Briefing Economy Wirtschaft, BIP, Quartalszahlen, BIP 2024 nach Bundesländern, Stagnation, Rezession, Dauerkrise, keine strategische Wirtschaftspolitik, Bashing statt Konzepte
Die Spatzen, sofern noch vorhanden, pfeifen es von den Dächern: Die deutsche Wirtschaft läuft nicht. Gewiss hat das aktuell mit der Trumpschen Zollpolitik und anderen Widerwärtigkeiten des Welthandels zu tun, aber die Probleme begannen weitaus früher und wurden von der Politik mehr oder weniger ignoriert. Wir haben vielfach darüber geschrieben, deswegen sehen wir den Artikel mit den aktuellsten BIP-Zahlen als Ergänzung zu dieser Berichterstattung an. Statista hat eine Grafik auf Quartalsbasis erstellt, die der aktuellen Nachrichtenlage folgt, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2025 noch schlechter abgeschnitten hat, als die ohnehin niedrigen Erwartungen lagen. Und wir haben die Informationen um Zahlen aus dem Jahr 2024 ergänzt und betrachten die Entwicklung 2024 in den einzelnen Bundesländern. Dazu auch im Wesentlichen der heutige Kommentar.
Infografik: Wie entwickelt sich die deutsche Wirtschaft im EU-Vergleich? | Statista
Zusammenfassung des Infografik-Texts: Wirtschaftsentwicklung Deutschland im EU-Vergleich
Das Wachstum der deutschen Wirtschaft ist zuletzt schwächer als im EU-Schnitt. Hauptgründe dafür sind laut Experten: hohe Energiepreise, starke Exportabhängigkeit, schwächelnde Industrieproduktion, Fachkräftemangel, Investitionszurückhaltung und Bürokratie. Während der Exportsektor früher Stärke war, wird er durch internationale Handelskonflikte zur Schwäche. Hoffnung besteht durch eine Annäherung zwischen USA und EU (Senkung der US-Autozölle im Tausch gegen Erleichterungen für US-Produkte in der EU). Die Prognosen für 2025 wurden vom IWF zuletzt leicht angehoben: Er erwartet nun ein Mini-Wachstum von 0,1 % für Deutschland. Insgesamt bleibt aber die Unsicherheit aufgrund der US-Zollpolitik hoch.statista+2
Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) war im Jahr 2024 preisbereinigt um 0,2 % gegenüber dem Vorjahr gesunken. Damit setzte sich die wirtschaftliche Schwächephase fort, denn bereits 2023 war das BIP um 0,3 % zurückgegangen. Diese Entwicklung bedeutet, dass Deutschland zwei Jahre in Folge eine schrumpfende Wirtschaft verzeichnete – zuletzt war dies vor mehr als 20 Jahren der Fall. Nominal stieg das BIP 2024 zwar auf rund 4,31 Billionen Euro an, dies ist jedoch allein auf inflationsbedingte Preiseffekte zurückzuführen, während die reale Wirtschaftsleistung weiter rückläufig blieb.zdfheute+2
Hauptursachen für das Schrumpfen waren anhaltende strukturelle Belastungen wie hohe Energiekosten, schwache Auslandsnachfrage, Konkurrenzdruck auf Exportmärkten, hohe Zinsen und eine weiterhin große Unsicherheit bei Unternehmen und Investitionen.statista+1
Wirtschaftliche Entwicklung 2024 nach Bundesländern
|
Bundesland |
BIP (Mio. EUR) |
Wachstum 2024 (%) |
|
Hamburg |
161.856 |
1,7% |
|
Mecklenburg-Vorpommern |
61.245 |
1,3% |
|
Schleswig-Holstein |
126.829 |
1,2% |
|
Berlin |
207.058 |
0,8% |
|
Hessen |
368.298 |
0,6% |
|
Niedersachsen |
381.267 |
0,4% |
|
Sachsen |
161.910 |
-0,4% |
|
Nordrhein-Westfalen |
871.867 |
-0,4% |
|
Baden-Württemberg |
650.225 |
-0,4% |
|
Brandenburg |
97.540 |
-0,7% |
|
Sachsen-Anhalt |
79.421 |
-0,9% |
|
Bayern |
791.603 |
-1,0% |
|
Bremen |
41.357 |
-1,0% |
|
Rheinland-Pfalz |
184.043 |
-1,1% |
|
Thüringen |
78.150 |
-1,3% |
|
Saarland |
42.589 |
-1,9% |
Die norddeutschen Bundesländer und die Stadtstaaten schnitten 2024 deutlich besser ab, während insbesondere Bayern, Saarland, Thüringen und Rheinland-Pfalz unterdurchschnittlich abschnitten.
Kommentare zur aktuellen Wirtschaftsflaute (2025)
- Die deutsche Wirtschaft befindet sich laut Statistischem Bundesamt seit zwei Jahren in einer Rezession. Besonders betroffen sind Industrie und Bau.zeit+1
- Die Hoffnung auf eine Erholung hat sich im Sommer 2025 zerschlagen, da das BIP im zweiten Quartal überraschend stark um 0,3 % zum Vorquartal gesunken ist; zuvor wurde nur -0,1 % geschätzt.telepolis+2
- Gründe sind schlechtere Entwicklung von Bau und Industrie sowie eine Korrektur beim privaten Konsum.
- Ulrich Kater (Chefvolkswirt DekaBank): „Die ersten beiden Quartale waren stark von der spektakulären Zollpolitik der USA beeinflusst. Zuerst gab es Vorzieheffekte, jetzt wird abgewartet.“ Auch viele Ökonomen in Banken und Instituten rechnen nicht mit einer schnellen Erholung.tagesschau
IWF-Prognose vs. aktuelle Entwicklung
- IWF (Juli 2025): Hatte seine Prognose für das Jahr 2025 von Null auf +0,1 % Wachstum leicht angehoben, unter anderem wegen niedrigeren US-Zöllen und öffentlichen Investitionen.zdfheute+1
- Aktuelle Entwicklung (August 2025): Das BIP ist im 2. Quartal real um 0,3 % gesunken (zuerst wurde -0,1 % geschätzt). Die Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr mittlerweile nur noch mit Stagnation – der IWF bleibt aber leicht optimistischer.handelsblatt+3
- Vergleich EU: Gleichzeitig ist das EU-BIP im zweiten Quartal 2025 um 0,2 % zum Vorquartal gestiegen, Deutschland war der einzige große EU-Staat, in dem das BIP klar rückläufig war.europa+1
Kommentar
Die Entwicklung in Deutschland war 2024 nicht überall gleich. Das ist zwar nie so, aber dass zwischen dem besten und dem schlechtesten Bundesland 3,6 Prozent Unterschied liegen, hat uns nicht nur überrascht, sondern stärkt unsere Bedenken hinsichtlich des Zusammenhalts in diesem Land, das wirtschaftliche immer weiter auseinanderfällt. Zwar kann man sagen, der Norden holt auf, das Süd-Nord-Gefälle wird geringer, aber wenn die wirtschaftlich stärksten Bundesländer im Minus liegen, ist das natürlich auch fürs gesamte Land nicht gut. Ein Desaster ist es, wenn Länder, in denen es ohnehin schlecht läuft, wie im Saarland, auch noch die schwächste Entwicklung aufweisen und dass die Länder im Osten der Republik wieder zurückfallen – auf ohnehin nicht sehr starker Basis. Mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern, das zu den Hochs im Norden zählt. Die Entwicklung in Berlin hingegen zeigt, dass ein überdurchschnittliches Abschneiden nicht viel zu sagen hat – wenn die Bevölkerung ebenfalls am stärksten wächst. Für das BIP einzelner Personen (Pro-Kopf-BIP) bedeutet das in Bezug auf die Hauptstadt einen Stillstand.
Noch schlechter sieht es mit der Kaufkraft aus, wenn Mieten und Lebensmittelpreise weitaus stärker steigen als das BIP und die Löhne. Die durchschnittliche Kaufkraft pro Person dürfte 2024 fast überall in Deutschland gesunken sein. Diesen Faktor, der mindestens ebenso wie das BIP zu den Parametern rechnet, mit man die Wirtschaftskraft eines Landes im Sinne des Wohlstands / der materiellen Möglichkeiten der darin lebenden Menschen einschätzen sollte , besprechen wir nicht an dieser Stelle.
Auch die neue Bundesregierung bringt also keinen Aufbruch zustande, was wiederum dazu führt, dass sie lieber eine gesellschaftliche Gruppe nach der anderen basht, anstatt sich endlich neue Wege zur Belebung der Konjunktur auszudenken (heute waren zur Abwechslung wieder die faulen Rentner an der Reihe, die in Wirklichkeit jahrzehntelang den Laden am Laufen hielten, trotz aller Widrigkeiten und einer immer stärker demotivierenden Politik).
Wie könnte es weitergehen? Siehe eingangs, wir haben das schon ausführlich besprochen. Eines ist sicher, das Exportmodell von Produkten, deren Erfindung mehr als 100 Jahre zurückliegt, wird das Land nicht mehr alleine tragen können. Eine Rückkehr zu den goldenen Zeiten des Freihandels ist nicht zu erwarten und selbst unter dessen Bedingungen wäre Deutschland bei bisheriger Aufstellung immer stärker dem Konkurrenzdruck aufstrebender Werkbank-Nationen ausgesetzt gewesen. Derzeit kulminierenden negative Effekte. Das könnte zu Chancen in der Zukunft führen, durch rigoroses Umsteuern. Dieses wiederum würde eine strategische Wirtschaftspolitik erfordern, die es in Deutschland immer noch nicht gibt. Was wir stattdessen sehen, ist, dass die neue Bundesregierung auf fast allen Ebenen die wenigen Fortschritte der letzten Jahre, etwa auf dem Energiesektor, die teilweise ebenfalls krisengetrieben waren, am liebsten wieder einkassieren würde.
Die Stimmung ist derzeit schlecht, und das zurecht. Die Regierenden verstärken diesen Effekt durch ihren haltlosen Kulturkampf, anstatt einen Ausbruch wenigstens verbal einzuleiten, damit ihm vielleicht die Realität folgen kann. Deutschland hat seit Corona, eigentlich schon seit 2019, eine lange wirtschaftliche Durststrecke hinter sich. Das Ende dieser Strecke ist nicht in Sicht. Die EU ist ohnehin der Wirtschaftsblock mit dem geringsten Wachstum. Hätte man in der Grafik Deutschland in Relation zu anderen Ländern wie die USA oder gar China gesetzt, würde man erst richtig deutlich sehen, wie abgehängt das Land mittlerweile ist. Ein #Wachstumsbooster, der schuldenfinanziert ist, kann zwar etwas bewirken, aber nur, wenn er schlau, zukunftsorientiert eingesetzt wird. An Letzterem hegen wir bei der aktuellen Regierung allerstärkste Zweifel.
Vielleicht bleibt der Regierung nichts anderes übrig, als die Hüter der Statistik zu feuern und alternative Fakten zu setzen. Die USA als Vorbild lassen auch hier grüßen.
TH
Quellen BIP 2024
- https://www.zdfheute.de/wirtschaft/bip-konjunktur-zahlen-2024-100.html
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/
- https://www.statistikportal.de/en/node/105562
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2112/umfrage/veraenderung-des-bruttoinlandprodukts-im-vergleich-zum-vorjahr/
- https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/Ausgabe/2024/02/Inhalte/Kapitel-6-Statistiken/6-3-04-bruttoinlandsprodukt.html
- https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fruehjahrsgutachten-2024-pressemitteilung.html
- https://www.lbbw.de/artikel/maerkte-verstehen/bip-deutschland-aktuelle-daten-prognosen_ajbxog27vt_d.html
- https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Dossier/konjunktur-und-wachstum.html
- https://de.statista.com/themen/26/bip/
- https://www.statistik-bw.de/Presse/Pressemitteilungen/2025078
Quellen BIP Bundesländer 2024
- https://de.statista.com/infografik/35018/veraenderung-des-bruttoinlandsprodukts-gegenueber-vorquartal-in-deutschland-und-der-eu/
- https://www.zdfheute.de/wirtschaft/iwf-konjunktur-prognose-deutschland-usa-zoelle-weltwirtschaft-100.html
- https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/konjunktur-00-prozent-bundesregierung-kappt-wachstumsprognose-erneut/100122772.html
- https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_deutschen_Bundesl%C3%A4nder_nach_Bruttoinlandsprodukt
- https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-08/wirtschaft-deutschland-fruehjahr-destatis
- https://www.telepolis.de/features/Droht-Deutschland-die-laengste-Rezession-seit-Jahrzehnten-10578007.html
- https://www.bild.de/geld/wirtschaft/offizielle-zahlen-deutsche-wirtschaft-schrumpft-staerker-als-erwartet-68a808318c33b226bcae3be1
- https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/deutsche-wirtschaft-geschrumpft-100.html
- https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/products-euro-indicators/w/2-14082025-ap
- https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/products-euro-indicators/w/2-30072025-ap
- https://www.imk-boeckler.de/de/pressemitteilungen-15992-imk-bip-schrumpft-2024-und-2025-wachstum-58783.htm
- https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/bip-deutschland-wirtschaft-schwach-100.html
- https://de.statista.com/infografik/30610/bip-wachstum-in-den-groessten-volkwirtschaften-der-eu/
- https://de.statista.com/infografik/wirtschaft/
- https://de.statista.com/page/newsticker
- https://de.statista.com/infografik/bruttoinlandsprodukt%20bip%20und%20wirtschaftswachstum/
- https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/bundesbank-rechnet-mit-stagnierender-wirtschaft-im-zweiten-quartal-958602
- https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Dossier/konjunktur-und-wachstum.html
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36889/umfrage/bruttoinlandsprodukt-nach-bundeslaendern/
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2284/umfrage/veraenderung-des-bruttoinlandsprodukts-der-deutschen-wirtschaft/
- https://www.zeit.de/wirtschaft/2024-10/iwf-prognose-wirtschaftswachstum-deutschland-2025-konjunktur
- https://ppl-ai-code-interpreter-files.s3.amazonaws.com/web/direct-files/c060546dfdd1a1b16fede3352812edec/83c49553-bc15-4c16-a854-ca338c6fd729/00ce168d.csv
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