Briefing Gesellschaft, Magdeburg, Weihnachtsmarkt, Anschlag, Mord, Care-Arbeit, Hilfeleistung, Klinikum Magdeburg, Migration, Integration, Aufrechterhaltung des Systems
Haben wir einmal einen 24. Dezember ohne Artikel im Wahlberliner vergehen lassen? Vermutlich nicht. Was wir aber sicher noch nie getan haben: Uns auf ein aktuelles Ereignis wie den Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt von Magdeburg bezogen. Denn heute soll doch alles ins Friedliche und Festliche übergehen.
Wir meinen, es passt trotzdem, denn immerhin war es ja ein vorweihnachtliches Fest, das auf diese Weise ein grausames Ende fand. Wir haben auch eine kleine, böse Weihnachtsanekdote, denn das Thema steht ja nicht einfach als Unglücksfall da, sondern auch wie ein weiterer Elefant im politischen Raum, in dem es vor lauter freidrehendem Rechtspopulismus ohnehin sehr stickig geworden ist. Und natürlich kochen die Rechten auch mit diesem Anschlag ihr Süppchen, so atypisch der Täter auch gewesen sein mag.
Natürlich müssen Versäumnisse im Sicherheitsbereich aufgearbeitet werden, aber eines muss vollkommen klar sein: Es gibt ganz sicher Tausende von Menschen in Deutschland, die den Auffälligkeitsgrad haben, den der Täter vor der Tat gezeigt hat. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen.
Sie alle komplett zu überwachen, ist unmöglich, wenn man das Land nicht komplett einbunkern und eben zum vollkommenen Überwachungsstaat machen will. Davor, dass Menschen freiwillig den Raum dafür geben, genau das zu tun, weil sie Angst haben, es könnte etwas passieren, warnen wir seit langer Zeit, weil wir sehen, was Repression mit Bürgerzustimmung auslösen kann, was sie mit der Demokratie macht. Wir hatten bereits geschrieben, dass wir aufgrund der Betonbarrieren am Berliner Breitscheidtplatz nie das Gefühl haben, dort locker und entspannt unterwegs sein zu können. Die Erinnerung an den Anschlag von 2016 bleibt immer wach, weil man versucht, totale Sicherheit herzustellen. Und dann passiert es woanders, wo man noch nicht damit gerechnet hatte. Und so wird es immer wieder Orte geben, die sich eignen, um Menschen zu töten.
Es geht noch um etwas anderes. Es geht um eine xenophobe Einstellung vieler und um schiere Dummheit.
Wir rücken an diesem 24. Dezember 2024 einen Post des Klinikums Magdeburg in den Mittelpunkt, der auf LinkedIn erschien und auf den wir via Bluesky aufmerksam wurden. Wir sind noch nicht friedlich gestimmt in jeder Hinsicht. Nein, wir ärgern uns, und zwar persönlich. Und das werden wir im Zusammenhang mit dieser großartigen Meldung des Klinikums ausdrücken. Wir müssen uns erst etwas von der Seele schreiben, bevor wir frohe Weihnachten wünschen können.
Im Grunde steht der Text für sich selbst und wir sind absolut d’accord mit dem, was dort steht. Es gibt aber viele Menschen, die die Realität immer noch verweigern, es immer noch nicht schnallen, und das läuft auf einem so rudimentären Niveau ab, dass man es für gefakt halten könnte, also versichern wir, das ist es nicht, genau diese Diskussion hatten wir nach dem Anschlag. Selbstverständlich nennen wir keinen Namen.
Mit diesem Mord an fünf Menschen hatte die Diskussion gar nichts zu tun, es ging um einen Dialogerlauf, wie wir ihn häufig erleben und leider mitgestalten müssen, weil wir eben nicht (nur) ineiner Blase verortet sind, sondern mit vielen unterschiedlichen Menschen Kontakt haben. Nicht immer zu unserer Zufriedenheit, leider.
Eine Bekannte führte mit uns kürzlich einen für sie üblichen Dialog, in dem sie sich über die Kinder aufregte, die von Migrant:innen angeblich am Fließband produziert werden, um Kindergeld abzugreifen. In der Tat gibt es in unserer Umgebung eine Beispielfamilie mit Migrationshintergrund mit sechs Kindern. Die Eltern sind etwas schwierig, kein Thema. Aber die Kinder, soweit sie das Alter dafür erreicht haben, haben alle gute, vernünftige, sogar systemrelevante Jobs. Obwohl sie es insbesondere mit dem cholerischen Vater und der analphabetischen Mutter nicht einfach haben bzw. hatten. Das sind besondere Leistungen, sich trotzdem so gut zu integrieren. Die Person, mit der wir sprechen, weiß das alles und findet es auch auf persönlicher Ebene okay. Auf allgemeiner Ebene trotzdem immer die übliche Hetze gegen Menschen mit Migrationshintergrund. In der Runde kürzlich sagten wir zu ihr: Weißt du was? Wir schmeißen sie alle raus und deine Kinder machen die Jobs, denn sonst wird der Fachkräftemangel ja noch schlimmer.
Die Person hat keine Kinder, wie so viele autochthone Deutsche, und ihr nächster Satz war, daran hatte ich sie also erinnert: Ich hätte auch gar keine Kinder gewollt. Wir sagten: Aber du beschwerst dich, dass andere, auch Menschen mit Migrationshintergrund, diese Lücken, die sich durch dein Verhalten auftun, füllen und gute Arbeit leisten?
Das Gespräch war mehr oder weniger gelaufen, denn viele werden nicht gerne an ihre Traumata, ihre beschissene eigene Kindheit erinnert, die diese Kinderfeindlichkeit, gepaart mit anderen Feindbildern, ausgelöst haben. Aber diesem Muster begegnen wir nicht selten, wenn auch nicht immer auf eine so rudimentäre und abgespaltene Art und Weise. Wobei Abspaltung eine große Rolle spielt, wenn es um Feindbilder geht, und generell das hierzulande schwach ausgeprägte Denken in Zusammenhängen, das Menschen auch dazu treibt, oftmals gegen ihre eigenen Interessen zu handeln, auch politisch und bei Wahlen.
Geschrieben klingt es sogar weniger banal als gesprochen, weil wir die Diktion etwas geändert haben, um es nicht zu krass wirken zu lassen, um den Stil dieser Publikation einigermaßen zu wahren.
Dass uns solche Gespräche viel Kraft kosten, müssen wir nicht näher erläutern, aber sie lassen sich nicht ganz vermeiden, wie zum Beispiel Familie, auch wenn sie nervt, nicht ganz zu vermeiden ist. Wir meinen damit nicht speziell die eigene Familie, aber man kann sich die Familie eben nicht aussuchen, das Gleiche gilt bis zu einem gewissen Grad für die Nachbarschaft, wenn man finanziell nicht zu den oberen zehn Prozent zählt.
Apropos Prozentwerte. In Berlin haben etwa 50 Prozent aller Kinder bereits einen Migrationshintergrund unterschiedlichster Art, und doch ist klar, dass sie nicht ausreichen werden, um künftig wichtige, systemerhaltende Stellen zu besetzen. Wir werden mehr Immigration brauchen, nicht weniger, wenn der Wohlstand hier erhalten werden soll. Würde man alle Menschen mit Migrationshintergrund wegschicken, die hier arbeiten, wäre von heute auf morgen Schicht in dieser Stadt.
Wir kennen auch Sachsen-Anhalt ein wenig, auch Magdeburg. Schon vor Jahren fiel uns im Straßenbild auf, wie überaltert diese Gegend auch im innerdeutschen Vergleich ist. Und wenn so die negative demografische Entwicklung auf den ersten Blick sichtbar wird, ist sie sehr deutlich ausgeprägt.
Die autochthonen Deutschen haben dermaßen wenige Kinder, dass das Land sofort komplett zusammenbrechen würde, wenn wir nur diese zur Verfügung hätten, um die Vakanzen allerorten auszufüllen. Das kommt auch daher, weil es hier so kinderfeindlich und insgesamt menschenfeindlich zugeht. Nach unserer Beobachtung glauben Menschen mit Migrationshintergrund, deren Vorfahren oder die selbst schwere Schicksale überwunden haben, häufiger an eine gute Zukunft als autochthone Deutsche.
Es gibt andere Fälle, natürlich. Wir kennen auch Menschen, die gerne Kinder gehabt hätten, aus dem einen oder anderen Grund kam es nicht dazu. Wir müssen nicht in die Ferne schweifen, um solche Fälle zu benennen. Aber der geglättet und gekürzt wiedergegebene Dialog war typisch für das, was wir leider häufig erleben, und man hätte ihn, wie geschrieben, anders ausformulieren können.
Sie werden bemerkt haben, dies war eine rein pragmatische, keine humanistische Darstellung, sie hat nichts zu tun mit Aspekten der menschlichen Hilfsbereitschaft. Aber die Menschen, die in Gesundheitsberufen tätig sind, helfen anderen jeden Tag, ohne nach deren Hintergrund zu fragen.
Wir schreiben auch deshalb diesen kleinen Artikel, weil wir wissen, dass die Darstellung des Klinikums Magdeburg korrekt ist. Wir haben genug Zugang zum Gesundheitswesen, um das Geschriebene bestätigen zu können. In Berlin gibt es viele Gesundheitseinrichtungen, in denen in bestimmten Bereichen Menschen mit Migrationshintergrund schon dieMehrheit darstellen.
Es ist beeindruckend, dass überhaupt Menschen mit Migrationshintergrund im Osten des Landes arbeiten wollen. Falls man ihnen diesen Hintergrund ansieht, werden sie es dort nicht leicht haben. Es sei denn, die rechten Hetzer werden krank und liegen auf Station und brauchen Hilfe, dann sieht es natürlich anders aus. Für kurze Zeit, bis sie wieder draußen sind. Vielleicht stimmt nicht einmal dies, dass sie Ruhe geben, während es ihnen schlecht geht, in allen Fällen. Wir kennen Fälle im Pflegebereich, wo selbst hochgradig Hilfebedürftige es noch wagen, rassistisch zu sein und damit den Betrieb in Einrichtungen stören und komplizierter machen, als er angesichts des permanenten Personalmangels und hoher Krankenstände wegen Überlastung ohnehin ist. Aber auch diese Rassisten werden nicht im Stich gelassen, genauso versorgt wie anständige Personen, weil diese Arbeit keine Ausgrenzung zulässt.
Das ist Care-Arbeit, die viel von jenen fordert, die sie ausüben. Sehr viel. Hier leisten vor allem Frauen und darunter viele Frauen mit Migrationshintergrund Herausragendes und halten das alles aus.
An diesem Tag, der gleich in den Heiligen Abend übergehen wird, möchten wir uns bei all diesen Menschen bedanken. Bei all jenen, die trotz der miserablen Haltung vieler Deutscher, die ihnen entgegenschlägt, dem letztlich alles zerstörenden Hass und der Hetze, trotzdem ihren Job unermüdlich machen und dabei so stark sein müssen, in diesem unfreundlichen Land. Als ob der Dienst an Kranken, Verunfallten, Schwerverletzten, Sterbenden, Pflegebedürftigen an sich nicht schwierig genug wäre.
Ihnen gilt an diesem Tag unser Dank, unsere Bewunderung und auch unser Mitgefühl. Es versteht sich von selbst, dass wir der Opfer von Morden und Terrorakten gedenken, aber wir haben den Fokus auf das gelenkt, was uns ebenfalls am Herzen liegt. Deshalb war dieser Beitrag auch möglich, denn im „neuen“ Wahlberliner seit 2018 schreiben wir keine Bekundungen mehr – zuvor waren es zu viele und doch immer selektiv, wenn es um das Leiden in der Welt ging. Der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidtplatz war das letzte dieser Ereignisse am Ende einer langen, internationalen Terrorserie, dem wir uns im „ersten“ Wahlberliner noch gewidmet haben, bis uns die Kraft und die Worte ausgingen.
Wir wollen heute an diejenigen denken, die dafür sorgen, dass dieses Land nicht an seiner eigenen Bösartigkeit zugrunde geht. Zumindest noch nicht. Für die Zukunft wagen wir lieber keine Prognose, wenn sich der scheußliche Rechtstrend fortsetzt, der bis weit hinein in die angebliche bürgerliche Mitte reicht und der nicht nur von der AfD befeuert wird.
Wir wünschen allen, die auch heute, auch an den beiden folgenden Feiertagen, im Einsatz sein werden und denjenigen, die sich mal ausruhen können, eine Zeit, so friedlich und unbeschwert wie unter den jeweiligen persönlichen und den allgemeinen Umständen möglich, gleich, welchen Zugang sie zu Weihnachten haben und ob es nach ihrem Glauben ein religiöses Fest ist oder nicht.
TH
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