Kokowääh (DE 2011) #Filmfest 1391

Filmfest 1391 Cinema

Coq au Vin im Patchwork

Kokowääh ist eine deutsche Filmkomödie aus dem Jahr 2011. Hauptdarsteller Til Schweiger führte Regie und schrieb zusammen mit Béla Jarzyk auch das Drehbuch.

Kritiker raunen, dass alle Schweiger-Komödien, die er selbst inszeniert hat, das gleiche Muster aufweisen. Aufgrund eines Benennungsfehlers von Videodatein haben wir jetzt aber mit „Kokowääh“ angefangen, während die älteren Filme „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ noch auf eine Rezension warten. Wir haben ersteren aber seinerzeit sogar im Kino gesehen – mit welcher naiven Frau bloß? – und wissen zumindest, dass zumindest der erste der Tiernamenfilme formal noch nicht ganz so gebügelt und hollywoodmäßig aufbereitet ist wie „Kokowääh“.

Handlung (1)

Henry schreibt Drehbücher für eine Serie und muss erfahren, dass diese aus Mangel an Erfolg eingestellt wird. Doch seine Agentin hat ein neues Projekt für ihn: Das Drehbuch für eine Romanverfilmung. Der Roman stammt von seiner Ex Katharina und sie hat die Idee aus seinem Papierkorb geklaut, als die Beziehung zu Ende war. Man versucht, sich zusammenzuraufen wegen der Arbeit.

Eines Abends steht das 8jährige Mädchen Magdalena vor der Tür zu Henrys Loft und sagt, sie sei von ihrer Mutter geschickt worden. Es stellt sich heraus, dass Henry während der Beziehung mit Katharina ein Kind mit Charlotte gemacht hat, die gerade Tristan heiraten wollte, was sie dann auch getan hat. Das Kind kommt deshalb plötzlich zu Henry, weil Charlotte sich von Tristan getrennt hat, nach New York muss und dorthin die Tochter nicht mitnehmen kann oder möchte.

Magdalena fackelt beinahe Henrys Bude ab, der lernt ihren Vater kennen und die beiden Männer haben gute und schlechte Zeiten, ebenso Henry und Katharina beim gemeinsamen Schreiben. Eines Abends steht erst Tristan vor der Tür von Henry, dann Katharina und kurz hintereinander erfahren das Mädchen und Katharina, dass Magdalena die leibliche Tochter von Henry ist. Derweil kommen Tristan und Charlotte einander wieder näher und wollen das Kind wieder für sich haben.

Katharina ist wütend, dass Henry während ihrer gemeinsamen Zeit ein Kind mit einer anderen gemacht hat und cancelt das Projekt Buchverfilmung. Henry ist einsam und schreibt das Drehbuch zu „Kokowääh“ mit offenem Ende, das genau die Ereignisse der bisherigen Handlung beinhaltet, die noch nicht abgeschlossen ist. Die Familie von Magdalena einigt sich mit Henry auf eine Zeitregelung und gemeinsames Einkaufen mit dem Mädchen, auch mit Katharina wenden sich die Dinge zum Besseren, weil sie das Drehbuch mag und die Anspielung mit dem offenen Ende verstanden hat. Schlussendlich sieht man die vier Hauptpersonen und das Kind in unterschiedlichen Sommer-Freizeitsituationen.

Rezension 

Und über Muster schreiben wir erst, wenn wir sie feststellen können. Wir haben so schon Mühe genug mit Schweiger, und die ist durch unsere Artikelserie „Tatort-Anthologie“ bedingt. Da sieht man dieses beinahe schon ekelhafte Gespür für das, was die Massen gerne schlucken, nämlich auch. Es geht allerdings in eine unerfreuliche Richtung, die man in „Kokowääh“ nicht sieht, nämlich hin zu exzessiver Gewalt und einer Action, die Handlung beinahe komplett ersetzt.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: Die Schweiger-Tatorte waren 2014 noch eine Novität, ihre Rezeption vor allem bei versierten Tatort-Sehern entwickelte sich alsbald sehr negativ, ebenso wie die Quoten.

Dass hingegen „Kokowääh“ keine Handlung hat, kann man nicht behaupten. Er hat geradezu eine prototypische Handlung, die alle Patchworkfamilien dieser Welt verstehen, und wohl nicht nur sie, sonst könnten wir nicht über den Film verständig schreiben.

Die Frage, die man sich bei Schweiger-Komödien besser schon zu Beginn der Besprechung stellt, ist, ob man ihn dafür runtermachen darf, dass er in Hollywood gelernt hat, wie man das Massenpublikum immer wieder auf seine Seite zieht, ohne sich in überflüssigen Ansprüchen und verkopften Konstruktionen zu verfangen. Es gibt gegenüber Hollywoodproduktionen ähnlichen Familienstoff-Kalibers sogar eine Art Plus und ein Minus. Erstmal das Minus: Bei allem Schmalz, den Hollywoodfilme oft haben, die Handlungen sind zumindest bei einigermaßen hochwertigen Produktionen durchdachter als die von „Kokowääh“. Dass Schweiger mit so vielen fragwürdigen Twists bei so einfachem Plot durchkommt, wirft ein Schlaglicht auf die Art, wie die meisten Menschen Medien konsumieren. Hollywoodfilme sind in sich meist logischer aufgebaut. Andererseits ist „Kokowääh“ so auf Hochglanz gebügelt, das trauen sie sich selbst in der Traumfabrik kaum, obwohl die Tendenz zu den geleckten Bildern dort in den 1990ern einen großen Auftrieb erfahren hat, und daran hat sich seitdem wenig geändert.

Anmerkung 2 anlässlich der Veröffentlichung 2025: Wenn damit die RomComs der 1990er mit Hochlganz-Effekt gemeint sind, die waren 2014 schon eher nicht mehr der ästhetische Maßstab, sondern eine eher ausgewaschene, raue Farbgebung hatte sich durchgesetzt, allerdings auch abhängig vom Genre.

Wie Schweiger hier eine Sommersonnenstimmung inszeniert und nebenbei die Stadt Berlin, das hat etwas Surreales und alles ist mindestens zwei Nummern größer als in der Wirklichkeit. Das Loft, das Säulenhaus der Freundin, das Säulenhaus des Zahnarztes – schade, dass man nicht Autos aufs Doppelte der normalen Größe aufblasen kann, ohne dass das Surrealistische dann doch zu sehr ins für Jedermann erkennbare driftet. Aber jeder einzelne Statist ist so gecastet und ausgestattet, dass die Amerikaner, die den Film gezeigt bekamen – und sie durften ihn gucken, weil er von Warner Brothers vertrieben wird, einen wirklich irren Eindruck von der Stadt, in der wir leben, und von ihren Menschen bekommen. Kein Wunder, dass jedes Jahr mehr Touristen hier einfallen und sich das alles live reinziehen wollen. Ein Scherz. Gottseidank.

Aber es liegt in der Zeit und wird gerne genommen. In den neueren Tatorten hat Berlin einen kühlen, technisch wirkenden Glanz, der aber genauso abstrakt wirkt wie der warme Sommerglanz mit diesen Pastellfarben, in denen der Film über weite Teile gehalten ist. Luszente Farben sind zwar auch nicht mehr der letzte Schrei, aber sie schaffen eine Atmosphäre, die uns schon ahnen lässt, was inhaltlich angesagt ist: Alles wird gut.

Klar wissen wir das vorher, wie bei tausend anderen Filmen auch. Das ist nicht der Punkt. Für uns ist das Eskapistische an solchen vordergründig von echten Problemen handelnden Filmen das Problem, nicht nur, wenn sie von Till Schweiger kommen, das wollen wir klarstellen. Wir kennen genug Menschen, die zwei Euro für die Leihe oder zehn Euro fürs Kino ausgeben, um einen solchen Film anzuschauen. Wir haben gewartet, bis er im Free TV gezeigt wurde und leihen lieber einen seltenen, ziemlich ernsthaften Hitchcock, falls kommerzielle Verleihe derlei führen. Welche Sichtweise sollen wir einnehmen, die der Kinofans? Mit 4,7 Millionen Kinobesuchern in Deutschland war „Kokowääh“ nicht weniger als ein Hit, der zumindest hierzulande mit internationalen Produktionen konkurrieren konnte. Wo wäre der deutsche Film zuschauermäßig seit dem Tod von Bernd Eichinger, wenn es Till Schweiger nicht gäbe?

Wir haben „Kokowääh“ heute auch aus dem Archiv geholt, weil wir gestern über „Der bewegte Mann“ geschrieben hatten und dachten, das passt doch. Was macht Schweiger siebzehn Jahre nach dieser Schwulen-Hetero-Komödie von Söhnke Wortmann, die übrigens noch mehr Zuschauer in die Kinosääle lockte (6,5 Millionen) und in der Schweiger ebenfalls die männliche Hauptrolle spielt.

Für die Originalität und die Qualität der Dialoge ist es besser, wenn jemand anderes und nicht Schweiger selbst für die Inszenierung und das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Das zu schreiben, ist aber auch ein wenig ungerecht, weil „Der bewegte Mann“ auf Comicbüchern beruht, die von sich aus viel schärfer und witziger sind und nur adäquat ins Filmische übertragen werden mussten.

Schweiger, das haben wir auch schon bemerkt, ist zwar kein sehr vielseitiger Schauspieler, aber hat schon in vielen verschiedenen Genres mitgewirkt. Man kann auch positiv vermerken, dass er sich dabei immer treu und erkennbar geblieben ist und nicht diesen Schnickschnack mit der totalen Annahme eine dem eigenen Charakter und Milieu fremden Rolle durch konsequentes Hineinversetzen in die Figur mitgemacht hat. Mit grandiosen Charakterdarstellungen kann man Kinogeschichte schreiben, aber sie sind nicht notwendig, um einen Beziehungsfilm knuffig wirken zu lassen – wozu hier auch Schweigers Tochter Emma beiträgt.

Wir befürchten zwar, dass auch sie keine Großdarstellerin wird, sie hat eine wurschtig-nervende Art wie viele andere Kinder und ist niedlich genug, Familienfilmgucker für sich einzunehmen, aber sie ist keine Shirley Temple, denn dann würde hierzulande der Neid ausbrechen, wo doch jeder die besten aller Kinder haben will, besonders am Prenzlberg, wo wir innerhalb Berlins einen guten Teil des Schweigerpublikums vermuten, seit es dort schwäbische Bäckereien gibt.

Die Wahrheit ist, wir haben uns mit Schweiger in diesem Film ganz gut arrangiert, nachdem sich bei seiner Tatort-Rolle die zuvor gehegten Befürchtungen leider bestätigt hatten. In Komödien, die mehr aus der Handlung und weniger aus den Typen heraus generiert werden, ist er nicht schlecht und der Film ist auch nicht schlecht. Klar, alles Versatzstücke, die uns hier geboten werden, und wie die Patchworker hier ihre Probleme lösen, davon können reale Familien dieser Art vielleicht nur träumen. Aber stimmt das wirklich? Wir kennen einige solcher Gemeinschaften, die sich  gut arrangiert haben und sehr souverän mit ihren Trennungen und den Folgen für die Kinder umgehen und eine eigenwillige Kraft und Dynamik aus den  Umständen gewinnen, so, wie der Film es auch zeigt.

Der Plot ist nicht logischer als manchmal das Leben ist – welche Mutter schickt ihr Kind mit schönem Gruß an den Vater, der das Kind nie zuvor gesehen hat und dampft nach New York ab? Welche Tochter, die zum denkenden Mensch erzogen werden sollte, wird zur Radikalmusilma in Tiefschwarz, wobei Trennungskonflikte der Eltern offenbar auch eine Rolle spielen? Klingt viel aberwitziger, kennen wir aber anhand eines Falles aus unserem Umfeld. Wenn wir die Story als Drehbuch schreiben würden, sind wir nicht sicher, ob es einen Abnehmer finden würde, denn logisch ist das Verhalten einiger handelnder Personen in dem Stück gewiss nicht.

Was uns eher stört und was wirklich zu sehr Hollywood abgeschaut ist, das ist die angesprochene Überdimensionierung von allem. Klar ist das geschickt gemacht, denn die Leute wollen zwar irgendwo ihr eigenes Ding im Film wiedererkennen, aber auf eine Weise verschönt und angereichert, die das eigene Ding hebt. Das Worst-Case-Szenario hingegen ist etwas für Beamte mit intellektuellem Anspruch, denen im wirklichen Leben nicht viel passieren kann und die sich daher entspannt das Desaster im Leben der Anderen anschauen können.

Finale

Es könnte doch alles viel schlimmer sein. Verfilmungen bekannter Schmonzetten-Autorinnen beweisen es. Bei Schweiger wirkt wenigstens alles irgendwie hip und nicht so altbacken wie in den angesprochenen Filmen. Schweiger spricht die Generation zwischen 30 und 50 an, nicht die Rentner. Darauf ist die Ästhetik des Films abgestimmt, was wiederum mit der Medienrezeption dieser Generation zu tun hat.

Schweiger hat mal gesagt, er ziele nicht auf Filmpreise. Ironischerweise bekommen aber Filme wie „Kokowääh“ genau solche – nämlich dort, wo die Verbreitung, mithin der Erfolg, geehrt wird, weniger der künstlerische Anspruch. Das ist doch okay. Einen zweiten Teil gab es wegen des Erfolgs des ersten auch (2013).

64/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

Regie Til Schweiger
Drehbuch Til Schweiger,
Béla Jarzyk
Produktion Til Schweiger,
Thomas Zickler
Musik Dirk Reichardt,
Mirko Schaffer,
Martin Todsharow
Kamera Christof Wahl
Schnitt Constantin von Seld
Besetzung

 

 


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar