Filmfest 1377 Cinema
Ohne mich gehst du nicht raus (Non, tu ne sortiras pas sans moi) ist eine französische Kurzfilm-Slapstick-Komödie aus dem Jahr 1911, die bei Gaumont enstanden ist. Madame Pied (gespielt von Ernest Bourbon) hat ihr langweiliges Eheleben satt und verlässt das Haus, auch wenn es ihr Mann verbietet. In einer furiosen Verfolgungsjagd kommen die beiden bis ans Meer; in einer Hütte entdeckt Mme. Pied einen Taucheranzug, unter Wasser hat sie endlich Ruhe vor ihrem despotischen Mann.
Die Arte-Reihe „Female Comedys“, die Arte im Jahr 2024 zeigt, ist ein wirklich interessantes Eintauchen in die Frühzeit des komödiantischen Kinos, mit mehr oder weniger Recht hier als weibliches Kino bezeichnet. Leider ist „Ohne mich gehst du nicht raus“ nirgendw auf die Schnelle zu finden gewesen außer in der Arte-Beschreibung. Über die Regisseurin des Films, er wird Alice Guy, damals schon Alice Guy-Blanché, zugeschrieben, haben wir uns bereits anlässlich des allerersten Films von ihr, den wir rezensiert haben („Eine klebrige Frau“) ausführlich geäußert bzw. Informationen zu ihr in die Rezension integriert, die im Wesentlichen aus der Wikipedia stammen.
Handlung
Madame Pied (gespielt von Ernest Bourbon) hat ihr langweiliges Eheleben satt und verlässt das Haus, auch wenn es ihr Mann ihr verbietet. In einer furiosen Verfolgungsjagd kommen die beiden bis ans Meer.
Rezension
Aber sie sind, besonders bezüglich der Filmografie, lückenhaft, das trifft auch auf die französische Wikipedia zu, auch die IMDb listet bei Weitem nicht alle der über 1.000 Filme auf, die ihr zugeschrieben werden. Vielleicht ist das auch nicht so einfach, weil bei vielen dieser Kurzfilme nicht klar ist, wer wirklich Regie führte. Manche werden, feministisch und damit passend zur Arte-Reihe interpretiert, männlichen Filmemachern zugerechnet, wir haben aber auch mindestens einen Film in der Reihe, bei dem es wohl umgekehrt war.
„Ohne mich gehst du nicht raus“ ist jedenfalls auf die Schnelle nirgends zu finden gewesen, und das ist erstaunlich. Denn Gaumont, bei denen er von Guy gedreht wurde, hat ihn à la Francaise restauriert, also so, als ob er nicht aus dem Jahr 1911, sondern meinetwegen aus den 1970ern stammen würde, nur in Schwarz-Weiß und in diesem Falle stumm. Es ist erstaunlich, dass es eine Kopie gab, die das ermöglicht hat, oder sogar das Original-Negativ eingelagert war.
So zeigt sich uns eine Slapstick-Komödie, die zwar ruckige Szenenübergänge hat, aber in der haufenweise Gegenstände zerdeppert werden, ganz wie in amerikanischen Filmen, die vor allem als Zerstörungsorgien funktionieren. Eigentlich noch etwas mehr verdichtet, weil es keine ruhigen Momente gibt und durch das Auslassen von Übergängen der Film geradezu etwas Episodisches hat. Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, auf der Straße, mit den Bauarbeitern, im Zug, auf See und unter Wasser, könnte man die kurzen Handlungsabschnitte dieses 5 Minuten und 22 Sekunden langen Films beschreiben. Es ist heute angesichts der unzähligen kurzen Filme, die damals in mehreren Ländern entstanden sind, kaum noch möglich, einen bestimmten Gag, der später von berühmten Komikern ausgeformt wurde, auf eine einzige Quelle zurückzuführen. Ich könnte wetten, dass es ebenso zu heimlicher Klauerei kam wie zu parallelen Original-Einfällen, die eine eigenständige, unabhängige Kreativleistung waren.
Nicht nur, dass die erste Filmpionierin überhaupt hier wohl Regie geführt hat, ist erwähnenswert, sondern auch, dass eine weibliche Figur einen Ehemann klar dominiert und – dass diese Ehefrau von einem Mann gespielt wird. Zu ihm habe ich immerhin in der französischen Wikipedia etwas gefunden:
Der Sohn eines Porzellanmachers begann seine künstlerische Laufbahn als Akrobat auf der Tanzfläche, bevor er 1910 unter der Regie von Jean Durand sein Filmdebüt gab, insbesondere in den Serien Calino und Zigoto.
1912 bot ihm der Regisseur die Rolle des Onésime an, die ihn berühmt machen sollte. Bourbon wird sich fortan dieser Figur widmen, bis hin zur Wiederaufnahme der Inszenierung der letzten Dreharbeiten nach dem Abbruch der Serie durch Durand.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete seine Filmkarriere. Nach dem Ende des Konflikts kehrte er auf die Bühnen der Music Halls zurück, in denen er angefangen hatte, diesmal jedoch mit seinem Sohn, der ebenfalls Ernest (1912-1976) hieß und als Kid Bourbon bekannt war3. Der bourbonische Vater und sein Sohn waren fast 15 Jahre lang auf den Pisten unterwegs. Nach der Trennung trat Ernest Bourbon Jr. weiterhin als Akrobat unter dem Namen Billy Bourbon auf, war aber zwischen 1949 und 1976 auch in einem Dutzend Filmen auf der Leinwand zu sehen.
Während der Besatzung war Ernest Bourbon Sr. in den Handel mit Seifenstücken verwickelt, die auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden4. Die damalige Presse beschrieb ihn als einen Akrobaten, der immer noch praktizierte. Er wurde 54 Jahre alt.
Das ist wohl auch notwendig gewesen. Dass er ein Akrobat war, und somit in Cross-Dressing auftreten musste. Für mich sieht es zum Beispiel aus, als ob tatsächlich auf einem fahrenden Zug gefilmt wurde, auch der Sprung aus dem Fenster und die Action beim Zerschlagen von Mobiliar wirkt echt. Eine Frau, die das hätte spielen können, gab es wohl im Filmgeschäft damals noch nichtt. Im Grunde haben erst asiatisch Kampfkunstfilme solche weiblichen Typen hervorgebracht. Aber wer war der Mann, der einen Mann gespielt hat?
[Lucien Bataille, Anm. TH], 28. Juni 1953 ebenda) war ein französischer Politiker1, ist ein französischer Schauspieler.
Er verkörperte die Figuren des Zigoto und des Casimir, unter anderem unter der Regie von Jean Durand und Roméo Bosetti.
Von Romeo Bosetti haben wir bereits zwei Filme aus der Arte-Reihe rezensiert, die also zumindest regieseitig keine Frauenfilme waren. In einem Fall fand ich den Film insgesamt nicht sehr „weiblich“ oder gar feministisch, weil Frauen darin eher ein bisschen dumm wirken („Angst vor den Schatten“).
Nun ja, sagen wir also, auch Bataille wusste sich körperlich in Szene zu setzen, sonst hätte dieses Stück nicht funktioniert. Vor allem der Schluss mit der Taucherglocke bzw. dem Taucheranzug ist witzig, gerade, weil er nicht auf reiner Materialschlacht fußt, sondern etwas Eigenständiges, Erfinderisches hat. Und er ist ein Stück Trickfilm, denn selbstverständlich hat man damals nicht wirklich unter Wasser gefilmt. Von wasserdichten Kameras war man noch ein Stück entfernt.
Finale
Ohne Zweifel ist der Film sehr furios, allerdings auch deshalb, weil man natürliche Szenenübergänge weggelassen hat, man steigt sozsuagen direkt ein und aus. Das heißt nicht, dass die Handlungselemente nicht entwickelt und in sich halbwegs logisch wären, sondern läuft darauf hinaus, dass zum Beispiel direkt nach dem Sprung aus dem Zug eine kleine Böschung hinunter, wobei die Frau sich an Land halten kann und der Mann in einen Bach fällt, sie auch reinsteigt und ihn verhaut oder aus dem Wasser hilft, das konnte ich nicht so klar unterscheiden, und direkt im Anschluss versucht die Frau, mit einem Boot zu entkommen. Wie sie von dort zu dem Mann mit dem Taucheranzug kommt, kann man allenfalls erahnen, es könnte der Mann sein, der das Boot steuert, aber wo ist die Kabine, in der sich die folgende Szene abspielt? Nun ja, Georges Melìes war damals schon viel weiter und das Jahr 1911 zeigt bereits Filme von beinahe surrealen 100 Minuten Länge, damit können diese Kurzkomödien nicht konkurrieren. Sie waren Massenunterhaltung und möglicherweise damals schon Beigaben zu längeren Filmen oder bestes altes Nickelodeon.
Das meine ich nicht zwingend wörtlich, ich weiß nicht, ob diese Filme schon in Kinosälen aufgeführt wurden, da hätten es ja doch ein Dutzend oder mehr hintereinander sein müssen, um einen vergnüglichen Kinoabend zu gestalten. Ich sollte mal wieder ein Grundlagenwerk wie den guten alten Toeplitz lesen.
Aber jedes der bisher gesehenen Filmchen hat seine Spezifitäten, wirkt nicht vollkommen konventionell, wobei bisher auffällt, dass die Filme, die bei Pathé entstanden sind, mehr mit technischen Möglichkeiten speilen als die von Alice Guy bei Gaumont. Dafür geht es in „Du gehst nicht raus ohne mich“ heftig zur Sache. Angeblich soll es eine typisch französische Art der Ehegestaltung sein, die man hier sieht. In Deutschland war zu der Zeit eher der frivole Film in Mode, bevor um 1913 der Kunstfilm begann, sich zu entwickeln.
Durch den französischen Titel habe ich den Film doch noch in der IMDb gefunden, dort erhält er gegenwärtig von 37 Nutzer:innen eine Durchschnittsbewertung von 5,6/10. Zuvor hatte ich an 58/100 gedacht und bleibe dabei (2025, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes: 55 Nutzer:innen, 5,3/10).
58/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024)
🎬 Regie und Drehbuch
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Regisseure: Jean Durand und Alice Guy
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Drehbuch: Keine spezifischen Angaben
👥 Hauptdarsteller
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Lucien Bataille als M. Pied
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Ernest Bourbon als Madame Pied
🎼 Musik
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Alexander Grebtschenko komponierte eine neue Filmmusik im Jahr 2023
Produktionsfirma:
- Gaumont
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