Filmfest 1393 Cinema
Paris qui dort (dt.: „Paris schläft“) ist ein französischer Stummfilm von René Clair aus dem Jahr 1925.
Wer kennt nicht „Unter den Dächern von Paris“ von René Clair, der fünf Jahre nach „Paris schläft“ entstand. „Unter den Dächern“ war möglicherweise der erste Film des Poetischen Realismus, den ich gesehen habe; er hat diese Stilrichtung auch mitbegründet. Ich hatte einmal versucht, eine Kurzgeschichte zu schreiben, die auf der Handlung des Films basiert, wurde aber sicher nicht damit fertig. „Paris schläft“ ist der zweite Film des damals sehr jungen Regisseurs und ich war ein wenig erstaunt, wie über ihn geschrieben wird – oder nicht geschrieben wird. Immerhin gibt es eine ausführliche Handlungsangabe in der Wikipedie, die wir ein wenig kürzen, weil wir Platz für die -> Rezension haben wollen.
Handlung[1]
Als Wächter arbeitet und wohnt ein junger Mann namens Albert auf dem Eiffelturm. Als er eines Morgens auf die Aussichtsplattform geht und sich eine Zigarette anzündet, stellt er fest, dass es bereits 10 Uhr ist. Die Straßen von Paris sind jedoch leer. Er zieht sich schließlich an und geht verwundert die Stufen des Eiffelturms hinab. Vereinzelt trifft er auf ein paar Menschen, die alle zu schlafen scheinen. Am Seine-Ufer sieht er einen Mann stehen und er glaubt, der Mann wolle in den Fluss springen und sich umbringen. Albert will ihn davon abhalten, merkt jedoch, dass der Mann wie erstarrt dasteht. In der Jackentasche des Mannes findet Albert einen Abschiedsbrief, aus dem hervorgeht, dass der Mann die Hektik der modernen Zeit nicht mehr erträgt. Bevor Albert weiter geht, legt er dem Mann eine Packung Zigaretten in die Hand.
Unterwegs trifft Albert auf einen bewegungslosen Mann in einem Auto. Er setzt sich ans Steuer, fährt los und begegnet wenig später vier Männern und einer Frau namens Hesta, die wie er bei Bewusstsein sind und sich ebenfalls über das schlafende Paris wundern. Sie erzählen ihm, dass sie am Morgen mit einem Flugzeug aus Marseille eingetroffen seien. Bereits am Flughafen befanden sich alle Menschen in tiefem Schlaf. Sie fragen sich nun, warum sie im Gegensatz zu allen anderen bei Bewusstsein sind. Da das Phänomen um 3 Uhr 25 angefangen haben muss, schlussfolgern sie, dass sie verschont wurden, weil sie sich zu dieser Zeit alle in der Luft befanden – die vier Männer und Hesta im Flugzeug und Albert auf dem Eiffelturm.
Einer der Männer, ein vermögender Händler, will zu einer Frau, die er heiraten wollte. Als er an ihre Tür klopft, macht sie nicht auf. Ein anderer Mann kann die Tür schließlich öffnen und sie finden die Frau bewusstlos mit einem fremden Mann vor. Ihr Verlobter wird wütend, weshalb ihn die anderen wieder aus dem Haus schaffen. Die folgende Nacht verbringen sie auf dem Eiffelturm. Am nächsten Morgen gehen sie in ein Restaurant, um zu frühstücken. Später spielen sie auf dem Eiffelturm Karten. Schon bald jedoch beginnen sie sich zu langweilen. Die Männer stellen schließlich fest, dass Hesta die einzige Frau in ihrer Umgebung ist, die nicht erstarrt ist. Sie beginnen, um ihre Aufmerksamkeit zu buhlen, und fangen an, sich aus Eifersucht zu schlagen. Über Funk spricht zu ihnen plötzlich eine Frauenstimme, die sie bittet, zur Rue Croissy Nummer 2 zu kommen. Albert und die anderen machen sich umgehend auf den Weg.
Als sie an besagter Adresse ankommen, öffnen sie ein Fenster, worauf eine junge Frau erscheint. Ihr Onkel ist Wissenschaftler und hat eine neue Art von Strahlung entdeckt, die die Welt zum Stillstand bringt, jedoch nur eine bestimmte Höhe erreicht. Gemeinsam gehen sie ins Haus und fallen über den Wissenschaftler her. Dieser gibt zu, nicht daran gedacht zu haben, die Menschen aus ihrem künstlichen Schlaf wieder aufzuwecken. Über mehrere Stunden versucht er, die passende Formel aufzustellen. Um 3 Uhr 25 betätigt er den Hebel seiner Strahlenmaschine, worauf alle Menschen wieder erwachen. Daraufhin schickt der Wissenschaftler die ungebetenen Gäste aus seinem Haus. Auch seine Nichte soll gehen. Diese schließt sich Albert an. Als sie merken, dass sie dringend Geld brauchen, gehen sie zurück und verwandeln Paris mit der Strahlenmaschine erneut in eine schlafende Stadt, um dann Geld aus den Taschen von Passanten zu entwenden. Da der Wissenschaftler den Hebel der Maschine jedoch ein weiteres Mal umlegt, werden Albert und seine Gefährtin festgenommen und auf ein Polizeirevier gebracht. Dort versuchen sie, den Beamten die Geschehnisse der letzten Tage zu erklären. Sie werden schließlich zu einem Arzt geführt, dem Hesta und ihre vier Begleiter bereits die gleiche Geschichte erzählt haben. Gemeinsam werden sie schließlich entlassen. Während Hesta und die vier Männer wieder abreisen, gehen Albert und die Nichte des Wissenschaftlers auf den Eiffelturm. Sie genießen den Ausblick und Albert küsst die Hand seiner Begleiterin.
Rezension
Der poetische Realismus war 1923 noch nicht geboren, als René Clair die erste Fassung von „Paris schläft“ drehte. An der Science-Fiction-Handlung bemerkt man noch die damals vorherrschende französische Stilrichtung des „Ästhetizismus“, wie Jerzy Toeplitz sie nannte und als Irrweg ansah, wie er beispielhaft von dem Film „L’Inhumaine“ verkörpert wird und überhaupt von Regisseur Marcel L’Herbier. In ihr spiegelten sich auch expressionistische und surrealistische Elemente. Der poetische Realismus ist jedoch anders gestrickt, viel lebensnäher. Auch davon sieht man in „Paris schläft“ schon ein wenig, vor allem das Ende, auch wenn es hoch über Paris stattfindet, nicht unter dessen Dächern und zwischen den Schornsteinen.
Um ehrlich zu sein, mir wurde während des Films mehrfach schwindelig. Ich habe extreme Höhenangst und bei mir reicht schon eine Bildeinstellung von oben in einen Abgrund oder in die Tiefe, um mich in dieses Gefühl zu versetzen. Viele Szenen spielen aber nun einmal hoch oben auf dem ungesicherten Eiffelturm. Es gibt keine Gitter, keine Barrieren und die Menschen dort klettern, sitzen, lassen die Beine baumeln und prügeln sich sogar, fallen hinunter, krallen sich in der Stahlkonstruktion wieder fest. Die Fotos von Details des Turms waren mir hingegen im positiven Sinne vertraut; ich hatte versucht, sie bei meinem ersten Besuch der Stadt auf ähnliche Art abzulichten, sodass die faszinierende Stahlkonstruktion hervorgehoben wird.
Zeitgenössische Kritiker sahen in dem Film in erster Linie eine Bewegungsstudie. Dem Autor und Filmkritiker René Bizet zufolge habe es René Clair „verstanden, erstaunliche Effekte aus dieser Bewegungsstudie zu ziehen“. Herausgekommen seien „komische, dramatische Überraschungseffekte“, die das Kino ausmachen würden: „Alles ist Bild, und nichts als Bild, ohne unnütze Intellektualität.“[1]
Kage Baker bezeichnete den Film rückblickend als „surrealistisches kleines Konfekt“, dessen „Zuckerguss aus Slapstick das verstörende Innere“ überziehe. Es handle sich um eine „bemerkenswerte Leistung eines noch jungen Regisseurs“.[2]
Was die nicht vorhandene Intellektualität angeht, bin ich mir nicht so sicher und finde es falsch, den Film nur auf seine Ästhetik der Bewegung und des Stillstands zu reduzieren. Die zweite Kritik geht da in ihren Details sicherlich auch tiefer. Für mich greift der Film nach dem Sinn des Lebens. In den eingefrorenen Bewegungen zeigt sich die Banalität der menschlichen Existenz, bei den Reichen auf der Party, gar bei dem Mann, der gerade in die Seine springen wollte. Er wirkt belanglos und die fünf noch beweglichen Personen im Bild eigenen sich locker die Wertgegenstände der Bewegungslosen an und haben später Probleme mit dem Finanziellen. Also versuchen sie, den Wissenschaftler dazu zu bringen, dass er die Welt noch einmal anhält, damit sie ungestört räubern können. Am Ende bleibt nur ein einziger kleiner Ring, den Albert, der Eiffelturmwärter, seiner neuen Flamme ansteckt. Die ihm mehr oder weniger zufällig zugewachsen ist, denn zunächst hat er sich für die mondänere Hesta interessiert. Selbst diese Liebe am Schluss wirkt wie dieser Zufall des Lebens, der so anti-schicksalhaft daherkommt. Es ist comme ci, comme ca, und das ist so charmant an einigen französischen Filmen, die noch entstehen sollten, auch unter – in den frühen 1930ern führender – Mitwirkung von René Clair, dessen Arbeiten vor allem für die leichtere, heitere Seite des poetischen Realismus stehen. Ende der 1930er schaut auch das Schicksal zur Tür herein, dominiert die Menschen und schafft die düstere Spielart dieser Stilrichtung. Kein Wunder, wenn man die politische Entwicklung in diesem Zeitraum bedenkt, dass diese Richtung immer dominanter wurde. Da war René Clair aber schon nicht mehr in Frankreich, um sie mitzutragen oder ihr etwas entgegenzusetzen. Etwas Fantastisches vielleicht, wie „Paris schläft“, dessen Drehbuch er zunächst unter dem Titel „Le Rayon diabolique“ verfasst hatte.
Eine Gesellschaft, die irgendwie keinen Zweck zu haben scheint, nicht einmal der Wächter des Leuchtturms hat mehr als einen leeren Raum, den er bewohnt, er wirkt nicht wie ein Instandhaltungstechniker oder Touristenführer. Er ist ein Wissenschaftler, der mit dem Grundstoff des Lebens, der Zeit, experimentiert, dabei aber vergisst, Menschen zu erfassen, die oberhalb des Radars oder seiner Strahlen dem Himmel näher sind; dies eher zufällig. Sie sind es nicht, weil sie auserwählt wirken, sondern, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort von einer bestimmten Manipulation ausgenommen bleiben.
Finale
Auch wenn sie für mich persönlich etwas schwierig waren: Die Szenen auf dem Eiffelturm sind fraglos sehr impressiv gefilmt, den Slapstick ausgerechnet dort auszuführen, liegt nah, ist effektvoll und nicht alltäglich. Zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Film angeschaut und die Rezension geschrieben hatte, war hatte Arte gerade seine Mediathek mit besonders vielen schönen oder wichtigen älteren Filmen bestückt, dieser war zu dem Zeitpunkt gerade der Betagteste, feierte seinen hundertsten Geburtsgag, wenn man von der ursprünglichen Kurzfassung aus dem Jahr 1923 ausgeht, die zwei Jahre später auf das Doppelte verlängert und in (beinahe) in dieser Form restauriert und gezeigt wurde (57 Minuten auf Arte, 61 Minuten in der ursprünglichen Restaurierung).
Nachträglich kann man „Paris schläft“ freilich gut als Bindeglied zwischen dem wahlweise exquisiten oder eklektischen Zeitstil des französischen Kinos und dem entstehenden poetischen Realismus einordnen, aber wenn ich den Film für sich betrachte, weist er eher auf die Werke hin, in denen getriebene Geister die Welt verändern wollen, wie es sie in Deutschland zu der Zeit ebenfalls gab, angefangen mit Dr. Mabuse. Der Wissenschaftler in „Paris schläft“ hat keine erkennbare Mission, er experimentiert eben herum und sorgt für eine mittlere Sause unter Menschen, die es mit dem Eigentum anderer und auch den Gefühlen anderer nicht so genau nehmen. Es ist eher ein Abschied von dem Stil, der diesen Darstellungen frönt, als eine Wende hin zu den wundervollen Typen, die den poetischen Realismus beglänzten. Letzteres sieht man in Ansätzen, Ersteres dominiert die Handlung und damit die Herangehensweise des erst 25-jährigen Clair (bzw. 27 nach der Entstehung der Zweitfassung).
70/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2023)
| Regie | René Clair |
|---|---|
| Drehbuch | René Clair |
| Produktion | Henri Diamant-Berger |
| Musik | Jean Wiener, Karol Beffa |
| Kamera | Maurice Desfassiaux, Paul Guichard |
| Schnitt | René Clair |
| Besetzung | |
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[1] Paris qui dort – Wikipedia
[1] Paris qui dort – Wikipedia
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