Filmfest 1356 – Werkschau Charles Chaplin (23) – Die große Rezension
The Face on the Bar Room Floor ist ein Kurzfilm, der 1914 von Charlie Chaplin geschrieben und inszeniert wurde. [1] Chaplin spielt die Hauptrolle in diesem Film, der lose auf dem gleichnamigen Gedicht von Hugh Antoine d’Arcy basiert.
Der nach aktueller Zählung (wenn nicht weitere Kunde von weiteren Werken auftaucht, wird es so bleiben) 23. Film von Charles Chaplin ist wieder ein One-Reeler, und man kann fast sagen, nachdem Chaplin zuvor seinen ersten 28-Minuten-Film selbst inszenieren durfte, war er schon ein geübter Regisseur. „The Face on the Bar Room Floor“ ist geradezu epochal, auch wenn er in der IMDb nur eine Wertung von 5,2/10 bekommt und damit eine niedrige, im Umfeld der anderen Filme, die im Sommer 1914 mit und von Charles Chaplin auf die Leinwand gebracht wurden. Dieser verhaltene Zuspruch dürfte am Tenor des Films liegen, den ich aber gerade interessant finde.
Handlung (1)
Ein am Boden zerstörter Landstreicher (Charlie Chaplin) besucht eine überfüllte Bar und erzählt die Geschichte, wie er sich in eine Frau verliebte und sie dann von einem Freund mitnehmen ließ. Betrunken versucht er immer wieder, das Bild der Frau mit einem Stück Kreide auf den Boden zu malen und gerät dabei in Streit mit anderen Männern. Am Ende des Films wird er schließlich „todbetrunken“ ohnmächtig (und weicht damit vom Gedicht ab, in dem der Protagonist tatsächlich „tot“ umfällt).
Der Chaplin-Experte Gerald D. McDonald sagt: „Die Untertitel des Films waren Zeilen aus dem Gedicht, aber die Originalverse wurden geändert, um dem Keystone-Credo zu entsprechen, dass das Leben bestenfalls ein lustiges Spiel ist.“
Rezension
Wir fangen dieses Mal so an. Was gibt es Neues, wo ist das „First“?
- „The Face on the Barroom Floor” ist der erste Chaplin-Film, der nach einer literarischen Vorlage gestaltet wurde, das sollte auch später nicht allzu häufig vorkommen.
- Er hat eine Rahmenhandlung in der Bar oder im Pub und eine Binnenhandlung im Maler-Atelier. Auch diese für Chaplins Verhältnisse schon anspruchsvolle Durchbrechung der chronologischen Darstellung sollte sich später selten wiederholen. Die Handlung lässt sich aber kaum sinnvoll anders darstellen, denn die Vorlage ist ebenso aufgebaut. In jener Zeit waren außerdem Zeitsprünge im Film eine Ausnahme und wurden in den USA erst mit dem Film noir wirklich populär und dann auch viel weiter ausgefeilt.
- 22 Filme lang waren wir auf der Suche nach dem romantischen Chaplin und hatten ihn noch nicht gefunden. „The Face on the Barroom“ Floor hat etwas geradezu Tragisches und Trauriges und zeugt von einer verlorenen Liebe und am Ende ist Chaplins Figur nicht nur der einsame Tramp, sondern bewusstlos betrunken – oder tot. Man weiß es nicht genau. Romantisch ist diese Darstellung nicht, wir warten also weiter auf den sentimentalen Tramp.
- Es gibt außerdem mittendrin einen Zeitsprung von zwei Jahren. Das kam in dieser nicht durch einen Gefängnisaufenthalt oder dergleichen begründeten Form später ebenfalls sehr selten zum Einsatz. Am deutlichsten in „The Kid“, wo mehrere Jahre vergangen sein müssen, zwischen dem Auflesen des Kindes durch den Tramp und dessen Einsatz als Partner in Crime.
Die Neuigkeiten überwiegen beinahe die Kontinuitäten, wie das Tramp-Kostüm, in dem Chaplin in der Kneipe als „Vagabund“ auftritt, nicht jedoch sinnvollerweise im Maler-Atelier. Dort finden sich nur hier und da Farbflecke auf seiner Kleidung, die den ernsten Ton des Films etwas auflösen und mit einem Lacher-Klecks versehen sollen, wenn man so will. Ich hätte zu gerne mitbekommen, wie das Publikum auf diesen für das, was es bisher von Chaplin gewöhnt war, befremdlichen Film reagiert hat. Vielleicht nahm man das Leiden des Malers aber auch nicht so ernst und erfreute sich mehr an den üblichen Momemten, in denen jemand aus der Bar geschubst wird oder Chaplins Figur so betrunken ist, dass sie das Gesicht der Frau nicht mehr richtig auf den Boden zeichnen kann.
Den Film habe ich mir zwei Mal angeschaut. Einmal gemäß der Lobster-Restaurierung von 2010, mit einer Länge von 12 Minuten. Dann mit einer Version, die ein ganz schlechtes Bild hatte, älteren Ursprungs ist, aber auch schon eine Retrospektive darstellt. Gar nicht so einfach, nun zu beschreiben, was sich daraus ergeben hat.
Die Lobster-Version enthält die Zwischentitel, die dem Gedicht nachempfunden sind, zu dem wir noch kommen werden. Die andere Version verzichtet darauf und überfällt uns geradezu mit der Rückblende, trotzdem ist sie länger. Außerdem ist sie anders geschnitten und es fehlt sogar mindestens eine Szene, die in der Lobster-Variante enthalten ist. Charlie wird dabei aus der Bar geschmissen und trifft auf einen Polizisten, der aber mit dem Betrunken nicht viel anfangen kann. Diese Szene ist, vorsichtig ausgedrückt, falsch eingefügt, denn es gibt zuvor kein Anzeichen dafür, dass Charlie von anderen Gästen aus der Bar expediert wurde, wohingegen das bei den übrigen Figuren durch dessen Einwirken sehr wohl der Fall ist. In der älteren Variante ist diese Szene gar nicht enthalten, aber trotzdem ist diese Version länger. Woher kommt das?
Der Film ist in beiden Versionen ganz verschieden geschnitten, nicht nur in der oben erwähnten Szene. In der Lobster-Version geht es in der Rückblende los mit der Arbeit an einem Modell, dann erst geht der Maler über zum Porträt des Freundes, mit der großen Liebe, die auftritt und dem Freund spontan zu verfallen scheint. In der älteren Variante beginnt die Rückblende mit dem Porträt des Freundes und die übrige Arbeit sieht man später, als habe der Maler noch versucht, seine Werkstatt doch aufrechtzuerhalten. Allerdings hat der gesamte Film in dieser Version einen engeren Bildausschnitt, was zu der Kuriosität führt, dass man zwar eine rauchende Frau hinter einem Bärenfell liegen sieht, aber das links danebenstehende Modell, das der Maler auf die Leinwand bringen will, gar nicht im Bild ist. Er malt also eine Person, die man im Bild nicht sieht. Dass das zensorische Gründe hatte, möchte ich ausschließen, aber die Szene wird länger ausgeführt, und dies unter anderem führt zur längeren Spielzeit trotz nicht vorhandener Zwischentitel. Auch komische Szenen wie das Stolpern über das Bärenfell, das wir schon einmal kürzlich in einem anderen der Keystone-Chaplin-Filme gesehen haben, bleiben dieser älteren Version vorbehalten. Nicht nur durch die schlechte Bildqualität, die sich unter anderem in einer schwachen Belichtung des Materials niederschlägt, auch durch die fehlenden Zwischentitel, den Schnitt, die gezeigten Momente, die sich von der Lobster-Version unterscheiden, wirkt der Film geradezu düster. In der restaurierten Fassung aus dem Jahr 2010 ist dieser Eindruck etwas gemildert.
Man sieht also bei Chaplin bis dahin ganz ungewohnte Momente der Threatralik und des dargestellten Herzeleids, die sich aber doch von seinen späteren Darstellungen unterscheiden: Hier ist auch Satire am Werk, ein Komödiant spielt den Tragöden. Man sieht also nicht die lakonische Melancholie, die Chaplin später zu gestalten wusste. Falls der Film gut ankam, oder nicht einmal dies als Voraussetzung, hat es vielleicht trotzdem eine Art Erleuchtungsmoment gegeben: Wie wäre es, wenn wir den Tramp mit mehr Gefühl ausstatten würden, und zwar als Tramp, nicht in der Form, dass ein zuvor angesehener Künstler zum Tramp wird, weil sein Leben nach dem Verlust der geliebten Frau aus den Fugen gerät. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Film schon als die Initialzündung des „romantischen Tramps“ anzusehen ist.
A reviewer for The Moving Picture World gave the film a favorable review, writing „Chas. Chaplain [sic] wins new laurels in the leading part. This is bound to please.“[2]
Die falsche Schreibweise hat die Wikipedia aus der Rezension übernommen, aber eine Einklammerung beigefügt. Wir erlauben uns, nun das Poem einzufügen, das zu dem Film geführt hat und darin wohl satirisch behandelt werden soll, weil es so schrecklich tragisch ist.
Written in ballad form, the poem tells of an artist ruined by love; having lost his beloved Madeline to another man, he has turned to drink. Entering a bar, the artist tells his story to the bartender and to the assembled crowd. He then offers to sketch Madeline’s face on the floor of the bar but falls dead in the middle of his work. Here is the full text:
‚Twas a balmy summer’s evening and a goodly crowd was there,
Which well-nigh filled Joe’s barroom on the corner of the square,
And as songs and witty stories came through the open door
A vagabond crept slowly in and posed upon the floor.
“Where did it come from?” someone said, “The wind has blown it in.”
“What does it want?” another cried, “Some whiskey, rum or gin?”
“Here Toby, sic him, if your stomach is equal to the work —
I wouldn’t touch him with a fork, he’s as filthy as a Turk.”
This badinage the poor wretch took with stoical good grace;
In fact, he smiled as though he thought he’d struck the proper place.
“Come boys, I know there’s kindly heart among so good a crowd —
To be in such good company would make a deacon proud.”
“Give me a drink — that’s what I want — I’m out of funds you know;
When I had cash to treat the gang, this hand was never slow.
What? You laugh as though you thought this pocket never held a sou:
I once was fixed as well my boys, as anyone of you.”
“There thanks, that’s braced me nicely; God Bless you one and all;
Next time I pass this good saloon, I’ll make another call.
Give you a song? No, I can’t do that, my singing days are past;
My voice is cracked, my throat’s worn out, and my lungs are going fast.
“Say, give me another whiskey, and I’ll tell you what I’ll do —
I’ll tell you a funny story and a fact I promise too.
That I was ever a decent man, not one of you would think;
But I was, some four or five years back. Say, give me another drink.
“Fill ‚er up, Joe, I want to put some life into my frame —
Such little drinks, to a bum like me are miserably tame;
Five fingers! — there, that’s the scheme — and corking whiskey too.
Well, here’s luck, boys; and landlord, my best regards to you.
“You’ve treated me pretty kindly, and I’d like to tell you how
I came to be the dirty sot, you see before you now.
As I told you once, was a man with muscle, frame and health,
And, but for a blunder, ought to have made considerable wealth.
“I was a painter — not one that daubed on bricks or wood,
But an artist, and for my age I was rated pretty good,
I worked hard at my canvas and was bidding fair to rise,
For gradually I saw the star of fame before my eyes.
“I made a picture, perhaps you’ve seen, ‚tis called the ‚Chase of Fame.‘
It brought me fifteen hundred pounds and added to my name.
And then I met a woman — now comes the funny part —
With eyes that petrified my brain, and sunk into my heart.
“Why don’t you laugh? ‚Tis funny, that the vagabond you see
Could ever love a woman and expect her love for me;
But ‚twas so, and for a month or two, her smiles were freely given,
And when her loving lips touched mine it carried me to heaven.
“Did you ever see a woman for whom your soul you’d give,
With a form like the Milo Venus, too beautiful to live;
With eyes that would beat the Koh-i-noor, and a wealth of chestnut hair?
If so, ‚twas she, for there never was another half so fair.
“I was working on a portrait, one afternoon in May,
Of a fair haired boy, a friend of mine, who lived across the way.
And Madeline admired it, and much to my surprise,
Said she’d like to know the man that had such dreamy eyes.
“It didn’t take long to know him, and before the month had flown
My friend had stolen my darling, and I was left alone.
And, ere a year of misery had passed above my head.
The jewel I had treasured so had tarnished, and was dead.
“That’s why I took to drink, boys. Why, I never saw you smile,
I thought you’d be amused, and laughing all the while.
Why, what’s the matter friend? There’s a teardrop in your eye.
Come, laugh like me; ‚tis only babes and women that should cry.
“Say boys, if you give me just another whiskey, I’ll be glad,
And I’ll draw right here a picture, of the face that drove me mad.
Give me that piece of chalk with which you mark the baseball score —
And you shall see the lovely Madeline upon the barroom floor.
Another drink, and with chalk in hand, the vagabond began,
To sketch a face that well might buy the soul of any man.
Then, as he placed another lock upon that shapely head,
With a fearful shriek, he leaped and fell across the picture — dead![3]
Ich weiß natürlich nicht, wie es dazu kam, dass die turbulente Keystone-Company eine solche Ballade adaptierte, vermutlich war es die Idee von Chaplin selbst, den es zu Höherem drängte als plattem Slapstick ohne Substanz. Manche seiner frühen Filme , die zu dem Zeitpunkt veröffentlicht waren, zeigten bereits Ansätze von Hintergründigkeit. Gewollt oder auch nicht, man kann in Darstellungen wie „Caught in a Cabaret“ sehr wohl Sozialkritik hineinlesen, aber eine Satire oder eher eine Parodie auf ein ernstes Werk – war das dem Publikum angemessen, das sich Chaplin-Filme anschaute? Der einzige zeitgenössische Rezensent, den die Wikipedia zitiert, scheint nichts gefunden zu haben, was nicht zumindest ins komische Schema passte. Ich glaube, zumindest die Profis hatten gemerkt, dass man das Ernste hier nicht zu ernst nehmen darf. Es ist bloß ein kleiner Film von 14 Minuten, oder? Ja, das stimmt, aber nach meiner Ansicht ein ungewöhnlicher, der über sich selbst hinausweist, Chaplins späteres Werk betreffend.
Es gibt in der IMDb immerhin 15 Benutzerrezensionen, das ist überdurchschnittlich im Kontext der bisher gesichteten Chaplin-at-Keystone-Filme, aber nur drei professionelle. Nur diejenigen, die wir hier schon mehrfach zitiert haben und die sich jeden Film von Chaplin bei seinem ersten Studio vorgenommen haben, haben sich dazu geäußert.
Barroom Floor ist weniger eine Komödie als vielmehr ein kurzer, dramatischer Sketch, in dem Chaplins Leinwandfigur anerkennt und feiert, ein Ärgernis zu sein. Obwohl Chaplins Schauspiel hier fortschrittlicher ist als in den früheren Versuchen, ist dies ein Film, der vom nuancierten Pathos des späteren Chaplin profitiert hätte. Dennoch ist es ein interessanter, ambitionierter Versuch, sich von der Formel zu befreien.[1]
Beide Versionen, die ich gesehen habe, zeigen danach noch die Szene, in der Chaplin wirklich nach hinten fällt und wie tot wirkt, die Handlungsbeschreibung, die vor dem zitierten Teil in der Rezension enthalten ist, lässt den Film damit enden, dass er in das „Smiley-Gesicht“ fällt, wie der Kritiker es nennt. Damit hat Chaplin auch noch lange vor dem Internet den Smiley erfunden, wieder ein „First“. Der Eindruck hat sich mit auch aufgedrängt. Auch diese Rezension spiegelt, dass Chaplin versucht hat, etwas Neues zu machen und sich von dem puren Klamauk zu lösen, den er zuvor als Tramp oder Nicht-Tramp ausgelöst hat oder in den er eingebunden war. Hervorgehoben wird die Fallhöhe zwischen dem arrivierten Maler und dem späteren Vagabund, die es bei Chaplin so nie wieder geben sollte. Vielleicht deshalb nicht, weil es damit wirklich in eine Spielart des Dramas hineingeht, die Hollywood zwar gerne ausgekostet hat, nämlich in beide Richtungen, nämlich Aufstieg und Abstieg, die Chaplin so nicht zeigen wollte, weil er wusste, dass er dafür nicht maximal geeignet ist. Er hatte später, wie in „Der Goldrausch“ oder, im sehr Kleinen, durch das Finden einer Partnerin, in „Moderne Zeiten“, eher die Möglichkeit eines Aufstiegs inszeniert – und in „Limelight“ trotz der möglichen Erlösung durch eine Junge Frau den Abstieg.
Ein Blick auf Charlie – Das Jahr bei Keystone, Teil 2: Eine gelegentliche Serie über das Leben und Werk von Charlie Chaplin – Bright Lights Film Journal sieht den Film ebenfalls als Kuriosität, findet die letzten fünf Minuten, als Charlie versucht, das Gesicht zu zeichnen, witzig, während ich jemanden, der so betrunken ist, dass er nicht einmal mehr ein Zehntel dessen hinkriegt, was ihm früher als Künstler leicht gefallen ist, und dafür noch von den anwesenden Gästen misshandelt wird, nur bedingt komisch finde. Für mich rundet das eher das Bild von Tragik ab, die dieser Film, wenn es hochkommt und ich nicht weitere Werke finde, in denen das noch ausgeprägter ist (Essanay-Chaplin und Mutual-Chaplin und fast alle Filme danach kenne ich im Wesentlichen), auf eine ungewöhnliche und vielleicht einmalige Weise zeigt. Auch diese Kritik geht nicht auf das Ende ein, das exakt dem des Gedichts entspricht.
Finale
Beide anzitierten beziehungsweise angesprochenen Rezensionen weisen darauf hin, dass Chaplin einen starken Bezug zu Malern als mit dem Schicksal verbundenen Menschen hatte, und den Akt darf ja im Film nur der Maler sehen, heißt es an einer Stelle auch. Man sieht in „The Face on the Barroom Floor” keinen Akt, aber die Frauen sind sehr wohl statuarisch schön für ihre Zeit, leicht bekleidet und etwas frivol, zwei von ihnen rauchen, was damals im Film noch sehr ungewöhnlich war, das tut auch Madeline, die verlorene Liebe.
Den Vorgängerfilm, ebenfalls von Chaplin selbst inszeniert, namens „The Property Man“ haben wir für seine Brutalität speziell bezüglich der von Chaplin gespielten Figur gerügt, seine Vulgarität oder Offenherzigkeit bestaunt. In „Bar Room Floor“ sehen wir, abgesehen von der ganz anders aufgestellten Tramp-Figur, die mehr pflichtschuldig als voller Begeisterung auch mal körperlich wird und eins abkriegt, sonst wäre in dem Film ja gar kein Slapstick enthalten, etwas anderes, nämlich eine vergleichsweise für die Filmverhältnisse der Zeit subtile Erotik, die sich in den Vamps der kommenden Kinojahre manifestieren und mehr sophisticated wirken sollte. Chaplin lässt in zwei Filmen hintereinander Obsessionen auf die Leinwand, von denen er wohl glaubt, das Publikum bemerkt eh nicht, wie er sich dabei zeigt. Heute ist es leicht, auch anhand seines späteren Liebeslebens, seines Hangs zu sehr jungen Frauen usw. in diesen frühen Filmen schon etwas zu erkennen, was neben der Romantik, der Brutalität des in Formung begriffenen Tramps und dem Genie der pantomimischen Darstellung ebenfalls zu Chaplin gehört: Sein diskutables Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Es kam erst mit der letzten und dauerhaften Ehefrau Oona O’Neill, die natürlich viel jünger war als er und mit der er viele Kinder hatte, von denen einige ebenfalls bekannt wurden (am meisten Geraldine Chaplin als Schauspielerin), zur Ruhe.
Dieser Film ist gerade deshalb ein Muss, weil er in der Tat von den zuvor gedrehten Filmen des Genies abweicht. Ist er deshalb auch gut? Ist die Satire gelungen? Ich finde, das Traurige überwiegt den Spaß und die Satire recht deutlich und, wie oben einer der beiden zitierten Kritiker schreibt. Chaplins späteres Pathos hätte sicher dafür gesorgt, dass er nicht in die Falle getappt wäre, keinen richtigen Ausgleich hin zur Tragikomödie zu finden. Auch in „Limelight“ stirbt seine Figur am Ende, aber nach welch einem großen Tearjerker von einem Tramp-Abschiedsfilm.
60/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024)
| Regie | Charlie Chaplin |
|---|---|
| Vorlage | Das Gesicht auf dem Boden der Bar von Hugh Antoine D’Arcy |
| Produzent | Mack Sennett |
| Rollen | siehe folgende Auflistung |
- Charlie Chaplin – Künstler/Tramp
- Cecile Arnold – Madeline
- Fritz Schade – Trinker
- Vivian Edwards – Model
- Chester Conklin – Trinker
- Harry McCoy – Trinker
- Hank Mann – Trinker
- Wallace MacDonald – Trinker
- Edward Nolan – Barkeeper
Rezeption[Bearbeiten]
Ein Rezensent von The Moving Picture World gab dem Film eine positive Kritik und schrieb: „Chas. Kaplan [sic] gewinnt neue Lorbeeren in der Hauptrolle. Das wird Ihnen gefallen.“ [2]
[1] CHAPLIN IN KEYSTONE, TEIL ZWEI | 366 seltsame Filme (366weirdmovies.com)
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