Filmfest 1235 Cinema – Werkschau Charles Chaplin (6)
A Film Johnnie (Alternativtitel: Charlie the actor) ist ein Slapstick-Kurzfilm. Der am 2. März 1914 veröffentlichte Schwarzweiß–Stummfilm zeigt Charlie Chaplin in der Hauptrolle an der Seite weiterer bekannter Darsteller der frühen Keystone-Studios-Filme.[1]
Auch der sechste Film, in dem Charles Chaplin zu sehen ist, hat eine historische Bedeutung. Er zeigt nicht nur einige der Keystone-Stars des Jahrs zusammen. Er tut dies nicht in Form eines Spielfilms, in dem sie gemeinsam mitwirken, sondern durch die Augen des Film Johnnie, der im Studio aufkreuzt und alles durcheinanderbringt. Der Film dürfte eine der ersten Reflexionen des Kinos über sich selbst gewesen sein. Mehr dazu lesen Sie in der – Rezension.
Handlung (1)
Der Film Johnnie geht, von einem Filmplakat angezogen, ins Kino. Durch Ungeschick und seine starken Reaktionen auf die Filmszenen sorgt er für einen Tumult im Kinosaal und wird hinausgeworfen. Kurzerhand begibt er sich selbst zu den Keystone Filmstudios, wo er vor dem Eingang auf bekannte Filmdarsteller trifft. Es gelingt ihm, in die Studios hineinzugelangen, und er sorgt auch dort für allerhand Chaos, vor allem, weil er immer noch nicht zwischen Schauspiel und Wirklichkeit zu unterscheiden vermag.
Handlung[2]
Charlie geht ins Kino und verliebt sich in ein hübsches Mädchen, das er auf der Leinwand sieht. Er begibt sich in die Keystone Studios, um die Schauspielerin zu finden. Dort stört er die Dreharbeiten zu einem Film. Ein Feuer bricht aus. Charlie wird beschuldigt, mit einem Feuerwehrschlauch bespritzt und von der Hauptdarstellerin geschubst.
Der Titel des Films ist eine Abwandlung des Begriffs „stage door johnnie“. Früher wurde es allgemein verwendet, um jemanden zu beschreiben, der regelmäßig in der Nähe der Eingänge der Schauspieler von Theatern herumlungerte, in der Hoffnung, die Spieler zu treffen oder vielleicht einen Job auf der Bühne oder hinter der Bühne zu bekommen.
Rezension
Ein Rezensent von Bioscope schrieb über Chaplin und A Film Johnnie: „Ein weiterer Triumph für den alten Karno-Komiker. Knockabout von außergewöhnlichem Charakter. Eine ganz besondere Komödie.“
Ein Rezensent von Moving Picture World schrieb: „Edgar Englishs [Chaplins] Arbeit an diesem Film wird ihn amüsant halten.“
Ein Rezensent von The Cinema schrieb: „Die Sensation des Jahres ist der Erfolg von Chaplin… Einer seiner Filme ist A Film Johnny [sic], der zeigt, wie seine Bewunderung für eine Filmschönheit zu einem Aufruhr in einem Kino führte und ihn schließlich ins Keystone Studio brachte – und zu einem Job. Alle Keystone-Köpfe sind in diesem [Film] zu sehen und er ist vollgepackt mit unbeschreiblich lustigen Begebenheiten.“ (Alle drei Rezensionen aus Q 2).
Die euphorischen Kritiken kenne ich mittlerweile. Sie begleiteten buchstäblich jeden der frühesten Chaplin-Filme. Man darf es sich aber nicht so vorstellen, dass Chaplin hochgeschrieben wurde, denn die meisten Zuschauer dieser kleinen Filme dürften diese Kritiken nicht gelesen haben. Nicht nur das Kino selbst, sondern auch der Einfluss der Filmkritik war 1914 erst im Entstehen begriffen. Heutige Rezensenten tendieren ziemlich genau in die Gegenrichtung, indem sie die Filme vor allem aus heutiger Sicht bewerten.
Es gibt aber auch Stimmen, die eine Art vermittelnde Position unter Einbeziehung historischer Umstände einnehmen, einen Film also auch in seine Zeit stellen. Ich finde, jede Betrachtungsweise hat ihre Berechtigung. Erstere macht kein Federlesens um die teilweise krasse Antiquiertheit der Komik inklusive der darin enthaltenen Übergriffe, die andere erklärt die Umstände, unter denen diese Filme produziert wurden. Da wir mit dem fünften Film von Chaplin, „Between Showers“, dazu übergegangen sind, weitere Stimmen zu suchen, können wir uns voll auf den historischen Kontext konzentrieren, denn einige dieser Stimmen sind sehr penibel dabei, nachzuzeichnen, was einen dieser Filme von anderen unterscheidet und was sie gemeinsam haben. Insbesondere Chaplins Innovationen, die zur Werdung der Trampfigur, wie wir sie kennen und lieben, geführt hat, werden bis ins Detail und einzeln analysiert.
Für mich knüpft „A Film Johnnie“ bereits an einen anderen Film an, nämlich an denjenigen, der als zweiter auf der Leinwand flimmerte, „Kid Auto Races at Venice“. Nicht nur, weil in „A Film Johnnie“ der Tramp wieder so im Vordergrund steht, weil es der nach „Venice“ am meisten auf Chaplin zentrierte Film bis dahin ist, sondern vor allem, weil der Tramp wieder dabei gefilmt wird, wie er Unruhe in die Filmarbeit bringt. War es bei „Venice“ die Dokumentation eines Autorennens, die er störte, ist es nun die Filmarbeit selbst. Auch die IMDb-Nutzer:innen sehen wohl eine Kontinuität, im gemäßigt psoitiven Sinne. Unter den sechs ersten Chaplins ist „Venice“ der am höchsten bewertete (5,7/10), darauf folgt „A Film Johnnie“ mit 5,6/10. Das Schöne daran: Es ist noch so viel Luft nach oben, um die Weiterentwicklungen Chaplins punktemäßig abzubilden. In der Tat, von Jahr zu Jahr, von Filmfirma zu Filmfirma, bei der Chaplin gearbeitet hat, bis hin zu United Artists, an deren Gründung er selbst beteiligt war, geht es aufwärts und es kommt zu den Meisterwerken der 1920er und 1930er, die heute noch ihren Platz in der IMDb-Topliste haben.
(…) (…) Einige haben spekuliert, dass der Film als eine Art erweiterter Insider-Witz über Chaplins damaligen Außenseiterstatus aufgrund seines Temperaments gedreht wurde, was, wenn es wahr ist, dem Film eine weitere Dimension verleiht. Der Film selbst ist nicht großartig, aber er ist besser als vieles von dem, was Chaplin (und Keystone) zu dieser Zeit produzierten, und er gibt uns einen Einblick in das Arbeitsleben eines frühen Studios und seiner Vertragsschauspieler (Roscoe ‚Fatty‘ Arbuckle, Mabel Normand und Ford Sterling sind hier zu sehen). Der Höhepunkt des Films ist, als Chaplin eine Waffe in die Hand nimmt und wahllos zu schießen beginnt.[3]
So gesehen, wäre der Film nicht nur selbstreferenziell bezüglich der Filmarbeit an sich, sondern spiegelt zusätzlich die Zustände und Hierarchien, wie sie bei Keystone exakt zu seinem Entstehungszeitpunkt herrschten. Wir haben bereits darüber geschrieben, dass Chaplin zu der Zeit noch kein Superstar war, sondern ein Vertragsschauspieler, der sich in manchen seiner Filme anderen unterzuordnen hatte oder ihnen gleichgestellt, aber formal nicht über sie hinausgehoben wurde. Im vorausgehenden Film „Between Showers“ wird er leicht nachrangig gegenüber Ford Sterling eingesetzt, weil Letzterer den Film eröffnet und mehr Spielzeit hat. In „A Thief Catcher“, einem Sterling-Vehikel, tritt Chaplins nur relativ kurz als einer der Keystone-Cops auf. „A Film Johnnie“ ist aber nach „Kid Auto Races at Venice“ der zweite, der Charlie mehr oder weniger alleine gehört. Sehen wir wieder eine kleine Weiterentwicklung? Eines verraten wir hier schon: Der Funke der Romantik, nach dem wir suchen, wird auch in dieser Nummer sechs nicht gezündet, es bleibt also spannend. Und es gibt Neues.
Ein weiteres Markenzeichen von Chaplin wird hier vorgestellt: die Verwendung einer Requisite für etwas anderes als ihren üblichen Zweck: Eine Pistole wird zuerst als Zahnstocher und später als Feuerzeug für seine Zigarette verwendet.[4]
Wie wir wissen, ist Rom nicht an einem Tag erbaut worden, warum sollte Chaplins reichhaltige Komik oder vielmehr sein großes Repertoire schon vom ersten Film an vollständig gewesen sein? Auch dieses Mal darf der Hinweis nicht fehlen, dass man auch später selbstverständlich nicht alle Varianten, die er sich erarbeitet hatte, in einem einzigen Streifen sehen konnte, einige der Errungenschaften ließ er ganz fallen, weil sie nicht mehr zum Gepräge des zunehmend liebenswerten und gefühlvollen Tramps passten. Diese emotionale Stärke kann man in „A Film Johnnie“ allenfalls als Anklang erkennen, als er versucht, die Schauspielerin vor einem vermeintlich echten Feuer zu bewahren (falls das seine Absicht ist, man nimmt sie in dem tatsächlich brennenden Haus nicht wahr).
Immerhin gibt es etwas, das schon spätere Chaplinesken aufblitzen lässt: Er ist ein Fan, er vergöttert eine Keystone-Schönheit und wir sehen damit etwas von dem, was ihn später auszeichnen sollte, grandios inszeniert in „City Lights“. Vielleicht sollte man das auch gar nicht so nebenbei abtun, denn in allen fünf vorherigen Filmen hatte Chaplins Figur, ob Tramp oder nicht, keine einzige echte romantische Anwandlung. In „Between Showers“ konnte man sein Verhalten noch so interpretieren, dass es auf das An-sich-Bringen des offenbar sehr wertvollen Schirms gerichtet war, nicht auf Hilfe für das Mädchen, das verzweifelt vor einer Pfütze steht, nach dem Ende des ersten Schauers. Wenn es darum geht, Frauen zu erobern, so ist das in den frühen Filmen Selbstzweck, am Duell mit einem Nebenbuhler orientiert, aber große Gefühle spielen dabei eher keine Rolle. Wir werden das auch im Nachfolgefilm „Tango Tangle“ wieder sehen, um schon ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern.
Man muss leider immer aufpassen, auch bei Fremdrezensionen, welche Version der frühen Chaplin da wohl besprochen wurden, denn es kam in den letzten Jahren offenbar zu Ergänzungen, die Filme runder und flüssiger wirken lassen als zuvor. Man suche sich also die erhältliche Version mit der längsten Spieldauer, um dem aktuellen Stand der Restauration möglichst nahe zu kommen. Aber auch in der 14-Minuten-Version, die ich mir angeschaut habe, gibt es keine echte Rettungstat des Tramps zu sehen, die geradezu eine Explosion seiner sozialen Fähigkeiten und seines Mutes bedeutet hätte. Vermutlich wäre das damals noch ein unzulässiger Genremix gewesen, ihn auch als Helfer in der Not darzustellen. Mir scheint nach der Sichtung der sechs ersten Chaplins, dass er mehr künstlerische Freiheit brauchte, als er sie im Massenbetrieb von Keystone hatte, um diese Wagnisse einzugehen und neue Kombinationen von Charaktereigenschaften seiner Trampfigur zu testen.
Finale
Ich lasse mich aber gerne davon überraschen, dass es schon während seiner ersten Station im Filmbusiness zu ebenjenem Sprung hin zum multiemotionalen Tramp gegeben haben könnte. Mittlerweile habe ich die IMDb-Angaben zu weieren Chaplin-Keystone-Filmen etwas durchforstet und festgestellt, dass es wohl auch schon 2-Reeler (zwischen 15 und 30 Minuten Spieldauer) gekommen war.
„A Film Johnnie“ ist für mich vor allem deshalb interessant, weil er die bis dahin eindeutigste Chaplin-Parade, „Kid Auto Races at Venice“ fortführt, und zwar in mehrerer Hinsicht. Das heißt, er steht nicht in einer Seitenlinie, sondern er gehört zu den wichtigen Filmen, die Chaplin halfen, seinen Tramp zu definieren und aufzubauen. Das erste Stockwerk, in dem der derbe Slapstick auf einem auskömmlichen Niveau zu Hause ist, steht schon.
Auch beim Sichten dieses Films habe ich mich nicht totgelacht, was unter anderem das Schreiben dieser Rezension verunmöglicht hätte, aber vor allem die Szenen mit dem Kinopublikum, das offenbar eine ganze Reihe von instruierten Komparsen beinhaltet, ist schon sehr reichhaltig, verglichen mit den vorherigen Filmen, in denen meist nur wenige Personen auftraten. Auch hier gibt es eine Verbindung und eine Innovation gegenüber „Venice“: Dort kam es zwar z einer großen Menschenansammlung, aber die Zuschauer waren echt, keine Statisten. Die Kinoszene in „A Film Johnnie“ ist hingegen so gestaltet, dass notwendigerweise das Saalpublikum angeleitet werden musste, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten. Dadurch wirkt die Szene zumindest zum Schmunzeln, weil der Tramp hier eine kindliche Begeisterung für einen Star zeigt, während er im restlichen Film, also im Keystone-Studio, wieder eher destruktiv oder deplatziert und aufdringlich wirkt. Ich gehe wegen der Funktion des Films als Glied in der Kette „echter“ Chaplin-Filme etwas höher als die IMDb-Nutzer:innen.
59/100
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
[1], kursiv, tabellarisch: A Film Johnnie – Wikipedia
[2] Ein Film Johnnie – Wikipedia
[3] Ein Film Johnnie (1914) Filmkritik – 2020 Filmkritiken (2020-movie-reviews.com)
[4] CHAPLIN IN KEYSTONE, TEIL EINS | 366 seltsame Filme (366weirdmovies.com)
| Regie | George Nichols |
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| Drehbuch | Craig Hutchinson |
| Produktion | Mack Sennett |
| Kamera | Frank D. Williams |
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