Filmfest 1303 – Werkschau Charles Chaplin (16)
The Fatal Mallet ist ein US-amerikanischer Film aus dem Jahr 1914 mit Charlie Chaplin und Mabel Normand in den Hauptrollen. Drehbuch und Regie führte Mack Sennett, der auch einen von Chaplins Rivalen um Normands Aufmerksamkeit verkörpert. (Sennett und Normand waren in dieser Zeit ein Liebespaar abseits der Leinwand.) The Fatal Mallet ist einer von mehr als einem Dutzend früher Filme, die die Autorin, Regisseurin und Komikerin Mabel Normand mit Charles Chaplin gedreht hat. Normand, die vor Chaplin Filme geschrieben und Regie geführt hatte, war die Mentorin des jungen Komikers.
Nach einer Pause machen wir weiter mit der Sichtung und Rezension von Charles Chaplins frühen Filmen. Passenderweise haben wir den ersten Stopp nach 15 Werken eingelegt, die alle im Jahr 1914 bei Keystone entstanden sind. Die Pause war vor allem dadurch begründet, dass Arte eine Reihe von 14 Kurzfilmen unter dem Sammeltitel „Female Comedies“ – Filme von, mit, für, über Frauen aus den Jahren 1906 bis 1927 gezeigt hat. Eine davon war „His Trysting Place“ mit Charles Chaplin und Mabel Normand, ein Two-Reeler und der einzige dieser Filme, den wir uns noch aufgehoben haben, weil wir weiterhin die Chronologie der frühen Chaplin-Komödien einhalten wollen. Wir gehen ohnehin rückwärts, denn das „Mutual-Projekt“ und das „Essanay-Projekt“ hat Arte schon vor einigen Jahren gezeigt, also die Produktionen aus den Filmstudios Nr. 3 und Nr. 2 von Chaplin, während er bei Keystone gestartet war.
Durch die „Female Comedies“ haben wir auch mehr über Mabel Normand gelesen und zwei von ihren Filmen rezensiert, die nicht mit Charles Chaplin zusammen entstanden sind. Wie reiht sich hier und in weitere frühe Chaplin-Filme, die zuvor entstanden waren, „The Fatal Mallet“ ein? Es steht in der Rezension.
Handlung (1)
Drei Männer kämpfen um die Liebe eines charmanten Mädchens. Charlie (in berühmter Tramp-Gestalt) und ein weiterer Verehrer (ungewöhnlicherweise gespielt von Mack Sennett selbst) verbünden sich gegen den dritten und spielen schmutzig, werfen Ziegelsteine und benutzen einen Hammer. Charlie überlistet jedoch seine Partnerin und verliert so am Ende sein Vertrauen und das Mädchen.
Rezension
Mit 5,4/10 lassen sich die IMDb-Nutzer:innen auch für die Verhältnisse der ganz frühen Chaplin-Filme nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen hinreißen, der Rekord bis dahin steht bei 5,7/10 für „Caught in a Carabet“, während ich einen der Chaplin-Normand-Filme, „Mabel at the Wheel“ für den bis dahin besten halte (IMDb: 5,6/10). Jeder Film hat bestimmte Eigenheiten, aber wenn man „The Fatal Mallet“ charakterisieren will, bietet sich wirklich an: Das ist ein Hammer. Ganz sicher ist der riesigen Vorschlaghammer, der zum Ende hin eine Rolle spielt, nicht aus Eisen oder Stahl. Aber wie haben sie es hingekriegt, die geschmissenen Ziegelsteine so echt wirken zu lassen? Die Logik wäre gewesen, Pappziegelsteine oder gar Schwämme zu verwenden, damit sich nicht jemand tatsächlich verletzt, aber die Art, wie die „Steine“ (wir schreiben sie doch mal in Anführungszeichen) fallen, wirkt, als ob sie wirklich ein gewisses Gewicht hätten und außerdem beulen sie Hüte ein.
Wie auch immer, alle Beteiligten haben diesen Film überlebt, auch Mabel Normand, die ebenfalls einige Male einen Stein abbekommt und auch sonst in die körperlichen Aktionen reichlich einbezogen wird. Der Film ist so roh, dass es schon wieder witzig wirkt, und dieses Mal fallen immerhin die Hälfte der Beteiligten in einen See, Chaplin und Mack Swain, den wir noch häufiger in den Filmen des Genies sehen werden. Knapp die Hälfte, wenn man das Kind mitrechnet, das den niedlichsten Verehrer von Mabel Normand darstellt. Aber auch dieser Junge wird von Chaplin regelrecht weggetreten, und wir sehen wieder einmal, dass der frühe Tramp alles andere als ein Romantiker war.
Frauen waren für ihn zu der Zeit keine anbetungswürdigen Göttinnen, sondern Objekte der Begierde und vor allem Zankäpfel, um die man mit Konkurrenten auf nicht selten hinterhältige Weise kämpfen kann. Hier sind es gleiche drei Rivalen. Und da der Tramp am gemeinsten von allen Verehrern vorgeht, kriegt er – nicht das Mädchen. So ist das im Film. Jedoch: Eigentlich kriegt keiner sie und angesichts der Charaktere, die sich hier bewerben, ist das ebenfalls in Ordnung. Insofern ist der Film ziemlich logisch und rund, auch wenn er, wie alle bisherigen Chaplin-Keystone-Komödien, die ich gesehen habe, ziemlich abrupt endet. Im Prinzip sind das, was wir sehen, offene oder halboffene Enden, denn angesichts der bewundernswerten körperlichen Robustheit der Beteiligten könnte es noch lange so weitergehen.
Ein Rezensent von Moving Picture World sagte über The Fatal Mallet: „Dieser One-Reeler beweist, dass es manchmal amüsant sein kann, Menschen mit Ziegelsteinen und Schlägeln auf den Kopf zu schlagen.“
Ein Rezensent von Bioscope schrieb positiv: „Obwohl Charles Chaplin und Mack Sennett Rivalen in der Liebe zu der schönen Mabel Normand sind, tun sie sich zusammen, um einen dritten Rivalen loszuwerden, und der Einsatz eines tödlichen Hammers gibt diesen unbeschreiblichen Komikern die Gelegenheit für eine weitere wirklich lustige Farce.“
Die frühen Kritiker und auch das Publikum konnten von diesen Komödien nicht genug kriegen, die durchaus raue Zeiten spiegeln, auch wenn die Filmaktionen selbstverständlich übertrieben waren. Als 1:1-Abbildungen der Realität hätten wie wohl kaum ein befreiendes Lachen ausgelöst. Sie waren Verstärker und Verdichter der Vorgänge des Lebens, transformierten es nicht künstlerisch, wie Chaplin es in seinen Filmen bald tun sollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass Chaplin schon zu der Zeit angesichts solcher Ziegelsteiniaden und Hammerfilme darüber nachdachte, sich zu erweitern und zu vertiefen und neue Wege zu gehen, um seiner Tramp-Figur mehr Tiefe zu geben. Ich weiß nicht, ob es wirklich so war, denn Chaplin erfand mit der Mischung aus Romantik, Drama und Komödie etwas wirklich Neues, das sich spätestens bei Essanay zu entwickeln begann. Da ich mit Chaplin bei Keystone noch lange nicht durch bin, weil er zu der Zeit in viel kürzeren Abständen gedreht hat als später, weiß ich nicht, ob es erste Ansätze zum romantischen Tramp schon dort gab, jedenfalls gab es sie nicht bis zu Chaplins 16. Film. Wohl aber gab es den Tramp, als welcher er auch hier wieder auftritt, ohne dass ihm das Abgerissene seiner Erscheinung bei Mabel Normand wesentlich zu schaden scheint. Es ist ohnehin auffällig, dass dieser Hoodlum mit anderen immer ganz gut konkurrieren kann und insofern schon eine Botschaft sendet: Auch ein robuster Niemand, der sich selbst für charmant hält, ohne es (zu dem Zeitpunkt bereits) zu sein, kommt zu Chancen. In späteren Filmen klappt es mal mit der Liebe (u. A. „Moderne Zeiten“ und „Lichter der Großstadt“) oder auch nicht („Der Zirkus“, „Rampenlicht“), aber es ist immer auch ergreifend.
Was den Ziegelstein-Hammer-Film ebenfalls auszeichnet, ist ebenfalls ergreifend, nämlich seine Schlichtheit. Abgesehen von Chaplins und Normands Gage hat er so gut wie nichts gekostet, weil er im Freien gedreht wurde; lediglich ein Schuppen spielt noch eine Rolle und es werden keine Gegenstände demoliert, schon gar keine echten Autos der gehobenen Klasse, wie in Chaplins allererstem Film „Making a Living“.
Dafür gibt Chaplin klar die beste Performance aller Beteiligten. Einfach, aber wirkungsvoll; während man bei Mack Sennett sieht, warum er besser hinter der Kamera und in der Produzentenstellung aufgehoben war. Er ist zu langsam und zu wenig variantenreich für die Komik jener Zeit und auch nicht so exzessiv wie zum Beispiel Ford Sterling, die Mimik betreffend. Mabel Normand macht ihre Sache gut, wirkt aber in diesem Film ersetzbar, Mack Swain ist hingegen die klare Nummer zwei. Größer, wuchtiger als die anderen, in diesem Sinne als langsamer glaubwürdig, er kann hingegen bedrohlich wirken. Keystones Team wird nie komplett in einem Film gezeigt, aber zwei oder drei der Stars waren meistens dabei. Ohne die berühmten Keystone-Cops, die in einigen der frühen Chaplin-Filme auch eine Rolle spielen. In mindestens einem davon spielt Chaplin auch selbst einen der Klamauk-Polizisten, es handelt sich um den bezüglich Chaplins Wirken ganz frühen „A Thief Catcher“, der ein Ford-Sterling-Vehikel ist, mit Chaplin nur in einer Nebenrolle. Die erfahrenste an Bord war darstellerisch eindeutig Mabel Normand, die seit 1911 im Business war und sich durch unzählige One-Reeler zum ersten weiblichen Komödien-Star hochgearbeitet hatte.
Sennett führte auch Regie bei Chaplins nächstem Film, The Fatal Mallet, und übernimmt ebenfalls eine ungewöhnlich große Rolle in dem Film. 35 Charlie und Mack flirten abwechselnd mit Mabel und streiten miteinander, aber sie schließen sich zusammen, als Mack Swain, sportlich in Bootsfahrer und Blazer und aussehend, als käme er gerade von der Promenade in Atlantic City zurück, auftaucht, um sie ebenfalls zu umwerben. Um Swain niederzumachen, braucht es mehr als die mit Stoff überzogenen Sitzsäcke, mit denen sich die Keystones häufig bewarfen. Schließlich finden Charlie und Mack den tödlichen Hammer, den Charlie natürlich auch auf Sennett anwendet,36 aber als Swain zu Boden geht, hat Mabel ein neues Interesse gefunden, an Gordon Griffith.[1]
So, das wissen wir jetzt auch. Die Ziegelsteine sind mit Stoff überzogene Sitzsäcke. Eigentlich ein bisschen desillusionierend, vor allem, weil sie so echt aussehen und gar nicht wie Säcke. Aber es war klar, dass es in diese Richtung gehen musste, denn sonst wären die Darsteller:innen bei Keystone schnell dezimiert gewesen. Trotzdem oder gerade deswegen ein Lob für die Ausführung, die bereits auf eine gewisse Erfahrung im Ziegelsteinschmeißen schließen lässt. Der erste Chaplin-Film, in dem derlei vorkommt oder geprobt wird, ist der erwähnte „Mabel at the Wheel“, der in der Tat eine in Relation zu den vorherigen und auch den ersten nachfolgenden Chaplin-Komödien reichhaltiges Werk mit großartiger Action ist.
Einer von Dutzenden Filmen, die Chaplin für Sennett drehte, in denen die Die Charakterisierung der Figurund der Kleidung des Landstreichers bereits vorhanden ist, aber hier überwiegt das Diktat der Slapstick-Komödie und ihres im Grunde körperlichen Humors, der sich vor allem auf den Austausch von Steinen konzentriert, die zwischen den drei Figuren ausgetauscht werden. Bei den ersten Versuchen erwischt der Tramp fälschlicherweise Mabel, in einer der besten Szenen des Kurzfilms.[2]
Ich muss es zugeben: Die Szene, in der Mabel getroffen wird, hat auf mich auch mit am stärksten gewirkt, in dem Sinne eines „Ohahaha!“, Erstaunen und Lachen zugleich, weil die weibliche Figur voll eins abkriegt und das komischerweise witziger ist, wohl des Überraschungseffekts wegen und wegen des Fehlwurfs, als wenn die Männer sich ständig bewerfen und mal treffen, mal nicht.
Ich hatte sie in einigen frühen Chaplin-Filmen gesehen, in der Regel eher unorganisierte Affären, in denen sie viel weint und von rhabarberden Clowns fast von der Leinwand verdrängt wird (Mabel’s Busy Day, 1914). Es war immer ein Problem, inmitten des Chaos eines Keystone-Films Eindruck zu machen, was einer der Gründe ist, warum Chaplin ihn hasste. Kein Raum zum Atmen für die Gags, keine Zeit, eine Sequenz zu entwickeln.
Sie glänzt mehr in einem einfacheren Film wie The Fatal Mallet (1914), der schrecklich einfaches Zeug ist, das in den Arsch tritt. Charlie, der Mabel den Hof macht, bekommt von einem versteckten Rivalen einen Stiefel in den Hintern. Er glaubt, dass Mabel dafür verantwortlich ist, und rächt sich, indem er den großen Stiefel unmissverständlich mit ihrem Hinterteil verbindet. Mabel schaut erschrocken, dann grinst sie breit – und schlägt ihm hart ins Gesicht. Befriedigendes Zeug auf seine Weise.[3]
Damit haben wir den zweiten Effekt abgedeckt, nämlich, dass die Frau am Set nicht etwa nur ein Opfer ist, sondern auch kräftig zurückhauen kann. Im ersten Absatz des Zitats hingegen scheint etwas durch, was ich schon angesprochen habe: Ob Chaplin mit dieser Art von Komödien wirklich nach mehr als 15 Filmen noch zufrieden war. Man sieht hier keine Weiterentwicklung, anders als noch in „Mabel at the Wheel“, in dem sie, obwohl der Film nicht zu den ganz einfachen der Reihe gehört, sehr wohl ebenfalls glänzen kann, vor allem in der furiosen Fahrtsequenz während des Rennens, in der sie so viel Vitalität und Spaß verbreitet. Filme mit Fahrtszenen sind schon deshalb ein anderes Kaliber, weil damals noch nicht mit Rückprojektion gefilmt wurde, was wir sehen, ist also echt.
Finale
In der IMDb, ebenso in der Wikipedia, ist der Film mit 18 Minuten Länge angegeben, die gesehene Version hat nur 14 Minuten, dafür aber auch nur zwei oder drei kurze Zwischentitel, die jeweils einen Satz beinhalten. Möglicherweise gibt es eine Variante, die mehr Texttafeln enthält, aber nicht öffentlich zugänglich ist. Wir haben diesen Unterschied bereits anhand einiger Filme referiert, die von Chaplins Bruder Sydney editiert wurden und in denen die Titel eine gar nicht unwichtige Rolle spielen, weil sie Szenen, die ansonsten zu hölzern in den Übergängen wirken, gut verbinden. Wir wiederum haben das anhand der Sichtung beider Versionen (mit vielen und mit wenigen Zwischentiteln) erklärt, anhand von „Caught in a Cabaret“, dem ersten Chaplin-Film, der etwas wie Sozialkritik beinhaltet.
Ein Höhepunkt der elaborierten Gesellschaftskomödie ist „The Fatal Mallet“ gewiss nicht, aber vielleicht ein besonders typischer, schlichter Keystone-Film, ohne die Keystone-Cops und ohne Szenen bei echten Ereignissen, wie sie bei Keystone ebenfalls recht häufig vorkamen (3 von den ersten 15 Chaplins sind so inszeniert, gleich der zweite „Kid Auto Race at Venice“, „Mabel at the Wheel“ und „A Busy Day“, in dem Chaplin erstmals eine Frau spielt). Vielleicht war der Film für die Menschen damals auch witzig, weil der Produzent selbst mitmacht und sich mit Ziegelsteinen bewerfen lässt. Mack Sennett war einer der Krösusse des ganz frühen Hollywoodfilms und mir ist kein anderer Produzent bekannt, der selbst derart oft eins in die Mappe bekommen hat wie Mack Sennett in diesem Film. Der Underdog, den Chaplin verkörpert, trifft auf den fast ebenso gekleideten Arbeitgeber, beide faken ihre sozialen Rollen, dem Publikum hat es sicher gefallen. In erster Linie wegen Ziegelstein & Hammer, aber vielleicht auch wegen des Subtextes, der in diesem Film durchaus enthalten ist.
56/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024)
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Regie: |
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Geschrieben von |
Mack Sennett |
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Produziert von |
Mack Sennett |
- Charlie Chaplin – Verehrer
- Mabel Normand – Mabel
- Mack Sennett – Rivalisierender Verehrer
- Mack Swain – Ein weiterer Rivale
[1] Ein Blick auf Charlie – Das Jahr bei Keystone, Teil 1: Eine gelegentliche Serie über das Leben und Werk von Charlie Chaplin – Bright Lights Film Journal
[2] Film des Tages: Der tödliche Hammer (1914), Mack Sennett (magiadoreal.blogspot.com)
[3] The Forgotten: „Mickey“ (1918) on Notebook | MUBI
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