Filmfest 1392 – zu Hause
Liebe und andere Unfälle. Schweizerischer Spielfilm aus dem Jahr 2012. Premiere feierte die romantische Komödie unter der Regie von Tom Gerber im Rahmen der Solothurner Filmtage 2012. Der Film erhielt eine Nomination in der Kategorie Prix du Public 2012. Lea Hadorn wurde für ihre Rolle als Marie Meier mit dem Schweizer Fernsehfilmpreis als Beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet.
Im Rahmen der zweiten deutschsprachigen Filmchronologie (Weimarer Kino und ab der Einführung des Tonfilms ein Film pro Jahr) haben wir schon mehrere Filme aus der Schweiz und aus Österreich vorgestellt, für das Jahr 2012 haben wir uns wieder für eine Produktion aus der Schweiz entschieden. Allerdings handelt es sich um einen Fernsehfilm, daher ist er als „Filmfest – zu Hause“ eingeordnet.
„Ein guter Plot ist bei einer Komödie meist schon fast die halbe Miete. Und dieser Plot ist im Regiedebüt von Thomas Gerber ja gar nicht mal so übel: Selbstgefälliger Arschloch-Banker mit Amnesie findet sich plötzlich als währschafter Milchbauer wieder. Man kann die Slapstickszenen förmlich riechen, die sich daraus ergeben – selbstredend, dass weder Traktor, Melkschemel noch Mistgabel fehlen dürfen. (…)
Handlung (mehrere Quellen)
Unverhofft kommt oft – oder wie aus einem ehrgeizigen Banker ein tüchtiger Bauer wurde. Romantische Komödie mit Lea Hadorn, Beat Marti, Heidi Maria Glössner, Andreas Matti und anderen. Eine SRF Fernsehfilmkomödie von Tom Gerber aus dem Jahr 2012.
Marie Meier, eine alleinerziehende Milchbäuerin, hat es mehrfach versäumt, ihre Schulden bei der Bank zu begleichen. Eines Tages steht Philip Sturzenegger, Manager der SWC Bank, vor der Tür und droht mit der Pfändung des Hofes. Doch bevor er seine Drohung wahr machen kann, prallt er mit seinem Sportwagen gegen einen Baum und erleidet eine schwere Amnesie. In einer Mischung aus Panik, Ratlosigkeit und gefährlichem Übermut behauptet Marie gegenüber dem verwirrten Sturzenegger, er sei der Bauer auf dem Hof. Philip ist ab jetzt also nicht nur Bauer, sondern auch und vor allem ihr Ehemann. (Swissfilms)
Milchbäuerin Marie Meier (Lea Hadorn) ist mit den Kreditzahlungen an ihre Bank Monate im Verzug. Doch das kümmert sie wenig. Irgendwie kriegt sie ihre Familie und die Tiere schon über die Runden. Das hofft sie zumindest.
Eines Tages steht jedoch der attraktive, aufstrebende Banker Philipp (Beat Marti) vor ihrer Tür. Er soll die Wirtschaftlichkeit des Hofes prüfen. Was sie nicht weiss: Er hat das Land bereits einem zahlungskräftigen Kunden seiner Bank versprochen. Philipp rechnet Marie indessen minutiös vor, wie unrentabel ihr Bauernbetrieb sei, und droht ihr mit der Zwangsversteigerung, falls sie die Kreditschulden nicht innert nützlicher Frist zurückzahlen könne.
Als Philipp siegessicher mit seinem Sportwagen vom Hof braust, fährt er in ein Schlagloch, kommt ins Schleudern und knallt gegen einen Heuwagen. In Panik holt Marie den Bewusstlosen in ihr Haus. Schließlich will sie die Situation retten und Hof, Haus und Buchhaltung sofort in Ordnung bringen. Als Philipp aufwacht und nicht mehr weiß, wer er ist, nützt Marie die Gunst der Stunde und tischt ihm eine dicke Notlüge auf. Von nun an ist er Micky: Milchbauer und Maries Ehemann – natürlich nur so lange, bis Marie ihre Papiere bereinigt und den Hof auf Vordermann gebracht hat. So lautet zumindest ihr Plan. Doch wie es sich für eine waschechte romantische Komödie gehört, kommt schließlich alles anders als gedacht.
Rezension
„(…) Mindestens so holprig wie eine Traktorfahrt ist allerdings auch die Handlung. Zudem spielt die Geschichte in einer Art Paralleluniversum. Einem Paralleluniversum, in dem ein Banker als Fussballtrainier begnadeter ist als Lucien Favre; in dem ein heikles Beweisstück in Form eines knallroten Sportwagens spurlos verschwinden kann; in dem ein Bauernjunge in fünf Minuten eine Photoshop-Fälschung hinkriegt, die danach nicht als solche erkannt werden kann; und in dem schließlich aus einem Super-Kotzbrocken ein guter Mensch wird, wenn er nur eben schnell das Gedächtnis verliert.“ (Kritik bei OutNow.ch)
Die Frage ist zunächst, wie ich dazu kam, einen Schweizer Fernsehfilm des Jahres 2012 anzuschauen. Normalerweise tue ich das nur, wenn das Label Tatort drübersteht und die Schweizer Tatorte sind ja auch ganz schön umstritten. Unter anderem aus einem Grund, der wohl auch „Liebe und andere Unfälle“ belastet. Die in 3Sat gezeigte Version war offenbar in Hochdeutsche synchronisiert, und das nimmt diesen Filmen unglaublich viel Charme weg. Was die einzige Kritik, die ich in der IMDb gefunden habe, schreibt, bleibt aber wohl ziemlich dicht an meinem eigenen Eindruck, obwohl sie sich auf die „Originalversion“ beziehen dürfte.
Meine Session mit diesem Film entsprang der Befassung mit dem Schweizer Kino (die Schweizer selbst sagen Schweizerkino) an zwei 3Sat-Thementagen, die genau diesen Schwerpunkt zum Inhalt hatten. Und das Schweizerkino beginnt ja im Wesentlichen mit den Arbeiten der Praesens-Film aus den 1930ern und 1940ern und darunter sind einige beachtliche, gut gemachte Werke. In der Frühzeit des nationalen Filmschaffens kamen überwiegend ernste Filme heraus, die Komödien ab den 1950ern. Und irgendwann ging die Praesens-Film den Weg alles Irdischen. Damit auch ein paar moderne Filme dabei sind, hat man zum Beispiel die Militärschwänke („Achtung, fertig, Charlie“) aus den 2000ern gezeigt oder „Julie und die Dickschädel“ aus den 1990ern. Letzteren fand ich ganz reizend und er hatte eine Hauptdarstellerin, welche die Bäuerin, die aus der Stadt kam, glaubwürdiger verkörperte als hier Lea Hadorn eine Bäuerin, die immer schon Bäuerin war. Die Rezensionen zu diesen beiden Filmen sind noch nicht veröffentlicht.
„Liebe und andere Unfälle“ ist ziemlich seicht, daran führt kein Weg vorbei. Wenn ich nicht gerade einen solchen Thementag abarbeite, versuche ich, das Anschauen solcher Filme zu vermeiden, weil der Aufwand an Lebenszeit fürs Anschauen und für die Rezension in keinem guten Verhältnis zum Wert des Films steht. Das Spiel der Darsteller hätte ich sicher mit dem Schweizer Dialekt besser beurteilen können, falls ich ihn verstanden hätte, aber mit der erwähnten Übersetzung hatte ich den Eindruck, dass Beat Marti der einzige Profi auf der Besetzungsliste war. Er hat in der IMDb auch als einziger der Darsteller eine längere Filmografie.
Natürlich hat ein Film wie dieser keinen künstlerischen Anspruch, sondern soll unterhalten. Das hat er bei mir aber nur in bescheidenem Ausmaß getan, weil eben doch zu krude konstruiert und bezüglich seiner Gags zu schlicht und zu vorhersehbar. Allerdings kam da noch etwas hinzu: Die Schweizer haben es echt schwer, bankenkritische Filme zu machen, wie es 2012, also nach dem offiziellen Ende der Bankenkrise, doch wunderbar gepasst hätte. Der Banker wird hier nicht etwa als so inkompetent dargestellt, wie Banker oft sind, sondern erst einmal als fies, aber versiert, dann als nett und auf anderem Gebiet versiert. Vielleicht sind die Schweizer Banker ja wirklich besser als unsere, aber sie haben auch ideale Bedingungen für ihre Arbeit.
Dass der Mann unhinterfragt den Bauernhof sofort auf Effizienz trimmt und eine schlappe Million Franken für seine Rückersteigerung ausgeben kann, ist sehr fantasievoll. Aber wohl die typische Schweizer Lösung aller Probleme und demgemäß finden die Einheimischen das witzig. Die soziale Sensibilität muss in einem Land, in dem die Leute nicht so heruntergeritten werden wie bei uns, vielleicht auch nicht so hoch sein wie bei uns. Trotzdem könnte die Bankenkritik etwas profunder und glaubwürdiger ausfallen, falls eine solche überhaupt beabsichtigt war. Es gibt einheimische Filme, die sich kritisch damit auseinandersetzen, dass die Schweiz einen Teil ihres Reichtums auch der Funktion als Sammelstelle für Blutkapital aus aller Welt verdankt, dieser gehört gewiss nicht dazu, sie gehören auch eher dem Dokumentarfilmbereich an.
Finale
Ich kann den Film nun nicht besser bewerten, als wenn er aus Deutschland oder den USA stammen würde, nur, weil die Filmproduktion in der Schweiz aus Gründen der Größe ebenjener Produktion nicht so viele gute Werke hervorbringen kann. Einige auch der jüngeren Schweizer Komödien fand ich recht gelungen, zuletzt „Les grandes Ondes“, der ebenfalls im Rahmen des zweiten Schweizer Thementags lief und lieb und originell gemacht war. Doch „Liebe und andere Unfälle“ ist eben doch zu flach, um mit Unterstützung der pittoresken Umgebung der hohen Alpen auf ein auskömmliches Niveau gehoben zu werden, und von der Tendenz zu brav und systemaffirmativ.
45/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2018)
- World Premiere
- January 2012
- directed by
- Thomas Gerber
- Written by
- Kirsten Peters, Patrick Karpiczenko, Thomas Gerber, Don Schubert
- Cinematography
- Hans Meier, Valentino Vigniti
- Lea Hadorn as Marie
Beat Marti as Philipp
Aaron Hitz as André
Heidi Maria Glössner as Ursula
Nino de Perrot as Jonas
Susanne Kunz as Anna
Carol Schuler as Rosa Rehbein
Andreas Matti as Polizist
Tiziana Jelmini as Trudy
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