Filmfest 1305 Cinema – Werkschau Fred Astaire und Ginger Rogers (5)
Marine gegen Liebeskummer (im Original Follow the Fleet) ist eine US-amerikanische musikalische Filmkomödie des Regisseurs Mark Sandrich aus dem Jahr 1936. Das Drehbuch basiert auf dem Bühnenstück Shore Leave von Hubert Osborne.
Die besten Rogers-Astaire-Tanzfilme sind nach Ansicht vieler Experten „Top Hat“ und „Swing Time“ (1935, 1936). Wir haben den Starter „The Gay Divorcee“ wegen seines großen Novitätswerts noch über die beiden gestellt, sie aber gleich bewertet. Zwischen „Top Hat“ und „Swing Time“ entstand „Follow the Fleet”, der allgemein etwas mehr gemischt rezipiert wird. Warum das so ist und wie wir votieren, darüber mehr in der -> Rezenion.
Handlung[1]
Bake Baker und Sherry sind ein Tanzrevuepaar, das sich getrennt hat. Baker ist zur Navy gegangen, während Sherry in einem Tanzsaal angestellt ist. Mit seinem Kameraden Bilge besucht Baker den Tanzsaal. Während Baker und Sherry wieder zusammen tanzen, fühlt sich Bilge von Sherrys Schwester Connie angezogen. Doch als Connie die Rede auf Hochzeit bringt, stößt sie Bilge ab. Er wendet sich nun einer geschiedenen Prominenten zu, Iris, einer Freundin von Sherry.
Die beiden Seemänner kehren wieder auf ihr Schiff zurück. Connie versucht Geld aufzutreiben, um das Schiff ihres verstorbenen Vaters, eines Kapitäns, vor der Abwrackung zu retten. Zurück in San Francisco versucht Baker, Sherry einen Job in einer Broadway Show zu verschaffen. Doch Missverständnisse und Verwechslungen verhindern Bakers Absicht. Baker inszeniert eine Benefiz-Show, die die fehlenden 700 Dollar für die Sanierung von Connies Schiff erbringen. Zudem erhalten Baker und Sherry das Angebot für eine Broadway-Show. Beide entscheiden sich dazu, wieder aufzutreten.
Rezension
Sechs von zehn Astaire-Rogers-Filmen haben wir nun angeschaut und für den Wahlberliner darüber geschrieben. Auch die Rezension zu „Swing Time“ ist schon abgefasst, obwohl wir ihn nach „Follow the Fleet“ angeschaut haben. Vielleicht liegt es daran, dass er tatsächlich leichter und einheitlicher zu beschreiben ist, weil er auch so ist: künstlerisch geschlossener, ähnlich wie „Top Hat“. In der Tat, die Kritik, dass „Follow the Fleet“ zu lang geraten ist, kann ich nicht nur nachvollziehen, in bin derselben Ansicht. Mich interessiert auch das Szenario nicht besonders, für mich ist das Militär außerdem kein Platz, an dem Komödien inszeniert werden sollten, schon gar keine beschwingten Tanzkomödien. Das heißt nicht, dass ich berühmte Marinekomödien wie „Unternehmen Petticoat“ nicht mag, aber bei „Follow the Fleet“ kommt hinzu, dass ich den Film stellenweise nicht besonders gut verstanden habe, weil die Marine offenbar zum Slang neigt und ich finde Fred Astaire in der Rolle eines einfachen Matrosen nicht gut platziert. Zwischen all den Kerlen, an der Spitze der kantige Randolph Scott, wirkt er beinahe, als sei er zu schmächtig, um überhaupt durch die Musterung zu kommen. Ich fühlte mich an das „Asterix als Legionär“ erinnert, das mindestens so berühmt ist wie die Astaire-Rogers-Filme und in dem ein Gote vorkommt, der, in einen dicken Pelz gehüllt, mit den beiden gallischen Helden als Legionär anheuern will, kurz darauf zornerfüllt das Musterungsbüro verlässt und schimpft „Zu mager! Zu mager für einen Legionär, sagt er!“ (Der Musterungsarzt).
Nur, dass Astaire eben die Matrosenuniform trägt wie alle anderen auch. Dass seine Figur im Cutaway sehr elegant wirkt, kommt hier also nicht zum Tragen. Deswegen wirkt die letzte Nummer des Films auch fast wie die Faust aufs Auge, nämlich „Let’s Face the Music and Dance.“ Und diese Tanznummer stellt für mich ein Riesenproblem dar. Vielleicht nicht vom Tanz, aber mit dem unbeschreiblichen Dekor, der Musik selbst und wie Astaire sie interpretiert, wertet sich der Film auf, ob sie hineinpasst oder nicht. Sie ist mein Lieblingsstück unter den Lieblingsstücken aus diesen Filmen, mit ihr als Inspiration habe ich einmal eine Kurzgeschichte verfasst, in der ein einstiger Star in das verlassene Theater zurückkehrt, in dem er mit seiner Tanzpartnerin große Erfolge gefeiert hat. Natürlich dachte ich dabei an Astaire und Rogers und der Protagonist hieß demgemäß „Fred“.
Allein für diese Nummer, die als Solo von Astaire beginnt und in einen gemeinsamen Part mit Ginger Rogers mündet, hätte ich mir auch fünf Stunden lang ein belanglose Militärkomödie angeschaut, in der das Militär mehr oder weniger nur Kulisse ist.
Follow the Fleet war an den Kinokassen äußerst erfolgreich[2], und 1936 erreichten Astaires aufgenommene Versionen von „Let Yourself Go“, „I’m Putting all My Eggs in One Basket“ und „Let’s Face the Music and Dance“ ihre höchsten Positionen[3] auf dem 3., 2. bzw. 3. Platz in der US-Hitparade. Harriet Hilliard und Tony Martin gaben in diesem Film ihr Leinwanddebüt. RKO lieh sich für die Produktion Randolph Scott von Paramount und Astrid Allwyn von Fox aus. [4]
„I’m Putting all My Eggs in One Basket” kenne ich noch gar nicht so lange, gefällt mir aber recht gut – kein Vergleich jedoch mit „Let’s Face the Music“. Da spielt aber ein überragender persönlicher Zugang zu Letzterem eine Rolle, objektiv reiht sich das Lied in einige andere Hits ein, die Irving Berlin eigens für die Astaire-Rogers-Filme geschrieben hat und die das Great American Songbook nicht nur bereichert haben, sondern essentielle Standards aus diesem Songbook geworden sind.
Randolph Scott schien damals eine Art Dauerleihgabe der Paramount an RKO gewesen zu sein, denn sowohl in „Top Hat“ als auch in „Roberta“ spielt er schon den zweiten Leading Man, eine durchaus ungewöhnliche Aufstellung, da er physisch natürlich viel beeindruckender als Hauptdarsteller Fred Astaire ist. Dass er diesen nicht buchstäblich an die Wand spielen kann, ist aber schon ein Menetekel für Scotts weitere Karriere als Darsteller von Nebenrollen in großen Western und als Hauptdarsteller in kleineren Western. Trotz der etwas länglichen und teilweise als Komödie öden Statur von „Follow the Fleet“ siegt der Charme und das Können von Astaire und Rogers schließlich über alle diese Schwächen.
- „Let’s Face the Music and Dance„: Astaire singt dies für Rogers, woraufhin der Tanz langsam beginnt und in einer statischen Ausgangspose gipfelt. Der Tanz wird in einer durchgehenden Einstellung gefilmt, die zwei Minuten und fünfzig Sekunden dauert. Während der ersten Einstellung traf Rogers‘ Kleid, das stark beschwert war, um eine kontrollierte Wirbelaktion zu erzielen, Astaire mitten in der Routine ins Gesicht[7], obwohl der Effekt kaum erkennbar ist. Nichtsdestotrotz wählte er[8] diese Einstellung von insgesamt zwanzig für das endgültige Bild aus. Das Bühnenbild – entworfen von Carroll Clark unter der Leitung von Van Nest Polglase – wird häufig als führendes Beispiel für eine vom Art déco beeinflusste Art Direction zitiert, die als Hollywood Moderne bekannt ist. Filmausschnitte dieser Routine wurden 1981 in dem Film Pennies from Heaven – verhasst von Astaire[9] – gezeigt, wo sie auch von Steve Martin und Bernadette Peters mit einer überarbeiteten Choreografie von Danny Daniels neu interpretiert wurde.[2]
Ginger Rogers und ihre Tanzkleider sind eine Legende für sich, siehe auch die Affaire „Feathers“ aus „Top Hat“, die alleine den Film zu einer Ikone macht. Apropos Ikonen. Da gehen wir mit:
Die Tanzkommentatoren Arlene Croce und John Mueller weisen darauf hin, dass der Film neben der offensichtlichen Schwäche,[15] einer diskursiven und überlangen Handlung, der es an qualitativ hochwertigen spezialisierten Komikern mangelt,[16] einige der wertvollsten Duette der Astaire-Rogers-Partnerschaft enthält, nicht zuletzt das ikonische „Let’s Face the Music and Dance„. Arlene Croce meint dazu: „Ein Grund, warum die Zahlen in Follow the Fleet so großartig sind, ist, dass Rogers sich als Tänzer bemerkenswert verbessert hat. Unter Astaires Coaching hatte sie eine außergewöhnliche Bandbreite entwickelt, und die Zahlen im Film sollen dies zeigen.“ [17] Dass die bemerkenswerte Filmmusik [18] unmittelbar nach seiner erfolgreichen Filmmusik für Top Hat produziert wurde, ist vielleicht ein Beweis für Berlins Behauptung, dass Astaires Fähigkeiten ihn dazu inspirierten, einige seiner besten Arbeiten abzuliefern. [19] Als Schauspielerin unternimmt Astaire jedoch einen wenig überzeugenden[20] Versuch, das Image des wohlhabenden Mannes in der Stadt abzulegen, indem er eine Matrosenuniform anzieht, während Rogers, in ihrer fünften Paarung mit Astaire, ihr übliches komödiantisches und dramatisches Flair in ihre Rolle als Nachtclub-Entertainerin einbringt.
Normalerweise schreiben wir unsere eigenen Rezensionanteile zuerst, schauen dann in die in der Wikipedia oder IMDb enthaltenen Kritiken, aber hier geben wir zu, weil wir den Film schon vor ein paar Tagen angeschaut, aber zuerst „Swing Time“ rezensiert haben, wollten wir die Linie von „Top Hat“ bis zu „Swing Time“ nachbilden können und schließen uns mehr oder weniger der oben kursiv gedruckten Anmerkung an, knieen noch einmal und mit noch mehr Überzeugung vor „Let’s Face the Music and Dance“ nieder, weil auch auf das Tanzen spezialisierte Kommentatoren diesen Part so hervorheben und bekräftigen unsere Ansicht, dass Fred Astaire in Matrosenuniform nicht maximal gut ausgestattet wirkt, während, auch dies stimmt, Ginger Rogers wieder charmant wie üblich ist. Ob sie sich tänzerisch z. B. gegenüber „Top Hat“ noch einmal verbessert hat, ist eine Frage, die wirklich Fachleute klären müssen.
Graham Greene, der 1936 für The Spectator schrieb, gab dem Film eine mäßig gute Kritik und beschrieb ihn als Fred Astaires „den besten seit Gay Divorce„. Greene vergleicht die schauspielerische Leistung von Astaire mit der Zeichentrickfigur Mickey Mouse und deutet an, dass die beiden sich darin ähneln, „die Naturgesetze zu brechen“. Greene zieht jedoch die Grenze, wenn er Ginger Rogers mit Minnie vergleicht. Greene prangerte auch die Piep-Zensur an, die vom British Board of Film Censors eingeführt wurde, indem das Wort „Satan“ aus dem Hilliard-Song „Get Thee Behind Me Satan“ entfernt wurde. [14]
Graham Greene ist nun kein Unbekannter, ich habe „Our Man in Havana“ auf Englisch gelesen und auch da gehe ich mit, auch wenn es sehr pointiert wirkt. Die „Piep-Zensur“ gab es erst viel später, dachte ich bisher. Hingegen gab es zu dem Film in der von mir gesehenen Version eine Einführung, in der gezeigt wird, wie die Szene in England aussieht, in der Hilliard „Get Thee Behind Me“ singt. Der Song passt nicht so recht zu dem Image, das die Frau in dem Film ansonsten verkörpert, aber es hätte noch seltsamer gewirkt, wenn Ginger Rogers ihn interpretiert hätte. Die gesehene Kopie beinhaltet das ominöse Wort „Satan“, zum Vergleich wird aber in der Einführung auch die englische gezeigt, in der es zu schlimmen Jump Cuts kommt, weil jedes Mal dieses eine Wort herausgeschnitten wurde. Die USA waren nach der Einführung des Hays Code im Jahr 1934 schon ein recht prüdes Kinoland, aber die britische Zensur war in jenen Jahren geradezu berüchtigt für ihre Doppelmoral.
Die zeitgenössischen Kritiken waren positiv. „Auch wenn es nicht die beste Serie von (Astaire und Rogers) ist, ist sie immer noch gut genug, um die Leitung der diesjährigen Klasse in Gesangs- und Tanzunterhaltung zu übernehmen“, schrieb Frank S. Nugent in der New York Times. „Sie klopfen so fröhlich, tanzen so schön und widersprechen sich so fröhlich wie eh und je.“ [10] „Mit Ginger Rogers wieder einmal gegenüber und der Musik von Irving Berlin zum Tanzen und Singen bringt Astaire sich und sein Film wieder einmal in die große Unterhaltungsklasse“, schrieb Variety in einer positiven Rezension, obwohl es die Laufzeit von 110 Minuten „weit über Bord“ fand und andeutete, dass es von einer Kürzung um 20 Minuten hätte profitieren können. [11] „Gut beladen mit Unterhaltung zur Befriedigung der Massen“, berichtete Film Daily. [12] John Mosher von The New Yorker schrieb, dass „Fred Astaire in seiner besten Form wippt … Ich glaube nicht, dass er irgendwo besser war als in diesem Film, und die schlanke kleine Ginger Rogers hält die ganze Zeit mit ihm Schritt.“ Sie reichten aus, schrieb Mosher, um die übermäßige Länge des Films und eine Handlung zu überwinden, der „jegliche Leichtigkeit der Astaire-Füße“ fehlte. [13]
Finale
„Follow the Fleet“ ist tatsächlich der längste der Astaire-Rogers-Filme, knapp vor „The Gay Divorcee“ und „Top Hat“, wenn ich es richtig im Kopf habe, aber Letztere haben mich ingesamt besser unterhalten. Trotzdem gab es in „Top Hat“ keinen Moment tiefer Berührung, sondern mehr ein Staunen über die Pracht der Dekors, Rogers‘ Straußenfederkleid, die ausgefeilte Tanztechnik und die großartige Musik. Mit „Follow the Fleet“ geht es also viel weiter auseinander. Während ich den Film als Ganzes eher mittelmäßig finde, war ich am Ende geradezu konsterniert, dass ausgerechnet in ihm die mehrfach erwähnte Luxusnummer „Let’s Face the Music and Dance“ enthalten ist.
Deswegen bleibt mir nichts übrig, als auch ihm wenigstens eine Bewertung in 70ern zukommen zu lassen, aber doch mit einem gewissen Abstand zu „Swing Time“ und „Top Hat“. Eine Nummer allein, so traumhaft sie auch sein mag, kann nicht alles rausreißen, nicht alleine entscheidend sein für die Bewertung. Es ist Zufall, ich habe gerade nachgeschaut: Wir kommen exakt bei der Note heraus, die auch die IMDb-Nutzer:innen vergeben.
71/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2023)
| Regie | Mark Sandrich |
|---|---|
| Drehbuch | Dwight Taylor, Allan Scott |
| Produktion | Pandro S. Berman |
| Musik | Irving Berlin |
| Kamera | David Abel |
| Schnitt | Henry M. Berman |
| Besetzung | |
sowie ungenannt
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[1] Marine gegen Liebeskummer – Wikipedia
[2] Folgen Sie der Flotte – Wikipedia
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