Filmfest 1409 Cinema
Josephine Baker als Filmstar
Die Meerjungfrau der Tropen ist eine französische stumme romantische Komödie aus dem Jahr 1927, die von Henri Etiévant und Mario Nalpas inszeniert wurde.
Das Drama von Mario Nalpas und Henri Étiévant kam am 30. Dezember 1927 in die französischen Kinos. Neben Pierre Batcheff und Regina Thomas spielte die legendäre Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin und Menschenrechtsaktivistin Josephine Baker eine der Hauptrollen. Ob der Film wirklich eine romantische Komödie im Sinne einer RomCom ist, bezweifeln wir nach dem Lesen der Rezension anlässlich ihrer Veröffentlichung, aber die französische Wikipedia bezeichnet ihn so.
Handlung (1)
Der Ingenieur André Berval (Pierre Batcheff) rettet auf den Karibischen Inseln die Eingeborene Papitou (Josephine Baker) vor einem Mann, der sie vergewaltigen will. Anschließend rettet Papitou André das Leben, als er in eine Falle gelockt wird. Obwohl sie weiß, dass André bereits mit Denise (Regina Thomas) verlobt ist, folgt ihm die verliebte junge Frau nach Paris.
Synopsis (2)
Der Marquis Severo, ein wohlhabender Pariser, will sich von seiner Frau scheiden lassen, damit er seine Patentochter Denise heiraten kann. Seine Frau hält ihm entgegen, dass Denise André Berval liebt, einen seiner Ingenieure. Der Marquis täuscht vor, die Hochzeit zu billigen, und bietet André sogar an, sich eine finanziell adäquate Situation zu verschaffen, indem er sich ein Grundstück nach Ausbeutungsmöglichkeiten für Rohstoffe anschaut, das er gerade auf den Antillen erworben hat.
Insgeheim schreibt der Graf an Alvarez, seinen Vertrauten vor Ort, um ihn zu bitten, sich zu vergewissern, dass André nicht nach Frankreich zurückkehrt. Alvarez erweist sich als brutal und gierig, und André greift ein, als Alvarez versucht, Papitou, eine schöne junge Indigene, zu vergewaltigen. Papitou verliebt sich in André und rettet sein Leben, nachdem Alvarez einen Unfall organisiert, um ihn zu töten. Die Frau des Marquis und Denise sind André nachgereist und als sie ankommen, lässt André Alvarez bereits verhaften, Papitou hat die Polizei geholt. André findet den Brief des Marquis an Alvarez. Papitou ist traurig, dass André eine Verlobte hat. Sie gibt nicht auf und folgt André als heimlicher Passagier auf dem Passagierschiff, das ihn nach Frankreich zurückbringt.
In Paris wird sie für eine Musikhalle rekrutiert, aber sie stellt die Bedingung, André Berval zu finden. Einer der Veranstalter der Show ist ein Freund des Marquis und dieser organisiert das Treffen während der Verlobungsfeier von André und Denise. Dieser nutzt die Situation, indem er André vorwirft, Papitous Liebhaber zu sein, und dieser muss im Duell kämpfen, um seine Ehre zu verteidigen. Aus Verzweiflung, dass Denise ihn nicht mehr heiraten will, ist er bereit, sich selbst töten zu lassen, aber Papitou, der ihm gefolgt ist, tötet den Marquis. Papitou und André überzeugen Denise, dass es eine Falle war und Papitou verschwindet.
Rezension
Bevor ich nach dem Film recherchiert hatte, wusste ich nicht genau, wann die Karriere von Josephine Baker begann und es ist oft eine gute Idee, ein Werk erst einmal wirken zu lassen, bevor man sich die Hintergründe anschaut. Ich hätte den Film trotz der Mode, die stellenweise auf die frühe zweite Hälfte der 1920er hinweist, für ein paar Jahre älter gehalten – was an ihm selbst liegt und eben nicht am Style oder gar an Josephine Baker. Er stammt aber aus dem Jahr 1927 und war ihr erster Film, sie war damals gerade erst 20 Jahre alt.
Anfangs ist soweit alles okay, obwohl die Bildqualität nicht ganz den Möglichkeiten entspricht, die ich bei Filmen dieses Produktionsjahres bereits häufig wahrgenommen hatte. Nun restauriert Lobster allerdings auch weniger auf Neu als französische Firmen, die Filme auf ein Niveau bringen, dass man glauben möchte, sie seien gerade erst gedreht worden und Period Pictures, vorzugsweise in Schwarz-Weiß gefilmt, wie „The Artist“. Nun ja, nicht ganz, die Authentizität des Zeitstils lässt sich rückwirkend nie perfekt erreichen. Aber die Bildqualität von „Papitou“ schwankt erstens ziemlich stark und zweitens haben mich die großen Sprünge in der Handlung erstaunt, die ab der „Antillen-Episode“ den Film kennzeichnen. Anfangs wirkt er wie ein Salondrama in mondänen Kulissen, wenn sie auch bei näherem Hinschauen etwas billig wirken, aber spätestens in dem Moment, in dem Papitou diesen André rettet, dann aber verschwindet, anstatt ihn zu pflegen, er plötzlich gesundet und sich auf Exkursion macht und sich dann herausstellt, dass Papitou, ohne ihn zu unterrichten, die Polizei gerufen hat, wird es ziemlich wild und das setzt sich im Weiteren fort. Dass die „zwei Frauen für André“ ihm mit dem Schiff nachfahren, hat dramaturgisch keinerlei Bedeutung, es wäre sogar glaubwürdiger gewesen, wenn Papitou ihm gefolgt wäre, ohne von Denise etwas zu ahnen und auch er selbst wäre besser weggekommen. Es gibt mindestens eine Stelle, die wie in Schnittfehler wirkt und am Ende wird die anhaltend exaltierte Performance der eigentlich traurigen Papitou so erklärt, dass sie sich das fürs Publikum nicht anmerken lässt, die Szene ist aber erkennbar aus der selben Performance gebastelt, die man schon vorher sieht und mit der Josephines Bakers plötzlicher und gigantischer Erfolg in Paris in Bezug genommen wird. Die Szene, in der sie plötzlich als Kindermädchen arbeitet, wird wohl nur inszeniert, um sie in Paris in ein Nonnenkostüm stecken zu können, sie mit den Kleinen in Aktion zeigt, wodurch ein Music-Hall-Manager auf sie aufmerksam wird. Wie sie zu dem Job kommt – nun ja, entscheiden Sie selbst, ob das überzeugend ist.
Nehmen wir an, es handelt sich nicht um Amateure, die hier am Werk waren, dann kann wird es wohl so gewesen sein, dass Josephine Baker alle in ihren Bann geschlagen hat und die Logik der weißen Männer, die den Film gemacht haben, dabei flöten ging. Sie es aber gemerkt und sich gerächt, indem sie der armen Papitou den André nicht gegönnt haben:
Die tropische Sirene – sie muss entsagen
das weiße Mächen kriegt den weißen Knaben.
Alles im Lot, eurozentrisch gesehen, auch wenn der Film nicht leicht zu bewerten ist. Auf der einen Seite wirkt er stellenweise geradezu dilettantisch, andererseits zeichnet er ein tolles Panorama und hat viel exotischen Charme. Einerseits wird das Schema gewahrt, dass die Weißen unter sich bleiben, wenn es ums Heiraten geht, andererseits hat Josephine Baker als junges Mädchen, muss man sagen, eine tragende Rolle, die sie in einem amerikanischen Film niemals bekommen hätte. Das erste kommerzielle „All black Movie“ Hollywoods war 1929 der MGM-Film „Hallelujah“, und da bleiben eben die Afroamerikaner unter sich und der Regisseur war wiederum ein Weißer namens Henry King. Außerdem sollte der Film, bis auf das schwarze Musical „Cabin in the Sky“ (1943), ebenfalls aus dem Hause MGM, für Jahrzehnte eine Ausnahme bleiben. Aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern ist mir kein Film aus der Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt, der eine Person of Color als Hauptdarstellerin gezeigt hätte, und auch danach dauerte es eine Weile, bis so etwas möglich wurde.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes 2025: Wir kennen nun einige Stummfilmdramen mit „interracial“ gestrickter Liebe aus den USA: Oft wird es darin so gehandhabt, dass man die „Exotik“ gerne mitnimmt, aber am Schluss entpuppt sich ein vorgeblicher „Indianer“ oder Araber als „kaukasisch“, damit eine Verbindung zustandekommen kann.
Allerdings bedient man sich auch Bakers „Exotik“ und ihrer Ausstrahlung zur Genüge, um den Film vor allem sensationell wirken zu lassen, dabei gerät alles zwischendurch zur Burleske. Vor allem auf dem Schiff, auf dem sie als blinde Passagierin mitfährt und sich zuerst im Kohlenbunker und dann in einer Mehlkiste versteckt, erst ganz schwarz und dann weiß wird, bis wieder nach einem Bad ihre natürliche Hautfarbe durchkommt. Beim Bad und schon in einer Szene zuvor ist sie barbusig zu sehen, eine weitere Sensation, wie eigentlich ihre ganze Aufmachung. Was ist also der Kern des Films? Die Zurschaustellung jenes Aufreizenden, das vor allem auf Kinozuschauer, die nicht auch die großen Music Halls von Paris frequentierten, wie eine Darstellung aus einer anderen Welt gewirkt haben muss – oder die Emanzipation einer Farbigen als eine der befreitesten und natürlichsten, mithin erotischsten Frauen, die bis dahin auf der Leinwand zu sehen waren? Auf jeden Fall ist der Blick auf sie männlich, und es gab zu der Zeit im Kino keinen anderen (oder kaum einen, aus der Perspektive des Jahres 2025), also konnte Josephine Baker nur unter diesen Bedingungen filmen und setzt sich dafür mit allem ein, was sie hatte, inklusive einer wirklich charmanten Art, die durchaus schauspielerisches Talent verrät, auch wenn sie die ohnehin exaltierte Spielweise, die dem Stummfilm eignet, auf die Spitze treibt.
Man hat in diesem Film eine konventionelle melodramatische Handlung sozusagen umgestülpt, um Josephine Baker ins rechte Licht zu rücken und damit ein wirklich einmaliges Dokument geschaffen. Es gibt Liebe, Verrat, Abenteuer, Gefahr, alles um Josephine Baker herumgebaut, der Film ist ein europäisches Star-Vehikel, geschaffen für eine Person, die damals erst zwei Jahre Bühnen- und keinerlei Filmerfahrung hatte. So gesehen, ist das Ergebnis, die Präsenz Bakers betreffend, mehr als verblüffend, filmisch jedoch – siehe oben.
Finale
Immerhin konnte auch Luis Bunuel mit „Papitou“ als Assistenzregisseur Erfahrung sammeln, auch wenn man dem Film keinen Einfluss von ihm zurechnen sollte. Surrealistische Momente entstehen vor allem aus unbeholfenen Szenenanschlüssen, die mühsam mit ausführlichen und in ihrem Stil sehr erklärenden bzw. wertenden Zwischentext-Tafeln zusammengehalten werden müssen. Der Film wirkt in der zweiten Hälfte sehr sketchy, ihm fehlt die Kohärenz und ich wiederhole mich gerne: Offenbar hat Josephine Baker die Macher so verhext, dass diese sich nur noch darauf konzentriert haben, sie maximal spektakulär darzustellen und sind dabei in manche psychologische und filmtechnische Falle getappt. Oder sie haben das absichtlich gemacht, soszusagen die Verwirrung auf der Meta-Ebene rigoros inszeniert. Ganz sicher bin ich nicht, aber ich tendiere zur Falle, denn die Qualität des Films im Ganzen spiegelt kein ausgefeiltes Spiel mit Stereotypen und rassistischen Motiven, das z. B. zu dieser „Weiß-Schwarz-Braun“-Szenenfolge hätte führen und Fantasien weißer Männer bewusst zum Thema hätte machen können.
Für mich war „Papitou“ dennoch eine Sensation, denn ich wusste nicht, dass Josephine Baker in Kinofilmen mitgewirkt hatte; hatte bisher nur einige Bewegtbilder von ihr gesehen, die während ihrer Darbietungen in Varietés gefertigt wurden, darunter natürlich welche mit dem berühmten Bananenkostüm. In ihrer Wikipedia-Biografie gibt es eine anekdotische Schilderung aus ihrer Zeit in Berlin, die genau so wirkt, wie man sich die wilden 1920er vorstellt, nämlich glamourös und verrucht. Das waren sie freilich nur für wenige aus der Oberschicht und dem Künstlermilieu, aber Josephine Baker ist ein perfektes Symbol für diese Anything-Goes-Ära, die mit dem Börsenkrach von 1929 endete.
Meine Bewertung enthält auch die Verblüffung darüber, dass es einen solchen Film überhaupt gibt und die Rolle für Josephine Baker, als kinematografisches Werk hätte er sicher nicht über 70 Punkte erreicht.
70/100
© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
- ARTE
- Wikipedia
- Regie: Henri Etiévant und Mario Nalpas, assistiert von Luis Buñuel
- Drehbuch: Maurice Dekobra
- Produktion: La Centrale Cinématographique[1]
- Bühnenbild: Eugène Carré, Robert Mallet-Stevens, Pierre Schild [1] [Archiv]
- Künstlerische Leitung: Jacques Natanson
- Kameramann: Paul Cotteret, Albert Duverger, Maurice Hennebais
- Produktionsland:
Frankreich - Format: Schwarzweiß – Stumm – 1,33:1 – 35 mm
- Genre: romantische Komödie
- Dauer: 86 Minuten
- Veröffentlichungsdatum:
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