Filmfest 1417 Cinema
Das Geld ist ein Spielfilm von Marcel L’Herbier aus dem Jahre 1928. Er basiert auf dem Roman L’Argent von Émile Zola, der 1891 erschien.
Ich kann mich daran erinnern, dass dass Jerzy Toeplitz über Marcel L’Herbiers „L’Inhumaine“ (1924) schrieb, der französische Film der 1920er befände sich auf dem falschen Weg des Ästhetizismus und damit wohl des Eklektizismus. Ganz von der Hand weisen wollte ich diese Ansicht nach dem Anschauen von „L’Inhumaine“ nicht, auch wenn ich nicht die Ansicht teile, dass der wahre Film nur in der Sowjetunion entstehen konnte, wegen des Sozialismus und natürlich wegen Eisenstein, Wertow und anderen. Aber das Herangehen ist schon sehr unterschiedlich und der französische Film, wie er auch in „L’Argent“ sich zeigt, ist gleichermaßen weit entfernt vom deutschen Expressionismus einerseits, der neuen Sachlichkeit andererseits, die es längst gab, und ebenso von dem, was man als sowjetischen Realismus bezeichnet. Nach den vielen Ismen erst einmal zur Handlung und dann einiges mehr in der Rezension.
Handlung
Der Bankier Nicolas Saccard finanziert Unternehmen und betätigt sich als Börsenspekulant. Als sein Hauptgeschäft in finanzielle Schwierigkeiten gerät, wird er von seinem Konkurrenten, dem Bankier Gunderman, zusätzlich an den Rand des Ruins gebracht. Er sieht seine einzige Chance, den Kurs seiner Aktien wieder nach oben zu treiben, darin, dass er ein lukratives Geschäft finanziert. Er unterstützt einen Transatlantikflug des Flugpioniers Hamelin, der in Französisch-Guayana ein Projekt zur Erdölförderung aufbauen will.
Als die Meldung über Hamelins Absturz kursiert, nutzt Saccard diese von ihm erkannte Falschnachricht, um den Aktienkurs der Firma zu seinen Gunsten zu manipulieren. Zudem versucht er während der Abwesenheit und Ahnungslosigkeit Hamelins, dessen Frau zu verführen. Gunderman und die Baronin Sandorf, eine ehemalige Geliebte Saccards, durchschauen Saccards Aktionen und missbilligen die unethischen Spekulationen. Gunderman hat für seine Bank heimlich Aktien der Bank Saccards erworben und wendet diese als Druckmittel gegen Saccard an. Sandorf überzeugt Line Hamelin, Anzeige gegen Saccard zu erstatten. Er landet im Gefängnis, doch er plant dort bereits einen neuen Finanzcoup.
Autour de L’Argent
Während der Dreharbeiten zu Das Geld entstand ein 40-minütiger Dokumentarfilm von Jean Dréville. Marcel L’Herbier ermunterte den damals Anfang 20-jährigen Journalisten und Amateurfotografen Dréville zu diesem frühen Making-of.
Der resultierende Film mit dem Titel Autour de L’Argent war selbst eine kraftvolle Übung in der poetischen Montage, die die Atmosphäre und die Filmsettings aus der Sicht der Beleuchter, der Kameramänner und der Statisten einfing. Es zeigt, wie L’Herbier seine Schauspieler akribisch inszeniert und die unzähligen Statisten dirigiert. Der Dokumentarfilm zeigt auch, wie die komplizierten Kamerabewegungen mit bodennahen Wagen, schwimmenden Plattformen und einer frei schwingenden Kamera, die am Dach hängt, erzielt wurden. Die ursprüngliche Fassung des Films war stumm. 1971 wurde eine Tonfassung erstellt, zu der Jean Dréville selbst den Kommentar einsprach.
Kritiken
Die zeitgenössische Kritik attestierte dem Film fotografische Eindrücklichkeit im Range eines Man Ray oder Walter Ruttmann.[1]
„Ein Stummfilm nach einem Roman von Emile Zola, dessen Geschichte erstaunlich aktuell scheint und der ein Finanzgebaren anprangert, das auf Gewinn um jeden Preis ausgerichtet ist. Der üppig ausgestattete Stummfilm mit einer ursprünglichen Aufführungsdauer von 200 Minuten zählte für Orson Welles zu den ‚großen Meisterwerken‘ seiner Epoche.“ – Lexikon des internationalen Films[2]
Zunächst zum „Making of“. Ich dachte auch, das sei eher zu Marketingzwecken in Hollywood erfunden worden, aber warum nicht auch für „Das Geld“, schließlich handelt es sich um eines der größten französischen Filmprojekte seiner Zeit. Mir fällt spontan nur Abel Gances „Napoléon“ als noch gewaltiger ein. Aber dass gezeigt wird, wie akribisch ein Regisseur arbeitet, heißt noch nicht, dass aus der Akribie auch ein Meisterwerk entstehen muss. Der Vergleich mit Orson Welles hat mich eher daran erinnert, dass auch dieses Genie irgendwann seine Projekte nicht mehr in den Griff bekam und seine Karriere mehr oder weniger im Chaos endete. So war es bei L’Herbier nicht, in den 1930ern filmte er viel konventioneller und mit Ton. Die Kritik für „L’Argent“ war auch nicht so einhellig positiv, wie es in der Wiki-Beschreibung wirkt. Erst ein Essay aus jüngerer Zeit scheint eine Art Wende bei der Rezeption des Films bewirkt zu haben. Mit 7,5/10 gehen die IMDb-Nutzer:innen einigermaßen mit, es gibt ohnehin nicht viele Stummfilme, die mit ca. 8,1/10 den Olymp, also die Liste der Top 250 erreichen.
„Metropolis“ gehört beispielsweise dazu und mit frischem Ruhm aus diesem Film checkte „der deutsche Vamp“ Brigitte Helm in Frankreich ein und spielt – einen Vamp natürlich, einen habgierigen noch dazu. Die Version von „L’Argent“, die Arte jetzt ausgestrahlt hat, ist ca. zweieinhalb Stunden lang und wie immer, wenn gekürzt wurde, macht sich der Elefant im Raum breit, der heißt: Wasfehlt? Sind die teilweise zu kurzen Einstellungen diesen Kürzungen zu verdanken, das manchmal Ruckige des Films, das daraus resultiert? Jedenfalls stimmen die Proportionen zwischen den Einstellungen nicht immer, das konnte man 1928 schon weitaus besser. Die vielgelobte bewegliche Kamera, die man sich dann doch, pardon, vom deutschen Expressionismus abgeschaut hat, ist sie nun Kunst für die Kunst oder folgt sie einem künstlerischen Konzept? Um es ehrlich zu schreiben, ich teile eher die Ansicht der Kritiker aus älterer Zeit, die nicht so deutlich zu erkennen vermochten, warum nun welche Szene in welchem Stil gefilmt worden war, denn der Stil ist alles andere als kohärent.
So etwas kann man machen, wenn erkennbar ist, wann genau welches Element und aus welchem Grund es zielgerichtet und möglichst nicht zu üppig zum Einsatz kommt: Es gibt also die starken Kamerabewegungen, aber auch ganz traditionell aus dem Stand gefilmte Einstellungen, häufig wird eine Randunschärfe verwendet, die dem Film etwas beinahe Dreidimensionales verleiht, aber auch die Hektik und das Unscharfe der Geldgier in Relation zu einer gesunden Philosophie unterstreicht., Es kommt zu Unschärfe im Hintergrund und dem Gegenteil, nämlich, dass eine Figur unscharf wirkt und der Hintergrund klar zutage tritt. Eine Sequenzanalyse könnte vielleicht etwas wie Ordnung in diese für mich etwas wahllos eingesetzten Stilmittel bringen, aber wieder wird dann das Problem zutage treten, dass man den Film um 50 Minuten gekürzt hat und dadurch möglicherweie klug gewählt Anschlüsse nicht mehr identifiziert werden können und die Logik dieser Stilübungen sich erst gar nicht rekonstruieren lässt.
Das Flirrende der Geldwirtschaft, das hier eingefangen wird, kommt aber durch all diesen Überfluss an Filmtechnik (und an erlesenen Sets, besonders das Haus von Saccard ist wirklich ein Meisterwerk des Ästhetizismus) gut zur Geltung. Ob das Absicht war, kann ich nicht sagen, aber gerade der Mangel an Kohärenz gemahnt stark an das, was wir heute sehen, fast 100 Jahre später: Eine Finanzindustrie, die wild herumspekuliert und schon vor 14 Jahren (17 Jahre zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes) einmal alles aus den Fugen geraten ließ, Wiederholung eher wahrscheinlich als ausgeschlossen.
Eine exzellente Schauspielerführung attestiere ich L’Herbier allerdings gerne. Vor allem Pierre Alcover, der den Saccard spielt, vollbringt eine Tour de Force, die sich im Verlauf immer mehr steigert. Der Mann ist gar nicht so bekannt, zumindest hat er keinen deutschen Wiki-Eintrag, aber er stellt die bekannten Namen, wie Alfred Abel, der den Gegenspieler Gundermann darstellt, stellt auch Brigitte Helm und Henry Victor in den Schatten. Lediglich Marie Glory wird so eingesetzt, dass sie eine ähnliche Präsenz gewinnt. Line und Nicolas sind die Hauptfiguren des Films, in dem es kaum Charaktere gibt, die nicht mindestens schattig erscheinen. Und „L’Argent“ vermeidet etwas, was „Metropolois“ unweigerlich Punkte kostet: Ein naives, die Klassen als versöhnt zeigendes Ende. Die Arbeiterklasse sieht man in „L’Argent“ gar nicht erst, man kann höchstens erahnen, wie sie unter dem Treiben der Spekulanten leidet. Der sozialistische Kritiker als solcher missbilligt diese Absenz natürlich, und manche Szenen sind gar zu schön ausgestattet. Interessanterweise wurde da auch nicht gekürzt, die Anschlüsse sind sehr elegant und exakt, aber es entsteht eben dieses gewisse Problem der unausgewogenen Proportionen. Vor allem die „Soirée“, die Party in Saccards gigantomanischem Domizil, die auch dramaturgisch den Höhepunkt bildet und beinahe dazu führt, dass eine Frau sich durch das Erschießen eines Mannes, es ist ebenjener Saccard, unglücklich macht, ist technisch auf der Höhe der Zeit und vielleicht mehr als das.
Aber von Beginn an hat der Film eine recht flache Dramaturgie, wirkt nicht so zentriert wie die ebenfalls sehr langen Filme von Fritz Lang beispielsweise, der mit „Doktor Mabuse“ wohl den Börsenmanipulationsfilm erfunden hat, sich aber ganz auf einen Dämon konzentriert, während „L’Argent“ am Ende weise, weise den Unterschied zwischen Geld zum guten Zweck einsetzen und von ihm beherrscht werden deklamiert, per Texttafel aus dem Off. Ein paar Jahre später hätte ein Narrator dies möglicherweise übernommen. Auch das ist eine Schwäche des Films: Das zu Erklärende. Ohnehin zeigen französische Filme auf den Texttafeln etwas, was ich in so extremer Ausprägung aus anderen Ländern nicht kenne: Die Figuren werden mit Attributen versehen. Ich finde das etwas überdeutlich, denn dass z. B. die Baronin Sandorff (Brigitte Helm) habgierig ist, geht nun wirklich aus der Handlung hervor. Diese Methode, das, was man sieht, noch einmal per Text herauszustreichen und damit auch die Spannung zu mindern und den Rhythmus mit visuell-textlicher Redundanz zu verlangsamen, widerspricht insbesondere dem angloamerikanischen Prinzip der Filmökonomie. Offenbar traute man damals dem Publikum nicht so recht über den Weg, die visuelle Wahrnehmung betreffend, oder man traute der Macht der eigenen Bilder nicht. Dieses Misstrauen macht einen Film natürlich nicht kaputt, zumal er lehrt, dass man gar nicht misstrauisch genug sein kann, sondern fällt lediglich auf. Auch deshalb, weil die Texttafeln bzw. Zwischentitel dadurch ein etwas geschwollenes und mehr künstlich als künstlerisch wirkendes Gepräge aufweisen.
Andere Zwischentitel hingegen sind wirklich notwendig, auch heute noch. Die Handlung kommt so überbordend daher, dass die Titel deren Fortgang klammern müssen, damit man orientiert bleibt. Heute könnte man sich in diesem Universum der Finanzjongleure auch mit etwas weniger Text zurechtfinden, nehme ich zumindest an, aber für damalige Verhältnisse ist der Film sehr komplex und interessanterweise trotz der vielen Erklärungen ziemlich voraussetzungsreich. Wie eine Kapitalerhöhung funktioniert, beispielsweise, wie eine Aktionärsversammlung eine solche in die Wege leitet oder eben nicht, wie wir es in „L’Argent“ sehen, das wird eben nicht fürs Publikum aufbereitet, sondern einfach gezeigt. Wie geschrieben, der Film macht nicht den einen vollkommen runden und künstlerisch geschlossenen Eindruck.
Das Lehrreiche und die Parallelen, die man ins Hier und Jetzt ziehen kann, überwiegen denn auch die Dynamik. Spannung ergibt sich mehr aus gut gespielten Szenen als aus der Dramaturgie, und es ist zum Beispiel eine Beinahe-Vergewaltigung als einer der wenigen „körperlichen“ Szenen dabei, die für damalige Verhältnisse sehr offensiv gefilmt ist.
Nicht so leicht, den Symbolgehalt aus dieser Hektik herauszuarbeiten, den das eine oder andere Element haben könnte und der z. B. in expressionistischen Filmen so schön zu erkennen ist, weil das Sinnbildhafte meist visuell integriert wird. Es ist offensichtlich, dass die Blindheit des Piloten-Unternehmers, die er sich beinahe zuzieht, als er in der Hitze der Tropen Erdöl aus dem Boden zu pressen gedenkt, eine Metapher für seine Naivität gegenüber den Manipulationen ist, denen er ausgesetzt wurde und die dazu führten, dass er seine Bestimmung, nämlich ein heroischer Atlantikflieger im Stile von Charles Lindbergh zu sein, verrät, um sich mit viel Energie, aber mit schwachen Ergebnissen auf die Ausbeutung der Bodenschätze in einer der damals zahlreichen französischen Kolonien zu stürzen.
Dieser Part ist auch so gefilmt, dass er kaum weniger bedrohlich wirkt als das Gebaren der Finanzmagnaten, und seine Frau spielt dabei eine ungute Rolle, weil sie ihn lieber als Unternehmer denn als nach ihrer Ansicht und aufgrund der vernähten Gesichtswunden wohl auch real stets absturzgefährdeten Pilot sehen möchte. Dabei liegt die Gefahr doch genau dort, auf dieser Erde, kann nicht dem Himmel näher sein. Sie ist zu finden in der Person des Möchtegern-Napoleons Saccard, der versucht, sich an die Frau heranzumachen, während der Ehemann in Französisch-Guyana vor sich hinschwitzt. Auch darüber darf man nachdenken: Ob Saccard mit seinen Napoleon-Reiterskulpturen auf dem Schreibtisch nur ein Epigone ist oder ob Napoleon, der sich mit dem Russland-Feldzug übernommen hatte, selbst angezielt wird. Bezüglich der Symbolik ist beides denkbar und ergibt Sinn.
Oder des Finanzmagnaten, denn Gundermann, der Gegenspieler, steht ja für die gute alte Ordnung, in der Geld noch einen Zweck hat, nämlich dem Fortschritt zu dienen. Der alte Finanzadelige mit dem gewieften Blick gegen den Impuls- und Intuitionsmensch, füllig und barock, der anderen hingegen wirkt wie bestes Fin-de-Siècle. Auch kein Klassenkampf, sondern lediglich eine moralische Abschichtung zwischen dem vielen, soliden, guten und dem vielen fluiden, bösen Geld. Dabei manipuliert Gundermann kräftig mit, als es ihm opportun erscheint, und lässt Aktien von der Bank des Gegners durch, sagen wir mal, Händler oder auch Strohmänner an verschiedenen Börsenplätzen erwerben.
Finale
Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass dieser Film eine Art Kaleidoskop, eine Drehtür darstellt, durch die nur Menschen wirbeln, die dem Geld verfallen sind und dafür in Kauf nimmt, dass von allem ein wenig zu viel geboten wird, dass die Verdichtung, die auch lange, gar epische Filme benötigt (gerade sie!), um den Betrachter gut zu leiten und über die Zeit zu bringen, nicht gerade im Vordergrund steht, ist hier ein beachtliches Werk entstanden, das eine sehr ironische Schlusspointe aufweist. Sie wird wiederum leider von dem nachgestellten moralischen Text abgeschwächt. Für mich zeigt sich in solchen kontraproduktiven Momenten eine gewisse Stilunsicherheit, ein Mangel an Intuition, die Wirkungsmacht des Mediums Film betreffend. Auch der ebenfalls extravagante „Metropolis“ hat ein paar schwache Momente, die in diese Richtung gehen, aber durch das exzentrisch ausgemalte „Oben und Unten“, durch die Fallhöhe zwischen den Klassen, hat er mehr Wumms, um ein aktuell hierzulande in Mode gekommenes Wort zu verwenden. Bis wir diese Rezension publizieren, wird sich vermutlich niemand mehr daran erinnern, worauf ich anspiele. Genug der vielen Einlassungen und wenigen Anspielungen.
78/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2022)
| Regie | Marcel L’Herbier |
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| Drehbuch | Arthur Bernède, Marcel L’Herbier |
| Produktion | Jean Sapène |
| Kamera | Jean Letort, Jules Kruger |
| Besetzung | |
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