Filmfest 1286 Cinema
System ohne Schatten ist ein deutsches Liebesdrama aus dem Jahr 1983 in der Regie von Rudolf Thome.
Regisseur Rudolf Thome kennen wir vor allem durch seine Filme mit Hannelore Elsner, die vor einigen Jahren in einer kleinen Werkschau gezeigt wurden. In manchen dieser Filme ist uns etwas zu wenig passiert, da hat er sich vollkommen auf das Spiel seiner Darstellerin verlassen und ist sozusagen von Film zu Film immer weiter ins Innenleben der Figuren eingedrungen, wohingegen die Handlung nur noch wie eine Illustration dieses Innenlebens wirkte. So jedenfalls haben wir’s ca. 5 Jahre nach dem Anschauen von dreien oder vieren dieser Film in Erinnerung.
Handlung (1)
Der vierzigjährige Victor Faber, dargestellt von Bruno Ganz, arbeitet in der Informationstechnik. Er entwickelt und überwacht Computerprogramme für Konzerne und Banken. Sein Leben führt er zurückgezogen in einer selbst gewählten Einsamkeit. Lediglich mit seiner langjährigen Freundin Renate (Sylvia Kekulé) geht Faber gelegentlich ins Theater oder zu Ausstellungen.
Anlässlich einer Vernissage lernen sich Faber und die Schauspielerin Juliet, dargestellt von Dominique Laffin, in einer Galerie kennen. Juliet ist gemeinsam mit ihren Freund Melo, gespielt von Hanns Zischler, dorthin gekommen. Melo bekundet ein intensives Interesse an Fabers Spezialwissen über Computerprogramme. Einige Tage nach der Vernissage erhält Faber von Juliet eine Einladung zu einem Abendessen. Zwischen den beiden Protagonisten wird eine Liebesbeziehung erkennbar.
Parallel zu diesem Handlungsverlauf verfolgt Melo intensiv die Idee, mit Hilfe einer Manipulation im Bankensystem die täglichen Differenzen aus den Abrundungen auf ein Schweizer Konto transferieren zu lassen. Nach anfänglichem Zögern lässt Faber sich auf diesen Coup ein und eröffnet ein Konto in Zürich.
Voraussetzung für diese Manipulation ist ein Einbruch bei der Bank, der von Melo organisiert wird. Erst danach kann Faber tätig werden. Doch die Einbrecher erschießen einen Wachmann und ein ungeplantes Schicksal nimmt ihren Lauf.
Weiterer Verlauf
– Bei der Bank wird konkret eingebrochen, um den Strom zu unterbrechen und dadurch einen Störfall zu verursachen, nach dem Faber als Softwarespezialist in die Bank gerufen werden muss, um diesen zu beheben.
(Ein Schicksal kann man sowieso nicht planen und bei diesem Verlauf, der auf dem typischen Muster des „perfekten Verbrechens“ beruht, auch nicht von Schicksal sprechen.)
– Faber, Melo und Juliet fahren in die Schweiz, um dort zu warten, bis das Konto sich mit dem durch die Computermanipulation transferierten Geld gefüllt hat, dafür mieten sie ein Chalet mit Blick auf den Bodensee, im der Nähe von Zürich.
– Melo ist etwas eifersüchtig, der Zusammenhalt der drei wird kurz infrage gestellt, sie fahren jedoch anschließend gemeinsam nach Zürich und heben das Geld wie geplant ab, teilen es dann auf in einen Anteil für Melo und einen für Faber und Juliet, die gemeinsam eine neue Zukunft in Südamerika planen.
– Faber wird jedoch am Flughafen Zürich-Kloten von den beiden Einbrechern gestellt, die den Wachmann erschossen haben, sie entführen ihn. Als Juliet bemerkt, dass Faber verschwunden ist, denkt sie, er sei alleine mit dem Geld abgehauen.
– Die Einbrecher fahren mit Faber im Auto an dem Bus vorbei, in den Melo eingestiegen ist. Dieser erkennt Faber und lächelt. Entweder hat er diese Entführung mit den Einbrechern verabredet und ist zufrieden, dass diese nach Plan verläuft – oder er freut sich zumindest darüber, dass er unbehelligt davonfährt und Faber, der Kopf des Unternehmens, der ihm Juliet weggeschnappt hat, in Schwierigkeiten geraten ist. Wir nehmen eher Ersteres an, denn er wirkt keine Sekunde lang überrascht, dass mitten in der Schweiz diese Typen aus Berlin auftauchen.
– Die beiden Gangster nehmen Faber den Geldkoffer ab und lassen ihn auf dem Oberdeck eines Parkhauses stehen. Es schneit ein wenig. Faber schaut in die Ferne und fängt an zu lachen.
Rezension
Die Elsner-Filme von Thome sind wesentlich neueren Datums als „System ohne Schatten“, aber der Regiestil passt nach unserer Ansicht besser in die frühen 1980er, als diese betont zurückgenommene, für eine Spielart des deutschen Autorenfilms seit den frühen 1970ern typische Art zu filmen eine Art von Standard war – wie sich nicht nur aus einzelnen Fernsehfilmen, sondern u. a. aus der Reihe „Tatort“ ablesen lässt, die wir in einer weiteren Anthologie für den Wahlberliner beschreiben.
Wäre „System ohne Schatten“ etwas kürzer und würden nach dem Einbruch und dem Mord am Wachmann ermittelnde Polizisten darin eine wesentliche Rolle spielen, könnte man sich „System ohne Schatten“ sehr gut als Tatort vorstellen. Als einen sehr gut gemachten Tatort.
Computer begannen in den frühen 1980ern damit, in den Alltag einzudringen, nachdem sie zwei Jahrzehnte lang geheimnisvolle mächtige Schränke waren, die sich nur große Firmen leisten konnten und die einen eigenen Raum brauchten, in dem die Riesenmaschinen untergebracht waren. Derlei gibt es heute auch noch (Serverräume), aber man sieht in „System ohne Schatten“ bereits, was kommen würde: Der Computer am heimischen Schreibtisch, mit dem man unter anderem Schach spielen kann. Vollkommener Science Fiction war das freilich nicht, die ersten Heimcomputer gab es bereits. Dass auch Schachprogramme, ein Hobby von Faber, damals noch rudimentär waren, weil der Computer nicht bereit war, eine Figur zu opfern, um zu gewinnen – ein durchaus vorstellbares Problem – ist eines von vielen reizenden Details des Films.
Dass Faber ein Einzelgänger ist, passt wiederum gut dazu, wie man sich den typischen EDV-Mensch vorstellt, der damals noch nicht „Nerd“ im sonstigen Leben war, sondern ein hochbezahlter Techniker mit erheblichem Herrschaftswissen und dadurch großem Einfluss auf seinen Auftraggeber, in diesem Fall eine Bank. Sein Status dokumentiert sich in der großen Single-Wohnung in Berlin und in dem damals absolut angesagten Audi Quattro der ersten Generation, der den Slogan „Vorsprung durch Technik“ bekannt machte. Dass der Spitzenprogrammierer Faber eines der für damalige Verhältnisse technisch anspruchsvollsten Autos bewegte, ist komplett stimmig – besonders in der Schweiz, wo er keine Mühe hat, damit das Bergchalet auf verschneiten Wegen zu erreichen. Obwohl kein Wort zu den Autos im Film gesagt wird (witzigerweise fahren die Einbrecher eine damals schon nicht mehr aktuelle Version des Ford Granada in rot), ist „System ohne Schatten“ ein bisschen auch ein Werbefilm und in Hollywood würde man von Product Placement sprechen. Hoch intelligent, ein Frauentyp und verwegen, so wirkt Faber auf werbewirksame Weise, bis er von diesen rudimentären Granada-Fahrern abgekocht wird.
Grundsätzlich ist „System ohne Schatten“ nicht vorwiegend eine Darstellung der Computerwelt, zumal wir nicht näher erfahren, wie der Bug oder wie man den Programmfehler heute bezeichnen würde, den Faber zulasten der Bank und im Weg der Reparatur einbaut, nun arbeitet. Dass er physisch sozusagen installiert werden muss, ist in der Vor-Internet-Zeit, in der man keinen Fernzugriff auf Computer hatte (es sei denn per Standleitung mit einem einzelnen System) selbstverständlich. Dadurch, dass der Film an der richtigen Stelle nicht zu detailliert wirkt, ist er technisch einigermaßen glaubwürdig. Und dass Computer gehackt werden, weiß heute jedes Kind. Interessant wäre es zu erfahren, ob nicht Hacker auch schon in Bankcomputer eingedrungen sind, diese den Schaden aber verschwiegen haben, um ihre Kunden nicht zu beunruhigen und natürlich aus Imagegründen.
Was ist aber „System ohne Schatten“ genremäßig nun? Ein klassisches Caper-Movie à la Rififi. Es wird das perfekte Verbrechen geplant, ausgeführt, es funktioniert dieses Mal sogar – nur ist, wie immer, der menschliche Faktor nicht exakt zu berechnen. Das Problem liegt nicht in der Ausführung des elektronischen Raubes, sondern darin, dass Faber die beiden Typen nicht im Kalkül hatte, die von den drei Hauptfiguren nach dem Einbruch sozusagen im handlungsseitigen Nichts versenkt wurden. Dafür haben sie sich böse gerächt und man kann darüber streiten, ob diese Szene am Flughafen nicht deswegen ärgerlich ist, weil sie so aus dem Hut gezaubert wirkt. Nachdem Melo im Bus gelächelt hat, fragt man sich tatsächlich, ob er nicht die ganze Zeit über Kontakt mit den Jungs hatte und sie, die sich irgendwie als zu kurz gekommen wähnten, damit beruhigt hat, dass er es ihnen ermöglichte, sich in den Besitz von Faber zu setzen. Woher hätten sie sonst wissen sollen, was die der in der Schweiz gerade treiben und wo sie sich aufhalten? Vielleicht lacht Faber auch deswegen, weil er Melo unterschätzt hat und die Spannungen im Dreiecksverhältnis mit seiner netten, dezenten Art glaubte im Griff behalten zu können.
Caper-Movies eignen sich hervorragend, um Menschen mit ihren Träumen und deren Scheitern darzustellen. Gleich ob Berufsgangster, die noch einen letzten großen Coup landen wollen oder ein Faber, der finanziell so gut gestellt ist, dass er’s gar nicht nötig hätte, seinen Auftraggeber zu bestehlen (gesetzestechnisch ist die Manipulation der Geldtransfers durch das Einbrechen in die Bank ein schwerer Diebstahl gem. § 243 StGB / ein Bandendiebstahl mit Waffen gem. § 244 StGB, kein Bankraub). Faber liebt wohl eher das Abenteuer, das plötzlich in sein Leben tritt und die intellektuelle Herausforderung des Coups, zudem verbindet sich das neue Gefühl für eine Frau mit diesem Coup, da er sie durch den Mann kennengelernt hat, der ihm die Sache mit dem Computerdiebstahl vorgeschlagen hat.
Rudolf Thome beobachtet seine Figuren sehr genau, tritt ihnen jedoch nie zu nah. Sie bewahren eine Art letztes Geheimnis, einen interpretationsfähigen Anteil ihres Charakters, aber sie sind nie zweideutig oder undurchschaubar. Vor allem im Zwischenmenschlichen offenbart sich jeder von ihnen so, dass wir uns zumindest nicht getäuscht fühlen, auch wenn der Ton der Gespräche nicht immer natürlich, sondern zuweilen gewollt künstlich wirkt. Besonders das Verhältnis zwischen Faber und Melo hat etwas Spannungsgeladenes, ohne dass je ein lautes Wort fällt. Man merkt, dass Melo mit Fabers dominierender Rolle keineswegs einverstanden ist, aber seinem Ziel alle Gefühle unterordnet und Juliet kampflos an Faber abgibt. Sein Misstrauen aber kommt in mehreren Szenen zum Ausdruck, z. B. als er den von Juliet erschaffenen Schneemann tritt und ihr gegenüber den Verdacht äußert, die beiden könnten sich ohne ihn aus dem Staub oder Schnee machen. Faber selbst gegenüber äußert er sich nie in dieser Richtung, das lässt sein männlicher Stolz nicht zu. Faber wiederum ist eben zu sehr ein technischer Typ und zu offen-naiv, um sich vorstellen zu können, dass ein Kumpan wie Melo schwere Aversionen hegen könnte, die ihn – möglicherweise – sogar zum Verrat treiben.
Faber versichert Melo im Chalet auch, dass dieser ihm fehlen wird. Doch Faber ist es, der sich mit Juliet unter eine Decke kuscheln kann und mit ihr im Schnee spazieren geht, während Melo mit der Rolle des vernachlässigten Dritten Vorlieb nehmen muss. Während des Schneespaziergangs von Faber und Juliet bewegen sich die beiden am Ende überraschenderweise auseinander. Was zunächst wirkt wie ein Spiel mit Anziehung und Distanz, ein Test, wie sich das anfühlt, ist es in Wirklichkeit ein Vorgriff auf das Ende, an dem die beiden einander verlieren werden. Das ist in Caper-Movies traditionell so, aber der Film ist auch deshalb nie langweilig, weil das „Wie“ uns beschäftigt und weil wir die Figuren interessant finden.
Finale
Am Ende steht Faber vor dem Nichts, Juliet, die Frau, die weder in Paris noch in Berlin heimisch ist, ebenso. Melo aber sitzt mit seiner kleinen Ledertasche, die neben Fabers Koffer wie eine Art Bescheidenheitszeugnis wirkt, im Bus und hat genau das erreicht, was er wollte. Er muss sich nicht mehr mit dubiosen Kleingeschäften über Wasser halten.
Hanns Zischler spielt den Melo auch so, dass die Konstellation jede Gefühlslogik wahrt. Gegenüber der sanft-sicheren Ausstrahlung, die Bruno Ganz als Faber entfaltet, muss er zurückstehen. Die Rechnung für diese Überlegenheit des Computertechnikers wird am Ende präsentiert. Schon das Schachspiel in dem Haus, in dem die Vernissage stattfindet, als die beiden sich kennenlernen, bietet einen Dialog, der alles zumindest scheinbar offenlegt, nachdem Melo die Partie gegen Faber verloren hat und Juliet erstaunt ist, dass es jemanden gibt, der besser Schach spielt als Melo. „Du hast verloren?“, sagt sie erstaunt. „Faber hat gewonnen“, korrigiert Melo sehr betont, und das ist durchaus etwas anderes. Denn wir werden noch sehen, dies war nur der Eröffnungszug einer Partie oder die erste Partie in einem Turnier, in dem Melo schließlich dem anderen das letzte Schach anbieten wird.
Melo ist somit der heimliche Star des Films und im wörtlichen Sinn der lachende Dritte, nachdem Juliet und Faber mit leeren Händen dastehen.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: In der IMDb erhält der Film nur 6,5/10, wir haben aber nichts an den 80/100 geändert, die wir ursprünglich vergeben haben. Wir haben gesehen, dass Hellmuth Karasek seine Rezension mit „Rififi mit Computer“ überschrieben, ihn, wie wir, also ebenfalls nicht in erster Linie als Liebesfilm, sondern als ein Heist-Movie angesehen hat. Außerdem war er gemäß Wikipedia einer der ersten deutschen Spielfilme, der die Computertechnik zum Thema hatte.
Seit 2011 filmt Thome nicht mehr, was mit der Einstellung der Förderung seiner Filme durch die ARD Degeto zusammenhängt. Eine konservative kulturpolitische Entscheidung, heißt es, und wenn es stimmt, belegt sie, dass der Zeitgeist sich gegenwärtig nur verdichtet, nicht urplötzlich seine Richtung gedreht hat.
Die Wieder-einmal-Krise des deutschen Films hat verschiedene Ursachen, es fehlen auf der einen Seite wagemutige Großproduzenten, auf der anderen, bei den „kleineren“ Filmen, progressiv eingestellte Entscheider bei der Filmförderung und bei den Öffentlich-Rechtlichen.
80/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)
| Regie | Rudolf Thome |
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| Drehbuch | Jochen Brunow |
| Produktion | Hans Brockmann, Isolde Jovine |
| Musik | Dollar Brand, Laurie Anderson |
| Kamera | Martin Schäfer |
| Schnitt | Ursula West |
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