Filmfest 1301 Cinema – Die große Rezension
Einer trage des anderen Last … ist ein Spielfilm von Lothar Warneke nach einem Szenarium von Wolfgang Held, der von der DEFA produziert und am 28. Januar 1988 uraufgeführt wurde. Der Film erhielt das Prädikat „Besonders wertvoll“ und avancierte zum Publikumshit in der DDR. Im Jahr 1995 veröffentlichte Wolfgang Held ein Buch mit dem gleichen Titel.[1]
„Einer trage des anderen Last“ war einer der letzten großen DEFA-Filme und ist zweifelsohne ein Vermächtniswerk der DDR aus einer Phase, die wir aus der Beobachtun u. a. der Polizeirufe kennen: Nach einer eher fatalistischen Phase etwa Mitte der 1980er versuchte man, die neue Zeit noch einmal mit veränderten Konzepten zu erfassen und zu gestalten. Eine Konzeption war die Zusammenführung auf den ersten Blick einander gänzlich widersprechender Weltbilder und Ideologien, sofern man das Christentum als eine solche bezeichnen möchte. Wieso kam man spät noch auf die Idee, die Kirche möglicherweise als Mitstreiterin, nicht mehr als Gegnerin bei der weiteren Gestaltung des Realsozialismus anzusehen und das Gemeinsame, nicht das Trennende zu betonen?
Handlung (1)
Die Handlung des Films spielt 1950 in dem privaten Lungensanatorium Schloss Hohenfels. Die Protagonisten – Josef Heiliger, ein junger Kommissar der Volkspolizei und überzeugter Marxist, sowie Hubertus Koschenz, ein evangelischer Vikar – teilen sich, da beide an Tuberkulose erkrankt sind, unfreiwillig ein Krankenzimmer. Beide tragen zunächst ihre kontroversen Weltanschauungen demonstrativ zur Schau. Die zwangsläufig entstehenden Diskussionen zeigen jedoch im Laufe der Zeit viel gemeinsames humanistisches Gedankengut auf. Josefs Erkrankung nimmt einen bedrohlichen Verlauf, während sich Hubertus’ Zustand langsam bessert. Hubertus kann über kirchliche Kanäle neuartige hochwirksame Medikamente aus dem Westen (konkret im Film: von einer schweizerischen ev. Hilfsorganisation) beziehen, lässt diese dann aber – zunächst ohne dessen Wissen – an den schwerer erkrankten Josef abgeben. Ein Nebenstrang der Handlung beschreibt die entstehende Liebe zwischen Josef Heiliger und der ebenfalls schwer an Tuberkulose erkrankten Sonja Kubanek, die in der Neujahrsnacht 1951 stirbt. Am Schluss treffen sich Heiliger und Koschenz am Grab von Sonja.
Rezension
„Zwar ein etwas schablonenhaft entworfener, dennoch sympathischer Film, dessen Plädoyer für den Dialog zwischen Christen und Marxisten von Witz und guten Darstellern getragen wird.“ Filmdienst[1]
Man kann den Film als schablonenhaft bezeichnen, man kann auch sagen, er ist sehr dialektisch konstruiert, und wenn man genauer hinschaut, gibt es mehrere Elemente, nicht nur Details, in diesem Film, die eine härtere Zensur einige Jahre zuvor wohl kaum durchgelassen hätte. Dabei geht es nicht nur um die Gleichberechtigung verschiedener Weltanschauungen. Diese jedoch, den Marxismus-Leninismus und das Christentum, fasst der Film nun mit der schlichten Botschaft auf: Solange es der Solidarität dient und dem Humanismus (und dem Frieden natürlich), ist es gut. Eine Sichtweise, die stramme oder auch versteinerte Kommunisten, die es ja immer noch gibt, fast 40 Jahre nach der Entstehung des Films wohl kaum teilen werden. Würden sie das, dann kämen sie ganz schnell darauf, warum Antiimperialismus äquidistant sein muss, um glaubwürdig und im Sinne des Eintretens für die universellen Rechte aller Menschen überzeugend zu sein.
Analyse des DEFA-Films Einer trage des anderen Last (1988): Ein Plädoyer für Toleranz im Spannungsfeld der DDR-Gesellschaft
Der DEFA-Film Einer trage des anderen Last (Regie: Lothar Warneke) zählt zu den bedeutendsten Werken der späten DDR-Kinematografie. Seine Uraufführung 1988 fiel in eine Phase politischer und gesellschaftlicher Umbrüche, die sich bereits im Vorfeld des Mauerfalls andeuteten. Der Film, der die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem marxistischen Volkspolizisten und einem evangelischen Vikar in den 1950er-Jahren erzählt, entwickelte sich nicht nur zum Publikumserfolg, sondern wurde auch als künstlerischer Meilenstein gewürdigt, der die Grenzen der staatlich gelenkten Filmproduktion auslotete.
Historischer Kontext: Entstehung und Rezeption in der Spätphase der DDR
Die Produktion des Films erfolgte in einer Zeit, in der die SED-Führung unter Erich Honecker zunehmend mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und gesellschaftlicher Unzufriedenheit konfrontiert war. Der 1987 gedrehte Film profitierte von einer begrenzten kulturellen Öffnung, die es ermöglichte, Themen wie Kirche-Staat-Dialog aufzugreifen – ein Tabu in früheren Jahrzehnten6. Die Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Kirchenfragen unter Hans Seigewasser verdeutlicht, dass der Film Teil einer strategischen Annäherung zwischen SED und evangelischer Kirche war, die seit den 1980er-Jahren versuchte, gesellschaftliche Konflikte zu entschärfen6.
Die Premiere im Januar 1988 fand in Anwesenheit von Kurt Hager (SED-Chefideologe) und Altbischof Albrecht Schönherr statt – ein symbolträchtiges Ereignis, das die offizielle Anerkennung des Dialogs zwischen Marxismus und Christentum unterstrich6. Mit über 1,2 Millionen Kinobesuchern avancierte der Film zum Publikumsliebling, was nicht zuletzt auf seine humanistische Grundaussage zurückzuführen war, die in der DDR-Bevölkerung auf Resonanz stieß6.
Dialektische Struktur: Konflikt und Synthese antagonistischer Weltbilder
Der Film entfaltet seine narrative Kraft durch die kontrastreiche Charakterzeichnung der beiden Protagonisten:
- Josef Heiliger (gespielt von Jörg Pose): Ein junger, ideologisch gefestigter Volkspolizist, der Stalin verehrt und den atheistischen Marxismus vertritt.
- Hubertus Koschenz (Manfred Möck): Ein evangelischer Vikar, der trotz seiner Tuberkulose-Erkrankung an christlichen Werten festhält.
Die initiale Konfrontation zwischen beiden – symbolisiert durch das Nebeneinander von Stalin-Porträt und Christus-Kreuz im Krankenzimmer – entwickelt sich durch gemeinsame Leidenserfahrungen zu einer Beziehung gegenseitigen Respekts. Diese Entwicklung folgt einem dialektischen Muster:
- These: Unvereinbarkeit der Weltanschauungen (Marxismus vs. Christentum)
- Antithese: Konflikte durch ideologische Dogmen (z.B. Diskussionen über Materialismus vs. Nächstenliebe)
- Synthese: Erkenntnis gemeinsamer humanistischer Werte, insbesondere durch die Rettung Heiligers mittels westlicher Medikamente, die Koschenz beschafft65.
Regisseur Lothar Warneke, ein ehemaliger Theologiestudent, inszeniert diese Entwicklung ohne plakative Parteinahme. Stattdessen betont er die Komplexität menschlicher Beziehungen jenseits ideologischer Schemata. Die Tuberkulose-Erkrankung dient dabei als metaphorische Klammer: Sie entmachtet beide Figuren, reduziert sie auf ihre Menschlichkeit und zwingt sie zur Kooperation46.
Künstlerische Stärken: Darstellung, Symbolik und gesellschaftliche Resonanz
- Nuancenreiche Darstellungen
Die schauspielerischen Leistungen, insbesondere von Jörg Pose und Manfred Möck, tragen maßgeblich zur Glaubwürdigkeit der Charaktere bei. Pose verkörpert den vom Stalinismus geprägten Heiliger mit einer Mischung aus jugendlichem Idealismus und innerer Verletzlichkeit, während Möck als Koschenz eine subtile Würde ausstrahlt, die selbst in existenziellen Krisen bestehen bleibt36.
- Symbolische Ebene
- Das Sanatorium als Mikrokosmos der DDR-Gesellschaft: Ein Ort, an dem Klassenunterschiede (privat vs. staatlich finanziert) und Generationenkonflikte (zwischen Ärzten und Patienten) sichtbar werden.
- Die Medikamente aus der Schweiz: Repräsentieren nicht nur physische Heilung, sondern auch die Überwindung ideologischer Barrieren durch praktische Solidarität65.
- Musik und visueller Stil
Günther Fischers Filmmusik kombiniert chorale Elemente mit minimalistischen Klängen, um die spirituelle Dimension zu unterstreichen36. Kameramann Peter Ziesche setzt auf naturalistische Innenaufnahmen, die die Enge des Krankenzimmers und die Intimität der Dialoge betonen.
Schwächen und Kritikpunkte
Trotz seiner Verdienste weist der Film strukturelle Grenzen auf:
- Schablonenhafte Nebenfiguren: Charaktere wie die Oberschwester Walburga (Karin Gregorek) oder die sterbenskranke Sonja Kubanek (Susanne Lüning) bleiben eher typisiert und entwickeln keine eigenständige Tiefe36.
- Historische Vereinfachung: Die Darstellung der frühen 1950er-Jahre blendet die Repressionsmechanismen des SED-Staates weitgehend aus. Allerdings gilt das nicht gleichermaßen für alle Elemente der Repression „Die realen Konflikte zwischen Kirche und Staat – etwa die Jugendweihe-Debatte oder die Verfolgung regimekritischer Pfarrer – werden nicht thematisiert“ 6. Dieser Quell ist zu widersprechen: Es kommt zum Streit zwischen Heiliger und Koschenz, als Letzterer in seine Weihnachtspredigt gar nicht so verdeckt die Kritik an der Verfolgung von Kirchenleuten in der frühen DDR anprangern möchte. Heiligers harsche Reaktion wirkt auf Koschenz sicher nicht überzeugend, aber Koschenz sieht ein, dass in eine Botschaft der Toleranz und der Versöhnung diese Kritik nicht recht hineinpassen mag. An der Stelle zeigt sich die Spiegelung der Gegenwart, in welcher der Film entstand: Der Dialog war, falls überhaupt, nur möglich, wenn hinter die Repressionen ein Haken gemacht wird und nicht etwa Gerechtigkeit im Sinne von Wiedergutmachung gefordert wird. Das war eine Annahme, die der Wirklichkeit nicht standhielt:
- Optimistische Schlussbotschaft: Die Versöhnung der Protagonisten wirkt angesichts der späteren Eskalationen im DDR-Kirchenkonflikt (z.B. der Umweltbewegung der 1980er) retrospektiv naiv6.
Auszeichnungen und historisches Vermächtnis
Der Film erhielt 1988 das Prädikat „Besonders wertvoll“ und wurde auf der Berlinale mit dem Interfilm-Preis geehrt6. Diese Anerkennung im westlichen Ausland unterstrich seine universelle Botschaft, die über den DDR-Kontext hinausreichte.
Sein historischer Stellenwert liegt in mehreren Aspekten:
- Tabubruch: Als erster DEFA-Film, der einen Christen und einen Marxisten als gleichberechtigte Dialogpartner darstellte, markierte er eine Zäsur in der Darstellung kirchlicher Themen6.
- Kulturelle Brückenfunktion: Die gemeinsame Premiere mit SED- und Kirchenvertretern symbolisierte kurzfristig die Möglichkeit eines „dritten Wegs“ jenseits ideologischer Gräben6.
- Nachwirkung: Wolfgang Helds Romanadaption (1995) und die wissenschaftliche Rezeption (z.B. durch das Zentralinstitut für Jugendforschung) sicherten dem Film einen Platz im kulturellen Gedächtnis der Wiedervereinigungsära56.
Ein zeitgebundenes Meisterwerk mit ambivalentem Erbe
Einer trage des anderen Last bleibt ein faszinierendes Zeitdokument, das die Widersprüche der späten DDR-Gesellschaft spiegelt. Sein größtes Verdienst liegt in der menschlichen Darstellung von Konflikt und Versöhnung, die auch heute noch universell relevant ist. Gleichzeitig offenbart der Film die Grenzen künstlerischer Freiheit im SED-Staat, der komplexe gesellschaftliche Realitäten nur selektiv abbilden konnte. Als kühner Versuch, Toleranz in einer gespaltenen Welt zu feiern, behält er jedoch seine kraftvolle Aussage – ein Vermächtnis, das über den Untergang der DDR hinausreicht.
Wenn man sich anschaut, wie die Dinge sich seit 1988 entwickelt haben, auch innerhalb Deutschlands, wirkt der Film in mehrfacher Hinsicht gleichermaßen wichtig und überzeitlich wie extrem zeitgebunden und voller kleiner Tücken und Fallen, die man zugelassen hat, weil die DDR versucht hat, aus ihrer festgefahrenen Situation zu kommen. Der Film belegt aber unter anderen, warum es so nicht funktionieren konnte: Es war alles längst keine Frage eines vorsichtigen inneren Ausgleichs mehr, sondern eine der weltpolitischen Entwicklungen und eines Wunsches nach Freiheit, der möglicherweise nicht einmal ein Mehrheitswunsch war, sondern sich nur stark ausdrückte und es so wirken ließ. In den Kirchen fand der innere Teil der „friedlichen Revolution“ statt, aber das Regime hätte noch länger bestanden, wenn es weiterhin von der Sowjetunion gestützt worden wäre. Anders ausgedrückt: Wäre das Entstehungsjahr des Films nicht 1988 gewesen, sondern 1956 oder 1968, hätte diese friedliche Revolution nicht obsiegen können. Es ist Sache von Historikern, zu beschreiben, wie die innere Öffnung, auch der Dialog zwischen SED und Kirche, von außen mit Druck vorangetrieben wurde.
Etwas wird uns erst jetzt klar, obwohl wir es im Wege unserer Befassung mit sämtlichen DDR-Polizeirufen so oft beschrieben haben. Die oben erwähnte „elegische Phase“ der frühen und mittleren 1980er war auch ein Ergebnis der verfestigten weltpolitischen Lage, derweil aber 1985 die Führung der Sowjetunion an Michail Gorbatschow überging und die realsozialistischen Regime gezwungen waren, auf dessen Willen zur Veränderung zu reagieren. Für die Gesellschaft, aber auch für die Filmemacher, brach noch einmal eine Zeit der Hoffnung an, die sich ab etwa 1987 in den Serienproduktionen des DFF, aber auch im Film ausdrückt. Schreiben wir nun die Filmgeschichte vom letzten wichtigen Film fort, den wir hier rezensiert haben, von „Solo Sunny“ (1980) des großen Konrad Wolf, der die Melancholie und Abwendung, die Vereinzelung der frühen 1980er greifbar macht, dann kommen wir hier, sieben Jahre später, wieder zu einem Film über die Integration der Gesellschaft und eine Idee, wie man den Realsozialismus doch noch retten könnte.
Auf eine leisere, weniger bildmächtige und weniger wortgewaltige Art als die großen Würfe der 1960er schlägt er damit gleichwohl die Brücke zu den dialektischen Werken jener Jahre, die den Durchbruch und die Ausformung des Sozialismus nach dem Aufbruch behandelten und mit großem Elan die gesellschaftliche Debatte führten, die es auch in der DDR gab – freilich innerhalb des gesteckten Rahmens, und der wurde ab 1965 plötzlich so eng, dass er die künstlerische Dynamik nach 15 Jahren DDR beinahe von einem Tag auf den anderen zum Erliegen brachte. Auch dies war mit einer weltpolitischen Wende verknüpft: Dem Wechsel von Nikita Chruschtschow zu Leonid Breschnew an der Spitze der SU.
Beachtliche Stolpersteine
Wie der junge Volkspolizist Heiliger lernt, dass Nazi nicht gleich Nazi ist, hätte man nicht unbedingt zeigen müssen, um die Weltanschauungen dialektisch zu behandeln und den Versuch einer Synthese zu wagen. Man tut es aber doch, nämlich in Person des Chefarztes der Klinik. Er sagt, er wäre in jede Partei eingetreten, solange er damit die Heilanstalt retten und seiner Berufung folgen kann. Außerdem sind es die USA und die Schweiz, die medizinisch so weit voran sind, dass man mit Medikamenten von dort TBC heilen kann, aber nicht mit den Methoden, auf die die Mangelwirtschaft in der DDR angewiesen ist. Auf offiziellem Weg gelangt viel zu wenig von den neuen Medikamenten ins Land, als dass man damit großflächig arbeiten könnte.
Es ist durchaus verwunderlich, dass die Zensur bei diesem Element auch 1988 nicht eingegriffen hat, denn der Film spielt in einer Zeit, in der man noch sagen konnte, mit dem optimistischen Marxisten Heiliger: Man wird auch in der DDR solche Produkte herstellen. Glaubte man 1988, die Menschen, die den Film sehen, werden nicken und sagen: so ist es gekommen? Oder sich doch eher nach der Seite wenden, prüfen, wie der Menschen auf dem Nachbarsitz des volkseigenen Kinos reagiert, und wird nicht die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass die Blicke jenes Nachbarn besagen, dass auch er an die immer noch nicht abgestellten Mängel bei der Versorgung mit einfachen Produkten des Alltags denkt, bevor es um Spitzentechnologie im Pharmabereich geht?
Die einleitende Sequenz hingegen wirkt unkommentiert wie eine Rechtfertigung der rigiden SED-Politik vergangener Jahre: „Hau rein oder hau ab!“, dieses Banner sehen wir, als eine Arbeitsbrigade, der auch Heiliger angehört (Volkspolizisten mussten damals offenbar auch an Bauarbeiten teilnehmen) mit einfachen Mitteln versucht, die DDR aufzubauen. Unwidersprochen bleibt: Die vielen Menschen, die lieber in den Westen gingen, als diese Mühsal auf sich zu nehmen, waren die Faulenzer und jene, die nicht verstehen, worum es geht, jene mit beiden schlechten Eigenschaften in Personalunion. Das ist für 1988 doch sehr schlicht gemacht und wir im Folgenden nicht diskutiert.
Von dort aus kann man aber noch eine Stufe weitergehen: Bekanntlich galt ab 1961 dieses Motto nicht mehr, man hatte den dringenden Wunsch, auch die Unzufriedenen unbedingt in der DDR zu behalten und erstellte dafür den antifaschistischen Schutzwall, dessen letztes Jahr 1988 anbrechen wird, was natürlich niemand ahnen konnte, als der Film gedreht wurde. Letztlich bedeutet also der Schutzwall, dass man all die Unzufriedenen eingesperrt hat und dadurch der Sand im Getriebe des Sozialismus zu einem großen Haufen wurde. Hätte man die Unzufriedenen aber alle gehen lassen, dann wäre die DDR nicht überlebensfähig gewesen. Es ist beinahe wie mit den Kirchen heute: Man lässt diejenigen ziehen, die nicht mehr überzeugt sind, zu Hunderttausenden jedes Jahr, und hofft, dass die Verbliebenen die innere Kraft des Glaubens wieder zum Glänzen bringen werden.
Es ist noch offen, ob eine Revitalisierung durch Schrumpfung möglich ist, aber bei einem Staat, einer Volkswirtschaft, ist das auf keinen Fall möglich. Der Film thematisiert das nicht, obwohl sich die Möglichkeit dazu geboten hätte, innere Emigration überzeugter Arbeit am Sozialismus oder festem Glauben gegenüberzustellen. Oder doch? Auch die Mehrzahl der Patienten sind weder so noch so gebunden und eigentlich Herdenmenschen. So werden sie auch gezeigt, wie sie beim Essen an den langen Tischen sitzen, Individualität erhalten nur wenige. Das ist nicht der Logik geschuldet, sondern einer etwas synthetisch wirkenden Aufmachung des Films, die sich durchaus auf das Spiel überträgt, die wir aber aus der späten DDR von anderen Produktionen kennen. Wenn man so will, reflektiert sich hier auch das westdeutsche Autorenkino der 1970er auf eine geradezu kristalline, wenn auch nicht in allen Punkten identische Weise.
Finale
Dass der Film möglich war, erforderte Kompromisse, das ist recht offensichtlich. Der Kapitalismus wird immer noch sehr kräftig markiert. Manchmal hat es auch einen witzigen Unterton, wenn etwa die aufrechten Sozialisten durchsetzen, dass endlich nicht mehr das westliche Propaganda-Radio gehört wird, das sogar Bundestagssitzungen überträgt, in denen die Versöhnungs- und Vereinigungsangebote aus dem (sowjetischen) Osten ausgeschlagen werden, sondern die Stimme der Wahrheit, in dem Fall der Mitteldeutsche Rundfunk. Dabei ist selbst der Name des Senders, den es ja immer noch unter dieser Bezeichnung gibt, ironisch.
Zusammen mit der Eingangssequenz, in der von jenen gemunkelt wird, die das große Werk sabotieren wollen, kann man bei solchen Szenen durchaus den Eindruck gewinnen, hier findet eine gewisse Ursachenverlagerung statt – und natürlich rekurriert das Thema Medienbeschallung darauf, dass sehr viele DDR-Bürger:innen dort, wo es zu empfangen war, Westfernsehen schauten. Die Frage ist nun, ob der Film an manchen Stellen eben auch so schlicht wirkt, weil er damit, wie wir es von den Polizeirufen der DDR kennen, im Gegenteil ganz subtil ist. In diesem Fall würde das bedeuten, dass man darauf hinweisen will, dass es auf das ankommt, was die Menschen hören und sehen wollen, und nicht auf das, was der Staat verordnet, wenn er keine Freiheit gewährt.
Wenn man wieder ins heute schaut, merkt man erst, welche Schäden Unfreiheit gerade bei der Analyse des Medienbetriebs anrichten kann: In der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion gibt es eine Art Abziehbild dessen, was wir möglicherweise sehen: In der Freiheit wird behauptet, die Gesellschaft sei nicht frei, und das von Menschen, die es wirklich besser wissen müssten, vor allem, wenn man Freiheit nicht absolut misst, sondern sie als an der Freiheit oder den Rechten anderer begrenzt ansieht, was in einem demokratischen Rechtsstaat immer der Fall ist.
Selbstverständlich sehen wir hier auch etwas, was viele als verpasste Chance ansehen würden, jenseits aller Untertöne. Man weiß, wie es kam und dass es nicht die Möglichkeit gab, die DDR neu zu justieren, sie wurde vielmehr ein Opfer der Zeitenwende. Ob sie es verdient hätte, weiterzuexistieren? Sicherlich wäre die westliche Gesellschaft heute solidarischer und weniger rüde, wenn es das Gegenmodell des Ostblocks noch gäbe. Aber es sich deswegen zu wünschen, es hätte überlebt, wäre schon sehr egoistisch gedacht. Der Dialog, den wir im Film sehen, ist ein sehr großer Ansatz, weltanschaulich betrachtet. Aber im Alltag wiederum viel zu klein, um ein krankes System retten zu können. Wir leben heute in einem System, das auch nicht gerade gesund ist, aber es hat natürlich die unendliche Macht des Kapitalismus auf seiner Seite und ist daher auf seine ungesunde Art robuster. Dialog und Versöhnung stehen im Moment nicht hoch im Kurs, weil der Kapitalismus nach der Wende immer mehr gezeigt hat, wozu er fähig ist und wozu nicht: Nicht dazu, die Menschen glücklicher zu machen. Nicht die Mehrheit.
Im Film sehen wir, wie der Kirchenmann sich nicht von den Kapitalisten, denen die Klinik gehört, kaufen lässt. Für uns war das eine ganz wichtige Szene, so plump das Kapital auch an die Verführung der Kirche herangeht. Es gibt Bibelworte gegen den Gott Mammon, und wenn sich mehr Menschen daran halten würden und es genügend Menschen gäbe, die sich auf die Bibel berufen und mehr soziale Gerechtigkeit einfordern würden, zusammen mit jenen, die es als Soziallisten im Kapitalismus tun, dann wäre mehr gewonnen, als in der DDR je zu gewinnen war, denn dann wäre endlich bewiesen, dass Freiheit und Gerechtigkeit keine Gegensätze sein müssen. Amen.
Bleibt die Wertung. Wir haben uns mit Stärken und Schwächen von „Einer trage des anderen Last“ ausführlich befasst und möchten überwiegend seine progressiven Ansätze in den Vordergrund stellen. Bleibt das Filmische: Uns war das Dialektische doch etwas zu stark ausgeprägt, selbst wenn es so mit dem Lineal gezeichnet wurde, um Untertöne und Querströmungen nicht zu deutlich werden zu lassen, die Dialoge um den richtigen Weg und wie dies ins Handeln von Menschen hinüberwächst, wie der Kirchenmann die reifere Figur darstellt, das ist auch wieder gut gemacht. Vielleicht könnte das Christentum ja der Verbündete eines modernen Sozialismus sein, wenn beide nicht der Macht, nicht der Autorität dienen, sondern den Menschen. Es gibt ja nicht nur vorgeblich widersprüchlich, in Wahrheit zuweilen parallele, sondern auch komplementäre Ansätze. Das Filming wirkt ein wenig – nun ja, dem Ort angemessen – klinisch, das hat uns auch beim Schauspiel etwas gestört, aber sich im Laufe des Anschauens hat sich dieses Befremden gelegt. Der heutige Stil ist eben anders, in jedem Format mehr Kino, wenn man so will. Wir vergeben respektvolle
76/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Lothar Warneke |
|---|---|
| Drehbuch |
|
| Musik | Günther Fischer |
| Kamera | Peter Ziesche |
| Schnitt | Erika Lehmphul |
| Besetzung | |
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Recherche und Analyse: Quellen
- https://www.fernsehserien.de/filme/einer-trage-des-anderen-last
- https://www.imdb.com/de/title/tt0095084/
- https://www.moviepilot.de/movies/einer-trage-des-anderen-last/besetzung
- https://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_Warneke
- https://ddrautoren.de/held/last/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Einer_trage_des_anderen_Last_%E2%80%A6
- https://journals.openedition.org/germanica/20626
- https://de.wikipedia.org/wiki/The_Time_is_now_%E2%80%93_Jetzt_ist_die_Zeit
- https://www.defa-stiftung.de/stiftung/aktuelles/film-des-monats/einer-trage-des-anderen-last/
- https://www.deutsche-biographie.de/sfz139096.html
- https://www.filmportal.de/film/einer-trage-des-anderen-last_e30c2fe2c2284c5394f9e1dac6e52031
- https://ddr-im-film.de/de/akteur/warneke
- https://www.filmportal.de/node/48399/material/690869
- https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/einer-trage-des-anderen-last/
- https://www.munzinger.de/register/portrait/biographien/lothar+warneke/00/17967
- https://www.filmportal.de/person/lothar-warneke_713a9b70b19146ce9a1bcd078a4eeb13
- https://oeak.de/okumenische-projekte/filmreihe-glaube-und-kirche-in-ddr-filmen/einer-trage-des-anderen-last/
- https://www.la-gente-agentur.de/film/polizeiruf-110-einer-trage/
- https://www.imdb.com/de/title/tt2062289/
- https://www.filmportal.de/film/einer-trage-des-anderen-last_fefd88bc676e40099406e59820d77913
- https://de.wikipedia.org/wiki/Polizeiruf_110:_Einer_trage_des_anderen_Last
- https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/lothar-warneke
- https://kommunistische-organisation.de/wp-content/uploads/2023/04/Handreichung-Referat-HeinzAhlreip.pdf
- https://ev-akademie-wittenberg.de/diskurs/dialektik-im-stillstand-ueberlegungen-zu-walter-benjamin/
- https://www.reddit.com/r/hegel/comments/15wo2dr/explains_the_dialectic/?tl=de
- https://macau.uni-kiel.de/servlets/MCRFileNodeServlet/macau_derivate_00006633/TPPM_2024_3.pdf
- https://publikationen.soziologie.de/index.php/soziologie/article/download/1773/1991/8607
- https://www.domradio.de/artikel/papst-empfaengt-marxistisch-christliche-dialoggruppe
- https://www.dw.com/de/berlinale-die-gewinner-des-goldenen-und-der-silbernen-b%C3%A4ren/g-60805929
- https://bavideo.blog/out-of-the-blue-nomination-europaeischer-filmpreis/
- https://download.e-bookshelf.de/download/0000/0174/75/L-G-0000017475-0002372609.pdf
- http://peter.fleissner.org/Transform/Marxismus%20und%20Theologie.pdf
- https://www.fbw-filmbewertung.com/film/einer_trage_des_anderen_last
- https://www.tittelbach.tv/kritiken/polizeiruf-110-einer-trage-des-anderen-last/
- https://www.filmfestivalcottbus.de/images/Webnews/DEFA-Stiftung_Leuchtkraft_5_WEB_grit%20Lemke%20Sorben%20im%20DEFA.pdf?_t=1672651807
[1] Einer trage des anderen Last … – Wikipedia
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