Filmfest 1267 Cinema
Die Schweizermacher ist ein Schweizer Spielfilm aus dem Jahr 1978 unter der Regie von Rolf Lyssy mit Emil Steinberger, Walo Lüönd und Beatrice Kessler, der die schweizerische Einbürgerungspraxis aufs Korn nimmt. Ausländer müssen beweisen, dass sie «schweizerischer» als Schweizer sind; Einbürgerungsbeamte zeigen sich als gnadenlose Bürokraten.
Der Film entstand im Nachgang zu den vier Schwarzenbach-Initiativen der 1970er-Jahre. «Die Schweizermacher» ist, gemessen an der Anzahl der Kinobesucher, der erfolgreichste Schweizer Film seit Beginn der statistischen Erfassung.[1] 940’103 Zuschauer sahen diesen Film bei damals 6,5 Millionen Einwohnern.
In der Rezension wird unter anderem erwähnt, dass wir zu dem Zeitpunkt, als wir „Die Schweizermacher“ rezensiert haben, noch nicht viele Filme aus der Schweiz kannten – das hat sich mittlerweile geändert, unter anderem durch eine 3Sat-Reihe mit Klassikern des schweizerischen Films von den späten 1930ern bis in die 2010er. Nahc der Sichtung aller Filme der Reihe sind wir der Ansicht, „Die Schweizermacher“ ist zwar nicht die einzige Kino-Komödie, die in der Eidgenossenschaft entstanden ist, als Satire aber trotzdem ein Sonderfall. Wir haben den Rezensionstext nicht wesentlich geändert, er spiegelt also weiterhin den Stand unserer Kenntnisse aus dem Jahr 2016.
Handlung (1)
Ein deutscher Psychiater und seine Frau, ein kommunistischer Italiener, der in einer Konditoreifabrik am Fliessband arbeitet und mit einer Tessinerin verheiratet ist, sowie eine jugoslawische Tänzerin möchten das Schweizer Bürgerrecht erhalten. Alle verfolgen einen gewissen Eigennutz – der Psychiater kann nur als Schweizer Bürger seine leitende Stelle in einer Klinik verlassen und eine eigene Praxis gründen, der Italiener versucht der hohen Arbeitslosigkeit in Italien zu entgehen, und die Tänzerin möchte Bürgerin des Landes werden, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Auf der anderen Seite tritt der engstirnige und kleinbürgerliche Einbürgerungspolizeibeamte Max Bodmer als Spiessbürger auf. Sein Assistent Moritz Fischer ist der liberale Gegensatz von Bodmer; er beginnt sogar ein Verhältnis mit der Tänzerin.
Die Ausländer passen sich an, so dass sie als Überschweizer gelten. Der Italiener verleugnet seine Gewerkschaftsaktivitäten, lernt schweizerische Geschichte und spaziert mit der Familie in Sonntagskleidung an der Seepromenade, zu Recht vermutend, dass er beobachtet wird. Das deutsche Ehepaar hisst täglich die Schweizer Flagge im Garten und übt in einem Abendkurs Schweizerdeutsch. Nur die Tänzerin, in Sprache und Auftreten praktisch Schweizerin, verstellt sich nicht.
Mit Müh und Not schaffen die Kandidaten nach der abschliessenden strengen Anhörung vor der Einbürgerungskommission die Einbürgerung. Dem Italiener wird die Frage «Wenn Wilhelm Tell heute leben würde, wen würde er erschiessen?» gestellt; er zieht sich jedoch schlau aus der Affäre. Nur als er seine geplante Teilnahme an einer Arbeiterdemonstration zugibt, glaubt er abgelehnt zu werden. Aber es wird offensichtlich seine Standhaftigkeit und nicht seine politische Einstellung beurteilt.
Die jugoslawische Tänzerin kommt der Ablehnung durch Bodmer zuvor, weil sie ein Engagement in Holland erhält und ihren Einbürgerungsantrag zurückzieht. Ihr neuer Freund Moritz Fischer quittiert den Dienst bei der Einbürgerungsbehörde.
Das Ende des Films ist ein Besuch Bodmers mit seinem neuen Assistenten bei einem neuen Kandidaten, einem amerikanischen Musiker (in einem Kurzauftritt Bill Ramsey), der den beiden zur Begrüssung eine eigenwillige Interpretation der Schweizer Nationalhymne auf dem Saxophon spielt.
Anni und Tom über „Die Schweizermacher“
ANNI:Dass Satire so honigsüß sein kann! Ich glaub, ich hab mich in Emil verliebt, aber der hat ja leider schon die Tänzerin. Oh, sorry …
TOM: Ich trag’s mit Fassung. Das Kino ist eh eine permanente Einladung zur Vergrößerung des Abstandes gegenüber der Realität. Ich fand die Tänzerin übrigens auch fesch (gespielt von Betrice Kessler). Also, „Die Schwyzer …“, also, die „Schweizermacher“ ist der mit Abstand erfolgreichste Schweizer Film in der Schweiz. Mit seinerzeit fast einer Million Besuchern (bei 6,5 Millionen Einwohnern in den späten 1970ern). Und gehört neben einigen Klassikern aus den 1950ern auch zu den hierzulande bekanntesten Schweizer Filmen. Ich wusste allerdings vorher nicht, dass Emil Steinberger eine Hauptrolle hat. Und er ist wirklich so sympathisch in dieser Rolle. Warum kann man Immigrationssatire bei uns nicht so machen?
ANNI:Weil diese kleinteilige Herangehensweise bei uns sowieso nicht funktionieren würde. Stell dir mal vor, die Leute, die die Staatsbürgerschaft beantragen, könnten das nicht nach formalen Kriterien tun, sondern würden dermaßen einzelfallmäßig von einer Ausländerpolizei bzw. Einbürgerungspolizei durchleuchtet. Was mich interessieren würde: Spiegelt das nun mit Übertreibungen die damalige Realität in der Schweiz, oder geht es um das Verfahren, das es gegeben hätte, hätten sich die sogenannten Schwarzenbach-Initiativen in den 1970ern durchgesetzt?
TOM: Ich vermute, eher um Letzteres. Der Film kam übrigens erst acht Jahre später, allerdings gab es seit 1970 auch immer wieder ähnliche Alternativen. In der NZZ ist ein grober Abriss bis 2014 dargestellt. Am 11.02.2014 gab es dann tatsächlich ein Votum, das künftig den Zuzug von Ausländern, auch aus der EU, begrenzen soll, und zwar mit Kontingenten für jedes Land.
ANNI:Irgendwoher kenne ich das. Den neuesten Anschlag auf die Humanität seitens der schweizerischen SVP, den dortigen Rechtspopulisten, haben die Schweizer aber am 28.02.2016 abgelehnt (die „Ausweisungsinitiative“, Infos in SPOn). Die im Film erwähnte Zwölfjahresfrist, so lange muss man in der Schweiz gelebt haben, um eingebürgert werden zu können, gilt immer noch, seit 1992 ist aber auch die doppelte Staatsangehörigkeit möglich. Der Geburtsort zählt nicht, sondern die Abstammung, wenn es um Menschen geht, die automatisch Schweizer sind (ius sanguinis).
TOM: Das ordentliche Einbürgerungsverfahren liest sich aber in der Tat ein wenig, als sei im Film doch die geltende Praxis beschrieben, wenn auch – vielleicht – satirisch überspitzt. Die erleichterte Einbürgerung legt dann wieder andere formale Voraussetzungen vor. Die Schweiz hat einen sehr hohen Ausländeranteil, braucht ihn aber auch, um ihre Industrie am Laufen zu halten. Wie bei dem italienischen Pizzabäcker, der für die Arbeitsmigranten im einfachen, gering qualifizierten Bereich steht. Das Gegenstück ist der Chefarzt oder Leitende Arzt aus Deutschland, der auch in der Schweiz sofort zum oberen Mittelstand gehört. Kurios ist es bei der Frau jugoslawischer Abstammung, die eh in der Schweiz geboren ist, aber nur dadurch wird man nach wie vor nicht Schweizer. Und natürlich ist es weltweit ein Vorteil, Schweizer zu sein, das gilt nach wie vor. Bei uns ist das Ganze übrigens, was die Staatsbürgerschaft per Geburt angeht, weniger streng, dafür um einiges komplizierter („Optionsmodell“).
ANNI:Ich hab mir die Bedingungen der ordentlichen Einbürgerung durchgelesen – die Schweizer wollen eben alle zu Schweizern machen, wie sie selber welche sind und lassen eine wirkliche Inklusion nicht so gerne zu. Aber so sehr unterscheidet sich die Diskussion ja nicht von unserer.
TOM: Unsere ist von den Ereignissen aus 2015 stark angeheizt worden, zuvor war es eigentlich eher ruhig um das Thema. Wir haben uns damit abgefunden, dass es viele Nichtintegrierte ohne echte Perspektive in Deutschland gibt, und ich halte es für gewissenhaft von den Schweizern, dass sie das bei sich nicht zulassen wollen. Denn letztlich ist es ein Riesenschaden nicht nur für das Immigrationsland, sondern auch für die Immigranten selbst, wenn sie keinen Anschluss an die hochtechnisierte Arbeitswelt finden, beispielsweise. Weltanschauliche Dinge lasse ich dabe außen vor. Natürlich ist der Film witzig, aber ich kann auch Leute verstehen, die sich ein wenig anschauen wollen, mit welchem Intent und welcher Aufstellung Leute in ein Land kommen, das so hervorragend aufgestellt ist wie die Schweiz, und das viel zu verlieren hat, wenn die Integration nicht funktioniert.
ANNI:Mir hat vor allem gefallen, wie leicht und doch eindeutig humanistisch der Film gemacht ist. Und natürlich hat die Komik von Emil Steinberger dazu das Meiste beigetragen. Emil war wohl in den 1970ern richtiggehend Kult, oder?
TOM: Gehörte zu den beliebtesten Komikern auch bei uns, in der großen Zeit der Comedy. Hier ein kleiner Ausschnitt aus Sketchen von und mit ihm auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=9C725VvxGX4.
ANNI:Jetzt haben wir fast nur über das Drumherum gesprochen, aber in dem Fall war das vielleicht auch keine schlechte Herangehensweise. Denn rein filmisch ist das Werk ja jetzt nicht so geraten, dass man seitenlang darüber diskutieren müsste. Aber für mich eine absolute Empfehlung für miesepetrige Fremdenfeinde, die können sich mal anschauen, wie ähnlich wir doch im Grunde alle sind, mit unseren Zielen, Ängsten und – was es macht, wenn man von Behörden schikaniert wird.
TOM: Ja, das allerdings. In Deutschland wird ja in vielen Fällen schon auch geprüft, wenn jemand die Staatsangehörigkeit nicht eh rein aus gesetzlichen Gründen erwirbt. Die Art, wie hier vorgegangen wird, erinnert mich aber, auf unsere Verhältnisse übertragen, eher daran, wie Hartz IV-Empfänger drangsaliert und übergriffig – und auch verfassungswidrig behandelt werden.
ANNI:Vielleicht hast du bloß die Verfassung falsch verstanden. Bzw. ihre Konsistenz. Du spielst auf Art. 1 an, aber den können bei uns Gerichte auch gerade so dehnen und schrumpfen, wie sie wollen. Und im Moment ist alles auf Schrumpfen ausgerichtet. Auch gegenüber Flüchtlingen, Monsieur. So, das wegen eben, von wegen viel zu verlieren. Mehr als seine Existenz kann man nicht verlieren.
TOM: Wir führen das jetzt nicht zu Ende, aber wir haben gezeigt, dass der Film auch bei uns zum Nachdenken anregen kann, oder?
ANNI:Nee, führen wir hier nicht weiter, aber ich mag den Film wirklich sehr. Ich hab meine Punkte schon notiert, sag deine an.
TOM: 8/10. Ex Kino-Meisterwerk stimmt eigentlich alles.
ANNI:Ich hab 8,5/10. Damit kommen wir also gemäß Viertel-Abwertungsmethode bei deinen 8 raus. Na gut, damit kann ich leben. Das ist übrigens der erste Schweizer Film seit „Heidi“, der für den Wahlberliner und seine FilmAnthologie rezensiert wurde. Und das war bisher der einzige.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: Aufgrund des geänderten Punkteschemas können wir jetzt die Durchschnittsbewertung exakt abbilden, aber inklusive der übliche Aufrundun ab 0,5. Die Veröffentlichung des Textes erfolgt im Rahmen der aktuellen Chronologie deutschsprachiger Filme (Deutsches Reich bis 1933, „Drittes“ Reich, Besatzungszonen, Österreich, BRD, DDR, BRD nach der Wende, Schweiz; Modus bis 1929: Die wichtigsten Filme des Weimarer Kinos, ab 1930: Ein Jahr, ein Film).
83/100 (im Entwurf: 8/10)
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Rolf Lyssy |
|---|---|
| Drehbuch | Rolf Lyssy Christa Maerker Georg Janett Martin Schmassmann Pierre Lachat |
| Produktion | Marcel Hoehn |
| Musik | Jonas C. Haefeli |
| Kamera | Fritz E. Maeder Jean-Luc Wey |
| Schnitt | Georg Janett |
| Besetzung | |
|
|
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

