Eine auswärtige Affäre (A Foreign Affair, USA 1948) #Filmfest 1366 #DGR

Filmfest 1366 Cinema – Die große Rezension

Eine auswärtige Affäre ist eine US-amerikanische Liebeskomödie von Billy Wilder aus dem Jahr 1948.

Ist dies „der etwas andere Wilder“ oder reiht sich „A Foreign Affair“ nahtlos ins Schaffen des Regisseurs ein? 

Wenn man in Berlin lebt, wird man sagen, es ist ein Berlin-Film und sicher ein sehr interessanter aus dieser Zeit direkt nach dem Krieg. Vermutlich auch die einzige Komödie, gleich, ob man ihn zu den Trümmerfilmen rechnet oder nicht. Während die Deutschen damit befasst waren, die Mörder  unter sich zu suchen („Die Mörder sind unter uns“, 1946) oder Berliner Balladen auf Zelluloid zu bannen (1947), die Italiener sich ebenfalls auf ungewöhnlich ernste Weise mit der Stunde Null auseinandersetzten („Germania, Anno Zero“, 1946), wagte Billy Wilder eine Komödie – und zwar eine ziemlich frivole Komödie. Nur, woher, wenn nicht aus den USA, sollte in der Zeit eine Komödie über Deutschland kommen, und von wem, wenn nicht von einem Regisseur, der Berlin kannte und sein filmisches Handwerk hier gelernt hatte?

Handlung (1)

Die republikanische Kongressabgeordnete Phoebe Frost landet mit einer Delegation im kriegszerstörten Berlin, um die Moral der dort stationierten amerikanischen Truppen zu überprüfen. Bei ihrer Ankunft am Flughafen Tempelhof lernt sie Captain John Pringle kennen, der wie sie aus dem verschlafenen Iowa kommt und dem sie von einer Verehrerin aus ihrer gemeinsamen Heimat eine Schokoladentorte überreicht.

Die sittenstrenge Abgeordnete ist entsetzt über die moralischen Entgleisungen, die sie an allen Ecken Berlins beobachten kann. Um die genaueren Umstände zu erfahren, trennt sie sich von ihrer Gruppe und gibt sich bei zwei GIs als deutsche Frau aus. Die führen sie prompt in den Nachtklub „Lorelei“, in dem die Sängerin Erika von Schlütow auftritt. Sie soll einen heimlichen amerikanischen Verehrer haben, der seine schützende Hand über sie hält, obwohl sie während des Dritten Reichs eine enge Beziehung zur Naziführung unterhalten hat.

Phoebe Frost wendet sich an Captain Pringle, der ihr bei der Identifizierung dieses pflichtvergessenen Offiziers behilflich sein soll. Sie ahnt nicht, dass ausgerechnet Pringle selbst jener heimliche Verehrer ist. Er hat sogar die Schokoladentorte, die Phoebe mitgebracht hat, auf dem Schwarzmarkt gegen eine bequeme Matratze für Erika eingetauscht. Um nicht aufzufliegen, beginnt Pringle damit, Phoebe den Hof zu machen, um sie von ihren Nachforschungen abzulenken. Prompt verliebt sich die unerfahrene Abgeordnete in den schneidigen Captain. Sein Vorgesetzter, Colonel Rufus J. Plummer, weiß jedoch von der Affäre mit der Nazi-Künstlerin. Er will, dass sie fortgeführt wird, weil er hofft, über Erika an den untergetauchten Nazi Hanns Otto Birgel heranzukommen, dessen Geliebte Erika von Schlütow einst war.

Phoebes strenge Moralvorstellungen kommen derweil ins Wanken, was schließlich sogar dazu führt, dass sie in dem Nachtlokal bei einer Razzia verhaftet wird, betrunken und noch dazu in einem aufreizenden Kleid vom Schwarzmarkt. Doch mit Hilfe der Nachtklubsängerin Erika kann sie sich aus dieser peinlichen Situation retten. Als Phoebe von ihr erfährt, dass Pringle sie nur benutzt hat, will sie tief enttäuscht abreisen. Als aber der eifersüchtige Hanns Otto Birgel seinen Liebesrivalen Captain Pringle töten will und dabei selbst von amerikanischen Soldaten getötet wird, erfährt Phoebe die ganze Wahrheit und eilt zu ihrem Captain zurück. Sie fallen sich in die Arme, aus einem Spiel ist echte Liebe geworden.

Erika von Schlütow wird von zwei amerikanischen Soldaten abgeführt. Der Offizier schickt noch zwei Männer hinterher, um auf die anderen aufzupassen, und dann noch einen, um die Aufpasser zu überwachen.

Rezension

1961 kehrte Wilder dann für „Eins, zwei, drei“ nach Berlin zurück und aus heutiger Sicht, wo wir immer denken, wie doch die Zeit rast und Dinge sich verändern, ist der Unterschied von nur dreizehn Jahren zwischen der Trümmerlandschaft und der Stadt der Wirtschaftswunder-Zeit riesig. Allerdings wurde das gesamte Nazireich in zwölf Jahren durch die Geschichte gereicht, insofern handelt es sich hier schon um eine Verlangsamung der Geschichte.

Was die Stellung des Films in Wilders Werk angeht, ist „A Forein Affair“ sicher eine der gewagtesten Produktionen und die amerikanische Kritik äußerte nach Erscheinen des Films teilweise Unverständnis darüber, wie eben genau das tun konnte, eine Komödie in dieser Stadt inszenieren, vor allem, wenn man eingangs zeigt, wie die einfliegenden US-Abgeordneten nichts als Ruinen sehen, Häuser ohne Dächer, von denen noch die Fassaden stehen oder eben gar nichts mehr übrig ist. Das Material stammt ebenfalls von Wilder selbst, der es 1945 im Rahmen seiner Filmpropaganda-Tätigkeit für die US-Streitkräfte vor Ort gedreht hat. 1948 wird es aber noch nicht wesentlich anders ausgesehen haben.

Der Film ist noch vor der Berlin-Blockade entstanden. Sie spielt hier noch keine Rolle, könnte aber durchaus seine Rezeption in den USA beeinflusst haben. Aber es soll auch Protest von offizieller Seite über die Darstellung der US-Soldaten in der Stadt gegeben haben, welche das produzierende Studio Paramount veranlassten, den Film recht bald zurückzuziehen – was bedeuten würde, dass werthaltige Aussagen über seinen Erfolg nicht möglich sind. In einigen Kinos soll er aber bis 1951 gelaufen sein, was wohl mehr über seine historische Stellung aussagt.

Aus heutiger Sicht kann man noch gut nachvollziehen, wie ungewöhnlich das Werk war, wie außerwgewöhnlich seine Besetzung mit Marlene Dietrich als Nachtclubsängerin mit Nazi-Vergangenheit, wo doch jeder wusste, dass sie sich aktiv gegen die Nazis eingesetzt hatte und unermüdlich für die Betreuung der US-Truppen im Zweiten Weltkrieg unterwegs war.

Aber wirkt Humor denn, in einem solchen Umfeld?

Ich verehre Billy Wilder, der wie kein zweiter Regisseur Dramen und Komödien auf höchstem Niveau inszenieren konnte, mühelos, mit allen Zwischenstufen, vom Film noir über düstere, geradezu gothic wirkende Dramen über leicht anzügliche, aber freundliche Komödien bis hin zu famosen Satiren. Diese Vielseitigkeit auf allerhöchstem Niveau hat ihm bis heute niemand nachmachen können. In seinem grandiosen Werk steht „A Foreign Affair“ nicht ganz vorne, das würde ich nicht unterschreiben wollen, was aber an der Qualität seiner übrigen Filme liegt. Die Dietrich ist keine Komödiantin gewesen und Jean Arthurs Rolle als Phoebe Frost (Nachname = Programm, besonders anfangs) ist ein wenig überzeichnet. Damit weist der Film zwar auf Wilders Werk in den späten 1950ern hin, aber der wie immer in seinen Filmen sehr guten Dialoge gibt es auch Momente, in denen man durchaus spürt, dass die Situation in Berlin eben nicht unverkrampft war und manchmal wirkt der Stil des Films kantiger als in anderen Wilder-Komödien. Natürlich liegt das am Sujet und im Grunde hat er es großartig gemeistert, so gut, wie man es nur konnte, aber es ist eben auch eine knifflige Angelegenheit gewesen. Vielleicht Wilders mutigster Film, denn er stand ja als Regisseur noch am Anfang seiner Karriere, nachdem er sich mit vielen großartigen Drehbüchern bewiesen hatte.

Kurz zuvor hatte er Ruhm für „The Lost Weekend“ geerntet (1945). Dieses großartige Suchtdrama ist bis heute einer der besten Filme seiner Art und gewann „Best Picture“, den wichtigsten Oscar. Zwischen ihm und „A Foreign Affair“ lag noch die Umsetzung zweier leichterer Stoffe, ganz übergangslos hat Wilder denn doch nicht zwei so unterschiedliche Filme wie das Trinker-Melodram und die Ruinen-Komödie erschaffen. Vielleicht war der Kritiker-Erfolg von „Lost Weekend“ auch notwendig, damit Wilder sich an die Umsetzung der Idee traute, die er bereits 1945 als eine Art schwarzhumorigen Lehrfilm entworfen hatte und dabei sein Credo einhalten wollte, dass Lehren und Belehren nicht das Gleiche sind und man vor allem nicht langweilig sein darf.

Langweilig ist „A Foreign Affair“ denn auch sicher nicht. Ganz sicher nicht für einen Berliner, es sei denn, man hat überhaupt keinen Bezug zur Geschichte der Stadt, und zu dieser Gruppe von Menschen würde ich nicht einmal alle rechnen, die heute hier leben, aber nicht in Berlin geboren sind, zwei Drittel der gegenwärtigen Bevölkerung.

Über die Deutschen und Berliner direkt nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man aber im Grunde keinen witzigen Film machen, und Wilder hat die Gelegenheit genutzt, mehr die Amerikaner als die Deutschen durch den Kakao zu ziehen, als unverwüstliche, robuste oder prüde Provinzler, und ihre Truppen als ganz normale Alltagsmenschen, die keineswegs vor dem Charme der deutschen „Frolleins“ gefeit waren. 1948 war die sogenannte Fraternisierung schon erlaubt, in dieser anzüglichen Morallosigkeit, die wir hinter mit US-Fahnen geschmückten Kinderwagen und anderen netten Details vermuten dürfen, steckte 1948 kein polistischer Sprengstoff mehr, es war allenfalls ein wenig beschämend, wie in den Zeiten des Schwarzmarktes die GIs ihre materiell überlegene Stellung ausnutzten, um einheimische Frauen mit einfachen Gaben ins Bett zu bekommen. So auch Captain Pringle mit Erika von Schlütow. Ihr eine Matratze zu schenken, ist schon ein toller Gag, aber sie gibt es ja zurück, indem sie, während sie „Black Market“ singt, eine Kamera verhökert, deren Negative das Format 6 x 9 cm haben, also etwa die Größe einer gewissen anderen Sache (bei den US-Boys), wie sie süffisant anmerkt, außerdem ist es eine Chiffre für eine Sex-Stellung. Ich habe das Gefühl, die Zensur in den USA hat diese sehr eindeutige Anspielung nicht für das genommen, was sie ist, sonst wäre sie in den Zeiten des noch vollständig intakten Hays Code und der einsetzenden restaurativen Stimmung im Land nicht durchgegangen.

 Ich habe den Film als OmU gesehen und da kann man natürlich genau hinhören, er ist ganz gekonnt auf der Kante genäht, zwischen schlüpfrig und nur freizügig humorvoll. Nicht so eindeutig wie in der obigen Szene, in der jemand sich quasi symbolisch unter Zuhilfenahme eines typisch deutsches Qualitätsproduktes selbst verkauft, aber es wäre kein Wilder, wenn er frei von sexuellen Anspielungen wäre. „Lost Weekend“ ist der einzige Film von ihm, den ich kenne, bei dem der Ernst des Themas dies verbietet, selbst seine anderen Dramen wie „Boulevard der Dämmerung“ oder gerade ein Film noir wie „Frau ohne Gewissen“ sind voll davon, wobei Sex dann eine gefährliche Stellung als Mittel der Manipulation einnimmt. Auf unterschiedliche, mehr oder weniger kontroverse Weise. Aber in „A Foreign Affair“ werden Frauen in die Luft geworfen, dass man Angst um sie bekommen muss – und trotzdem waren die betreffenden Szenen im Nachtclub für mich mit die witzigsten. Auch das ist so typisch für Wilder, dass er nicht nur Dialogwitz bringen konnte, sondern auch optische oder physische Gags.

Der Witz liegt in dem Fall darin, wie hoch die Frauen in die Luft geworfen werden, so, dass man sie am obersten Punkt der Kurve gar nicht mehr sieht und sich nur vorstellen mag, wo dieser liegt, was den Gag viel besser macht, denn dadurch entsteht im Kopf des Zuschauers das Bild, es könnten fünf oder sechs Meter sein, was natürlich nicht der Fall ist. Ob Marlene Dietrich sich wirklich dem Risiko ausgesetzt hat, beim Dreh ihrer Wurfszene unsanft auf dem Boden zu landen, wenn etwas nicht funktioniert, weiß ich nicht, aber von Jean Arthur heißt es, sie wollte kein Double.

Für die Wurfszenen sind aber die anwesenden Russen verantwortlich, nicht die Amerikaner. Die Russen haben nur solche rudimentären Funktionen, und auf eine gar nicht so unsubtile Weise werden sie als, sagen wir mal, sehr einfach porträtiert. Das waren sie vermutlich auch, denn die Rote Armee rekrutierte sich nun einmal überwiegend aus Bauern und Arbeitern, aber auf die GIs traf das in ähnlicher Weise zu und es gibt viele Berichte darüber, wie diese US-Amerikaner von den deutschen Frauen beeindruckt waren, die selbst in diesen Ruinen noch kultivierter wirkten als in der Umgebung, aus der sie selbst stammten. Sicher hat nicht nur das rein Sexuelle, sondern auch dieser Umstand die zahlreichen Verbindungen befördert, die zwischen US-Soldaten und den Frauen entstanden, die ihre Männer im Krieg verloren hatten. Den enormen Frauenüberschuss nach dem Zweiten Weltkrieg hat freilich die Emigration in die USA nicht wesentlich abmildern können.

Wilder hat aber auch die Mentalität der Länder gut getroffen. Die Deutschen, denen man alle Illusonen geraubt hatte oder die sie sich selbst geraubt haben, werden als moralisch vernichtet, aber rücksichtslos ums Überleben kämpfend, entweder als Schwarzmarkthändler oder mit den Waffen einer Frau von Schlütow dargestellt, die auch für jene Kultur steht, die sich nun prostituiert und damit ein doppeltes Sinnbild ist. Ein Symbol nicht nur dafür, dass sie als adelige Dame die GIs froh macht, sondern auch dafür, wie sich die deutsche Kultur den Nazis ausgeliefert hat, in deren Kreisen sie zuvor verkehrte und deren Tun sie mit illusionärem Idealismus begleitete. Das Lied „Illusions“, das von ihrem Lieblingskomponist Friedich Hollaender geschrieben wurde, hat einen Text, der das hervorragend ausdrückt:

Want to buy some illusions,
Slightly used, second hand?
They were lovely illusions,
Reaching high, built on sand.
They had a touch of paradise,
A spell you can’t explain:
For in this crazy paradise,
You are in love with pain.

Want to buy some illusions,
Slightly used, just like new?
Such romantic illusions –
And they’re all about you.
I sell them all for a penny,
They make pretty souvenirs.
Take my lovely illusions –
Some for laughs, some for tears.

Der Übermut späterer Wilder-Komödien konnte mit solchem Liedgut nicht entstehen, eine der großen Stärken des Films ist deshalb auch, dass er diese wehmütigen Momente hat, in denen ein Volk durch ein einziges Lied charakterisiert wird. Selbstverständlich ist diese Charakterisierung nicht komplett und blendet aus, wie es zum NS-Staat kommen konnte, nämlich nicht nur, weil die Deutschen idealistische Illusionen über die Nazis hatten, sondern, weil ihre Empfänglichkeit für Größenwahn und Autoritäten, die Identitätsprobleme der Spätnation, die Wirtschaftskrise, das Ergebnis des Ersten Weltkriegs eine große Rolle spielten, aber dies alles aus amerikanischer Sicht darzustellen, blieb dann doch eher dem später mit Marlene Dietrich entstandenen „Das Urteil von Nürnberg“ (1961) vorbehalten, in dem ein größeres Panorama entworfen wird.

Die Amerikaner selbst wirken dagegen naiv und etwas ruchlos gleichermaßen, so, wie sie damals, nach ihrer isolationistischen Phase, vermutlich auch überwiegend waren. Das heutige Bild eines korrupten und wild für seinen Erhalt kämpfenden Imperiums, das wir von den USA haben, war 1948 wohl nicht in dem Maß zutreffend, auch wenn natürlich nach dem Ende des Zweiten Weltrkrieges sich schnell die Blöcke herausgebildet hatten und Westdeutschland, eingeschlossen Westberlin, das Glück hatte, in den geostrategischen Plänen der USA eine wichtige Rolle zu spielen. Deshalb konnte man die Menschen dort nicht verhungern lassen, im Gegenteil, man half kräftig beim Aufbau mit. Gerade 1948 ist dabei ein wichtiges Jahr gewesen, weil die Errichtung des Weststaates beschlossen und die Einführung der D-Mark vollzogen wurde.

Daneben gibt es natürlich die persönliche Geschichte von Captain Pringle und Congesswoman Frost, die in Berlin auftaut, sich auf dem Schwarzmarkt ein Abendkleid besorgt und bei einer Razzia verhaftet wird, nachdem sie als sittenstrenge Provinzlerin aus Iowa angereist war. Natürlich bekommt sie am Ende den Captain, alles andere wäre dem US-Publikum doch nicht zu vermitteln gewesen. Die Szenen zwischen den beiden finde ich für Wilder-Verhältnisse ein wenig krampfig, aber das liegt vor allem an Arthurs Spielweise, die für amerikanische Filmverhältnisse der damaligen Zeit ein wenig theaterhaft daherkommt, und Momente wie die Schubladen-Szene sind zwar nett ausgedacht, aber auch ein wenig statisch und zu intensiv ausgespielt. Die halbe Registratur hätte ausgereicht, aber dann wäre man vielleicht nicht so schön in die Ecke gekommen. Der letzte Moment, in dem Pringle eine weitere Schublade im Aktenschrank auszieht und Miss Frost damit quasi gefangen setzt, ist wiederum gut gelungen, ebenso wie der Moment, in dem Pringles Vorgesetzter auf vom Dauerregen beschlagene Glasscheibe des Tempelhofer Flughafens eine Zielscheibe malt, um anzudeuten, was der Hintergrund für Pringles fortdauernde Annäherung an Erika von Schlütow ist.

Dass der Offizier eine moralisch vertretbare Begründung für sein Verhältnis mit der Ex-Nazi haben musste, ist wohl auch notwendig. Davon erfahren wir erst recht spät und es wirkt, als ob das nicht der ursprüngliche Gedanke hinter seiner auswärtigen Affäre gewesen wäre, aber das wird bewusst nicht ganz genau erklärt – auch hier übrigens wieder eine Doppelbedeutung, denn Phoebe Frost hat ja im Ausland dann auch eine Affäre mit ihrem Landsmann Pringle.

In seiner Zeit beim amerikanischen Militär war Billy Wilder 1945 als Offizier in Berlin stationiert und für Film und Propaganda zuständig. In einem Memorandum für die Militärbehörde entwickelte er unter anderem die Idee für einen propagandistischen Spielfilm. Die Idee dazu kam ihm aufgrund des Erfolges von Mrs. Miniver, der in England während des Krieges die Kampfbereitschaft mehr gestärkt hätte als jeder Dokumentarfilm oder jede Wochenschau. Außerdem hatte er bei Kinovorführungen erlebt, wie wenig Wirkung erzieherische Filme mit erhobenem Zeigefinger haben. Er stellte einen Handlungsrahmen vor, in dem ein GI, der am Schwarzmarkt in Berlin Handel treibt, mit einem deutschen Mädchen anbandelt.

Finale

„Die Dreiecksgeschichte zwischen einer deutschen Nachtclubsängerin, einem US-Besatzungsoffizier und einer spröden amerikanischen Kongreßabgeordneten im Berlin der ersten Nachkriegsjahre, inszeniert als frivol-ironisches Wechselspiel zwischen Moral und Unmoral, das Billy Wilder mit seinem ‚Komödien-Touch‘ wirkungsvoll überzogen hat. Amüsante Unterhaltung mit einem leicht zynischen Grundton.“ – Lexikon des internationalen Films[5]

„Der ätzende Zynismus, mit dem Billy Wilder deutsches Nachkriegselend ebenso darstellte wie Korruption und selbstgerechte Übergriffe amerikanischer Besatzungssoldaten gegenüber Zivilisten, erregte lange Zeit die Gemüter. Fazit: Böse Farce mit einer hypnotisierenden Marlene“ – Cinema[6]

„Komödien-Meister Billy Wilder hat sich hier mit viel Humor und auch ironischer Bosheit die doppelbödige Moral der Amerikaner vorgenommen. Dabei zielt er mit voller Wucht auf den verklemmten Puritanismus. So wundert es kaum, dass dieser Film bei einigen US-Kritikern überhaupt nicht ankam.“ – Prisma[7]

Ich tendierte bei diesem Film etwa zu der Bewertung, die er auch in der IMDb gegenwärtig erhält, gebe aber doch wegen seiner durchaus interessanten Komponente als Zeitdokument und weil es alles andere als einfach war, solch einen Stoff umzusetzen, noch ein etwas hinzu (Anmerkung 2025 anlässlich der Veröffentlichung des Textes: Derzeit erhält der Film 7,3/10, das ist demnach eine etwas zu geringe Bewertung). Andererseits stehe ich natürlich als Bewohner dieser Stadt nicht vollkommen neutral zu diesem Werk, und – ein richtiger Dietrich-Fan werde werde ich wohl auch nicht mehr, weil sie immer so überspielt. In diesem Fall, wie erwähnt, gemeinsam mit ihrer Rivalin, die von Jean Arthur dargestellt wird. Demgegenüber wirken die Männer eher durchschnittlich und nicht besonders prägnant, wenngleich ich John Lund zunächst für einen Wiedergänger von Wiliam Powell gehalten habe. Was relativ wenig beachtet wird: Schon in diesem frühen Nachkriegsfilm, also in einer Komödie, hat Hitler einen kurzen Auftritt bzw. ein Schauspieler, der ihn darstellt.

 

80/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2017)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Billy Wilder
Drehbuch
Produktion Charles Brackett
Musik Friedrich Hollaender
Kamera Charles Lang
Schnitt Doane Harrison
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 


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