1918 – Aufstand der Matrosen (DE 2018) #Filmfest 1415

Filmfest 1415 Dokumentation / Cinema

War im Herbst 1918 eine revolutionäre Situation gegeben und wie schaut sich der Film im Herbst 2021 an?

„1918 – Aufstand der Matrosen“ ist ein Dokudrama über den Kieler Matrosenaufstand, der das Ende des Ersten Weltkriegs beschleunigte und die Weimarer Republik einleitete. Der Film verknüpft historische Fakten mit persönlichen Schicksalen und beleuchtet die Dynamik der Revolution. (1) 

Die Deutschen gerieren sich nur dann revolutionär, wenn ihnen dadurch nichts passieren kann und wenn Solidarität keine Rolle spielt. So wirken die Vorgänge, die wir im Herbst 2021 erleben. Doch war das immer so? Erinnern wir uns an 1848, aber auch an das Ende des Ersten Weltkrieges. Das Datum 9. November verbindet sich heute eher mit dem Mauerfall und leider auch mit der Reichspogromnacht von 1938, aber es hat eine dritte wichtige Bedeutung: An diesem Tag wurde die erste deutsche Republik ausgerufen. Und das gleich zweimal, durch Philipp Scheidemann (SPD) und durch Karl Liebknecht (USPD, dann KPD). Bürgerliche Republik oder Räterepublik? Darum ging es auch in Kiel, wo der Aufstand am 3. November seinen Anfang nahm. Wird es eine echte Revolution geben oder wird letztlich das Alte in einer Form bestehen bleiben, dass das Neue niemals wirklich Fuß fassen wird? Heute wissen wir es. Auch wenn die SPD im Reichstag 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat, das Hitlers Macht verabsolutierte, 1919 hatte sie die Arbeiter:innen bereits verraten und der Film zeigt für Kiel exemplarisch, wie es in ganz Deutschland lief. Mehr dazu lesen Sie in der Rezension.

Inhalt (2)

Geschichte des Kieler Matrosenaufstands 1918 als Dokudrama. Die revolutionäre Bewegung im November 1918 führte zum Sturz der Monarchie sowie zum Ende des Ersten Weltkriegs. Damit gehörte er zu den Schlüsselereignissen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert und legte die Grundlage für die erste deutsche Demokratie.

Die Heizer des Kriegsschiffes „SMS König“ löschen auf hoher See das Feuer in den Kesseln. Sie retten damit ihr Leben vor einem sinnlosen Opfertod in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges und setzten ein anderes Feuer in Gang – das der Revolution. Im Zentrum des Doku-Dramas stehen der Matrose Karl Artelt, seine Verlobte Helene sowie deren Bruder August. Karl ist ein charismatischer, revolutionärer Geist, der sich an die Spitze der aufständischen Matrosen stellt. Helene teilt seine radikalen Ansichten aus Liebe, aber auch aus Überzeugung. Doch ihr Bruder August lehnt revolutionäre Gewalt als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft strikt ab. Er versucht, Helene von Karls gefährlichen Ideen abzubringen. Helene ist aber emanzipiert genug und entscheidet sich dafür, an Karls Seite für die Änderung der Verhältnisse zu kämpfen. Der neue Gouverneur von Kiel, Admiral Wilhelm Souchon, ist zwar überzeugter Monarchist, lastet den verlorenen Krieg aber der Unfähigkeit Kaiser Wilhelms II. an. Der Kieler Matrosenaufstand verlangt von ihm hartes Durchgreifen. Doch Souchon entscheidet sich gegen ein Blutvergießen, er will die Krise in Verhandlungen lösen. Er holt den MSPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske nach Kiel, der sich selbst an die Spitze des Aufstands setzt. Er entmachtet und isoliert Karl Artelt, setzt dann sogar Wilhelm Souchon als Gouverneur ab und beendet den Matrosenaufstand durch geschickte Intrigen in wenigen Tagen. Die aus Kiel in die Heimat abreisenden Matrosen tragen den Funken der Revolution ins ganze Reich – die Novemberrevolution beginnt.

Inhalt (alternativ) (1)

Die Heizer des Kriegsschiffes „SMS König“ löschen auf hoher See das Feuer in den Kesseln. Sie retten damit ihr Leben vor einem sinnlosen Opfertod in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges und setzten ein anderes Feuer in Gang – das der Revolution. Im Zentrum des Doku-Dramas stehen der Matrose Karl Artelt, seine Verlobte Helene sowie deren Bruder August. Karl ist ein charismatischer, revolutionärer Geist, der sich an die Spitze der aufständischen Matrosen stellt. Helene teilt seine radikalen Ansichten aus Liebe, aber auch aus Überzeugung.

Doch ihr Bruder August lehnt revolutionäre Gewalt als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft strikt ab. Er versucht, Helene von Karls gefährlichen Ideen abzubringen. Helene ist aber emanzipiert genug und entscheidet sich dafür, an Karls Seite für die Änderung der Verhältnisse zu kämpfen. Der neue Gouverneur von Kiel, Admiral Wilhelm Souchon, ist zwar überzeugter Monarchist, lastet den verlorenen Krieg aber der Unfähigkeit Kaiser Wilhelms II. an. Der Kieler Matrosenaufstand verlangt von ihm hartes Durchgreifen.

Doch Souchon entscheidet sich gegen ein Blutvergießen, er will die Krise in Verhandlungen lösen. Er holt den MSPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske nach Kiel, der sich selbst an die Spitze des Aufstands setzt. Er entmachtet und isoliert Karl Artelt, setzt dann sogar Wilhelm Souchon als Gouverneur ab und beendet den Matrosenaufstand durch geschickte Intrigen in wenigen Tagen. Die aus Kiel in die Heimat abreisenden Matrosen tragen den Funken der Revolution ins ganze Reich – die Novemberrevolution beginnt. 

Rezension

Bezüglich des Verrats der SPD, es war bereits der zweite nach deren Zustimmung zu den Kriegsanleihen im Jahr 1917, zu einem Zeitpunkt, als sich die Niederlage Deutschlands schon abzeichnete, geht der Film sehr klug vor, weil er den Einzelvorfall, wie Gustav Noske die dortigen Räte okkupierte und der Revolution die Schärfe nahm, bis sie in bürgerliches Fahrwasser überführt werden konnte, so beleuchtet, dass man versteht, wie es im Ganzen gelaufen ist. Die politisch unerfahrenen, mutigen Matrosen werden vereinnahmt und entmachtet, auch, weil sie einem SPD-Politiker wie Noske vertrauen.

1918 und 2021

Hier müssen wir anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025 eingreifen, möchten aber nicht unsere Ansichten aus dem Jahr 2021 überschreiben. Sie waren von einer Aufbruchphase in der Berliner Politik geprägt, die mittlerweile beendet ist. Sie war kein Klassenkampf, aber besser als das, was danach kam, und sie korrespondierte mit der Zivilgesellschaft, davon ist jetzt nicht mehr viel zu sehen. Erst nahm die Corona-Pandemie ihr den Schwung, dann kam passenderweise die CDU-SPD-Rückschrittskoalition an die Macht. Die Art, wie wir 1918 und 2021 verknüpft haben, ist ziemlich einmalig in unseren Rezensionen und zeigt selbst schon wieder ein Stück Historie.  Und manches in dem Text ist hellsichtig, wenn man die heutigen Zustände bedenkt, die für die nicht privilegierten Menschen in der Stadt immer schwieriger werden.

Dieser Vorgang hat eine überragend aktuelle Bedeutung, denn die nächste Bewegung, die einen revolutionären Anstrich hat, wenn auch keinen gewaltsamen, läuft gerade und dieses Mal ist es die Wohnungspolitik, die als Auslöser fungiert: Sie funktioniert nicht, sie fordert Opfer, sie ist ungerecht, sie privilegiert zu massiv die Privilegierten. Es muss nicht immer Krieg sein, umso bemerkenswerter die Entschlossenheit der Bevölkerung aktuell.

Nun möchte die Berliner Politik die Bewegung, die sich „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ nennt, einhegen und den Willen der Bevölkerungsmehrheit in der Stadt auf diese Weise kanalisieren. Womöglich, bis die Enteignungsdebatte ins Leere läuft und der Schwung raus ist. Anders als 1918 zieht sich der Prozess aber nun schon über Jahre und bisher hat die Kampagne alle Tricks und Anfeindungen gegen sie überstanden.

Die Köpfe der Initiative haben nun das schwere Los, sich für Einbindung oder für den weiteren Kampf zu entscheiden. Lässt man Ersteres zu und geht in eine „Kommission“, die über ein Enteignungsgesetz ein ganzes Jahr lang debattieren soll, nachdem bisher schon viel Zeit durch die Politik, besonders die SPD, verloren gegangen ist, dann kann es laufen wie bei den Räten im Jahr 1918: Ehe man sich versieht, gibt man die Möglichkeit, konsequent zu handeln, weg. Wer sich mit der Macht einlässt, wird Teil von ihr und der durch sie gesteuerten Verfahrensweisen. Ähnliches gilt für die vielen Koalitionsverhandlungen nach den Wahlen, die derzeit geführt werden. Bleibt man glaubwürdig und auf Abstand oder kann man am Ende mitverantwortlich gemacht werden dafür, dass sich nichts verändert, nichts verbessert, weil man sich zu sehr hat von der Politik infiltrieren lassen?

Man könnte sagen, wer nicht mitmacht, der kann nicht gestalten. Das ist immer dann zu hören, wenn sich Politiker allzu viele Kompromisse aufoktroyieren lassen, bloß, weil sie unbedingt regieren wollen, anstatt eine konsequente, klassenorientierte Oppositionsarbeit weiterzuführen. Einer Bewegung, auf die Menschen wegen ihrer Klarheit und ihrer guten Kampagne setzen, kann das Sich-Einlassen noch mehr schaden, sie schnell vernichten, alles Erreichte zerstören.

Es wäre 1918 natürlich auch die Aufgabe der Räte gewesen, eine neue Gesellschaftsordnung zu gestalten, aber hätten sie das gekonnt, vor allem das komplexe Normengerüst betreffend, das sie hätten erheblich verändern müssen? Nicht umsonst haben sich zentrale Gesetze wie das BGB und das StGB von der Kaiserzeit in die Jetztzeit gerettet, obwohl vor allem Ersteres eine Ordnung zementiert, die von Idealen ausgeht, die sich in der Realität immer weniger spiegeln.

Das Dokudrama stammt aus dem Jahr 2017, es kann die aktuellen Entwicklungen in Berlin noch nicht im Blick gehabt haben, aber es ist ein Lehrstück darüber, wie man sich von der herrschenden Elite nicht in die Tasche stecken lassen darf.

Die Anlage als Dokudrama hingegen ist Geschmacksache. Um Identifikationsfiguren zu platzieren, ist es heute die übliche Form geworden, Geschichte zu vermitteln und die drei Matrosen, die in den Mittelpunkt des Films gestellt werden, sind historische Figuren, ebenso der Gourverneur Souchon. Er wird von Ernst Stötzner verkörpert, der ein großes Privileg  hat: Er kann Figuren jener Zeit glaubwürdig spielen, das hat er auch in „Frantz“ und in „Babylon Berlin“ beispielsweise getan. Aber bei den Dialogen werden immer Kompromisse gemacht, weil gerade die damalige Ausdrucksweise und der zugehörige Ton für  heutige Ohren nach  Meinung der Filemacher zu „fremd“ klingen würden. Das beeinträchtigt sogar die Authentizität von prämierten Filmen wie „Das weiße Band“ (ebenfalls mit Ernst Stötzner als einem der wichtigeren Darsteller).

Während also die führenden Männer des Aufstandes und ihre politischen Gegner verbürgt sind, hat man mit Helene eine Figur eingeführt, über die ich im Zusammenhang mit dem Aufstand nichts finden konnte. Sie repräsentiert die Frauen, die sich im Ersten Weltkrieg in Männerberufen bewähren mussten, auch wenn sie selbst in einer Konditorei arbeitet, wo sie auch als Horchposten agiert, weil diese den Haushalt des Gouverneurs beliefert. Einiges, was wir in dem Zusammenhang sehen, dürfte frei erfunden sein, mithin hat die gute Absicht, dem Film auch einen femininistischen Touch zu geben, die historische Exaktheit überlagert.

Das ist leider ein Problem: Die Lesart von Vorgängen immer dem herrschenden Zeitgeist anzupassen und dadurch die Realität, das, was war, auszuschmücken. Es gab sehr wohl führende weibliche Figuren in jener Zeit, allen voran Rosa Luxemburg, aber sie hatten einen entsprechenden Werdegang und ihr Wirken ist für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich gewesen. Diese Ausnahmestellung sollte man ihnen auch nicht nehmen, indem man so tut, als sei es damals schon mehr oder weniger üblich gewesen, dass Frauen aus dem Volk die politischen Veränderungen maßgeblich unterstützen konnten. Wenn man Helene als Symbol für die Heimatfront und als Hinweis auf die neue Zeit sieht, die erst kommen sollte, die moderneren 1920er,ist das okay, aber wenn man am Ende das spätere Schicksal der Matrosen noch kurz referiert, was durchaus üblich ist, sollte man auch klarstellen, dass nicht alle Figuren in diesem Film historisch sind. Karl Artelt war in Wirklichkeit mit Marie (…) verheiratet, sie starb 1979.

Finale

Trotz der modischen Erweiterung des Szenarios und der zwangsläufigen Interpretation der persönlichen Verhältnisse sind die wesentlichen Fakten jener Tage im November 1918 richtig wiedergegeben, zumindest, soweit man das anhand des umfangreichen Wikipedia-Artikels zu diesem Aufstand nachprüfen kann, der ebenfalls, wie der Film, in Tage unterteilt ist (das Dokudrama weist zusätzlich die Gliederung in Tageszeiten aus). Lebendige Geschichte, die im Wesentlichen so aufbereitet, dass sie spannend und das Handeln der Personen nachvollziehbar wirkt. Angereichert, das wollen wir nicht vergessen, durch drei sinnvoll ausgewählte Personen, die sich in Interviewsequenzen äußern: Ein heutiger Admiral der Marine, der SPD-Politiker Björn Engholm und die Linke-Politiker Sahra Wagenknecht. Letztere stehen mehr oder weniger für die SPD und die USPD, was aber in den Interviews nicht immer so deutlich wird, zumal, wenn Wagenknecht sich dahingehend äußert, dass die Situation heute eine ganz andere ist (bzw. 2017 war). Offenbar schien es ihr wichtig zu sein, das Demokratische heutiger politischer Prozesse zu betonen.

Auch zu diesem Absatz ließe sich aus der Perspektive und mit den Erkenntnissen des Jahres 2025 manche Ergänzung anbringen, gerade die Demokratie und Politiker betreffend, die sich, wie seinerzeit die USP, abgespalten haben, aber das müsste man etwas weiter ausführen – oder man lässt es und die Leser:innen können die Linie von 1918 bis 2017 bis 2021 und von dort ins Hier und Jetzt weiterspinnen. Und darüber spekulieren, was kommen mag.

75/100

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Produktionsfirma
Riva Filmprod.
Regie
Jens Becker
Produzenten
Michael Eckelt
Buch
Jens Becker
Kamera
Jürgen Rehberg
Musik
George Kochbeck
Schnitt
Angela Tippel
Erstaufführung
30.10.2018 arte
Darsteller
Lucas Prisor (Karl Artelt) · Henriette Confurius (Helene Hartung) · Alexander Finkenwirth (August Hartung) · Rainer Reiners (Gustav Noske) · Ernst Stötzner (Wilhelm Souchon) · Dennis Schigiol (Lothar Popp) · Martin Winkelmann (Hermann Knüfken) · Mignon Remé (Louise Souchon) · Gustav Peter Wöhler (Traugott Kaiser) · Oliver Hermann (Heinrich von Bückwitz)
Länge
89 Minuten 

(1) Film und Geschichte – Aufstand der Matrosen
(2) Arte und hier zum Film: https://www.arte.tv/de/videos/060787-000-A/1918-aufstand-der-matrosen/

 


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