Filmfest 1310 Cinema – Werkschau Charles Chaplin (17) – verlorener Film (2)
Ihr Freund, der Bandit ist eine US-amerikanische Stummfilmkomödie von Charlie Chaplin aus dem Jahre 1914. Es ist der einzige Film Chaplins, der als verschollen gilt.
Etwa bis zum Filmfest 500 hatten wir immer wieder einmal „Empfehlungsrezensionen“ geschrieben, um neuere Filme aufzunehmen, die wir selbst noch gar nicht gesehen hatten. Aber „Ihr Freund, der Bandit“ ist der erste Film, der eine eigene Filmfest-Nummer erhält, ohne dass er überhaupt noch existiert oder zu existieren scheint. Um es gleich zu schreiben: Das wird aus filmhistorischen Gründen in Zukunft vielleicht noch öfter vorkommen. In der Tat wurde der Film erst kürzlich in die IMDb-Chronologie von Chaplin aufgenommen, die also nun, anders als zum Beginn unserer „Keystone-und-Chaplin-von-seinen-Anfängen-an“-Chronologie 93 Filme umfasst, damals waren es 92. Es ist ohnehin großartig, dass bis auf diesen mittlerweile alle Chaplin-Filme besichtigt werden können. Es reflektiert auch die Stellung von Chaplin, die er schon nach kurzer Zeit in Hollywood hatte, denn andere bekannte Filmschauspieler:innen der Zeit haben zahlreiche Verlustposten zu beklagen – auch Mabel Normand, über die wir in der Rezension noch ein paar Worte verlieren werden.
Handlung
In dieser Farce spielt Charlie Chaplin einen Banditen, der den Grafen De Beans auf dem Weg zu einer Feier im Anwesen der Miss Mabel De Rocks überwältigt. Er zieht seine Kleidung an, nimmt die Einladung an sich und erhält Einlass zu Mabels Haus. Dort kommt es zu verschiedenen Missgeschicken und er verursacht Chaos unter den hochherrschaftlichen Anwesenden. Schließlich erscheinen die Keystone Cops und nehmen den Banditen fest.
Produktion
Die Dreharbeiten für Ihr Freund, der Bandit begannen am 11. Mai 1914 unter dem Arbeitstitel The Italian und endeten am 18. Mai 1914. Am 4. Juni 1914 erschien der Film im Kino.
Später wurde er auch unter dem Titel Mabel’s Flirtation veröffentlicht.
Kritiken
Moving Picture World nannte den Film 1914 eine Farce, die zwar ein wenig dünn sei, aber all das Chaos enthalte, das eine Farce ausmacht. „Sie wird amüsieren und für Lacher sorgen und kann als solide, wenn auch nicht bemerkenswerte Unterhaltung angesehen werden.“[1]
Für Bioscope war der Film eine „aufgeweckte Farce.“[2]
In der IMDb gibt es zu einem als verschollen geltenden Film tatsächlich zwei Benutzer-Rezensionen, die eine gibt nur die erste der beiden obigen Kritiken auf Englisch wieder, die andere ist besonders interessant:
Dies ist ein verschollener Kurzfilm der Keystone Film Company, in dem Mabel Normand und Charlie Chaplin mitspielten. Die einzige Inhaltsangabe, die ich finden konnte, ist sehr kurz, klingt aber nach der typischen Keystone-Comedy-Storyline. Chaplin spielt einen Banditen, der Graf De Beans (Charles Murray) gefangen nimmt und ihn auf einer schicken High-Class-Party im Haus von Miss De Rock (Mabel Normand) verkörpert. Die üblichen groben sozialen Fehler und Katastrophen ergeben sich aus den Eskapaden des Banditen (Charlie Chaplin), bevor die Polizei eintrifft.
Dies ist der einzige fertiggestellte und veröffentlichte Charlie-Chaplin-Film, von dem man nicht glaubt, dass er in irgendeiner Form existiert. Darüber hinaus gibt es ein Element des Zweifels an diesem Film, ob Her Friend the Bandit wirklich als Charlie-Chaplin-Film angesehen werden kann. Es hätte auch ein Vehikel von Mabel Normand sein können, an dem er beteiligt war. Die Abwesenheit des Films in verschiedenen älteren Filmografien, darunter eine von Chaplin selbst, und die Tatsache, dass Chaplins Name in vielen zeitgenössischen Rezensionen nicht erwähnt zu werden scheint, hat die Verwirrung über die Herkunft dieses Kurzfilms noch verstärkt. Hoffentlich taucht eines Tages eine Kopie wieder auf, um Chaplins Filmografie zu vervollständigen.
Einige der Filme, die Mabel Normand und Charles Chaplin zusammen gedreht haben, sind Vehikel für die anfangs wesentlich bekanntere Normand gewesen, was man sofort daran erkennen kann, dass ihr Name im Titel auftaucht. Selbstverständlich gehören auch diese Filme zu Chaplins Filmografie, also gilt dies auch für „Her Friend, the Bandit“. Wenn man es ganz genau nimmt, wird Chaplins Figur hier immerhin schon miterwähnt, auch wenn der Titel die Perspektive der Frau einnimmt. Auch der spätere Verleihtitel „Mabel’s Flirtation“ weist auf ihre zu der Zeit noch dominierende Stellung hin. Regie führt Mack Sennett, Normands damaliger Lebenspartner, Chef der Keystone-Studios, den wir im gerade rezensierten Vorgänger von „Her Friend, the Bandit“ namens „The Fatal Mallet“ auch als Akteur gesehen haben.
Finale
„Schade, dass es ihn nicht mehr gibt“ würde natürlich für alle anderen Chaplin-Filme auch gelten, wenn es der Fall wäre. Irgendetwas Interessantes findet sich immer. Die etwas längere der beiden obigen Kritiken weist aber auf eine Entwicklung hin, die mir schon bei „The Fatal Mallet“ aufgefallen war: Die Rezensionen sind immer noch positiv, aber nicht mehr so euphorisch wie bei Chaplins allerersten Auftritten. Dies wiederum führt mich zu der Frage zurück, die ich schon bei „The Fatal Mallet“ gestellt habe: Rumorte es zu der Zeit schon in Chaplin, weil ihm das alles zu einfach, zu schlicht, zu wenig ausgefeilt war? Weil er die Grenzen bei Keystone schon erkannte? Wir werden noch einige Filme sehen, die besser bewertet sind (von der IMDb-Community) als alle, über die wir bisher schreiben konnten. Es sollte also, wenn wir ähnlich tendieren werden, noch einen Sprung oder doch einen Schritt nach vorne geben. So, wie er unserer Ansicht nach zuletzt in „Mabel at the Wheel“ stattgefunden hat, der auch für spätere Chaplin-Verhältnisse aufwendig, innovativ und vielgestaltig wirkt. Gleichwohl anders als die zunehmend konzentrierteren Arbeiten des Genies bei Essanay und Mutual, seinen beiden nächsten Studios.
Sicher hätten wir, würde der Banditen-Film noch existieren, schreiben können: Erstmals spielt Chaplin einen ebensolchen. Zwielichtige Figuren und rüde Charaktere haben wir von ihm schon gesehen, der gesamte frühe Tramp ist eher von einer robusten als von einer feinfühligen Natur geprägt, aber eine dezidiert kriminelle Figur ist bisher nicht darunter gewesen. Mir fällt spontan auch Film ein, in dem Chaplin einen Einbrecher, Entführer oder sonstigen relativ schweren Jungen gespielt hat. Ganz sicher hat er nie einen Menschen dargestellt, der ein Tötungsdelikt begangen hat. So etwas kommt ja auch in Komödien in der Regel nicht vor.
Auch wenn es außergewöhnlich wirken mag: Bei einer Größe wie Charles Chaplin muss man auch die Filme erwähnen, die niemand mehr bewerten kann und Mut zur Lücke zeigen. Wir haben oben bereits angedeutet, dass dies nicht der einzige Fall dieser Art sein wird: Auch bei Alfred Hitchcock werden wir bezüglich seiner in Deutschland gedrehten Filme oder einem davon so verfahren. Gleichwohl ist dies der bisher kürzeste Text zu einem Chaplin-bei-Keystone-Film.
Kurioserweise gibt es zu diesem Film aber einen deutschen Wikipedia-Eintrag, den wir oben auch verwendet haben – während das auf einige der erhaltenen Filme nicht zutrifft, wenngleich sie in mindestens 20 anderen Sprachen außer Englisch abgehandelt werden. Dies beweist einmal mehr, dass wir uns hierzulande gerne mit verlorenen Sachen beschäftigen. Da dies so typisch ist, wollte ich mich auch persönlich nicht ausschließen oder abseitsstehen.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Mai 2025: Nicht nur diesen deutschen Wikipedia-Eintrag gibt es, sondern auch eine ganze Reihe von Videos auf Youtube, die den Film zwar in der Regel als verloren bezeichnen, aber trotzdem etwa 18 Minuten Spielzeit mit Chaplin haben, in sehr schlechter Qualität und erkennbar aus einem anderen Film, in dem Chaplin überwiegend als Friseur zu sehen ist. Darüber werden wir schreiben, wenn der dazu passende Titel an der Reihe ist. Das Titelbild, das wir verwendet haben, ist ein Platzhalter, es stammt aus „Mabel’s Married Life“. Das ergibt insofern Sinn, als Chaplin und Mabel Normand darin tatsächlich im Jahr 1914 zusammen auftreten.
„Her Friend, the Bandit“ ist nach „A Country Hero“ (1917), einer Arbuckle-Keaton-Komödie aus dem Jahr 1917, der zweite verlorene Film, über den wir schreiben. „A Country Hero“ ist seinerseits der einzige Film von Buster Keaton, der als verloren gilt.
Keine Bewertung
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024)
| Regie | Charlie Chaplin |
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| Drehbuch | Charlie Chaplin |
| Produktion | Mack Sennett |
| Kamera | Frank D. Williams |
| Besetzung | |
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