Ich bin dann mal weg (DE 2015) #Filmfest 1407

Filmfest 1407 Cinema

Also ist der Weg doch das Ziel

Ich bin dann mal weg ist ein deutscher Kinofilm von Julia von Heinz aus dem Jahr 2015. Die Filmkomödie basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Hape Kerkeling, in dem er seine Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg beschreibt. Die Hauptrolle übernahm Devid Striesow als Hape Kerkeling. Der Kinostart erfolgte am 24. Dezember 2015.

Im Jahr 2006 hatte Hape Kerkeling einen deutschen Bestseller geschrieben, der gemäß seiner Auflage in mindestens jedem zehnten Haushalt zu finden sein dürfte. Eine solche Verbreitung hat in diesen Tagen die Bibel vermutlich nicht mehr. Mit der Bibel hat die Suche nach Gott oder sich selbst, die im Film gemäß dem Buch gezeigt wird, nichts zu tun.

Etwas müssen wir hier sofort abhandeln. Unser Haushalt gehört nicht  zu denen, in denen Hapes Buch zu finden ist, nicht einmal als Hörbuch-Satz. Das hat den Nachteil, dass wir Buch und Film nicht vergleichen können und den Vorteil, dass wir einfach unseren Eindruck vom Film als Film aufschreiben können, wie bei den meisten anderen Filmen auch.

Handlung (1)

Als Hape Kerkeling bei einem seiner vielen Fernseh- und Bühnenauftritte zusammenbricht, ist er erleichtert, dass es sich nicht etwa um einen Herzinfarkt handelt, sondern „nur“ um einen Hörsturz mit anschließender Gallenblasen-Operation. Sein Arzt rät ihm, sich einige Monate zu schonen. Unerfüllt von der verordneten häuslichen Ruhe, eröffnet Kerkeling seiner überraschten Agentin Dörte, dass er auf Anraten seiner gläubigen Großmutter auf dem Jakobsweg pilgern will.

Er fährt ins französische Saint-Jean-Pied-de-Port und lernt dort die zurückhaltende Stella und die britische Journalistin Lena kennen. Da er sie jedoch immer wieder aus den Augen verliert, geht er den steinigen, steilen Weg zunächst allein – für den Sportmuffel Kerkeling eine Herausforderung. Zudem machen ihm die überfüllten, engen Pilgerherbergen zu schaffen. Er will die Tour abbrechen, trifft dann jedoch wieder auf Lena und Stella sowie den südamerikanischen Lebenskünstler Americo. Eine Begegnung mit einem kleinen Jungen, die er als seine Begegnung mit Gott und mit sich selbst interpretiert, bringt ihn wieder auf Kurs. Kurz vor dem Ziel gelingt es ihm mit Mühe, auch Stella zur Vollendung der Strecke zu überzeugen. Sie leidet an dem traumatisierenden Verlust ihrer Tochter, mit der sie eine frühere Pilgerreise nicht beenden konnte, und sieht sich nun durch einen Sturz zum Aufgeben gezwungen. Gemeinsam mit ihr und Lena erreicht er am Ende glücklich das Ziel.

In die Haupthandlung werden über den ganzen Film verteilt Szenen aus Kerkelings Kindheit und früher Jugend im Ruhrgebiet der 1970er Jahre eingestreut: der frühe Tod der Mutter, das Aufwachsen in einem Haushalt mit Vater und Großeltern, Kindergottesdienste und Gespräche mit seinem Pfarrer, seine ersten Auftritte bei Talentwettbewerben und schließlich sein erstes Engagement bei Radio Bremen.

Rezension

In der Tat hat Hape (Hans-Peter) Kerkeling im Jahr 2001 den berühmten Jakobsweg beschritten und dieses Erlebnis zur Grundlage seines Buches gemacht. Ganz sicher ist er auch einige Kilometer nicht gelaufen, sondern hat sich per Anhalter auf Schaftransportern weiterbewegt oder ist einfach mit dem Bus gefahren. Denn 791 Kilometer sind eine Macht, auch für trainierte Menschen. Aber die Ehrlichkeit, die darin zum Ausdruck kommt, die Abweichungen zu zeigen, sorgt dafür,  dass der Realismus zumindest nicht aus dem Film verschwindet, ist ja sympathisch.

„Ich bin dann mal weg“ ist zum geflügelten Begriff geworden. Zu einem Synonym für die Minimierung eines großen Ereignisses durch sprachliches Understatement. Wenn also Ihr Partner Ihnen mal einfach so um die Ecke zuruft „Ich bin dann mal weg!“, dann sollten Sie mindestens so aufmerksam werden wie früher, als es hie „Ich geh mal Zigaretten holen“. Was ja heute nicht mehr üblich ist. In diesem Film haben die Leute auch meistens was zum Rauchen dabei, fast alle tun es, insbesondere Hape.

Wir mögen Devid Striesow recht gerne, haben ihn zuletzt in „Drei“ rezensiert und dachten uns, als er übergewichtig losmarschiert ist: Was hat der Mensch sich wegen des Stresses mit dem nicht so richtig laufenden Job als Kommissar Stellbrink, den er in Saarbrücken angenommen hat, für ne Wampe angefressen! Hör mir auf! Da könnte der Jakobsweg doch hilfreich sein, um schwierige, ganz schwierige Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel die, ob man die verfahrene Situation im Kriminaldienst noch retten oder nicht nur eine Pause machen, sondern den Reset-Knopf drücken sollte. Das Blöde ist, dass Striesow nie so allein war wie seine Figur Kerkeling. Auf jedem Meter des Jakobsweges, den wir sehen und auf dem wir ihn sehen, war die Kamera mit ihm. Das ist bereits eine Leistung, allein sein zu suggerieren, wenn ein paar Meter entfernt immer ein Filmteam steht und so gar keine kontemplative Stimmung aufkommen kann. Schon gar nicht, wenn man on Location filmt und dabei unprätentiöse, aber gelungene Landschafts- und Städtebilder immer ein wenig versuchen, über die Figuren zu dominieren.

Und der Weg ist so weit. 90 Minuten, also das Normalformat für einen Fernsehfilm wie die erwähnten Stellbrink-Tatorte, können lang sein, wenn zu wenig drinsteckt. Dieses zeigt eben doch zu wenig. Er ist ziemlich redundant. Dieses ständige Schema, dass Kerkeling die Frauen mal trifft, dann sind sie wieder weg, dann trifft er sie wieder undsofort, betont mehr den kontemplativ-gleichmäßigen Rhythmus des Kinoststücks, als dass es die berühmte Abfolge von lyrischen und dramatischen Momenten herstellt, die sogar und gerade bei Epen dafür sorgt, dass der Zuschauer und der Film sich so synchronisieren, dass der FIlm ewig dauern, die  Zuschauer ewig sitzen und ihn immer weiter anschauen könnten. Unser Leben ist eben eine solche Abfolge von Highs und Lows, vielleicht auch ein Pilgerweg, aber kein Fußmarsch auf dem Jakobsweg, ein Trip, der in erster Linie von einer Selbstreflexion geprägt ist, die sich im Kino zugegebenermaße n nicht so leicht umsetzen lässt, wenn man eng an der Vorlage bleiben möchte.

Wir müssen eine zweite Katze aus dem Sack lassen, nach dieser struppigen Wir-haben-das-Buch-nicht-gelesen-Katze. Wir sind nicht besonders gut mit Hape Kerkelings Komik vertraut; wir haben es eher mit den großen Komikern der Filmgeschichte als mit den inflationären deutschen Comedians, die auch das Wirken von anerkannten Größen wie Kerkeling mittlerweile etwas marginalisieren. Wobei die meisten von ihnen nie einen 5-Millionen-Seller schreiben werden. Diesen Unterschied wollen wir doch festhalten.

Da wir ausnahmsweise einen ganz neuen Film rezensieren und dafür ins Kino mussten, haben wir natürlich auch die Reaktionen der anderen Zuschauer mitbekommen, die im Durchschnitt noch ein gutes Stück älter waren, als wir selbst nun schon sind. Und die meisten haben meistens an anderen Stellen gelacht als wir. Aber wir haben gelacht oder wenigstens gelächelt , und das heißt, wir haben aus dem Film etwas mitgenommen. Zum Beispiel die sehr beabsichtigten Parallelmontagen des Unterhaltunskünstler-Werdens eines Jungen aus dem Pott und des Werdens eines Pilgers auf dem Jakobsweg – mit dem Höhepunkt, in dem kurz hintereinander der Sendeturm von Radio Bremen und der Turm der Kathedrale von Santiago de Compostela ins Bild gesetzt werden. Alles klar.

Ein eher als Nerd dargestellter Junge findet Erlösung in einem ungewöhnlichen Beruf, der, so wird es im Film dargestellt, eher auf ihn einstürzt, als dass er ihn anstrebt. Aus unfreiwilliger erwächst die Erkenntnis, dass man Geld verdienen kann, wenn man es absichtlich und einen ganzen Abend lang macht. Ein in der Krise angekommener Entertainer findet zu einem transzendenten Wesen, das Gott sein könnte, und was könnte man mit dem nicht alles anfangen, wenn er von den Kirchen nicht so schlecht rübergebracht würde. Das ganze Leben ist ein Film, auch das Leben Gottes (das von Christus, seinem Sohn, wurde selbstverständlich auch verfilmt). Der Film ist nicht schlecht, nur die Vorführung. Gott ist groß, sehr vage und in allen Dingen, nur seine selbsternannten Vertreter auf Erden, also die – nun ja. Auf das schmale Brett, religionsphilosophisch zu werden, also ernsthaft in die Tiefe gehen zu wollen, begibt sich der Film glücklicherweise nicht. Das hätte bestimmt zu einem Absturz geführt, wie ihn Stella erlebt, nachdem sie keine Erlösung durch Reisewiederholung gefunden hatte. Und wer hätte dann Hape und das Filmwerk auffangen sollen?

Sicher ist es nicht einfach, eine Art Erbauungsbuch mit einer steilen Dramaturgie zu versehen, aber hier ist man doch zu sehr im Plauderduktus verblieben und die Figuren sind nicht besonders aufregend. Striesow macht Hape greifbar, auch wenn er anders aussieht, und vor allem macht er ihn sehr sympathisch. Martina Gedeck ist immer mindestens so gut, dass man ihren Figuren folgen mag, und Karoline Schuch kommt hier zu einer etwas substanzielleren Rolle, als nur für durchschnittlich ein paar Sekunden pro Film die Tochter von Kommissar Freddy Schenk im Köln-Tatort spielen zu dürfen. Aber entkleidet man die Handlung von der Spezialität, dass sie eine lange, lange Wanderung darstellt, dann sind die Konflikte, die hier verhandelt werden, banal und es mangelt an der filmischen Verve. Werktreue, falls gegeben, und das vermuten wir im Großen und Ganzen, kann auch daran hindern, filmische Mittel einzusetzen.

Finale

Ein Selbstfindungsweg kann so gut wie der andere sein, wenn man sich darauf einlässt, wenn man glaubt, anstatt kritische Distanz zu wahren.

Im Kino ist vielen Zuschauern das gelungen, es wurden sogar Taschentücher gezückt. Wir dachten immer, wir seien Gemütsmenschen, aber so weit ging es bei uns nicht. Oder gab es doch den einen oder anderen richtig miterlebten Moment? Für Hape-Fans ist der Film sicher ein Muss, aber wer sich wegen des Kinostücks auf den Jakobsweg macht, ist möglicherweise auf dem Holzweg. Denn Gott ist doch in allem – und jenseits der Macht, welche die Natur über uns gewinnen kann, ist vielleicht das ewige Gehen, das schon die Pilgermönche als Mittel erkannten, Gott näher zu sein und vor allzu viel Verantwortung davonzulaufen, eine Methode sein, im Alltag nach sich selbst zu suchen. Und wenn es nur das Gehen am Abend mit dem Hund ist. Einfach ein paar Monate aussteigen – das ist eben nicht für alle möglich. Vielleicht gut so, denn zu viel Kontemplation kann auch Blasen verursachen. Vielleicht nicht an den Füßen, wie bei Hape, sondern im Kopf.

Unsere Wertung: 65/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Julia von Heinz
Drehbuch Jane Ainscough,
Sandra Nettelbeck,
Christoph Silber
Produktion Hermann Florin,
Nico Hofmann,
Jochen Laube,
Sebastian Werninger
Musik Alexander Geringas,
Joachim Schlüter (Score),
Matthias Petsche (Original Songs)
Kamera Felix Poplawsky
Schnitt Georg Söring
Besetzung

 

 


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