Briefing PPP Politik, Personen, Parteien, Kandidatenduell Merz gegen Scholz, Glaubwürdigkeit, Sympathie, Kompetenz, Frauen, Männer, Umfrage, Analyse
Es ist Montagabend und wir steigen wieder ins aktuelle politische Geschehen ein. Und was könnte aktueller und wichtiger sein als die Bundestagswahl in genau 13 Tagen? Vielleicht, wenn Trump wirklich den Gazastreifen, auch dieses Thema kam gestern im Kandidatenduell Merz gegen Scholz zur Sprache.
Wenigstens hat Merz nicht gesagt, er würde das klasse finden und sich sofort ein paar mittelständische Riviera-2-Anteile kaufen. Was man auf Merz‘ Worte geben kann, haben wir in der vorletzten Woche gesehen. Und ob Kandidatenduelle eine Wahl wirklich beeinflussen, darüber gibt es verschiedene Ansichten seit dem ersten Fernsehduell der Geschichte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl 1960. Viele waren damals der Ansicht, es hatte sehr wohl eine Auswirkung, und die Wahl ging sehr knapp aus. Nach Kennedys Ermordung wollten ihn zwei Drittel der Befragten gemäß einer repräsentativen Umfrage gewählt haben. Es hat das Befragen von Menschen nicht nur eine Fehlertoleranz, es unterliegt auch einem hohen Maß an Subjektivität und einer gewissen Wandelbarkeit. Nicht nur bei Politikern, sondern auch bei ihren Wählern, inklusive schwachem Gedächtnis.
Wir nehmen es hier vorweg: Nach Ansicht der Befragten zum Duell gestern Abend hat Scholz gewonnen. Merz hat ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem, das hat er sich selbst eingebrockt, und er wirkt unsympathisch, vor allem auf Frauen, das ist nicht neu. Kompetenzseitig liegen beide gemäß dieser Umfrage gleichauf. Nun könnte man natürlich sagen, darauf kommt es doch an, aber erstens stimmt das nicht und zweitens gibt die Zurechnung von Kompetenz hier kein klares Bild ab.
Wir kommentieren unterhalb des dieses Mal recht kurzen Statista-Textes weiter. Weil er so kurz ist, haben wir schon oberhalb der Grafik damit angefangen.
Infografik: Wer hat gewonnen, Scholz oder Merz? | Statista

Wer hat gewonnen, Scholz oder Merz?
Am Sonntagabend traten die Spitzenkandidaten von SPD und Union in einem TV-Duell gegeneinander an. In der 90-Minütigen Debatte ging es unter anderen die Themen Migration und Brandmauer großen Raum ein. Das Thema Klimapolitik spielte dagegen keine nennenswerte Rolle.
Laut einer im Anschluss durchgeführten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen endete der politische Schlagabtausch ohne klaren Sieger. 37 Prozent der rund 1.400 zufällig ausgewählten wahlberechtigten Zuschauer:innen des TV-Duells fanden, dass sich Olaf Scholz (SPD) besser geschlagen hat, 34 Prozent sahen Friedrich Merz (CDU) vorn. Etwas anders sahen die Ergebnisse nach Geschlechtern aus. Scholz punktete demnach eher bei Frauen, Merz bei Männern.
Den Eigenschaftenvergleich konnte der amtierende Bundeskanzler tendenziell für sich entscheiden. Die Mehrheit der Befragten sahen Scholz bei Glaubwürdigkeit und Sympathie vorne. Beim Sachverstand lagen beide Duellanten dagegen gleichauf.
Wir finden es bemerkenswert, dass Scholz beim Sachverstand so achtbar abgeschnitten hat, denn anders als bei Merz konnte man seinen Sachverstand drei Jahre in allen Details beobachten, und gemessen an den Regierungsergebnissen der Ampel hat Scholz zumindest in vielen Bereichen seinen Sachverstand nicht geltend machen oder durchsetzen können, bei wohlwollender Interpretation, die nicht darauf abhebt, dass er es nicht hätte besser machen können, wenn er nicht mit zwei auf unterschiedliche Weise furchtbaren Koalitionspartnern gestraft gewesen wäre.
Das Ergebnis der Umfrage ist auch deshalb bemerkenswert, weil Scholz immer wieder Probleme hat, wenn er Dinge klar und empathisch kommunizieren muss. Merz ist sicher der bessere Rhetoriker, das hat ihm gestern aber nicht viel genützt. Zum Glück, muss man sagen, denn beim Vergleich der Glaubwürdigkeitswerte lag die Mehrheit sicher nicht falsch, und wenn der Sachverstand der beiden gleich bewertet wird, spielt diese eine erhebliche Rolle.
Auch den Sympatihiewert sollte man nicht unterschätzen. Klar, Frauen sind emotional, Frauen gehen nicht nach Sachverstand, sondern nach Sympathie. So wirkt es gemäß den Werten von heute. Wäre dem so, hätte Scholz noch echte Chancen auf den Wahlsieg, das trifft aber leider nicht zu. Außerdem soll man sein Bauchgefühl nicht unterschätzen.
Wir haben die SPD zuletzt für unsere Wahl am 23.02. favorisier. Nicht, weil wir Scholz besonders sympathisch finden, sondern aus sachlichen Gründen. Ob das richtig war, daran zweifeln wir gerade wieder. Für uns hat sich die SPD zum Beispiel nicht genug gegen Merz abgegrenzt, nach seinem Anschlag auf die Demokratie vor zwölf und dem erneuten, im Versuch steckengebliebenen Anschlag vor zehn Tagen. Vielleicht werden wir doch das mit Abstand sympathischste Projekt dieses Wahlkampf, die Formation „Silberlocke“ wählen. Jeder drei drei Linken-Politiker hätte vermutlich im Vergleich zu Scholz oder Merz besser abgeschnitten, auch wenn es dumme ideologische Vorbehalte vieler in diese Richtung gibt. Da sehen wir aber die Demokraten, die noch für die Unterstützung des Rechtsrucks bereitstehen, anders als SPD und Grüne. Und seit dieses Projekt und das kohärente Verhalten der Linken im Drama Kampf um die Demokratie am meisten gepunktet hat und die Beliebtheitswerte der Partei plötzlich deutlich ansteigen, ist uns Scholz vielleicht doch nicht mehr sympathisch genug.
Hätte er nach dem Eklat im Bundestag das Duell mit Merz abgesagt, wäre ihm das natürlich als Feigheit ausgelegt worden, aber uns ist nicht bekannt, dass einer Koalition mit einer von Merz geführten Union nach der Wahl ausschließt. Das hätte er gestern mit größtmöglicher Medienwirksamkeit sagen müssen, jetzt ist die letzte Chance dazu verpasst. Wir haben das zur Sicherheit noch einmal abgefragt, man weiß ja nie, wie einem die eigene Wahrnehmung einen Streich spielt:
Olaf Scholz hat im TV-Duell mit Friedrich Merz am 09. Februar 2025 keine explizite Aussage gemacht, dass er nicht mit der CDU koalieren werde, solange diese von Merz geführt wird. Allerdings griff Scholz Merz mehrfach scharf an und stellte dessen Glaubwürdigkeit infrage, insbesondere wegen der Bereitschaft von Merz, bei migrationspolitischen Vorhaben auch Stimmen der AfD in Kauf zu nehmen. Scholz betonte dabei, dass Merz „nicht zu trauen“ sei, was jedoch mehr wie ein persönlicher Angriff wirkte und weniger durch eine detaillierte Beweiskette untermauert wurde[2][3][7].
Diese Angriffe stehen im Kontext der jüngsten Kontroversen um Friedrich Merz, der sich offen zeigte, migrationspolitische Anträge im Bundestag auch mit Unterstützung der AfD durchzubringen. Dies führte zu erheblicher Kritik, unter anderem von SPD und Grünen, die dies als Bruch der sogenannten „Brandmauer“ zur AfD bewerteten[1][4][6]./[1]
Etwas kurios fanden wir den Antwortteil mit „persönlicher Angriff vs. Beweiskette“. Merz hat erst vo wenigen Tagen bewiesen, dass man ihm in Sachen Demokratie-Erhalt nicht vertrauen kann.
Früher hatten Amtshinhaber einen Bonus, auch wenn aus der Opposition heraus argumentieren leichter ist. Zumindest war das in der BRD so, weil die Politik nie so schlecht lief, dass sie nichts hätte vorweisen können, was die Mehrheit als Fortschritt empfunden hätte. Aber dieses Mal ist ja so vieles anders als bisher. Die Bilanz der Ampelregierung ist tatsächlich überwiegend negativ, und zwar rein faktisch und ohne Rechtfertigung durch Hintergründe und äußere Umstände. Man kann aber auch sagen, die Ampel hatte auf Sand gebaut, den Angela Merkel 16 Jahre lang unter dem Fundament dieses Landes angebracht und dieses Fundament damit wackelig gemacht ha. Man kann auch sagen, dieses Einbringen von Sand hat schon viel früher begonnen, zum Beispiel unter Helmut Schmidt.
Besonders die Ostdeutschen werden aber vermutlich die Kette von Rückschritten, die seitdem nachweisbar ist, nicht so problemlos nachverfolgen können wie jemand, der aus der Westperspektive analysiert, wann die BRD ihren Zenit überschritten hat und dabei die These aufstellt, dass das lange vor der Wiedervereinigung passiert ist und die Probleme, die durch dieses Ereignis zusätzlich entstanden, nie wirklich gelöst wurden, woran seit Helmut Kohl alle Kanzler:innen beteiligt sind.
Diesen Abwärtstrend gerade in den letzten Jahren zu wenden, war im Grunde unmöglich, aber er hätte stabilisiert werden könnten, stattdessen hat er sich massiv beschleunigt.
Wir können nur davor warnen, zu glauben, dass Merz es besser machen würde. Wir halten es sogar für möglich, dass er wieder etwas wie ein Wirtschaftswachstum hinkriegt, aber dann wohl eher im Stil von Angela Merkel, nämlich, dass die Immobilienpreise explodieren, nicht aber die Innovationskraft des Landes. Merz ist auf das Denken an die Rendite von Aktionären ausgerichtet, nicht auf das Wohlergehen für alle, wie man an seiner auch gestern wieder vorgetragenen Spaltungsrhetorik leicht feststellen kann. Wir glauben hingegen, dass Scholz sehr wohl das Ganze im Blick hat und es ihm angesichts von dessen Komplexität nicht so leicht möglich ist, griffig zu werden wie einem Populisten à la Merz.
Wir haben auch Pressestimmen gefunden, die Merz den Sieg im Duell zusprechen. Kann man machen, wenn man seine rhetorischen Tricks über die Inhalte stellt, aber davon haben sich gemäß der obigen Umfrage eben doch viele nicht täuschen lassen. Was bleibt, ist leider, dass beide Kandidaten diesem Land nicht die Zukunftsvision geben können, die es so dringend braucht. Der eine ist nicht der Typ dafür, der andere auch nicht, außerdem ist er hochgefährlich für die weitere Entwicklung dieser gespaltenen Gesellschaft. Das gilt selbst dann, wenn er als Kanzler etwas mehr Mäßigung zeigen würde. Kann man darauf vertrauen oder ist es wie bei seinem Vorbild Trump, dass er dann erst richtig freidreht? Wir würden das nach den Vorgängen in Sachen Kollaboration mit der AfD vor den Augen des ganzen Landes und der Welt nicht mehr ausschließen wollen.
Angesichts des bereits hohen Mobilisierungsgrades der Wähler, der sicher zu einer hohen Wahlbeteiligung führen wird und der damit einhergehenden Verfestigung des Stimmungsbildes hätte Scholz selbst mit einem K.O.-Sieg gestern das Blatt nicht mehr wenden können, aber jede Stimme, die nicht an die Union oder die AfD geht (oder an die FDP, aber hier handelt es sich wohl um „verlorene“ Stimmen, ist bei dieser Wahl vielleicht nicht einmal eine gewonnene Stimme für uns alle, aber wenigstens keine für die Haupttäter im Fall des schweren Verbrechens der Demokratiebeschädigung.
TH
[1] Koalition mit Merz ja oder nein, Quellen zum Infoblock:
[1] https://www.deutschlandfunk.de/merz-cdu-grenzschliessungen-afd-100.html
[2] https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/parteien/tv-duell-scholz-merz-100.html
[4] https://www1.wdr.de/nachrichten/bundestagswahl-2025/merz-cdu-afd-abstimmung-brandmauer-100.html
[5] https://www.youtube.com/watch?v=BBB_JgTff0U
[8] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundestag-migration-100.html
[9] https://www.ksta.de/politik/tv-duell-nix-verpasst-unfassbar-reaktionen-auf-scholz-und-merz-960241
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