80 Jahre Frieden: Doch die Kriegsangst in Europa nimmt zu (Statista + Kommentar)

Briefing Geopolitik Krieg und Frieden

Wir haben uns bereits in verschiedenen geopolitischen Zusammenhängen zum offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 geäußert. Das ist ein sehr wichtiges Datum, dem wir heute einen Artikel in Form einer Bestandsaufnahme 80 Jahre danach widmen. Haben die Menschen Angst vor einem neuen Krieg?

Dazu hat Statista eine Grafik erstellt:

Statista-Begleittext

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands. Seitdem herrscht in weiten Teilen des Kontinents Frieden. Ein Krieg vor der eigenen Haustür rückte für die meisten Menschen in weite Ferne. Das sollte sich erst mit Russlands völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen die Ukraine ändern.

Seitdem ist die Angst vor einem Ende des Friedens in Europa zurück, wie die regelmäßigen What Worries the World-Umfragen von Ipsos zeigen. Demnach gaben im April 2025 rund 27 Prozent der Befragten in Deutschland an, dass ein militärischer Konflikt zwischen Staaten zu ihren größten Sorgen zählt. Das ist weniger als kurz nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine (35 Prozent), aber mehr als in den Vergleichsmonaten der Jahre 2023 (20 Prozent) und 2024 (22 Prozent – von uns korrigiert von 33, TH).

Deutlich besorgter zeigen sich unsere polnischen Nachbarn – möglicherweise, weil das Land direkt an die Ukraine grenzt. Zuletzt gaben hier 39 Prozent an, dass ein militärischer Konflikt zwischen Staaten zu ihren größten Sorgen zählt. Das sieht bei den Ungar:innen, die ebenfalls eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine haben, anders aus, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt. Besonders stark zugenommen hat die Kriegsangst in den Niederlanden – waren hier im April 16 Prozent der Befragten besorgt, ist dieser Wert zuletzt auf 29 Prozent gestiegen

Für What Worries the World werden monatlich mehr als 20.000 Menschen zwischen 16 und 74 Jahren in 29 Ländern weltweit zu ihren größten Sorgen und den Herausforderungen ihres jeweiligen Heimatlandes befragt.

Kommentar

Dass die Polen im Alarmzustand sind, seit Russland immer stärker imperialistisch auftritt und besonders, seit die Ukraine überfallen wurde, ist naheliegend. Nicht nur, weil das Land an die Ukraine grenzt. Es grenzt auch an Russland, und damit einhergeht die unvergessene Historie der polnischen Ohnmacht Russland und Deutschland gegenüber, die dazu führte, dass das Land zeitweise gar nicht mehr als Staat existierte. Seinen Höhepunkt erreichte dieses Gefühl nach der Besetzung durch Nazideutschland und die Sowjetunion im Jahr 1940. Polen rüstet derzeit so stark auf wie kaum ein anderer Staat. Insofern passt der Artikel gut zum 8. Mai.

Ganz anders die Situation in Ungarn. Ebenfalls eine Grenze zur Ukraine, aber keine zu Russland, außerdem ist man dort mit Putin gut Freund und denkt sich, demgemäß kann nichts passieren, zumal man sich zudem zu einem chinesischen Satellitenstaat entwickelt.

Was aber, wenn die Nato einen Bündnisfall bekommt? Kann Ungarn sich dann drücken oder muss es sich entscheiden, anstatt, wie bisher, das Beste von allem abgreifen zu wollen, etwa massive EU-Beihilfen einerseits und eine nicht vorhandene Teilnahme an der Rechtsstaatlichkeit und der Aufnahme von Geflüchteten?  Ein Abwenden der Nato oder von der Nato könnte die Kriegsangst dort schnell steigen lassen.

Interessant ist, dass auch in Ländern, in denen die Kriegsgefahr nicht sehr groß ist (etwa in den Atomstaaten Großbritannien und Frankreich), die Kriegsangst steigt. Natürlich muss es kein Atomkrieg sein, man kann sich auch auf niederschwelligere Weise verstricken, wie man am Beispiel Ukraine, Freunde und Gegner, sieht.

Was wohl im Westen Europas zu Buche schlägt, ist, dass man ahnt, es ist kein Verlass mehr auf die USA. Dadurch wächst die Unsicherheit und das Gefühl, übermächtigen Gegnern gegenüberzustehen und die geopolitischen Zügel nicht mehr in der Hand zu haben. Kontrollverlustgefühle dürften erheblich an der Entwicklung in zuvor eher lässigen Ländern beteiligt sein. Im Hinblick darauf ist die Lage in Deutschland sogar recht ruhig, denn hier ist die Kriegsgefahr wirklich größer als für die weiter im Westen Europas gelegenen Länder.  So baut Deutschland beispielsweise eine Truppenpräsenz in Litauen auf. Sollte Russland einen der baltischen Staaten angreifen, ist Deutschland ganz schnell unwiderruflich im Krieg, während noch darüber gestritten wird, was in der Ukraine eine Kriegsbeteiligung darstellt.

Und bei uns? Wir machen uns durchaus Sorgen und propagieren seit einiger Zeit eine vollständige Ertüchtigung Deutschlands in Sachen Verteidigung, aber der Gedanke, dass Krieg bei uns im Land kaum noch vorstellbar ist, hat sich doch über Jahrzehnte festgesetzt. 80 Jahre Frieden in Deutschland, das gab es in der kompletten Geschichte der Nation niemals zuvor, und es waren nicht nur deswegen überwiegend glückliche Jahre. Frieden ohne Freiheit, ohne Wohlstand ist im Grunde billig, aber ein Frieden, der eines Tages doch wieder verteidigt werden müsste, ist eine andere Sache. In beiden deutschen Staaten war die Verteidigungsbereitschaft nie eine Frage, während der Zeit der beiden Blöcke. Heute ist das anders. Heute gibt es Gründe, daran zu zweifeln, ob das Richtige verteidigt wird, wenn die Demokratie immer mehr durchhängt. Vielleicht ist deshalb die Kriegsangst in Deutschland nicht noch größer: Es ist Krieg, na und? Wir gehen nicht hin!

Wir sehen das beim Wahlberliner trotz der zunehmenden Demokratieschwächen immer noch anders, und wir machen uns auch Sorgen, aber im Grunde sind wir ähnlich gestrickt wie diejenigen, die abgewinkt haben, als klar war, dass sich an der ukrainischen Grenze etwas zusammenbraut. Das war vor über drei Jahren. Putin wird doch nicht ein anderes Land so schamlos überfallen, sagten seine Anhänger kurz vor dem Überfall. Wir sagen heute: Putin wird doch nicht Berlin angreifen!  Das muss er aber gar nicht, es reicht – siehe oben – wenn er Nato-Länder weiter östlich attackiert, damit wir eben doch dabei sind. Dann muss sich jeder, nach 80 Jahren Frieden, dazu stellen. Sein Verhalten definieren, sofern er nicht Angehöriger der Bundeswehr und ohnehin zur Verteidigung auch über die Staatsgrenzen Deutschlands hinaus verpflichtet ist. Die EU, zu der die Nato-Staaten im Osten ebenfalls zählen, ist übrigens strikter, ihre Beistandsverpflichtungen betreffend, als die Nato. Das wissen die wenigsten, weil es nicht diskutiert wird: Die EU ist auch ein Verteidigungsbündnis, nicht nur ein neoliberaler Wirtschaftsclub.

Es gibt Gründe, sich Sorgen zu machen, daran besteht kein Zweifel. Wir halten zwar nichts von Alarmismus wie „dies wird der letzte Friedenssommer sein“, aber wir würden uns keineswegs darauf festlegen, dass der Frieden in Deutschland noch einmal 80 Jahre lang halten wird. Die Welt ist in Unordnung, die Zukunft liegt viel mehr im Nebel als noch vor wenigen Jahren. So gesehen, sind 27 Prozent Besorgte sehr wenig. Wir hoffen, die anderen behalten recht.

TH

 

 

 

 

 

 


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