Filmfest 1296 Cinema – Werkschau Charles Chaplin (15)
A Busy Day ist ein Kurzfilm aus dem Jahr 1914 mit Charlie Chaplin und Mack Swain in den Hauptrollen.[1]
Fünfzehn frühe Film von Charles Chaplin haben wir mittlerweile besprochen, inklusive „A Busy Day“. Man arbeitet sich dabei immer weiter ein und findet heraus, dass es keinen einzigen unter diesen Filmen, der nicht bemerkenswerte Elemente, Neuigkeiten und Weiterentwicklungen erhält – und natürlich immer mehr Wiederholungen. Selbst im Autorenfilm kommt es zu Wiederholungen, umso mehr natürlich in einem Massen-Komödienbetrieb wie der Keystone Company. Trotzdem vergisst Chaplin aber nie das Experimentieren und das ist einer der Hauptgründe, warum er bald alle anderen Filmkomiker überstrahlen sollte. Was es dieses Mal zu bewundern gibt, erklärt bereits die Handlungsbeschreibung, ein paar zusätzliche Bemerkungen lesen Sie aber auch in der – Rezension.
Handlung
In A Busy Day wird eine Ehefrau (gespielt von einem energischen Charlie Chaplin) eifersüchtig auf das Interesse ihres Mannes an einer anderen Frau während einer Militärparade. Auf dem Weg, das Paar anzugreifen, unterbricht die Frau das Set eines Films und stößt einen Filmregisseur und einen Polizisten um. Schließlich stößt der Ehemann die Frau von einem Pier und sie fällt in den Hafen.
Anmerkungen (1)
Laut dem 1965 erschienenen Buch The Films of Charlie Chaplin ist A Busy Day der erste von drei Filmen, in denen Chaplin eine Frau spielt. Die anderen beiden waren „Der Maskenträger“ (1914) und „Eine Frau“ (1915). Chaplin benutzte die Garderobe seiner Keystone-Kollegin Alice Davenport.
Es war typisch für Mack Sennett, Keystone-Komödien mit realen Ereignissen – wie einer Parade – als Hintergrund für ein komisches Chaos zu drehen. Dieser Kurzfilm (ca. eine halbe Rolle) wurde in der Nähe des Hafens von San Pedro in weniger als zwei Stunden gedreht. Darin sieht man im Hintergrund interessante Einblicke in amerikanische Marineschiffe aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Der andere Teil der Rolle ist ein lehrreicher Kurzfilm mit dem Titel The Morning Papers.
Rezension
Ein Rezensent von Bioscope bemerkte: „[Chaplin] gibt eine erstaunliche Darbietung von akrobatischem Humor.“ (1)
Ich stelle mir gerade vor, wie die damaligen Rezensenten jede Woche einen neuen Film mit Charles Chaplin hypen mussten, um dem neuen Stern am Komikerhimmel gerecht zu werden. Kein Wunder, dass Chaplin von Station zu Station, von Produktionsfirma zu Produktionsfirma, die Frequenz seiner Filme drosselte. Eines seiner weiteichenden Erkenntnisse war wohl, dass sich rarmachen eine der besten Methoden ist, neue Filme als Ereignis zu inszenieren. Spätestens in den 1930ern hat es dann mit der Langsamkeit leider etwas übertrieben und nur noch drei Filme gedreht, die allerdings zu den unsterblichen Kinostücken gehören („City Lights“, „Modern Times“ und „The Great Dictator“).
Andererseits entspricht die Kürze der oben zitierten Besprechung der des Films, er ist der kürzeste von allen unter den ersten 15 Chaplins, gefolgt von „Kids Auto Race at Venice“, wobei wir schon bei Gemeinsamkeiten und Wiederholungen und bei mindestens zwei Unterschieden wären. Auch das Seifenkistenrennen war ein reales Ereignis, die Zuschauer wurden als Statisten verwendet, was sie sehr amüsant fanden. Ähnlich in „A Busy Day“, außerdem wird auch hier wieder eine Filmaufnahme gestört. Was ich besonders bemerkenswert finde: Das Seifenkistenrennen war eine Volksbelustigung, ein Amüsement, eine Militärparade hingegen ist ein patriotisches Ereignise, das in den USA traditionell besonders ernst genommen wird. Der erste Weltkrieg war zwar noch nicht ausgebrochen, als der Film gedreht wurde, erst recht waren die USA noch nicht in ihn eingetreten, aber es ist offensichtlich, dass eine reale Szene verwendet wurde, um Chaplin andere Menschen in den Hintern treten zu lassen oder selbst in den Hintern getreten zu bekommen. Viel mehr ist nicht zu bemerken und selbst in einem Film, der nur sechs Minuten lang ist, wirkt das durchaus ein wenig monoton.
Der Hauptunterschied zu Chaplins zweitem Film mit dem Autorennen ist aber, dass Chaplin erstmals in Frauenkleidern auftritt. Vielleicht hat man dieses Werk nicht nur so kurz gehalten, weil es schwierig ist, während realer Ereignisse längere Sequenzen so zu filmen, dass diese nicht tatsächlich auf ungebührliche Weise gestört werden. Es sei denn, man kombiniert dokumentarische Elemente geschickt mit gespielten, wie erstmals in „Mabel at the Wheel“, den ich für den besten unter den ersten fünfzehn Chaplin-Filmen halte, obwohl er nominell ein Vehikel für den weiblichen Keystone-Star Mabel Normand war – oder gerade deswegen, und obwohl Chaplin in ihm nicht im mittlerweile etablierten Tramp-Kostüm auftrat. Das tat er auch in „A Busy Day“ nicht, wie wir bereits erfahren haben. Chaplin hat durchaus eine Figur und eine Optik, die es ihm erlauben, eine Frau so darzustellen, dass es nicht grausam wirkt, auch sein Verhalten konnte er mit der Zeit so modellieren, dass es durchaus weibliche Züge aufweist. In „Eine Frau“, den wir im Rahmen des Essanay-Projekts bereits besprochen haben, sieht man das sehr deutlich.
Aber da Chaplin bei Keystone noch im embryonalen Stadium seiner späteren Meisterschaft war, ist seine Darstellung als Frau in „A Busy Day“ vor allem robust und unterscheidet sich bezüglich der Ausführung der Slapstick-Elemente kaum von den übrigen Filmen, in denen er einen kleinen, zuweilen recht garstigen Kerl darstellt. Und, siehe oben, bis auf die Tatsache, dass er am Ende in einem Gewässer landet, während er das in einem seiner Parkbank-Filme noch anderen überließ, zeigt sich hier keine Fortentwicklung. Vermutlich hat der Einsatz in Frauenkleidern ihn schon so beschäftigt, dass er nicht auch noch weiteren Progress einbauen wolle, und dies war vielleicht ein weiterer Grund, es so kurz wie möglich zu machen – um nicht zu viel Risiko einzugehen. Denn dieser sehr kurze Kurzfilm ist während einer Kinovorführung nicht als einziger gezeigt wurden und so konnte man ihn wohl ein wenig verstecken zwischen dem dokumentarischen Hauptfilm und anderen Keystone-Komödien und abwarten, was das Publikum zu Chaplins doch sehr oberflächlicher Verweiblichung sagt. Wie wir wissen, wurde daraus kein neuer Stil, sondern Chaplin kehrte alsbald zum Tramp zurück. Glücklicherweise. Ich denke, Chaplins Auftritt à la Megäre war zwar für ihn selbst neu, aber vermutlich nicht die erste Komödie, in welcher es zum Geschlechtswechsel eines Darstellers kam.
A Busy Day features Charlie in drag, trying to disrupt a parade in a shameless rip-off of his previous Kid Auto Races At Venice. [2]
Auch hier hat man den Zusammenhang mit dem Seifenkistenrennen also hergestellt und auch bewertet. Ja, kann man so sehen, aber im Folgenden wird auch festgestellt, dass die Nr. 15 keinen künstlerischen Effekt, hat während „Venice“ schon deswegen als Innovation gilt, weil Chaplin überhaupt zu sehen ist und dann noch als Tramp. Mehr Bahnbrechendes geht nicht. Und was dort noch gelobt wird, nämlich die Idee des Films im Film, wird bei „A Busy Day“ schon abgewunken. Aber ich gehe mit, die Frauenkleider, in denen Chaplin steckt, sind für mich natürlich auch eine Novität, aber kein Fortschritt, alles andere ist „Venice“ schon vorhanden und rein optisch klarer ausgeführt.
Caught in the Rain is far from Chaplin’s best Keystone, but it’s head and shoulders above A Busy Day, which is in fact his worst. Mack Sennett directed this one, a six-minute throwaway, and Mack was probably drunk or else had a hangover. Charlie’s in drag, playing Mack Swain’s wife, which sounds promising, but in fact it isn’t at all. Chaplin makes no effort to play a woman, as he would do, brilliantly, only a year later in the short A Woman. Instead he’s a gross harridan, kicking everyone with his oversized “Charlie” shoes, worn under his skirt. A Busy Day is a shameless remake of Kid Auto Races in Venice, Charlie interfering with the filming of a parade instead of kid auto races. At the end of the film he gets pushed off a pier and mugs wildly in close-up before disappearing beneath the waves.[3]
Diese Rezension ist noch etwas schärfer und ebenso zutreffend wie die zuvor erwähnte. Was uns zu der wenig erfreulichen Tatsache bringt, dass dieser Film vielleicht Chaplins schlechtester überhaupt ist, jedenfalls lässt das auch die Durchschnittswertung von 4,7/10 in der IMDb vermuten. Obwohl wir einen früheren Film wegen seiner politisch unkorrekten Inhalte abgewertet haben, könnte es auch bei unserer Bewertung auf eine neue Negativ-Rekordnote hinauslaufen.
Finale
Dass Charles Chaplin nicht nur Meisterwerke gefilmt hat, ist wohl jedem klar, der sich etwas näher mit dem Werden dieses Künstlers beschäftigt, und da es seinerzeit keine Filmhochschulen gab und die meisten ganz frühen Filmdarsteller auch nicht vom künstlerischen Sprechtheater kamen, wurde das Medium vor allem aus dem Vaudeville heraus kreiert, insbesondere natürlich im Fach Komödie. Bedenkt man dies, ist doch vieles, was man sieht, sehr filmisch und Keystones Besonderheit, nicht nur kleine, bühnenhafte Sets zu verwenden, unterstreicht den Willen, die Möglichkeiten des Mediums auch auszunutzen und etwas zu bieten, was auch das beste Theater nicht kann: Frische Luft, echte Events, Massen von Menschen, die zwar erkennen lassen, dass sie bei einem Filmdreh anwesend sind, also keine Statisten im eigentlichen Sinne sind, aber das alles ist für sich schon witzig und interessant.
Allerdings hat mir an „A Busy Day“ vor allem die rudimentäre Komik nicht gefallen, die eindeutig hinter dem zurückbleibt, was zu dem Zeitpunkt bereits von Chaplin gezeigt worden war. Seine sogenannte Drag-Darstellung ist hier in der Tat ebenfalls keine Erleuchtung oder Erweiterung des Spektrums und sowohl wir als auch die letzte zitierte Rezension haben festgestellt, dass Chaplin hier zwar Weiberklamotten trägt, aber so gar nichts Weibliches an sich hat. Immerhin hat er den Schnurrbart für den Film abgenommen. Der war aber sowieso nicht echt. Chaplin ging durchs reale Leben glattrasiert.
46/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024)
| Regisseur | Charlie Chaplin |
|---|---|
| Produzent | Mack Sennett |
| Besetzung |
|
[1] Ein arbeitsreicher Tag – Wikipedia
[2] CHAPLIN AT KEYSTONE, PART TWO | 366 Weird Movies
[3] Ein Blick auf Charlie – Das Jahr bei Keystone, Teil 1: Eine gelegentliche Serie über das Leben und Werk von Charlie Chaplin – Bright Lights Film Journal
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