Filmfest 1266 Cinema
Zurück zur Bestimmung: der Flusskahn
Feuer unter Deck ist ein deutscher Film der DEFA von Herrmann Zschoche, der 1977 fertiggestellt war. Nach der Ausreise von Hauptdarsteller Manfred Krug in die Bundesrepublik wurde der Film noch vor der Premiere verboten und erst 1979 im Fernsehen der DDR uraufgeführt.
Die Schwierigkeiten mit „Feuer unter Deck“ beginnen bereits mit der Einordnung im Rahmen der Filmfest-Rubriken. Ist diese Elbschiffer-Komödie ein Kinofilm, weil als solcher konzipiert? Oder ein Fernsehfilm, weil im Kino zunächst verboten und drei Jahre nach seiner Entstehung im Fernsehen der DDR erstmals ausgestrahlt? Genetisch ist diese wildromantische Flussfahrt ein Kinofilm und so wurde er hier auch eingeordnet. Warum er zunächst verboten wurde und mehr zum Werk steht in der -> Rezension.
Handlung (1)
Otto Scheidel ist seit 22 Jahren Kapitän auf dem Radschleppdampfer Jenissei, mit dem er die Elbe befährt. Sein Team ist eingeschworen, nur Ottos Freundin Carola, genannt Caramba, hat irgendwann genug. Die Gaststättenbesitzerin wünscht sich eine Familie und will weg von betrunkenen Menschen. Als Otto zu ihrem Geburtstag schließlich nur Blumen schickt, weil er nicht vom Dampfer kommt, trennt Caramba sich von Otto. Der hat bald einen zweiten Schicksalsschlag zu verkraften: Auch von der Jenissei muss er sich trennen. Der Radschleppdampfer ist der letzte auf der Elbe, der noch mit Kohlen betrieben wird. Immer seltener finden sich Personen, die die harte und schmutzige Arbeit des Kohleschaufelns auf sich nehmen wollen, sodass die Jenissei schon seit geraumer Zeit unterbesetzt ist. Nun soll sie ein Museums- und Restaurantschiff werden. Nach der letzten Fahrt packt die Besatzung zusammen. Der alte Jule bleibt an Bord und übernimmt die Wartung des Schiffs, das nun als Gaststätte von Caramba betrieben wird. Der Rest der Besatzung beginnt auf einem mit Diesel betriebenen Schiff zu arbeiten. Nur Otto sucht sich einen neuen Job: Er beginnt bei einer Gleisbaubrigade als Schienenarbeiter.
Eines Tages sieht er bei der Arbeit, wie sich auf der Elbe bei Niedrigwasser ein Schlepper und ein Motorkahn festfahren. Auf dem Schlepper arbeiten seine ehemaligen Kameraden Miltz und Langer, den nachkommenden Schiffen wiederum ist die Durchfahrt versperrt. Ein Versuch, die Kähne mit Traktoren aus den Sandbänken zu ziehen, scheitert. Infrage käme jedoch ein Raddampfer wie die Jenissei, der kaum Tiefgang hat. Aktive Radschleppdampfer arbeiten noch im Tschechischen, doch wären sie erst in acht Tagen vor Ort.
Kurzentschlossen stattet Otto der Jenissei einen Besuch ab. Er veranstaltet dort etwas Krawall, als er einem unfreundlichen Kellner ein Bein stellt. Caramba weist ihn von Bord. Otto findet Jule im Maschinenraum und erfährt, dass die Jenissei nach wie vor fahrtüchtig ist. Er leitet Dampf in die Veranstaltungsräume des Dampfers und gibt durch, dass Feuer unter Deck sei. Alle Gäste fliehen panisch und die Jenissei sticht in See. Am nächsten Morgen trifft sie am Unglücksort ein und nach kurzer Zeit ist der erste Kahn in tiefere Wasser gezogen. Der Motorkahn jedoch ist deutlich schwerer und so bringt die Bergung des Kahns Besatzung und Jenissei an ihre Grenzen. Als die Kohlen ausgehen, organisiert die Besatzung eilig neue, die im Gastraum des Schiffes abgeladen werden müssen. Caramba reagiert hysterisch und flieht irgendwann von Bord. Gerade als es scheint, dass der Kahn freikommt, reißt die Trosse und zerschlägt unter anderem den Kapitänsstand und einen Schornstein. Entschlossen fordert Otto ein neues Drahtseil an und kann schließlich den Kahn freikriegen. Die Jenissei ist danach zum Teil verwüstet. Otto erhält wie der Rest der Besatzung zwar eine Prämie, wird sich für sein Verhalten jedoch verantworten müssen. Caramba hingegen hat erkannt, wie viel Otto für ein Schiff und eine gute Sache geben würde und beide finden wieder zueinander.
Kritiken
Christoph Prochnow schrieb 1981, dass es dem Film in beachtlichem Maße gelingt, „nicht nur ‚Liebe‘, sondern auch so spröde Dinge wie das ‚Verhältnis des Helden zu Arbeit und Beruf‘ in sinnlich direkten und lustbetonten Vorgängen erlebbar zu machen.“ Der Film schaffe es, „einen jener großen aktiven Helden zu etablieren, die der Film offensichtlich noch braucht, um handlungsbetontes und sinnlich erlebbares Kino überhaupt stattfinden lassen zu können.“[3]
Für den film-dienst war Feuer unter Deck ein „unverbindlicher Film, der die Grenzen zwischen abenteuerlicher und humorvoller Unterhaltung verwischt, dabei aber auf eine stimmige Auslotung der Geschichte verzichtet; lediglich das gute Spiel der beiden Hauptdarsteller verdient Interesse.“[4]
„Liebenswerte Figuren mit Ostalgie-Charme“, schrieb Cinema.[5]
Infos
Feuer unter Deck beruht auf Wolfgang Müllers Erzählband Flußgeschichten. Der Film wurde 1976 unter anderem in Magdeburg, Torgau, Dresden und Parey/Elbe gedreht und war ursprünglich zum Start für die Sommerfilmtage 1977 vorgesehen. Nachdem Manfred Krug Ende 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatte, wurde der Beitrag „mit der Begründung, ich [Manfred Krug] hätte in Erfurt einen Genossen niedergeschlagen“, zurückgezogen.[1] Nachdem Krug im Juni 1977 in die Bundesrepublik ausgereist war, wurde der Film verboten. Er erlebte seine Premiere am 6. Juni 1979 auf DFF 1 im Fernsehen der DDR. Kurz vor dem X. Parteitag der SED im Jahr 1981 lief der Film unangekündigt in wenigen Kinos der DDR,[2] und erlebte am 16. August 1982 seine eigentliche Kinopremiere mit wenigen Kopien. In der Bundesrepublik lief Feuer unter Deck erstmals am 3. März 1988 im BR im Fernsehen.
Rezension
Vom Ende des Films her betrachtet war mir Otto schon deshalb sympathisch, weil das Verhalten der Obrigkeit ihm gegenüber mich an einen Vorgang während meiner Dienstzeit erinnerte: Belobigung für gute Leistung während einer Übung und Tadel wegen Verstoß gegen die Dienstvorschriften – sprichwörtlich in einem Atemzug. Per Saldo kam leider ein Minus heraus, was bei Otto bedeuteten würde, dass er den Schaden am Raddampfer „Jenissei“ abarbeiten müsste, der sicher größer ist als die Prämie für den früheren Kapitän, der das Restaurantschiff eigenmächtig reaktiviert hat. Dieses Schicksal ist ihm nicht zu wünschen und der Inhalt des Films war nicht der Grund für dessen vorläufiges Verbot, wie aus der Wikipedia zu erlesen ist. Selbstverständlich werde ich auch zu Manfred Krug noch einige Worte verlieren und zu Renate Krößner, die in „Feuer unter Deck“ zusammen gespielt haben, aber ich fange mit Regisseur Hermann Zschoche an:
Im Jahr 1965 drehte Zschoche nach einer Vorlage von Ulrich Plenzdorf den Spielfilm Karla und damit „seinen ersten großen Gegenwartsfilm über Wahrheit und Lügen, Verschweigen und Ehrlichkeit in der Gesellschaft am Beispiel der Erziehung von Jugendlichen.“[2] Der Film um eine junge Lehrerin, die frisch von der Universität kommt und mit ihren Idealen am Ende scheitert, wurde infolge des 11. Plenums des ZK der SED 1966 verboten. Der Film, dem Pessimismus und Skeptizismus vorgeworfen wurden, erlebte erst im Juni 1990 seine Premiere.
Das unglückselige 11. Plenum des ZK der SED von 1966 hat zum Beispiel auch zum Verbot von „Die Spur der Steine“ geführt – und wer spielte darin die Hauptrolle? Manfred Krug. „Karla“ habe ich vor ein paar Jahren gesehen und fand den Film faszinierend, weil er sich so ernsthaft und anhand seiner sehr sympathischen Protagonistin mit der DDR-Realität und dem Ringen um die Realisierung des Sozialismus auseinandergesetzt hat. Filme wie „Steine“ und „Karla“ zu verbieten, war nach dem Bau der Mauer die endgültige Bankrotterklärung der DDR, mehr als zwanzig Jahre vor ihrem Ende. Wie sich kritische Filmemacher und auch viele Filmschaffende vor der Kamera mit der Agonie des Systems, die dann einsetzte, arrangierten, haben wir in einigen interessanten DEFA-Filmen sehen und für den Wahlberliner aufbereiten können, außerdem spüre ich der Alltagskultur derzeit durch Kritiken zu Polizeirufen aus der Zeit vor der Wende nach.
Sicher spielte die Einflussnahme seitens der UdSSR, in der es 1964 die konservative Wende gegeben hatte, eine Rolle, die Gründe mögen vielfältig gewesen sein, das Ergebnis hingegen war eindeutig: Es ist mehr als bedauerlich, dass gute, wichtige Filme verboten oder gar nicht erst gedreht wurden. Dies trug, besonders im Kontext der gesamten kulturellen Erstarrung, dazu bei, dass die DDR nicht nur frühzeitig den Systemkampf aufgrund Unfähigkeit zur inneren Erneuerung verlor, sondern die DEFA auch die künstlerische Führungsrolle in der deutschen Kinolandschaft, die sie mit Konrad Wolfs Verfilmung von „Der geteilte Himmel“ im Jahr 1964 noch einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Was folgte, waren einige interessante Einzelstücke von Wolf und anderen, zu ihnen zählte auch „Solo Sunny“ mit Renate Krößner, der vier Jahre nach ihrer Rolle in „Feuer unter Deck“ entstand und auf mehr verdeckte und leider resignative Weise systemkritisch ist.
Auch das Schicksal von „Feuer unter Deck“ ist sinnbildlich für das Versagen der DDR in der Kulturpolitik. Der Film selbst hat zwar nicht zu Kontroversen geführt, obwohl man hier sieht, wie ein eigensinniges Individuum alle Vorschriften im wörtlichen Sinne über Bord schmeißt und dadurch eine große Tat vollbringt. Dass die Kritik in der Folge sich geradezu darüber grämte, dass es wohl nicht ohne solche Heldenfiguren geht, das sozialistische Kollektiv hingegen fürs klassische Erzählkino nur wenig geeignet ist, darf immerhin als Eingeständnis gegenüber der menschlichen Natur gewertet werden. Ein spätes, wenn man so will, denn auch der sowjetische Film ging bereits in den 1930ern von der Darstellung des großen Ganzen wie in Eisensteins „Oktober“ (1927) zur Porträtierung von Helden der Revolution über („Tschapajew“, 1934, haben wir uns vor einiger Zeit in einem deutsch-russischen Kulturzirkel angeschaut).
Allerdings ist Kapitän Otto Scheidel kein Revolutionsführer, sondern führt eine kleine Revolte gegen die Ausmusterung eines Schiffes und dessen Umwidmung zum schwimmenden Restaurant an. Er dient damit dennoch der Gesellschaft, indem er mehrere Schiffe, die sich im Sommer bei Niedrigwasser auf Sandbänken der Elbe festgefahren haben, freischleppt, dadurch die Fahrrinne wieder öffnet und großen volkswirtshaftlichen Schaden verhindert oder begrenzt. Die Kritik ist wohl recht eindeutig: Mit dem Ende der Raddampfer, daran hatte man nicht gedacht, gab es keine Fahrzeuge mehr, deren Maschinen so stark waren, dass man damit ein solches Werk hätte vollbringen können, die mit Diesel und mit Schrauben betriebenen Kähne waren dazu nicht geeignet.
Selbstverständlich geht es nicht nur darum. Ziemlich interessant wirkt, wie z. B. eine lebenslustige Kellnerin sich zur Restaurantführerin weiterbildet, damit zur neuen Nr. 1 an Bord der Jenissei wird und sich dann mit fast allen Mitteln dagegen wehrt, dass ihr Freund das Schiff zwischenzeitlich reaktiviert. Dass dies auf einer persönlichen Ebene sehr spritzig dargestellt wird, kann nicht verhehlen, dass diese Konfrontation auch abbildet, dass unhinterfragte Systemtreue schädlich und die Überschreitung von Grenzen im Sinne des Fortschritts sinnvoll sein kann – gerade dann, wenn ja mit der Stilllegung der Jenissei der Fortschritt angeblich Einzug halten soll, aber plötzlich der Flussschiffahrt etwas Wichtiges fehlt. Damit der große Plan gelingt, müssen Herz, Verstand und das Verständnis von Zusammenhängen eine Einheit bilden. Das Herz vieler DDR-Bürger war aber irgendwann nicht mehr bei der Sache, der Verstand machte Dienst nach Vorschrift und das Verständnis für Zusammenhänge ging im pseudosozialistischen Klein-Klein mehr und mehr verloren.
Manche gingen dann auch. Wie eben der Hauptdarsteller von „Feuer unter Deck“, Manfred Krug, wegen dessen Ausreise in den Westen der Film erst einmal nicht aufgeführt werden durfte. Die Filmkunst in der DDR als Hindernislauf, so wirkt es, wenn man alle Fäden in die Hand nimmt, die allein von diesem Werk in die Vergangenheit und in die Zukunft führen. Krug hatte als einer der prägnantesten und wohl auch beliebtesten Schauspieler der DDR keine Mühe, im Westen an seine Karriere anzuschließen und spielte zunächst als „Liebling Kreuzberg“ und dann in den Hamburg-Tatorten als Kommissar Stoever unvergessliche Rollen.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: Im Jahr 2020 waren wir gerade dabei, die Polizeiruf-110-Filme aus der DDR-Zeit zu sichten, mittlerweile sind aber auch wieder ein paar Kinofilme hinzugekommen und die Erkenntnis, dass vermutlich drei Schauspieler die größten Stars der DDR waren: Armin Mueller-Stahl, Jürgen Frohriep und eben Manfred Krug. Zwei gingen in den Westen, der dritte verkraftete die innere Anspannung, im DDR-System zu verbleiben und ihm künstlerisch zu dienen, sehr schlecht und wurde zum Alkoholiker. Deswegen ist verständlich, dass der DDR-Exit des Hauptdarstellers eines Films, der die Menschen erfreuen sollte, zu dessen Aufführungsverbot führte, denn es ist nicht erfreulich, dass das Publikum durch das Anschauen daran erinnert werden würde, dass viele der Besten nur eine Richtung kannten: Ab in den Westen.
Finale
Bei einem Film wie diesem bleibt es nicht aus, dass die Rezension von den Hintergründen dominiert wird, wenn man politisch denkt. Dadurch wird auch die Rezeption beeinflusst – aber das Anschauen von „Feuer unter Deck“ hat auch Spaß gemacht. Die Besatzung der „Jenissei“ besteht aus urigen Typen, wie man sie unter Seeleuten erwartet, auch wenn es nur die ufernahe Flussschiffahrt ist, die hier abgebildet wird. Dafür atmet der Film stellenweise die Romantik großer Vorbilder, wie „L’Atalante“ oder „Unter den Brücken“. Auf Flüssen unterwegs sein, muss seinen ganz eigenen Reiz haben, weil man so viel sieht und das Land immer in Sichtweite ist – und die Liebe ist auch nicht fern, wie wir erfahren, und wird hier auf eigenwillige Weise interpretiert.
Die Liebe zur Arbeit wird vom Kapitön Otto Scheidel als etwas Gestalterisches dargestellt und vom Maschinisten Jule als die eigentliche körperliche Erfahrung des Werktätigen in der Industrie, der aber deswegen ein persönliches Verhältnis zur Maschine hat, weil von deren Funktionieren das Wohl und Wehe des Ganzen abhängt und man nicht ohne Weiteres auf Ersatz zurückgreifen kann. In verschiedenen Seeabenteuerfilmen wurde das bereits schön ausgepielt – und im Flussschifferfilm „African Queen“ (1951) mit Humphrey Bogart natürlich.
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2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
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Herrmann Zschoche, |
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DEFA, KAG „Babelsberg“ |
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Besetzung |
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