Ménilmontant (FR 1926) #Filmfest 1401

Filmfest 1401 Cinema

Ein kurzer Blick auf das Leben, wie es ist?

Ménilmontant (ausgesprochen [menilmɔ̃tɑ̃]) ist ein Film aus dem Jahr 1926, geschrieben und inszeniert von Dimitri Kirsanoff, der seinen Namen vom gleichnamigen Pariser Stadtteil trägt.  

Ménilmontant ist keine Frau, kein Mann. Sondern ein Viertel in Paris. In diesem Viertel trägt sich die Geschichte zu, die von Frauen und Männern erzählt und im Grunde eine Geschichte der Gewalt und der Trostlosigkeit ist. Eine Zufallssichtung, der Name des Regisseurs Dimitri Kirsanoff war mir zuvor kein Begriff.

Handlung1

Ein Mörder tötet einen Mann und eine Frau vor ihrem Haus mit einer Axt.

Zwei Schwestern im Teenageralter gehen nach Hause zu einer von Bäumen gesäumten Einfahrt und finden ihre Eltern tot vor.

Einige Zeit später scheinen sich die beiden Schwestern erholt zu haben und arbeiten daran, in einer Fabrik in der Stadt Kunstblumensträuße herzustellen.

Fotos der Stadt.

Die jüngere Schwester beginnt, sich mit einem jungen Mann zu verabreden, verbringt eine Nacht in seinem Haus, woraufhin der junge Mann das Interesse an ihr zu verlieren scheint. Er beginnt, die Tage zu notieren, indem er Schilder an eine Stadtmauer zeichnet. Eines Tages sieht sie den jungen Mann und ihre ältere Schwester auf einer Straße: Beide betreten sein Haus.

Die jüngere Schwester ist schwanger und bringt ein Kind zur Welt, woraufhin sie beginnt, mit dem Kind in den Armen durch die trostlose Stadt zu wandern, offensichtlich ohne Mittel. Ein älterer Mann, der neben ihr auf einer Bank sitzt, bietet ihr Essen an.

Ein Mann und eine junge Frau betreten nachts ein Hotel; Am Ausgang zählt die Frau Geldstücke, betritt dann ein Bistro und trinkt heimlich die halbleeren Gläser leer, die Kunden hinterlassen haben.

Fotos der Stadt und Kindheitserinnerungen der jüngeren Schwester.

Auf der Straße trifft sich die jüngere Schwester beiläufig und präsentiert das Kind der Älteren, die zu trauern scheint. Zwei Personen nehmen an der Wiedervereinigung der beiden Schwestern teil: Die erste ist der junge Mann, der wahrscheinlich erst jetzt erkennt, dass er ein Kind bekommen hat; die zweite ist die junge Frau im Hotel, die die Situation spürt, den jungen Mann konfrontiert und ihn (zusammen mit einer dritten Person) mit einem Pflasterstein tötet.

Fotos von der Umgebung der Stadt. Generisch.

Rezension

Menschen in Frankreich dürfte das Viertel Ménilmontant eher ein Begriff sein, das im Film eine Art Anti-Paris darstellt. Schon stellenweise romantisch, am Fluss entlang, aber ansonsten leer, trostlos, architektonisch absolut nicht ansprechend, ein Arbeiterviertel eben, dem auch etwas Gewalttätiges anhaftet, wie die Handlung eindeutig belegt, denn Gewalt entsteht aus dem Nichts und führt ins Nichts. Ob der Regisseur dabei auf die Geschichte des Quartiers anspielt, weiß ich selbstverständlich nicht, ich kann es höchstens vermuten:

Ménilmontant spielte (…) eine zentrale Rolle in der Pariser Kommune, da das Gebiet eine Brutstätte für den Radikalismus der Arbeiterklasse war. Als die Versailler Armee im Mai 1871 Paris zurückerobern wollte, sah sie sich in Ménilmontant mit einem der härtesten Widerstände konfrontiert. Blutige Straßenkämpfe dauerten in Ménilmontant an und endeten schließlich während der semaine sanglante („blutige Woche“) in Père Lachaise.2

Mein Eindruck ist, dass der Film einen Kreislauf des Todes darstellt, der mit dem Kreislauf des Lebens um die Entscheidung zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit konkurriert. Durch die aparte Hauptdarstellerin Nadia Sibirskaya verbindet sich beides und verstrickt sich auch. Eine wenige Jahre zuvor durch den Mord an den Eltern traumatisierte junge Frau erlebt (ob sie es wahrnimmt, wird nicht sichtbar) den Mord an ihrem Liebhaber, der aber lediglich der Vater ihres Kindes ist. Wer sich wem entfremdet, bleibt dem Zuschauer überlassen. Vielleicht ist sie es auch, die keine Beziehung eingehen kann, weil sich dieses radikale Erlebnis ihrer Kindheit wieder Bahn bricht und Vertrauen in andere Menschen, außer in ihrerSchwester, mit der sie dieses Erlebnis teilt, nicht ermöglicht. Die Schwester schleicht ihr nach und scheint es bewusst darauf anzulegen, ihr den jungen Mann auszuspannen, zumindest habe ich keine gegenteiligen Anzeichen gefunden. Das alles findet in leeren Gassen statt, hineingeschnitten werden aber Bilder, die noch bewegter sind als in Walter Ruttmanns „Sinfonie einer Großstadt“, aber eben keine Sinfonie, sondern wild, nervenzehrend, kakophonisch wirken, soweit Stummfilmbilder das können.

Der Film kommt ganz ohne Zwischentitel aus und bietet schon dadurch sehr viel Spielraum für Interpretationen, deswegen schauen wir nun einmal nach, was Arte zu ihm schreibt, wo er gerade ausgestrahlt wurde, wir haben ihn in der dortigen Mediathek entdeckt:

Paris in den 20er Jahren: Zwei Schwestern, die nach dem Mord an ihren Eltern als Vollwaisen aufgewachsen sind, kommen vom Land in das ärmliche Pariser Arbeiterviertel Ménilmontant. Ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen sie in einer Kunstblumen-Werkstatt. Und sie verlieben sich in den selben Mann: Stummfilm-Klassiker (1926) von Dimitri Kirsanoff

1920er Jahre, im armen Arbeiterviertel Ménilmontant im Nordosten der französischen Hauptstadt: Nach dem Mord an ihren Eltern kommen zwei inzwischen herangewachsene Schwestern nach Paris. Ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen sie sich durch Arbeit in einer Kunstblumen-Werkstatt.

Verhängnisvoll wird für beide, dass sie sich in den gleichen Mann verlieben. Die jüngere Schwester wird schwanger, doch der Kindsvater verlässt sie für ihre Schwester. Ihr Kind muss sie auf sich allein gestellt durchbringen. Zufällig erfährt sie, dass ihre ältere Schwester durch den gemeinsamen Geliebten zur Prostituierten wurde. Nachdem sich die Schwestern wiedergefunden und versöhnt haben, rächen sie sich an dem Verführer.

Regisseur und Drehbuchautor Dimitri Kirsanoff gilt heute als einer der Pioniere des französischen poetischen Realismus des 20. Jahrhunderts, mit dem Regisseure wie Jean Vigo, René Clair und Jean Renoir ihre Geschichten von einfachen Menschen erzählten. „Ménilmontant“ ist eine der wegweisenden No-Budget-Produktionen, die in ihrer radikalen Bildsprache heute noch eine ungebrochene Kraft und Faszination entfalten.

Die Wikipedia-Handlungsangabe enthält keinen Hinweis darauf, dass das gewaltsame Ende des „Verführers“ ein Racheakt war, also habe ich mir die letzten zehn Minuten des Films (der auf Arte 44, nicht, wie in der Wikipedia angegeben, 38 Minuten lang ist). Der Längenunterschied könnte darauf hindeuten, dass Szenen wiedergefunden und in die restaurierte Lobster-Fassung integriert wurden, die in der Wikipedia bisher nicht berücksichtigt wurden. Ich habe trotzdem keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass die Schwestern ein Mordkomplott gegen den Mann ausgeführt haben, indem sie dessen Freundin sozusagen auf die Spur der Wahrheit gesetzt hätten.

Aktiv haben sie ohnehin nicht gehandelt, etwa mit der eifersüchtigen Dritten gesprochen. Nach meiner Ansicht würde das auch dem Grundton des poetischen Realismus widersprechen, der hier tatsächlich schon angelegt. So wird auch ein Schuh aus der Klassikerstellung dieses kurzen Films: Er ist ein Vorbild für die düstere Stimmung insbesondere des späten poetischen Realismus, überspringt dessen frühere, optimistisch-heitere Phase und verbindet sich etwa mit „Hafen im Nebel“ oder gar „Der Tag bricht an“. Die radikale Bildsprache wiederum hat mich während des Anschauens denken lassen: Kein Wunder, dass es in Frankreich bald zu surrealistischen Filmen mit äußerst brutalen Szenen kommen musste. Nicht, dass der Film surrealistisch wäre, aber die heftigen Wechsel zwischen poetischen und grausamen Momenten sind wohl auch urfranzösisch, unvermittelt, aus den Tiefen des kollektiven Bewusstseins eines Volkes, das für Schönheit und Poesie und für blutige Revolution gleichermaßen steht.

Ich habe mich entschieden, die zarte Hauptdarstellerin nicht als Racheengel zu interpretieren, auch wenn sie am Ende, mit madonnenhafter Inszenierung, wie wie ein Engel wirkt, vereint mit ihrer Schwester und dem Kind. Trotzdem schwebt für mich die Härte des Lebens über alldem, am Ende geht die Kamera auch wieder auf die Dächer von Paris und, klar, wenn man oben René Clair erwähnt sieht, denkt man sofort an „Sous les tôits de Paris“, der vier Jahre später entstand und viel Herz und Humor hat. Aber die Dächer. An die dachte ich schon, bevor ich die Arte-Beschreibung las.

Dabei sind sie,für sich genommen, weder ansehnlich noch poetisch, weitgehend funktional, und sie symbolisieren in ihrer Verdichtung und wie zufällig wirkenden Ansammlung von verschiedenen, ganz und gar nicht harmonischen Formen, von Schloten, die in den Himmel ragen, unzählige sehr unterschiedliche Leben. Das ist es, woran ich immer denke, wenn eine Kamera, mit der Zeit wurde das ja eine Mode, über diese Dächer schwebt: Schicksale. Jedes steht für sich, fast alle vergehen im Staub der Zeit, ohne größere Spuren hinterlassen zu haben. Einige Menschen aus Ménilmontant haben allerdings Spuren hinterlassen und Filme haben Spuren hinterlassen, die dort oder mit Bezug auf das Viertel entstanden und zu den bekannteren Klassikern des französischen Kinos und neueren Produktionen rechnen:

Finale

Wir widmen es dem Regisseur, von dem wir bisher nichts wusste und schätzen die Lage so ein, dass es vielen unserer Leser:innen ähnlich gegangen sein dürfte, bevor wir ihn durch unsere Rezension von „Ménilmontant“ vorgestellt haben:

Dimitri Kirsanoff war Geiger im Orchester der Ciné-Max-Linder in Paris, 24 boulevard Poissonnière, für die Vorführung von Stummfilmen. Er produzierte seinen ersten Film.

Er arbeitete regelmäßig am Rande der französischen Filmindustrie. Ob durch die ganz besondere Art der Finanzierung von Amateurfilmen oder durch das verwendete Genre und die verwendeten Formate, seine Filmografie ist sehr heterogen, während er lange Zeit einen sehr persönlichen Stil und wiederkehrende Motive verwendete. Dimitri Kirsanoff, der im französischen Kino ein wenig marginal geworden ist, bleibt dennoch eines der Bindeglieder in dieser Zeit vom Ende des Stummfilms bis zum Aufkommen der Neuen Welle.

Dimitri Kirsanoff war mit Nadia Sibirskaya verheiratet, der Interpretin seiner ersten und schönsten Filme, vorwiegend im Stummfilm.5.

Er starb plötzlich im Alter von 57 Jahren, er war seit September 1939 verheiratet. Er wurde auf dem Friedhof von Batignolles beigesetzt.

Die Spur von Kirsanoff weist also schon früh zum Film, denn Max Linder war einer der Proniere der neuen Kunst in Paris, allerdings im Fach elegante Komödie, während man bei Kirsanoff auch eine Reflektion auf den Ersten Weltkrieg zumindest in „Ménilmontant“, hineinlesen kann, ähnlich, wie sie im deutschen Kino direkt nach dem Ende des Krieges und fortdauernd bis zum Ende der Weimarer Zeit zu finden war.

Finale

Ein schöner Film in irgendeinem Sinne des Wortes ist „Ménilmontant“ nicht, und etwas wie ein Angebot zur Identifikation findet man einzig im Gesicht und in den intensiven Blicken und Gesten der Hauptdarstellerin. Doch der Verweis auf die weitere Entwicklung des französischen Kinos ist in der Tat wichtig, zumal im Frankreich der frühen 1920er ein ganz anderer Kinostil gepflegt wurde, der Kritikergrößen wie Jerzy Toeplitz als gewissermaßen eklektisch und hinter dekorativem Bombast als nichtssagend galt. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass darin ein ganz anderes Milieu gezeigt wurde als in Kirsanoffs Werk von 1926, das man auch als „Straßenfilm“ bezeichnen kann. Herausragend ist das rein Filmische. Ich habe kürzlich einen Stummfilm von Julien Duvivier geschaut, ihn aber noch nicht ganz, und nicht rezensiert. Dort herrschen ausführliche Zwischentitel vor, welche die ohnehin gut sichtbaren Charaktereigenschaften der Figuren noch einmal verbal herausstellen. Das heißt auch, dass einige Regisseure sicher froh waren, als der Ton kam. Auf Kirsanoff dürfte das weniger zugetroffen haben, zumal seine billige Produktionsweise mit Ton nicht mehr in der Reinheit möglich war, die wir in „Ménilmontant“ sehen.

75/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2022)

 

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