Die Nacht des Jägers (Night of the Hunter, USA 1955) #Filmfest 1390 #Top250 #DGR

Filmfest 1390 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (205) – Die große Rezension

Ein Film ohne Beispiel und ohne Nachfolger

Die Nacht des Jägers (Originaltitel: The Night of the Hunter) ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1955, basierend auf dem Roman The Night of the Hunter des Autors Davis Grubb von 1953. Der Thriller, der oft dem Film noir zugerechnet wird, ist die einzige Regiearbeit des Schauspielers Charles Laughton bei einem Film.

Charles Laughton als Captain Bligh in „Meuterei auf der Bounty“ (1935). Als „Glöckner von Nôtre Dame“ (1939). Als Sir Wilfried Robarts in „Zeugin der Anklage“(1957). Ein Film, ein Darsteller, eine Urgewalt. Zuletzt haben wir ihn gesehen in „Der Fall Paradin“ (1947) von Alfred Hitchcock. In diesem hat er nur eine Nebenrolle und liefert dabei die bei weitem prägnanteste Darstellung aller Stars ab. Und mit welchem Leben er seine Hauptrollen füllte, ist legendär. Kein Wunder, dass Remakes von Filmen, in denen er mitwirkte, nie an die Originale herankommen konnten – wie etwa „Meuterei auf der Bounty“ (1962 neu verfilmt). Aber als Regisseur haben wir ihn bisher nicht erlebt. Ist er hinter der Kamera genauso atemberaubend wie davor?

Handlung (1)

Im Süden der USA, etwa Anfang der 1930er-Jahre: Der ehemalige Sträfling Harry Powell zieht als selbsternannter Wanderprediger mordend durch die Lande. Er wurde erst kürzlich aus der Haft entlassen, wo er den Bankräuber Ben Harper kennengelernt hatte. Dieser erbeutete bei einem Raub 10.000 Dollar (nach heutiger Inflation rund 175.000 US-Dollar), wofür zwei Menschen hatten sterben müssen. Nur seine Kinder John und die kleine Pearl wissen, wo er das Geld versteckt hat, aber sie mussten schwören, es niemandem zu verraten. Nach Harpers Hinrichtung ist Powell nur noch auf die versteckte Beute fixiert. Er macht sich an Bens Witwe Willa Harper heran, indem er vortäuscht, Gefängnispriester gewesen zu sein und Ben Harpers Vertrauen genossen zu haben.

Frömmelnd erschleicht er sich das Wohlwollen der übrigen Dorfbewohner, überzeugt schließlich auch Willa und heiratet sie. Schon bald wittert Powell, dass John das Versteck der Beute kennt und setzt ihn und Pearl zunehmend unter Druck. Willa gerät schnell in eine psychische Abhängigkeit von dem predigenden Psychopathen. Nur der verschrobene Onkel Birdie, mit dem John immer angelt, macht sich Sorgen. Als Powell es mit den Kindern auf die Spitze treibt, ihnen Angst macht und Willa schließlich sogar schlägt, ist es bereits zu spät. Powell tötet sie und versenkt ihre Leiche heimlich nachts im Fluss. Den Kindern und den besorgten Arbeitgebern von Willa erzählt er, seine Frau habe ihn verlassen: er gibt sich als gebrochener Mann.

Zu Hause terrorisiert und quält er weiter die Kinder. Dann entdeckt Onkel Birdie Willas Leiche im Fluss. Doch aus Furcht, selbst des Mordes beschuldigt zu werden, wagt er es nicht, zur Polizei zu gehen – stattdessen betrinkt er sich. Die Situation spitzt sich zu, Powell presst den Kindern das Geheimnis ab, doch in höchster Not können sie fliehen. Der sturzbetrunkene Birdie Steptoe kann ihnen nicht helfen. So flüchten sie mit einem Boot den Fluss hinab, wo Powell ihnen bereits auf den Fersen ist, während er den Dorfbewohnern in einem Brief vorzutäuschen versucht, mit den Kindern verreist zu sein. Eine surreale Menschenjagd beginnt – die Kinder im Boot und Powell sie zu Pferd verfolgend.

Schließlich werden John und Pearl von Mrs. Cooper gefunden, die obdachlose Kinder bei sich aufnimmt und ihnen ein Zuhause gibt. Schnell fassen die Kinder Vertrauen zu ihr, doch sie verschweigen weiter ihre Geheimnisse. Als auch Powell den Ort erreicht, macht er sich an die pubertierende Ruby heran, einen Schützling von Mrs. Cooper. Er versucht, die Kinder zurückzuholen, doch die resolute Mrs. Cooper vertreibt ihn vom Grundstück. Nun muss sie alleine die ganze Nacht lang ihr Haus vor dem am Gartenzaun lauernden Powell verteidigen, um die Kinder zu schützen. Als Powell versucht, in das Haus einzudringen, schießt sie ihn an. Sie ruft die Polizei, die Powell festnimmt. Bei seiner Verhaftung bricht John zusammen und wirft Powell das Geld, das in Pearls Puppe versteckt war, vor die Füße. Im Verlaufe des folgenden aufreibenden Gerichtsprozesses erfährt der Zuschauer, dass Powell ein notorischer Frauenmörder und Blaubart ist. Der Pöbel ist drauf und dran, den Mörder zu lynchen, wobei die Wortwahl der bis zur Raserei empörten Bürger an Powells eigene Predigten erinnert, denen sie erst neulich noch begeistert zugehört hatten. Die Kinder bleiben bei Mrs. Cooper, die ihnen mit ihrer ehrlichen, einfachen und frommen Art wie eine Mutter ist.

Rezension 

Als Schauspieler, auch als Regisseur von Theaterstücken, ist Laughton unsterblich. Doch welch eine Verschwendung, dass er nur ein einziges Mal einen Film inszeniert hat: „Die Nacht des Jägers“. Wir arbeiten uns derzeit durch so viele Klassiker durch, dass wir – nicht zum ersten Mal – von Ermüdungserscheinungen geplagt sind, aber die sind schon verschwunden, als im Vorspann nach der düsteren Film-noir-Musik, die das Thema für Powell ist, dieses Kinder-Gutenachtlied als Kontrast gespielt wird. Und so geht das durch den ganzen Film, der von Gegensätzen lebt, von Verschiebungen und mächtigen, tiefenwirksamen Bildern und Worten und Liedern, dass es den Atem verschlägt. Als dieses Werk 1955 herauskam, war es zu viel für die Zuschauer und wurde zu einem Flop. Zehn Jahre später wäre das wohl schon anders gewesen.

Dabei kann man nicht sagen, der Film sei seiner Zeit voraus, er ist nicht avantgardistisch. Trotzdem wurde er stilprägend. Allein die ultraböse Figur des Harry Powell mit den beiden Händen, in die „Liebe“ und „Hass“ eintätowiert ist, kann man als eine der schwärzesten bezeichnen, die je im US-Film gezeigt wurden. Da ist nichts, was wir annehmen und nichts, was wir verstehen können, an diesem sicher kranken, aber geistig regen und zudem faszinierenden Mann, der singend durch die Lande fährt, mit allen denkbaren Verkehrsmitteln seine Ziele verfolgt, und nichts als Tod und Verderben im Sinn hat. Beinahe zu banal, dass er sich an eine Witwe und deren Kinder heranmacht um schnöder 10.000 Dollar wegen. Diese waren in der Zeit der Weltwirtschaftskrise zwar zehn durchschnittliche Jahresgehälter, aber als Motiv wirken sie angesichts der augenfälligen Misogynie, welche die Triebfeder für Harrys Verhalten darstellt, höchstens verstärkend. Wie er die Familie Harper erreicht, das ist eine böse Volte des Schicksals, weil er im Gefängnis Ben Harper kennenlernt. Im Grunde entspricht die Witwe mit ihren beiden Kindern nicht dem bevorzugten Opfertypus des falschen Predigers.

Das Grausame ist, dass dieser Mann nicht etwa ein Scharlatan ist wie Elmer Gantry, den Film noir-Kollege Burt Lancaster weniger Jahre später verkörperte, in einer Zeit, als man bereits aufgeschlossen für die schädlichen Nebenwirkungen unreflektierter religiöser Gefühle war. Vielmehr hat Powell keinerlei Mehrbödigkeit in sich. Er glaubt offenbar selbst an das, was er verkörpert, sonst würde er nicht, wenn er allein ist, mit Gott sprechen, und ihn befragen darüber, was dieser wohl alles mit ihm vorhaben mag.

Schon die Sequenz, wie er im Wagen sitzt und sich schaukelnd und holpernd auf den schlechten Straßen jener Zeit dem Ort nähert, in dem die Harpers wohnen, ist von ungewöhnlicher Bedrohlichkeit. Der Film noir ist ohnehin vom deutschen Expressionismus beeinflusst, aber nur wenige amerikanische Filme haben sich so konsequent in diese Stilrichtung eingefunden wie „Die Nacht des Jägers“, dessen nächtliche Hütten, in denen die Kinder Zuflucht suchen, an die zweidimensional wirkenden Bauten aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ erinnern, dessen tödliches Eheschlafzimmer auf dem Dachboden wie ein kleines Kirchenschiff wirkt und – natürlich die ikonische Szene, in der Onkel Steptoe die Leiche von Willa Harper im Fluss entdeckt. Sie wird dann aus der Unterwasserperspektive gefilmt, wie ihr Haar ebenso vom Wasserstrom zum Wehen gebracht wird wie die Schlingpflanzen in Ufernähe. Ein solch schrecklich schönes Bild vom Tod ist jenseits der Vorstellung eines durchschnittlich begabten Hollywoodregisseurs.

Es weist allerdings auch darauf hin, dass der brutale Powell wie ein Berserker durch eine amerikanische Seelenlandschaft pflügt, die zu verstört ist, um zu erkennen, dass der Typ keine wesentlichen Fähigkeiten, Vorzüge, nichts Charismatisches hat, nicht einmal als Mörder oder Verfolger wirkt er besonders prägend. Den Autounfall so zu inszenieren, dass die Leiche alsbald gefunden wird, ist nicht sehr clever, und dass er die Kinder im Keller nicht erwischt und sie ihn einsperren können, dass er sie, als sie im Boot flüchten, nie erreichen kann, ist zwar für die sehr packende Dramaturgie und Handlungsführung des Films notwendig, aber da lässt er als Generalbösewicht Federn. In seiner ähnlichen Rolle in „Cape of Fear“ (1962) hat man darauf geachtet, dass er physisch kapabler wirkt. Andererseits passt dieses Rudimentäre sehr gut zu dem märchenhaft-stilisierten Charakter von „Die Nacht des Jägers“ und der verwilderten Zeit, in welcher er spielt.

In diesem Film gibt es nur mehr oder weniger dumme Menschen, von dem kleinen John abgesehen, mit dem wir als Zuschauer schon deshalb ein starkes emotionales Bündnis eingehen, weil er das einzige Wesen ist, das über einen gesunden, intakten Menschenverstand verfügt, sich nicht blenden lässt, eine Grundskepsis gegenüber dem Treiben der Erwachsenen hegt. Im Verlauf des Films bekommt er aber „Mother Goose“ in Person von Mrs. Cooper zur Seite gestellt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einige der vielen Waisen aufzunehmen, die in jenen furchtbaren Jahren durch das demoralisierte Land irrten.

Die übrigen Menschen jedoch, eingeschlossen die naive Mutter der beiden Kinder, werden so gezeichnet, dass in dieser Charakterisierung neben dem ungewöhnlichen Stil der zweite Grund zu suchen sein dürfte, warum der Film 1955 abgelehnt, ja ausgebuht wurde. Die meisten Zuschauer kannten die Depression aus den Jahren von 1929 bis ca. 1937 noch aus eigener Anschauung und ließen sich nicht gerne als eine Horde religiös übereifriger, ja fanatischer Idioten darstellen, die Kindern das Leben dadurch zur Hölle machen, dass sie überhaupt keinen Zugang zu echten Gefühlen und zu urchristlichen Werten wie Barmherzigkeit und Menschenwürde haben. Dass die örtliche Wortführerin und Ladenbesitzerin Mrs. Spoon ein Powell-Fan der ersten Minute ist und späte den Lynchmob gegen ihn anführt, wirft ein so grelles Schlaglicht auf die unzivilisierte Gesellschaft eines Siedlerhaufens, den Europa ausgespuckt hat, wie kaum ein anderer Film.

Die Lynchszene ist zwar kurz und wird für Powell nicht so bedrohlich, weil er von der Polizei abtransportiert wird, aber im Grundsatz und bezüglich der Botschaft ist sie von Fritz Langs „Fury“ (1936), sagen wir mal, geborgt, und es geht um dieselbe menschliche Eigenschaft, nieder und gewaltättig zu sein, gleichwohl fromm oder frömmlerisch, und wie gut gerade dies alles zueinander passt. Es ist eine unbarmherzige, äußerlich arme und innerlich verschmutzte Welt, in welcher Kinder wie John und Pearl aufwachsen, das weiß auch Mrs. Cooper, die sie aufnimmt und über diese Welt philosophiert.

Sie gibt uns auch etwas wie eine Hoffnung, indem sie darauf rekurriert, das Kinder all dies Schreckliche tatsächlich überstehen. Ob Laughton auch dieser Ansicht war, wissen wir nicht. Wir gehen davon aus, dass er auch in ihr eine eher märchenhaft vereinfachte Person zeigt, die auf eine positive Weise jene Welt anzunehmend weiß, die ansonsten nicht auszuhalten wäre. Wir wissen längst, dass Kinder es nicht unbeschadet überstehen, wenn sie in ihren frühen Jahren von Gewalt, Zwie- und Niedertracht umgeben waren und sogar persönlich bedroht und verfolgt wurden – heute erfolgt diese Bedrohung und Verfolgung meist in Form von Missbrauch. Ansätze dazu findet man in „Die Nacht des Jägers“ nicht. Dieses Fass, dass Powell sich vor erwachsenen Frauen ekelt und vielleicht kleine Mädchen zu sexuellen Handlungen nötigt, das wollte man nicht auch noch aufmachen, in einem Film, der so viel mehr zeigt als damals üblich.

Als Film noir fehlen im einige Elemente wie die echte Vorherbestimmung, die Femme fatale, der Coup, die Verflechtung von Menschen in einem großangelegten System der Unterwelt, trotzdem finden wir es absolut richtig, dass er heute zu den Noirs gezählt wird. Mag auch der Antagonist ein psychopathischer Einzeltäter sein, er wäre nicht denkbar ohne eine radikale Umgebung, die ihn aufnimmt und ihm seine Verbrechen mit einer unheiligen Mischung aus Naivität und emotionaler Verrohung erst ermöglicht. Er hat für die Kinder auch ein gutes Ende, aber allein die Atmosphäre ist so düster, auf eine so lyrische Art verwunschen, dass jeder übliche Film noir dagegen verblasst. Er steht aber auch am Beginn des sozialen Films, der sich ab Mitte der 1950er, wenn auch mit weniger radikalen Mitteln, in den USA entwickelte, wie etwa „Blackboard Jungle“ (1955), der stilistisch zwar ganz anders ist, aber auch anfängt, sich mit den Wurzeln der Gewalt in uns auseinanderzusetzen und mit den Verhältnissen, in denen Kinder aufwachsen und zu verlorenen Persönlichkeiten werden. Die Gerichtsdramen der späten 1950er und frühen 1960er sind auf eine Weise Erben von „Die Nacht des Jägers“, bis hin zu „Wer die Nachtigall stört“ (1962), der den Abschluss einer Reihe von ambitionierten Sozialfilmen der späten Eisenhower- und der Kennedy-Ära bildet.

Finale

Dass ein Film, der Filmstile, Biblisches und Märchenhaftes in so dichter Weise verbinden will, nicht überladen wirkt, liegt an seiner einfachen und effektvollen Handlung, und es mutet heute kurios an, dass dieses packende Werk einmal für seine „Nebenstränge“ gescholten wurde, etwa die Szenen des Onkel Steptoe oder des Henkers, der kein Henker mehr sein will. Diese Menschen tragen alle etwas zum Szenario bei, das uns geboten wird. Sie nehmen nicht viel Spiezeit in Anspruch, aber sie müssen eingeführt werden. Die Szene, in der die beiden Kinder zu Onkel Steptoe flüchten, dieser aber betrunken am Boden liegt und ihnen wegen seiner eigenen Dämonen nicht helfen kann, ist für uns die bedrückendste in einem an bedrückenden Momenten reichen Werk gewesen: Die enttäuschte Hoffnung, einen Verbündeten gegen Powell zu finden, zumal Steptoe dem kleinen John in einem besseren Moment angeboten hatte, dieser könne sich jederzeit an ihn wenden, rührt an unsere Urängste – verraten und komplett verlassen zu sein von allen, hilflos ausgesetzt einer Gefahr, die uns ans Leben will.

Zu uns spricht dieser Film heute noch mit einer so klaren Sprache, dass wir beinahe sprachlos sind. Gegen Bigotterie und die religiöse Form der Dummheit und Barbarei kann man gar nicht genug zu Felde ziehen und wer würde behaupten, dass in der waffenseligen Landgesellschaft der USA nicht heute noch viele Typen unterwegs sind wie die Bewohner des Ortes, den wir in „Die Nacht des Jägers“ sehen, wer wollte behaupten, dass nicht falsche Prediger unterwegs sind, bei denen die Hand mit der Aufschrift „Liebe“ niemals siegen wird, auch wenn sie nicht seelisch krank sind wie Harry Powell, sondern nur andere dahingehend manipulieren, dass diese hörig werden gegenüber verführerisch einfachen und zutiefst unmenschlichen Botschaften? Und doch ist dieser Film auch bezaubernd. Szenen wie diejenige, in der Mrs. Cooper, auf der Veranda sitzend, mit dem Gewehr auf dem Schoß, und der im Garten verweilende Powell, den die resolute Dame von ihren Kindern fernhalten, dasselbe religiöse Lied singen, kann man mit rationalen Begriffen nicht beschreiben. Wie wir in diesem Moment ergriffen sind und uns gleichwohl fürchten, dass auch diese Frau sich einwickeln lassen könnte von dem schlechten Menschen mit der guten Stimme, das entzieht sich einer Bewertung oder Kategorisierung und gehört zu den großen Erlebnissen, für die man einmal begonnen hat, über das Medium Film zu schreiben. Es hat sehr lange gedauert, bis wir diesen Film endlich gesehen haben. Er hat uns wieder klar gemacht, wie viel wir noch nicht wissen. 

Nachtrag anlässlich der Veröffentlichung des Textes 2025

Mich hat es beim Lesen der Rezension ziemlich mitgenommen, und vielleicht ist es in Ordnung, dass der Film die höchste Punktzahl nach 1390 Filmrezensionen bekommt, die wir bisher vergeben haben. Man kann das über so viele Filme schreiben, die einst Gefahr, Gefahr geraunt haben, aber es ist nicht zu ändern: Diese Dämonen sind wach und sie rücken näher. 2015 war nicht abzusehen, wie die USA sich in den zehn Jahren seitdem entwickelt haben, zumindest nicht für Außenstehende, die in der Obama-Präsidentschaft einen Schritt nach vorne, nicht etwa die Einladung zur wuchtigen Erhebung des Gestern als Gegenreaktion gesehen haben. Jetzt wissen wir es besser, und vielleicht sind sie tatsächlich auch krank wie Powell, die Manipulatoren und Zerstörer der amerikanischen Demokratie, die wir heute am Werk sehen, und die eine ohnehin dem Irrsinn, der im Film beschrieben wird, sehr nahe aktuelle Stimmung weiter anheizen. Wer glaubt, das ginge uns in Europa nichts an, der liegt vollkommen falsch, diese Tendenzen, in etwas abgeschwächter Form und natürlich immer um ein paar Jahre hinter dem US-Trend, gibt es hier auch. Wir stellen uns auf verschiedene Weise dagegen, indem wir zum Beispiel Sonder-Abwertungen für Diskriminierungen und Rassismus in Filmen eingeführt haben. Gerade US-Filme verlieren dadurch nicht selten ind der Schlussbewertung.

Hingegen kann man Laughtons „Die Nacht des Jägers“ nicht  hoch genug einschätzen. Zwei Punkte, die höchste mögliche Zahl ohne Neusichtung, haben wir trotzdem abgezogen, weil wir ein Quäntchen mehr Luft nach oben schaffen wollten. Für welchen Film auch immer, der noch seinen Weg zum Filmfest finden mag. 

Der Film ist mittlerweile nicht mehr in der Top-250-Liste der IMdb, er war dort von 1999 bis 2016 gelistet. Den Grund dafür, dass er mit 8,0/10 zwar immer noch sehr gut, aber nicht mehr so herausragend bewertet wird, dass er in der Liste (ab 8,1/10) verbleiben könnte? Mein Gedankengang war zunächst dieser: Nach meiner Ansicht gehen progressive Filme, und dies ist ein  progressiver Film, in der Publikumsgusnt rückwärts, gemäß dem allgemeinen gesellschaftlichen Trend. Zu entlarvend, zu ehrlich in aller Stilisierung, zu viel in einem Zeitalter, in dem bigotte evangelikale Radikale in den USA immer mehr an Einfluss gewinnen. Dachte ich, bis ich mir den „Länder-Breakdown“ angeschaut habe, in dem die Länder gelistet sind, aus denen die meisten Stimmen kommen (Deutschland ist nicht dabei). Die Durchschnittsbewertung in den USA liegt tatsächlich bei 8,2/10 und die der anderen genannten Länder bei 8,0 (UK) bei 8,1 (Kanada, Spandien) oder ebenfalls bei 8,2 (Frankreich). Das würde bedeuten, dass vor allem aus hier nicht genannten Ländern, aus denen summarisch aber doch ein großer Anteil der Abstimmenden stammt, der Durchschnitt gedrückt wurde, was wieder ein anderes Narrativ beflügelt: Der Hang weiter Teile der Kino-Weltbevölkerung zu seichter Ware, die ganz anders funktioniert als dieser Film, der dessen Codes am westlich-christlichen Weltverständnis und einer Fehlstellung in diesem Verständnis orientiert ist.

93/100 

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

Regie Charles Laughton
Drehbuch James Agee (und Charles Laughton, ungenannt)
Produktion Paul Gregory
Musik Walter Schumann
Kamera Stanley Cortez
Schnitt Robert Golden
Besetzung

 


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