Filmfest 1239 Cinema
Ich bin ein Elefant, Madame ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahre 1969; er war der erste Kinofilm des bekannten Theaterregisseurs Peter Zadek.[1]
Leider ist es schon einige Tage her, dass ich den Film angeschaut habe. Zwei Gründe für die späte Rezension: Wenig Zeit und hängen geblieben bei den Rezensionen für zwei deutsche Filme aus einem Jahr, von der man nicht glauben sollte, dass es gerade erst 36 Jahre in der Vergangenheit lag, als „Ich bin ein Elefant, Madame“ entstand. Ja, es geht um das Jahr der „Machtergreifung“. Und in Peter Zadecks Schulfilm, der sich deutlich von den Paukerstreifen jener Jahre unterscheidet, geht es um den Gipfelpunkt der Gegenbewegung, der Demokratie, um das mehr Demokratie wagen und um einen Hauch von Anarchie. Und um ein Hakenkreuz. Denn das Hakenkreuz ist überall, seit ebenjenem Jahr 1933, es verfolgt uns bis heute. Mehr dazu lesen Sie in der Rezension.
Handlung (1)
Der Film basiert auf dem Roman Die Unberatenen von Thomas Valentin (1963) sowie einer vorhergegangenen TV-Inszenierung des Romans unter seinem Originaltitel von 1966 durch Peter Zadek, und paraphrasiert die Studentenrevolte der 1960er Jahre. Der Schüler Rull probt an einem Gymnasium in Bremen den Aufstand und versucht, die autoritären Strukturen seiner Schule zu durchbrechen. Es entsteht eine humorvolle Protestbewegung, die eine demokratische Schulform verlangt. Der Film zeigt dabei die Schüler während des Unterrichts und in ihrem Privatleben. Er entlarvt die Lehrer, die sich an der althergebrachten Form von Schule festklammern. Gleichzeitig versuchen die Schüler, die fortschrittlichen Lehrer auf ihre Seite zu bringen.
Rezension
Ich will nicht verschweigen, dass der Film für mich einen hohen Nostalgiefaktor hatte. Das Progressive von damals war das Etablierte in den späten 1970ern, in abgeschwächter Form natürlich. Die Abiturquoten waren zu meiner Zeit schon viel höher als nur etwa 7 Prozent, aber die Diskussion, ob Deutschland mit dem Akademisierungsgrad anderer europäischer Länder mithalten könne, die ist, man mag es nicht glauben, noch immer nicht verstummt. Und das nach nunmehr 55 Jahren. Die Antwort ist klar: Es wurde einerseits übers Ziel hinausgeschossen, andererseits werden die Bildungsziele immer häufiger verfehlt. Lateinstunde! Gab es bei uns nicht mehr pflichtmäßig, man konnte die Sprache in der Oberstufe hinzuwählen.
Der Duktus der Lehrer an der Schule in Bremen, die hier Modellcharakter hat, klingt etwas übertrieben, aber grundsätzlich nicht falsch. Junge Pädagogen, die einen diskussionsorientierten Ansatz verfolgten, gingen damals gerade in den Dienst, ins Referendariat, verstärkt dann in den kommenden Jahren, aber natürlich gab es auch noch die traditionellen Lehrkräfte, teilweise mit Kriegserfahrung, und davon gaben sie uns durchaus Kunde. Von der Art, wie sie reden, liegen die Generationen an dem Bremer Filmgymnasium viel dichter zusammen, als ich sie in Erinnerung habe, zunächst war ich teilweise nicht sicher, welcher Lehrer sich in Sachen Schuldemokratie wie verhalten wird. Letztlich haben sie aber alle gleichzeitig die Kaffeetassen gehoben, während der Pausen oben auf dem Balkon sitzend, die Schüler auf dem Hof, manchmal schon ein wenig rangelnd, wie man es von den späteren und heutigen Zeiten kennt. In den Klassen stellt man, Schülerinnen gibt es auch, vom Nerd bis zum Neokonservativen, der bereits vorkommt, alle Typen dar, die eine Klasse üblicherweise bevölkern und natürlich kommt es auch zu Momenten, die man von den Paukerfilmen kennt. Aber immer stilistisch davon abweichend und in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung vertieft, die von den Unis auf die Schulen überschwappte.
Den Titel des Films gibt die Persiflage auf ein Lied her, das der „Aufwiegler“ oder doch eher der einsame Anarchist unter den Schülern, bis die anderen später Solidarität zeigen, als er von der Schule fliegen soll, während eines Freizeitnachmittags am Wasser intoniert:
Ich küsse Ihre Hand, Madame, und träum’, es war Ihr Mund.
Ich bin ja so galant, Madame, und das hat seinen Grund.
Hab’ ich erst Ihr Vertraun, Madame, und Ihre Sympathie,
wenn Sie erst auf mich bau’n, Madame.
Ja, dann werden Sie schau’n, Madame
Küss’ ich statt Ihrer Hand, Madame,
nur Ihren roten Mund.[2]
Das Original ist auch filmhistorisch interessant, weil es erstmals 1929 von Richard Tauber gesungen wurde, der in einem noch stumm gedrehten Film dafür eigens eine Tonspur bekam – in den USA durchaus nicht unüblich, als etwa zwei Jahre zuvor der Tonfilm Verbreitung fand, in Deutschland schon. Das Lied war auch international sehr populär, hier mehr dazu: Ich küsse Ihre Hand, Madame (Lied) – Wikipedia.
„Stilsicher gefaßte Zeitkritik, die die allgemeine Standpunktsuche zwischen den extremen Positionen von Autoritätsbeharren und sozialrevolutionärem Bewußtsein und die damit verbundenen Identitätskrisen, teils mit schockierenden Mitteln, zu spiegeln versucht.“ – Lexikon des internationalen Films[1]
„Ein ebenso engagiertes wie formal reizvolles Filmpamphlet gegen die autoritäre Gesellschaft von dem ehemals wilden Theatermacher.“ – Heyne Filmlexikon (1996)
„Ein gedanklich bedeutender und politisch aktueller Film, der am Beispiel des Lehrer-Schüler-Konflikts Schwächen unserer Gesellschaftsstruktur aufzeigt. Ohne Rücksicht auf künstlerisch-ästhetische Einheitlichkeit zweckhafte Anwendung der unterschiedlichsten formalen Mittel, um die gewollte Wirkung zu erreichen. Als Diskussionsfilm geeignet und ab 18 zu empfehlen.“ – Evangelischer Filmbeobachter[2]
Ausgerechnet unser am meisten filmaffiner Deutschlehrer hatte es eher mit Werken der 1950er wie „Des Teufels General“, was insofern Sinn ergab, als wir das Zuckmayr-Stück besprachen, aber auch mit stylischen Krimis wie „Fahrstuhl zum Schafott“, der an der Schwelle zur Nouvelle Vague gedreht wurde. Auch unsere fortschrittlichsten Lehrer hatten uns „Ich bin ein Elefant, Madame“ nicht vorgeführt, zum Beispiel, um zu erläutern, wie der konservative Rollback der Kohl-Ära alle fortschrittlichen Ansätze von 1968, 1969 wieder einkassierte. Ja, ein paar gesellschaftliche Fortschritte blieben übrig, aber das System ist ziemlich korrupt geworden. Wieder einmal.
Dabei ist der Film nicht einfach ein Experiment neben der Zeit, sondern für mich auch Bestandteil des Neuen Deutschen Films, der sich gerade etablierte, und er wurde gewürdigt: Der Film lief im Wettbewerb der Berlinale 1969 und gewann einen Silbernen Bären. Zadek erhielt für seine Regie außerdem den Bundesfilmpreis in Gold. Für seine darstellerische Leistung erhielt diesen Preis ebenfalls der Jungschauspieler Wolfgang Schneider (Bester Nachwuchsschauspieler).
Da ich die Nouvelle Vague erwähnt habe: „Ich bin ein Elefant, Madame“ ist sehr witzig und zeigt Elemente der NV, vor allem von Jean-Luc Godard, ohne aber dabei kryptisch oder verstiegen zu wirken. Man kann ohne Bedienungsanleitung auch heute noch gut nachvollziehen, worum es in dem Streifen geht, findet die Stilmittel kultig, wie die Zwischentitel, das Quasi-Einreißen der Vierten Wand, und dann kommt es nach der Hakenkreuz-Aktion von Rull zu einer Sequenz, die so ganz anders wirkt, als ob man in die Inszenierung das böse Straßentheater der Realität implantiert hätte.
Ich weiß nicht, ob die Interviews in Schwarz-Weiß tatsächlich auf das Hakenkreuz bezogen sind, das an der Wand prangt oder ob das nur geschickt so montiert wurde – jedenfalls ähneln die Aussagen der Bürger:innen jener Zeit sehr einigen anderen Straßeninterviews, die ich gesehen habe und in denen es um die aufmüpfige Jugend ging – nicht um RAF-Terroristen, sondern lediglich um eine Generation, die den alten Muff abschütteln wollte und auch daran glaubte, dass das möglich sei. Die wohl grausamste Pointe kommt zum Schluss dieser Interviewschnipsel-Serie: Ein alter, sichtlich gezeichneter Mann würde den Hakenkreuz-Schmierer am liebsten hängen sehen. Der Mann ist ein KZ-Überlebender. Einer, der jeden Grund hat, Nazisymbole zu hassen, aber auch einer, der in diesem System brutalisiert wurde durch dessen Unmenschlichkeit. Man sieht, dass er nicht reintegriert wurde, wie so viele Mitläufer und auch viele aktive Nazis, die ihre alten Seilschaften nutzten, um schnell wieder Fuß zu fassen. Doch welche Verbindungen hat schon einer, der die Welt der totalen Entmenschlichung gerade so überlebt hat und fortan als sehr unangenehmes Mahnmal umherwandelt, das sich noch einmal in einem kurzen Interview Luft machen und Reaktionen hervorrufen darf? Ein bitteres Schicksal, in jeder Hinsicht.
Bis zu dem Zeitpunkt musste ich über dies exemplarischen Spießbürgeraussagen mit leicht unterschiedlicher politischer Richtung schmunzeln oder die Stirn in Falten legen, zum Beispiel über den Beginn der Einübung einer toleranteren Haltung, über verdeckte Aggressionen, die nie so ganz aus der Salonfähigkeit entlassen worden waren, natürlich auch über die jungen Frauen, die ein bisschen diskriminierend als Opfer einer verfehlten Bildungspolitik dargestellt werden und damit sehr aktuell sind, aber dieses Gesicht aus der damals noch sehr lebendigen Vergangenheit wurde richtigerweise als Schlusspunkt in diese Sequenz eingebrannt.
Die Entrüstung, die Verwirrung der Straße, in der Schule hingegen Rituale einer künftigen Gesellschaft zwischen echtem und gespieltem Aufruhr, Langeweile, posher tradierter Bürgerlichkeit, aber ohne die wirklich linken Aktionen, die an realen Schulen etwas später üblich wurden, wo Mobbing aus politischen Gründen durchaus an der Tagesordnung war. In jeder Richtung. Das war ein Nachhall und ein Abwehrkampf gegen eine wieder andere Zeit, die ich oben erwähnt habe, aber nichtsdestotrotz ein Horror für jeden Schulsozialarbeiter, jedoch gab es damals noch keine Schulsozialarbeiter, die Herausforderungen haben sich auch ein wenig verändert.
Finale
„Ich bin ein Elefant, Madame“ ist eine Zeitreise für alle, die „Penne“ in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs von 1968 erlebt haben oder auch etwas später, wie es bei mir der Fall war. Es war anders, aber noch ähnlich, der Wandel schien etablierter zu sein. Wie sich heutige Schüler:innen in den Film einfinden, kann ich schwer beurteilen. Wird sich das Überzeitliche gut herausschälen lassen oder ist der Zeitgeist doch zu dominant, um einen direkten Zugang zu dem Film zu bekommen. Achten Sie beispielsweise auf die Musik zu Beginn. Wer sich mit der Popkultur jener Jahre nicht auskennt, verpasst das eine oder andere, mir ging es anfangs auch so. Wenn man jede Szene des Films analysiert, lässt sich ganz gewiss mehr herausholen, als wir es hier getan haben, er ist ja ein Stück Sprechtheater und für die damaligen deutschen Verhältnisse avantgardistisch. Es gibt also kaum Zufälle oder Unnötiges darin, sondern es hat alles einen Platz, an dem es auch eine Bedeutung hat. Und „Ich bin ein Elefant, Madame“ macht Spaß und ist somit auch ein besserer Pennälerfilm als das, was damals reihenweise im Mainstream-Kino auf den Markt kam.
78/100
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Peter Zadek |
|---|---|
| Drehbuch | Robert Muller, Wolfgang Menge, Peter Zadek |
| Produktion | Ernst Liesenhoff |
| Kamera | Gérard Vandenberg |
| Schnitt | Herbert Taschner |
| Besetzung | |
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[1] Ich bin ein Elefant, Madame – Wikipedia
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