Filmfest 1370 Cinema
Rosalie und ihr Plattenspieler (Rosalie und ihr Grammophon), im Original Rosalie et son phonographe, ist ein französischer Kurzfilm aus dem Jahr 1911 unter der Regie von Romeo Bosetti.[1]
Es war ein Glücksgriff, dass wir zuletzt „Angst vor den Schatten“ rezensiert und dabei ein wenig mühevoll recherchiert hatten, von wem er stammt. Warum er bei Arte in die Reihe „Female Comedies“ eingegliedert wurde, hat sich uns nicht ganz erschlossen. Vielleicht einfach deshalb, weil es gelungen ist, eine niederländische Kopie davon aufzutreiben und sich darüber zu freuen, dass man einen Film zeigen kann, in dem Frauen vor allem dadurch auffallen, dass sie etwas hysterisch oder leichtfertig sind, aber nicht unbedingt feministisch. „Rosalie und ihr Plattenspieler“ stammt aber von Romeo Bosetti, der insgesamt ca. 340 Stummfilme in nur 11 Jahren gedreht hat und zu der Zeit, als „Angst vor den Schatten“ entstand, für das Studio Pathé tätig war. Wie steht es hier mit der weiblichen Komödie?
Handlung[2]
Die dralle Rosalie, eine der populärsten Figuren des frühen französischen Stummfilmkinos, ist ein echter Technikfreak. Sie hat sich einen Phonographen liefern lassen, der magische Kräfte besitzt. Wo immer sie ihn laufen lässt, bringt das Mobiliar zum Tanzen, alles dreht sich, alles bewegt sich.
Rezension
Während „Angst vor den Schatten“ ein herausragendes Beispiel für einen frühen Split-Screen darstellt, ohne dass ich mich festlegen kann, ob dies der erste Einsatz dieser Technik überhaupt war, ist „Rosalies Plattenspieler“ ein tolles Beispiel für einen wunderbar kantig und turbulent aufgeführten Stop-Motion-Film, der leider etwas ungünstig mitten in einer Szene endet. Ich könnte mir vorstellen dass bei der von Arte erhältlichen 5-Minuten-Version nicht einfach der Schluss fehlt, sondern vielleicht sogar ein besonderer Höhepunkt, ein Twist, etwas, das die von der Musik aus dem Plattenspieler bewegte Welt sozusagen bersten lässt. Vielleicht ist das auch etwas zu sehr dramaturgisch in Kenntnis weiterer Entwicklungen oder Romanstrukturen gedacht. Es beginnt damit, dass die füllige Rosalie von gleich zwei Amazon-Paketfahrern den Plattenspieler mit dem riesigen, damals aber exakt in der Form üblichen Schalltrichter und dem Abspielgerät mit Riemen-Antriebstechnik geliefert bekommt, selbstverständlich mechanisch, mit Kurbel, nicht elektrisch, wie ab den 1920ern, als dann auch die Aufnahmen elektrisch wurden, und es plötzlich etwas wie erste Anzeichen von fülligen Bässen gab.
Wie heute noch üblich, ist Rosalie knickrig mit dem Trinkgeld für die Zusteller, obwohl diese, anders als heute üblich, die Teile sogar auspacken bzw. dabei helfen. Den Trichter steckt Rosalie aber schon selbst auf das Grammophon. Bei Arte wird der Originaltitel in „Plattenspieler“ übersetzt, was ich nicht perfekt finde, denn auch bei uns oder gerade bei uns wird ja mit dieser Uralt-Version eines Tronträger-Abspielgeräts nicht das verbunden, was man als Plattenspieler kennt, sondern der Begriff Grammophon. Erst, als diese akustischen Trichter verschwanden oder sogar etwas später, und durch – sic! – elektrische Lautsprecher ersetzt wurden, die u. a. das Koffergrammophon ermöglichten, ersetzte sich auch das Grammophon durch den Plattenspieler.
Wie auch immer, der Film ist vergnüglich, weil er Rosalie als Akteurin einer ganz und gar bewegten Szenerie darstellt, und damit, finde ich, ist hier auch eine Comédie feminine gegeben, zumal dieses kurze Werk zur Rosalie-Reihe zählt. Hiermit ist es an der Zeit, eine weitere Persönlichkeit des frühen Films vorzustellen:
[Sarah, Anm. TH] Duhamel debütierte im Alter von drei Jahren am Théâtre Lafayette im Stück Le Petit Corporal. Ihr Erfolg war so groß, dass sie nach Paris ging, wo sie am Théâtre du Gymnase, am Odéon und am Théâtre Libre Engagements erhielt und in Kinderrollen zu sehen war.[2]
Im Jahr 1895 trat sie in der Revue Le Divan Japonais auf, von 1897 bis 1899 war sie ein Mitglied der Theatergruppe des Fourmi. Nach 1900 war sie am Libre Echange und im Casino de Tourelles engagiert, wo sie kleinere Auftritte absolvierte.
Duhamel kam um 1908 zum Kino, wo sie Filme für Gaumont drehte. Sie arbeitete zu dieser Zeit mit Louis Feuillade, der sie in kurzen Filmen vor allem Lieder mimisch darstellen ließ. Ab 1911 drehte sie unter Roméo Bosetti (1879–1948) zahlreiche Kurzfilme und wurde bald der Star des von Pathé eingerichteten Filmstudios Pathé Comica in Nizza, das auf humorvolle Filme spezialisiert war. Populär wurden dabei die „Rosalie“-Filme, eine Reihe von über 30 Filmen um die füllige Rosalie, dargestellt von Duhamel. Einige wenige Filme drehte sie zusammen mit Maurice Schwartz (1890–1960), der als „Little Moritz“ auftrat.
Ab 1912 entstanden bei Éclair über 20 Kurzfilme um „Pétronille“, in denen Duhamel unter anderem an der Seite von Lucien Bataille als „Casimir“ und Paul Bertho als „Gavroche“ zu sehen war. Die Pétronille-Reihe wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs eingestellt. Erst 1922 war Duhamel [wieder] in Charles Burguets (1878–1958) Stummfilm Les mystères de Paris in einer Nebenrolle zu sehen.[3]
Über den Film mit dem Grammophon weiß die deutsche Wikipedia nichts, auch die französische schweigt sich aus, die wenigen Informationen stammen von Arte und aus der IMDb, aber Sarah Duhamel ist auch hierzulande in der größten Online-Enzyklopädie aller bisherigen Zeiten verewigt, sofern man online etwas verewigen kann. Beim Medium Film ist das eindeutiger. Was heute wiedergefunden und restauriert wird, ist, wenn man es wertschätzt, für immer in dieser Form gesichert, manchmal werden weitere Schnipsel gefunden und Filme werden dadurch länger und länger, wie zum Beispiel „Metropolis“ (DE 1927).
Ich würde mir wünschen, man fände noch das Ende von „Rosalie und ihr Plattenspieler“. Im Grunde besteht er aus dreieinhalb Szenen: Im Wohnzimmer packt Rosalie das Gerät aus und aus dem Trichter schwingen sich witzigerweise Noten, auch das konnte man damals schon, Zeichentrick oder Animation in Realfilme integrieren, und die Möbel fangen an, sich sozusagen im Wettlauf mit der Schallplatte zu drehen und natürlich im Rhythmus der Musik, so soll es sich darstellen, vermutlich handelt es sich um einen Walzer. Rosalie ist so begeistert, dass die das Gerät mitnimmt in die Küche und der Köchin die Platte vorspielt und natürlich dreht sich dann auch dort alles. Zum Glück gibt es keine echten Wasseranschlüsse und dergleichen, der Dielenboden sieht sehr einheitlich aus, man merkt gar nicht, wo einmal Möbel standen. Es wäre aber etwas übertrieben, einem Film aus dem Jahr 1911 solche Abweichungen von der Realität anzukreiden, denn haben Sie schon einmal einen Plattenspieler, CD-Player oder etwas mit Spotify Gestreamtes erlebt, wie es Ihre Einrichtung zum Tanzen bringt? Eben. Die dritte Szene spielt dann in einem Zimmer hinter der Küche, in der ein Mann im Schlafanzug mit Zipfelmütze sitzt nebst einer Frau, vielleicht die Herrschaften, während Rosalie eine Wirtschafterin ist, die den Plattenspieler gar nicht selbst gekauft, sondern nur entgegengenommen hat. Auch die beiden Personen im hinteren Zimmer werden bewegt, am Ende hängt der Mann ermattet am Bettgestell. Hier merkt man schon, dass der Plattenspieler mit seiner Schwungkraft auch destruktive Momente hervorbringen kann.
Deswegen ist es auch so schade, dass die Szene „im Café“, wo Rosalie den Plattenspieler schlussendlich hinträgt, verkürzt wirkt. Ich hätte eben doch im Sinne der Dramaturgie die Idee super gefunden, dass der Kaffee, den die Leute trinken bzw. die Tassen, in denen er dem Verschwinden in irgendeinem Magen entgegensieht, herumgewirbelt worden wären und die Gäste die braune Brühe abbekommen. Nun ja, Träumen darf man ja, in diesem Fall, dass das Ende noch irgendwo auftaucht.
Finale
Falls es dieses Ende aber gar nicht gibt, ist dies trotzdem ein netter Film, bei dem man in Minute 5 daran dachte, Zelluloid einzusparen für den nächsten Fünfminüter, denn bei dieser Spielzeit bekommt man drei Filme auf die Rolle bzw. auf eine einzelne Rolle.
Freilich kann man das Werk auch so sehen:
Rosalie hat einen neuen Phonographen. Wenn sie eine Platte auflegt und auflegt, tanzen alle im Raum: sie, die Köchin, der verkrüppelte alte Mann, die Möbel… Dann geht es weiter in den nächsten Raum.
Im Kern ist das alles, ein Stop-Motion-Trickfilm, wie ihn Melies seit mehr als einem Jahrzehnt macht. Das wäre so, als stünde heute jemand mit einem Computer aus dem Ende des 20. Jahrhunderts in Berührung. Wo sind die sozialen Medien, der Ort, an dem man die Musik kaufen kann? Die Filme hatten sich in diesem rasanten Tempo entwickelt, und was diese spezielle Komödie betraf, war alles, was sich geändert hatte, dass dieser Film dreimal so lang war, so dass der Gag zweimal wiederholt werden kann.
Nicht alle Filmkomödien blieben in diesem primitiven Zustand stecken. Es gab viele gute Komiker, die mit ihren Sprüchen im Mittelpunkt standen, und Max Linder war mit seinen gut gezeichneten Komödien und Geschichten bereits der erste internationale Comedystar. Stücke wie dieses würden jedoch bald zu Recht von Mack Sennetts Inszenierungen überwältigt werden.[4]
Freilich, Meliès war ein Filmpionier, der mit unendlich viel Liebe seine Trickfilme bastelte, und schon „Die Reise zum Mond“ (die Version aus dem Jahr 1903) war viel elaborierter als der acht Jahre später entstandene Rosalie-Film. Aber er war eben auch ganz frühe Filmkunst, während es sich bei der Rosalie-Serie um Gebrauchsfilme zur Volksunterhaltung handelte, wie sie in mehreren Ländern massenhaft hergestellt wurde. Und natürlich ist die Stop-Motion-Technik hier ziemlich ruckig, wie oben erwähnt. Ich habe noch keinen Film mit Max Linder gesehen, sodass ich nicht konkret vergleichen kann, weiß aber, dass er eine herausragende Stellung als einer der ersten Stars des neuen Mediums innehatte.
Wir lassen uns nun aber nicht aufgrund eines kühnen Vergleichs die angedachte Punktzahl kaputtmachen. Vor allem deswegen nicht, weil der Nutzer-Rezensent der IMDb überhaupt nicht berücksichtigt hat, dass es sich hier um eine Female Comedy handelt, also auch um ein Pionierwerk, wie die Figur Rosalie an sich, deren Stellung bei der Akzeptanz fülligerer Menschen damals wohl an die von Roscoe „Fatty“ Arbuckle und später Oliver Hardy in den USA heranreichen dürfte. Vielleicht haben solche Figuren sogar dafür gesorgt, dass der Schlankheitswahn erst in den modisch androgynen 1920ern einsetzte. In Deutschland machte sich das am Stilwechsel von Henny Porten zu Brigitte Helm fest.
Ohne Ironie haben 38 Nutzer:innen der IMDb für diesen Film eine Durchschnittswertung von 6,3/10 produziert, was Charles Chaplin, dessen frühe Filme wir ebenfalls gerade sichten, erst kurz vor dem Wechsel von seiner ersten Filmfirma Keystone zu Essanay gelang, mit „Tillys Punctured Romance“, und dieser ist immerhin ein 22-Minuten-Two-Reeler . Daran merkt man schon, dass die Bewertungen durchaus den Stand der Filmtechnik und auch des Slapsticks und des Komödiantischen im Film berücksichtigen, denn viele Keystone-Filme von Chaplin sind eindeutig elaborierter als „Rosalie und ihr Plattenspieler“. Eigentlich alle, weil sie bereits Spielhandlungen enthielten. Auch Arte hält einen der Chaplin-Filme in der Reihe „Female Comedys“ vor, weil er darin mit Mabel Normand spielt und einen Nichtsnutz darstellt, während die Frau den Laden wuppen muss. Normand war einer der ersten weiblichen Komödienstars der USA, hat teilweise in ihren Filmen auch (Mit-) Regie geführt und Chaplin gefördert. Ein weiterer Film mit ihr, ohne Chaplin, ist ebenfalls in die Arte-Werkschau der Female Comdies von 1906 bis 1927 integriert.
61/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024)
Regie Romeo Bosetti
Produktion 2eleven music e.K.
Produzent/-in
Pathé Frères
Mit Sarah Duhamel
Land Frankreich
Jahr 1911
[1] Rosalie et son phonographe (1911) – Reference View – IMDb
[2] Female Comedies – Die Angst vor den Schatten – Film in voller Länge | ARTE
[4] Rosalie et son phonographe (1911) – Rosalie et son phonographe (1911) – User Reviews – IMDb
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