totgepeitscht wird.
Griffith macht keine halben Sachen, die Szenen zwischen dem gewalttätigen Vater und ihr sind grausam bis zum kaum noch hinschauen können. Vielleicht hat nicht jeder diesen Zugang zum Thema, aber die Momente, in der sie in der kleinen Speisekammer oder Abstellkammer eingesperrt ist, die nicht genutzt wird, sind voller Pein. Der enge Raum ohne Ausweg steht dafür, wie ihr sowieso enges und armes Leben sich auf zwei Quadratmeter gequetscht wird, die sie noch vom Tod trennen, der draußen mit der Axt zugange ist, um die Tür zu zerstören. Ich dachte in diesem Moment und denke jetzt an alle Kinder und alle Frauen, die gewalttätigen Vätern und Männern ausgesetzt sind, überall auf der Welt und bis heute.
Deswegen hat der Film für mich nichts Überspitztes, auch nicht in dieser unfassbaren Szene. Selbstverständlich gibt es das immer noch, dass Kinder zu Tode geprügelt werden. Aber es so spürbar zu machen bis ins Detail, das wird ganz selten gefilmt, das ist erschreckend intensiv und mich wundert nicht, dass die Zensur in den USA schon damals, zumindest regional, eingegriffen hatte, als sie übergreifend noch nicht bestand. Wir können heute froh sein, dass es eine Zeit vor dem sogenannten Hays Code gab. Nicht nur wegen der Offenheit, die damals erlaubt war, sondern auch wegen der unverblümten Gewalt, die nicht ritualisiert ist, nicht stilisiert, wie in späteren Hollywoodfilmen, sondern einfach nur Menschen ohne Menschliches hervortreten lässt und Menschen, die dem ausgesetzt sind, alles nimmt. In gewisser Weise ist es auch ein Schaudrama, das Publikum hatte derlei damals noch kaum gesehen. Ich würde es aber nicht als Exploitation bezeichnen wollen. Hier haen wir einen Griffith aus dem realen Leben, in dem das Leben gleichzeitig poetisiert wird durch die geistige Gegenwelt des Chinesen, den es nach London verschlagen hat. Dieser Kunstgriff, nicht nur das Desaster zu zeigen, wie ein deutscher Kammerspielfilm es in der Regel getan hat, sondern etwas Erhabenes gegenüberzustellen, das leider zum Scheitern verurteilt wird, in dieser bodenlosen, rohen Welt, das ist ein Kunstgriff, natürlich, ist sehr auf Kontrast angelegt, aber es öffnet unendlich viele Türen zu Assoziationen und philosophischen Betrachtungen.
Dass Griffith stellenweise übertreibt, bezieht sich für mich nicht auf die Gewalt, sondern eher auf die sehr poetische Denkweise des Chinesen, die sich in den ihm gewidmeten Zwischentiteln ausdrückt. Griffith ist auch hier ein großer Stilist. Sie werden anders virargiert und sie bestehen immer aus kunstvollen Beschreibungen seiner Gedanken, womit die Distanz des Chinesen zum schlichten Realleben im Limehouse-Quartier sichtbar wird, diese Lyrik kan nur in der Gedankenwelt nisten, versprachlicht in Zwischentiteln. Die anderen Figuren sprechen alle direkt, mit Anführungszeichen, und es ist furchtbar, die Dialoge zwischen dem brutalen Vater und dem armen Mädchen zu lauschen, denn man hört sie wirklich, weil Gish sie visuell weint oder schreit, und weil Richard Barthelmess als ihr Vater zwar überspielt, aber dann doch wieder nicht. Es gibt diese Typen, daran führt nichts vorbei. Auch dieses totale jähzornige Freidrehen des Stärkeren ist nicht etwa ein Stoff, aus dem nur Kino gemacht wird.
Obwohl auch Griffith natürlich seine Propagandafilme gemacht hatte, im Ersten Weltkrieg, („Hearts of the World“), war er vielleicht auch traumatisiert von der extremen Brutalität dieses Krieges, die es nie zuvor in einem Krieg gegeben hatte und hatte sehr wohl ein Gefühl dafür, dass die Amerikaner nicht einfach die Zivilisierten waren, schon gar nicht die „Angloamerikaner“, von denen die Rede ist. Vielleicht hatte er noch Glück, dass der Film in London spielt und nicht in den USA, sonst wären die Gegenreaktionen der Bigotten vielleicht heftiger gewesen. VIelleicht auch nicht, sie waren ja meist dann zugange, wenn ein Busen blitzte, wohingegen Gemetzel jedweder Art gerne genommen wurden und immer noch werden. Allerdings basiert stammt die Textvorlage von einem englischen Autors und der Schauplatz ist in der Tat London Limehouse, kein Chinatown in den USA.
Der Limehouse-District ist heute eine Gentrifizierungsgegend, aber war, als der Film gedreht wurde, und schon im 19. Jahrhundert, tatsächlich etwas wie das Chinatown Londons und berüchtigt für seine Opiumhöhlen. Man stellt sich die Gegend, wenn man sie nur aus „Brokon Blossoms“ kennt, ziemlich verrufen vor, auch als ein typisches Hafenviertel, in dem Fall an der Themse, wo der Nebel selbstverständlich dick wabert und Sets und Welten trennt. Das lässt sich Griffith stimmungsmäßig nicht entgehen und scheidet damit Szenen, die in der bösen Prosa-Welt rüder Menschen spielen von jenen, die im Lyrikum angesiedelt sind. Dazwischen liegt jenes Undurchdringliche, durch das man von einer Welt in die andere wandern kann, man erreicht sie aber erst wirklich, wenn man im zweiten Stock des kleinen Warenladens von Cheng angelangt ist, in dem die arme Lucy zum ersten Mal im Leben Zuwendung erfährt, wie Griffith nicht vergisse zu betonen. Und am Ende erreicht man sie doch nie. Das ist schreklich. Manche Zwischentitel hätte man weglassen können, weil die Szenen selbsterklärend sind, aber wir sind eben auch im Jahr 1919 und diese Texttafeln sind auch eine Kunst für sich, der sich Griffith widmete.
Vielleicht war bei Griffith noch eine weitere Motivation für den Film vorhanden. Mit der Parteinahme für die angenommenermaßen buddhistische Weisheit der Chinsen wollte er den auch damals schon virulenten Rassismusvorwürfen, denen er vor allem wegen „Birth of a Nation“ ausgesetzt war, etwas entgegensetzen, und hat, weil es bei Afroamerikanern gerade nicht so glaubwürdig gewirkt hätte, sich der Chinesen angenommen, die auf der Skala der Wertschätzung der vielen in die USA eingewanderten Ethnien auch nicht ganz oben standen. Aber ihre Welt hatte etwas Geheimnisvolles und Verruchtes und es handelte sich um, wenn auch eher einfache, Abkömmlinge eines alten Kulturvolks, die in die USA kamen. In den 1920ern und 1930ern hat das US-Kino in dieser Art von Exotik ziemlich geschwelgt und sie natürlich auch verkitscht. Ich schrieb schon, Ansätze gibt es auch hier, zum Beispiel in dieser sehr dialektischen Gegenüberstellung der Kulturen, die ja auch eine Spiegelung ist von Missionstätigkeit ist. Buddhismus ist im Grunde nicht missionarisch, das hat Griffith aber übergangen, um diese Dialektik einsetzen zu können.
So ist sein Cheng das Gegenstück der vielen christlichen Missionare in aller Welt und er bringt eine friedliche Botschaft der guten Freundschaft und der Nächstenliebe, wie die Christen es tun wollten, wenn sie ihren Glauben ernstnehmen. Diese Botschaft versickerte vermutlich sofort im Morast der Schlechtheit, als er in Limehouse ankam. Er konnte nicht mit Feuer und Schwert missionieren, wie die Christen es zu tun beliebten. Im Film sind sie nicht religiös, auch nicht pseudoreligiös, sondern ein Mob, allesamt, bis auf das Mädchen natürlich, welches das Opfer dieser Welt personifziert und gewiss weit über das konkrete Milieu hinausweisen soll, bis in den Krieg und die vielen unschuldigen Toten darin. Man kann aber auch beim Gegenstück der christlichen Missionierung bleiben, die Zwietracht und Gewalt n die Welt gebracht, vor allem die katholische, sie war von Raubzügen und Eroberungen begleitet. Erst neueste Tendenzen, die nichts mit dem Buddhismus zu tun haben, sehen eine ganz andere Rolle Chinas aufscheinen. Die aggressiven Europäer hingegen und ihre amerikanischen Abkömmlinge haben ein Maß an Zwietracht und Zerstörung untereinander angerichtet und gegenüber den „Heiden“, als die im Film – Dialektik – an einer Stelle die Amerikaner bezeichnet werden, das es nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gab. Dies alles gerne im Zeichen einer im Grunde friedliebenden Religion, später auch ohne die unverfrorene Bezugnahme auf die Religion und gegen sie.
Im Kleinen spiegelt die Welt, die wir hier auf der Schattenseite sehen, dieses Europa. Die kleine Wohnung der Unterdrückung und Gewalt, die kleine Kammer als Miniatur, der Boxkampf als Erweiterung mit Publikum. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Griffith ein Boxfan war, so, wie er hier klarstellt, dass dieser Sport einfach nur roh ist – obgleich gut gefilmt, Griffith ist eben ein Profi.
Oder Griffith war doch ein Fan dieses Sports, hat ihn deshalb gut gefilmt und sich wieder einmal abgespalten, wie so oft, und damit selbst die Ambivalenz der europäisch-amerikanischen Kultur, die niemals eine Mitte kennt, verkörpert, und dies vielleicht sogar bewusst. Immerhin hatte er sich die Mühe gemacht, einen echten Starboxer, und Weltmeister, Charlex McCoy als Gegner von Lucys Vater, gespielt von Donald Crisp, zu engagieren, dies erklärt aber auch zum Teil die Hochklassigkeit der Boxszenen.
Was er zeigt, ist zugespitzt, aber zutiefst wahr und selbst das Schicksal der armen Lucy ist eben keine Konstruktion, sondern eine Verdichtung. Und mit wem hätte man die Wehrlosigkeit besser darstellen können als mit der zarten Lilian Gish als Opfer?
In vielen realen Fällen ist Auflehnung nicht möglich, genau wegen solcher Ungleichheiten, deswegen ist Griffith‘ Film viel ehrlicher als Kinostücke, in denen Menschen sich erheben und David gegen Goliath gewinnt. Das gibt es auch, ist aber nicht die Regel, das muss uns immer bewusst sein. Deswegen ist es auch so enorm wichtig, dass Dritte, welche die Kapazität dazu haben, sich für solche Opfer einsetzen und dass es rechtliche Schranken gegen Unterdrückung gibt und funktionierende Instutionen, die schützen können. Gerade bei häuslicher Gewalt ist das allerdings nach wie vor schwierig umzusetzen. Auch, weil die Umgebung oft so gleichgültig oder sogar den Tätern hilfreicht ist, wie es hier mit Burroughs Buddys gezeigt wird und weil der Staat viel zu spät eingreift.
Es kann gar nicht ausbleiben, dass man, wenn man sich einen Film wie „Broken Blossoms“ anschaut, an die Verrohung denkt, die aktuell überall stattfindet und alles zerstören kann, was zum Schutz Schwächerer mühevoll und über Jahrhunderte aufgebaut wurde. Es ist absolut beängstigend, was sich da tut und wie dicht die geballte Rohheit, die wir im Moment sehen, an der Mentalität ist, die der brutale Boxer in „Broken Blossoms“ zeigt. Da hilft am Ende nur noch Notwehr durch eine Waffe. Und wenn das nicht funktioniert, oder aber funktioniert und trotzdem alles zerstört ist, dann folgt der Suizid. Damit sind, als der Film schließt, die drei wichtigsten Figuren gewaltsam verstorben, und man fühlt den Verlust, den das Brechen der Blüte und ihres Beschützers auslöst und die Erleichterung darüber, das wenigstens einer der ganz Bösen ebenfalls das Zeitliche gesegnet hat. Ich habe auch manchmal die Anwandlung, dass ich gerade bei häuslicher Gewalt, wenn sie zum Tode führt, am liebsten die Todesstrafe wieder sehen würde. Hier liegt ja meist auch nicht, wie bei Sexual-Serienmödern, eine schwere psychische Störung vor, die zur Schuldunfähigkeit führt. Hier wird bewusst brutalste Macht auf Dauer ausgeübt, mit dem tödlichen Exzess, den großen Menschheitsexzess spiegelt.
Ganz ausschalten kann man natürlich das filmhistorische Interesse nicht, wenn man sich einen solchen Film vornimmt und sollte es auch nicht. Ich hatte vorher nicht gelesen, wie die Handlung endet, und überlegt, wie diese Darstellung und das Thema in ihrer Zeit gestanden haben mögen, diese Tragödie, die viel von Dickens hat, aber auch viktorianische Züge, die Dickens noch fremd waren, logischerweise. Der Chinese, der das Mädchen, wie es unter seiner Obhut erblüht, sehr wohl begehrt, dann aber nur den Saum des Kleides küsst, in das er sie sich hat hüllen lassen, zuvor gab es schon eine Annäherung, die beinahe mit einem notabene einseitigen Kuss geendet haben könnte. Sogleich versichert ein Zwischentitel die Reinheit der Gefühle des Mannes. Nennen wir es so: er hat sich knapp beherrscht und nicht die Situation ausgenutzt. Das ist damals und bei Männern im Allgemeinen schon eine Menge. Dieses Setting mit seiner Dialektik, der ungehemmten Zivilisationslosigkeit einerseits und der totalen Güte andererseits ist natürlich ein Gegenstück zu den frivolen Komödien der kommenden 1920er Jahre, insofern steht der Film tatsächlich am Ende einer Ära. Eine solche Ära endet nie abrupt, später gab es immer wieder Perioden, in denen Tragik und Unbedingtheit im Kino mächtig wurden. Heute ist es nur noch unbedingter Hang zum Bombast ohne echte Tragik, egal, wer stirbt und warum. Solche Kultur-Entleerungen gehen meist der Abstumpfung und der aus innerer Leere heraus geradezu herbeigesehnten Diktatur voraus.
Griffith hingegen missionierte mit aller Entschlossenheit, die man als Filmemacher damals aufbieten konnte, in ein Heidengebiet hinein, wenn man „Broken Blossoms“ mit anderen Filmen der Zeit vergleicht. Er versucht, etwas Modernes zu zeigen insofern, als er Moral in den Kontext zu tödlicher Abwesenheit von Moral setzte. Oder Ethos oder Philosophie, jedenfalls etwas Besseres als das Leben in der Cockney-Welt, aus der Lucy stammt.
Was es allein bedeutet, einmal richtig lachen zu können. Die Szenen, in denen sie mit den Fingern die Winkel ihres kleinen Mundes hochschieben muss, um überhaupt ein falsches Lächeln hinzubekommen, sind ikonisch. Mir ist, als hätte ich derlei tausendfach gesehen, das Lächeln unter Tränen, das so unecht ist, nicht etwa ein Ausdruck plötzlicher Hoffnung, die durchbricht. Und bei Cheng geht es auf einmal. Die Blüte beginnt zu blühen und das echte Lächeln und etwas wie Verspieltheit in der Szene mit der Puppe kommt wie das ewige Licht, das in der Seele von uns allen scheint, wenn sie denn die Chance hat, sich zu entfalten. Ich kann mir vorstellen, wie Griffith hin und weg war von der Wirkung, die Lilian Gish solchen Szenen gibt. Sie war zwar älter als ihre Figur, aber das kann ja nur gut sein, sofern das optische Alter einigermaßen plausibel ist. James Dean war 25, als er mit seiner Rolle eines 17-Jährigen in „Rebel Without a Cause“ berühmt wurde. Gish war ein erfahrener Star und alles ist kalkuliert, jede Bewegung. Deswegen ist es aber nicht unecht oder falsch, denn es war ihr natürlicher Instinkt fürs Filmische und damit einhergehend eine größere Präzision und Differenzierung als damals üblich, der sie über andere Kinostars dieser Ära hinaushob.
Finale
Ganz klar sind Komödien, vor allem Slapstick, auf eine Weise zeitloser als Filme wie dieser, aber Gishs Spiel und Griffiths Inszenierungskunst lassen das Altmodische sozusagen trotz seiner Anwesenheit sich. Wenn es mir so leicht fällt wie hier, in einem Film einzusteigen, als wäre es aus einer Epoche, in der ich mehr dem Film selbst als dem historischen Drumherum seiner Einordnung zugewendet bin, weil das Drumherum verschwindet, dann heißt das etwas. Ich müsste einmal eine Liste von Filmen zusammenstellen, in denen noch nicht gesprochen wird und die mich berührt haben. Da wäre sicherlich Charles Chaplins „The Circus“ dabei, vielleicht auch „The Kid“, obwohl ich den zu oft gesehen habe, um noch solch ein originäres erfasst sein zu verspüren, zuletzt war es Frank Borzages „Seventh Heaven“ mit Janet Gaynor, die auch etwas von Gish hat, aber nur stellenweise, mit „Nosferatu“ gab es ebenfalls einen oder zwei intensive Momente, aber nicht dieses permanente Gefühl, mit auf der Reise durch das Grauen zu sein oder an der Hand des Schicksals einer Figur zu gehen. Außerdem ist „Broken Blossoms“ zwar in manchen Belangen unweigerlich veraltet, aber in der Gesamtinszenierung ziemlich modern.
Es gab zu der Zeit schon Filme, die waren einfach nur modern, wie etwas die prachtvollen Komödien von Ernst Lubtisch, aber sie waren mehr zum Staunen und Lachen, und diese Gefühle wandeln sich viel weniger als die Art, wie über Tragik und Schmerz referiert wird. Das ist schon seltsam. Das Lachen wird wohl nie verschwinden, aber das Gefühl für Trauer und Verlust, der Umgang mit dem Tod des Schönen, der kann sich gewaltig verändern, und das tut es leider gerade. Wenn Griffith also auch auf drastische Weise Menschen sensibilisieren wollte, dann ist seine Arbeit heute genauso in Gefahr wie die von allen, die jemals versucht haben, die Menschheit etwas zu liften. Diese Form von Aktualität, dass man darüber nachdenkt und sich über ein mögliches Im-Kreis-Gehen, von 1919 bis heute, Gedanken macht, die besitzt der Film auf jeden Fall, in einem Moment, in dem die Battling Burroghs nicht mehr durch einen beherzten Pistolenschuss gestoppt werden (er wurde in Notwehr abgegeben, selbstverständlich, aber die Zivilisation ist ja gegenwärtig auch in Not).
Anmerkung: Aufgrund von Veröffentlichungsrückständen wird der Text mit Datum 15.12.2024 publiziert werden, die Rezension stammt vom 20.02.2025. Das wollte ich nicht unerwähnt lassen angesichts der Zivilisationskritik am Ende, weil sich gerade jetzt Dinge in einem atemberaubenden Tempo rückwärts entwickeln. Das war in der Form vor zwei Monaten noch nicht klar.
Anmerkung, den Duktus und vor allem die Schlussgedanken betreffend: Wir haben wegen Rückständen beim Filmfest die Veröffentlichung etwas zurückgesetzt, die Rezension wurde wenige Wochen nach der zweiten Amtseinführungvon Donald Trump geschrieben, im Februar 2025.
83/100
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
[1], kursiv, tabellarisch. Gebrochene Blüten – Wikipedia
| Regie | David Wark Griffith |
|---|---|
| Drehbuch | David Wark Griffith nach Thomas Burkes Geschichte The Chink and the Child |
| Produktion | David Wark Griffith |
| Musik | David Wark Griffith |
| Kamera | G. W. Bitzer |
| Schnitt | James Smith |
| Besetzung | |
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