Gentlemen of Nerve (USA 1914) #Filmfest 1419 #DGR #Chaplin #CharlesChaplin #CharlieChaplin

Filmfest 1419 Cinema – Werkschau Charles Chaplin (31) – Die große Rezension

Gentlemen of Nerve ist eine US-amerikanische Stummfilmkomödie aus dem Jahr 1914 unter der Regie von Charlie Chaplin mit Chaplin und Mabel Normand in den Hauptrollen, produziert von Mack Sennett für die Keystone Studios.1Der Film wurde auch unter dem Titel „Das Autorennen“ vermarktet.

Wir sind bei Nummer 31 angelangt. In so vielen Filmen hatte Chaplin bei Keystone innerhalb von nur 10 Monaten mitgewirkt, also gab es fast jede Woche einen neuen Streifen mit ihm. Es versteht sich, dass dies keine Meisterwerke waren – und doch: In diesem Jahr vollzog sich bei Chaplin bereits eine erstaunliche Entwicklung, die in Filmen wie „The New Janitor“ und „Dough and Dynamite“ gipfelte, die wir kürzlich besprochen haben, weil sie kurz vor „Gentlemen of Nerve“ entstanden. Von dem füriosen und nach unserer Ansicht bis dahin besten Chaplin-Film „Dough and Dynamite“ müssen wir schon einen grundsätzlichen Rückschritt für „Gentlemen“ vermelden: Er hat nur die Länge einer Rolle (ca. 15 Minuten), während der Vorgänger 28 bis 33 Minuten Länge aufweist, je nach vorhandener Version. Dieser Unterschied macht sich in der Qualität der beiden Filme deutlich bemerkbar.

Handlung2

Mr. Walrus und seine Verlobte Mabel sind auf dem Ascot Park Speedway, um sich die Autorennen anzusehen. Walross bricht unter Mabels Augen die Beobachtung der Autos ab und beginnt, mit seinem Nachbarn auf der Tribüne zu flirten.

Mr. Wow Wow (in der Gestalt des Tramps) und Ambrose haben ihrerseits keinen Cent und beschließen, ihre Kräfte zu bündeln, um doch in den Zuschauerbereich zu gelangen. Ambrose versucht, durch das Loch in einem Zaun zu kommen, bleibt aber stecken, und Tramp nutzt die Gelegenheit, um ihn zu schlagen, kriecht unter ihm hindurch in den Innenbereich und macht sich über den anderen lustig, Ambrose wird verhaftet.

Nach einem Streit mit anderen Zuschauern setzt sich Charlot auf die Tribüne und erlaubt sich, aus einem Strohhalm aus der Flasche seiner Nachbarin zu trinken, die es nicht mag, ihm dann aber ihre Flasche überlässt. Mabel, verärgert über Walross‘ Verhalten, geht. Dann stolperte sie über den Landstreicher und zertrümmerte seinen Hut. Da er keinen Groll hegt, beginnt er mit ihr zu flirten.

Walross macht seiner flirtenden Nachbarin waghalsige Vorschläge, sie geht schockiert ab. Daraufhin beschließt er, Mabel zurückzugewinnen, die den Tramp bittet, den Kerl loszuwerden. Walrus wird dann in den Polizisten geschleudert, der Ambrose zuvor wegen seines Betrugs verhaftet hatte.

Der Film endet damit, dass der Landstreicher versucht, Mabel zu küssen, was sie mit einem breiten Lächeln ablehnt, sodass er mit ihrer Hand vorlieb nimmt.

Rezension

Es ist witzig, wie Normand und Chaplin am Ende rummachen, aber er nicht einmal zu einem Wangenkuss kommt, ohne dass man es sehr bedauert, sondern mit Normand fühlt, wegen der nassen Hand- und Armküsse, die sie stattdessen hinnimmt. Nein, das große Lachen, wie erstmals in einem der 1914er-Chaplins bei „Dough und Dynamite“, hat sich bei mir nicht wieder eingestellt, das war ein rares Erlebnis. Grundsätzlich ist der Nachfolgefilm rudimentärer als der darmaturgisch ziemlich ausgefeilte Vorgänger, und es gibt aufgrund der Simplizität der Gags, die man so ähnlich alle schon gesehen hat (nicht nur, weil man 111 Jahre später kommentiert, sondern auch in den damals bereits veröffentlichten Chaplin-Filmen) auch nicht so viel Überraschendes, was zum Lachen reizt, kaum großartige Einfälle fürs Zwerchfell.

Dafür wieder viel von einer Art der Komik, die soziologisch vielsagend ist und von rauen Zeiten in einem überwiegend rauen Land kündet. Auch die Gesichter des Publikums – oder der Statisten – sind gute Studien dazu, wie normale Leute damals aussahen und wie das typische, feiste, großvolumig-eckige oder eher rundliche, von einem ebensolchen Körper untersetzte Durchschnittsgesicht des heutigen US-Amerikaners noch kaum zu sehen war. Die Frauen im Publikum wirken eher gecastet, ich habe sogar rechts oben im Bild neben dem Trio Davenport-Conklin-Normand ein Mädchen entdeckt, das hübscher wirkt als die drei Darstellerinnen.

Analyse3

Von uns eingefügte Passagen und Anmerkungen sind mit * gekennzeichnet.

„Gentlemen of Nerve“ ist ein kurzer, rund 15-minütiger Stummfilm, der im Oktober 1914 unter der Regie von Charles Chaplin für die Keystone Film Company entstand. Der Film wurde – wie viele frühe Keystone-Komödien – in einem dokumentarisch-öffentlichen Umfeld gedreht, nämlich während eines realen Autorennens in Ascot (Kalifornien). Diese Tatsache allein ist bemerkenswert: Chaplin verband hier ein reales Ereignis mit einer inszenierten Slapstick-Handlung, was dem Film einen halb-dokumentarischen, halb-fiktiven Charakter verleiht.

*Bereits der zweite Film mit Chaplin gemäß Premierendatum, gedreht vermutlich mitten in der nachfolgend erstaufgeführten Produktion, „Kids Autorace at Venice“ war mitten in einem echten Autorennen entstanden und wirkt viel waghalsiger, wäre aus Sicherheitsgründen heute niemals möglich und zeigt nur wenige Darsteller und viel echtes Publikum. Der nächste Autorennfilm mit Chaplin war der „integrative“ „Mabel at the Wheel“, der in Sachen Action und Kamerafahrt bis zur hier besprochenen Nr. 31 nicht übertroffen wurde.

Inhaltlich zeigt Gentlemen of Nerve Chaplin als typischen Tramp (hier noch im Entwicklungsstadium), der versucht, in das abgesperrte Gelände des Rennens zu gelangen. Zusammen mit seinem Freund (Mack Swain)) sorgt er für Chaos an der Eintrittsbarriere, gerät in Streit mit einem Polizisten und flirtet mit Mabel Normand – die hier wie so oft als selbstbewusste, leicht amüsierte Frau auftritt, die Chaplins Annäherungen charmant abwehrt.

Besonderheit: Der Film spielt fast ausschließlich inmitten einer echten Menschenmenge – ein ungewöhnlicher Drehort für 1914, als Komödien meist in klar abgegrenzten Studioumgebungen oder Kulissen (Straße, Park, Café) entstanden. Der dokumentarische Anteil verleiht dem Film Authentizität, während Chaplins choreografierter Slapstick diese Realität überformt.

Zudem fällt auf, dass Chaplin bereits hier ein Gespür für soziale Dynamik im öffentlichen Raum zeigt: Die Menge, die Ordnungskräfte, die sozialen Schranken (Tickets, Einlass, Polizei) werden zum dramaturgischen Motor. Die Rennstrecke dient weniger als sportliche Attraktion, sondern als Bühne für gesellschaftliches Verhalten – Vorformen dessen, was Chaplin später in The Circus (1928) oder City Lights (1931) zu einer hochreflektierten Kunstform machte.

b) Stellung des Films im Werk Chaplins (1914er Phase)

Der Film gehört in Chaplins erste Schaffensphase bei Keystone, also in das Jahr seines filmischen Debüts (1914). In diesem Jahr drehte er insgesamt 35 Filme – eine enorme Zahl, die seinen Lernprozess als Schauspieler, Regisseur und Figurenentwickler dokumentiert.

*Ich erwähne auch gerne hier wieder, dass dieser Lernprozess Chaplin über andere Komiker hinaushebt, die zwar ähnlich filmten wie er ganz zu Beginn, aber nicht über diese Darstellungen hinauswuchsen, wie es bei ihm im Herbst 1914 schon deutlich zu sehen war.

„Gentlemen of Nerve“ steht am Übergang von den frühen, rein improvisierten Keystones – wie Kid Auto Races at Venice oder Mabel’s Strange Predicament – hin zu etwas strukturierteren, szenisch bewussteren Kurzfilmen. Chaplin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, selbst Regie zu führen (ab Caught in the Rain, Mai 1914), und entwickelte zunehmend Kontrolle über seine Filme. Obwohl Gentlemen of Nerve formal noch eine „Mabel“-Keystone-Produktion ist, spürt man deutlich seine Handschrift: Die Choreografie der Slapstickmomente, das Timing der Prügeleien, der Einsatz der Menge als „visuelles Publikum“ – all das weist auf Chaplins sich entwickelnde Autorenregie hin.

*Mabel Normand erscheint aber nicht im Titel, sondern die Herren werden hervorgehoben – anders als in früheren Werken mit und ohne Chaplin und anders als später wieder, als Chaplin Keystone verlassen hatte. Der Akzent des Agierens liegt auch eher bei den Männern.

In Chaplins Gesamtwerk steht der Film als ein früher Versuch, den Tramp in ein reales, soziales Umfeld zu stellen, statt ihn als abstrakte Figur in einer Slapstickwelt zu isolieren. Das Autorennen wird zur sozialen Bühne, auf der der Außenseiter Tramp seine Energie entfaltet – ein Motiv, das Chaplin zeitlebens beschäftigen sollte.

c) „Firsts“ – Innovationen oder Premieren

Einige filmhistorische Besonderheiten und mögliche „Firsts“ zeichnen Gentlemen of Nerve aus:

  1. Erster Chaplin-Film, der eine große Komparserie als dramaturgisches Element einsetzt.
    Während
    Kid Auto Races at Venice (gedreht im Januar 1914) bereits eine Menschenmenge zeigt, bestand diese aus echten Zuschauern eines tatsächlichen Kinderwagenrennens – die Komparsen waren also keine Schauspieler. In Gentlemen of Nerve hingegen dürfte es sich zum Großteil um geführte Statisten handeln, obwohl das Rennen real war. Chaplin nutzt sie gezielt als „Teilnehmer“ an der Szene: Sie reagieren auf ihn, bilden Raumgrenzen, schauen ihn an, dienen als soziale Kulisse. Das war für 1914 filmisch neu.

  2. Erste komplexere Raumregie bei Keystone.
    Chaplin beginnt hier, Bewegung nicht nur als körperliche Gagfolge zu inszenieren, sondern als räumliche Dynamik – zwischen Tribünen, Zäunen, Absperrungen. Seine Figuren sind nicht nur Körper, sondern soziale Positionen im Raum.

  3. Frühe Anwendung der „Boundary-Comedy“.
    Das zentrale Gag-Motiv ist das Überwinden einer Grenze – der Eintritt ins abgesperrte Gelände. Dieses Motiv (der Außenseiter will Zugang zu einer gesellschaftlich privilegierten Zone) zieht sich bis zu
    Modern Times (1936) und The Great Dictator (1940).

Somit markiert Gentlemen of Nerve durchaus mehrere „firsts“ – weniger technisch als dramaturgisch-sozial.


d) Tonalität des Films

Die Tonalität ist, typisch für Keystone, rauh, körperlich und anarchisch, aber Chaplins Beitrag verleiht ihr Subtilität und soziale Ironie.
Während Mack Sennetts Komödien meist auf pure Rasanz und Slapstick setzten (Stürze, Prügeleien, Chaos), erkennt man bei Chaplin schon ein anderes Rhythmusgefühl: Er arbeitet mit kleinen Verzögerungen, Blicken, Pausen – Momenten der Selbstbeobachtung mitten im Chaos.

*Das war allerdings in den vorausgehenden, oben erwähnten Filmen, deutlich ausgeprägter als in „Gentlemen of Nerve“, der wirkt, als habe Chaplin hier auch Keystone-Ansprüche erfüllen und Mabel Normand entgegenkommen wollen.

In Gentlemen of Nerve mischen sich also zwei Töne:

  • Der traditionelle Keystone-Ton: schnell, laut, grob, körperlich (die „blutigen Nasen“ und das „Haudrauf“-Element, auf die wir später noch einmal eingehen).

  • Chaplins entstehender persönlicher Ton: ironisch, leise, charmant schelmisch, verbunden mit sozialem Kommentar.

Das ergibt eine „gespaltene Tonalität“ – die eine Seite pure Farce, die andere schon menschliche Beobachtung. Diese Dualität sollte Chaplins Stil prägen: Slapstick mit Seele.

*Allzu leise, charmant und schelmisch darf man sich den Stil nicht vorstellen, den Chaplin hier zeigt. Insbesondere eine Großaufnahme macht deutlich, dass er überwiegend zur Grimasse tendiert, nicht zur subtilen Mimik, und auch diese gewisse Gemeinheit, die viele Darstellungen der Tramp-Figur in ihrer Entstehungsphase auszeichnet, kommt nicht zu kurz.

e) Rezeption damals und heute

Zeitgenössisch (1914) wurde Gentlemen of Nerve positiv, aber nicht außergewöhnlich aufgenommen. Chaplin war zu dieser Zeit bereits populär, doch Keystone-Filme wurden meist als Massenware beworben, weniger als individuelle Werke. Kritiken erschienen selten. Das Publikum reagierte begeistert auf seine physische Komik und die charmante Interaktion mit Mabel Normand.

Heute sehen Filmhistoriker Gentlemen of Nerve als einen Übergangsfilm – weniger für seine Geschichte als für seine formale Entwicklung wichtig. Moderne Analysen (z. B. von David Robinson, Chaplin: His Life and Art) betonen, dass Chaplin hier beginnt, die Umwelt aktiv als Teil seiner Figur einzusetzen. Der Film ist kein Klassiker im Sinne von The Tramp (1915), aber ein wichtiger Baustein in der Evolution der Figur.

In Retrospektiven wird er häufig als „Proto-City-Comedy“ bezeichnet: ein früher Versuch, das urbane Gedränge, das gesellschaftliche Spektakel, in Bewegung zu setzen.

f) Technische Besonderheiten

Technisch ist Gentlemen of Nerve ein Produkt seiner Zeit, doch einige Aspekte verdienen Beachtung:

  1. Location Shooting:
    Die Verwendung des realen Ascot-Speedway-Geländes (Los Angeles) verleiht dem Film Dynamik und Authentizität. Es handelt sich um denselben Schauplatz, an dem bereits
    Mabel at the Wheel (ebenfalls 1914) entstand.

  2. Mischung aus inszeniertem und dokumentarischem Material:
    Chaplin kombiniert dokumentarische Rennaufnahmen (echte Autos, echtes Publikum) mit inszenierten Slapstick-Szenen im Vordergrund. Der Schnitt (vermutlich von Henry Lehrman oder Chaplin selbst beeinflusst) integriert diese Ebenen recht flüssig.

  3. Einsatz der Masse:
    Der Film experimentiert mit der Tiefenkomposition des Bildes – Vordergrundaktion, Mittelgrund mit Komparsen, Hintergrund mit echten Rennszenen. Für 1914 ist das visuell ambitioniert.

  4. Kameraarbeit:
    Wahrscheinlich ein fest montiertes Stativ, aber mit gelegentlichen Schwenks, um die Dynamik der Menge einzufangen. Für Keystone-Verhältnisse relativ flexibel.

  5. Kostümierung:
    Chaplins Tramp-Kostüm ist hier bereits fast vollständig etabliert – Melone, Stock, enge Jacke, zu große Hose. Das Feintuning seiner Gestik (Blick nach oben, Selbstzufriedenheit, kokette Bewegungen) ist jedoch noch in Entwicklung.

g) Die Tramp-Figur im Kontext des Autorennens

In Gentlemen of Nerve tritt der Tramp als klassischer Outsider im bürgerlichen Raum auf. Das Autorennen ist ein Symbol für Moderne, Geschwindigkeit, Reichtum – all das, was der Tramp nicht hat.
Er kann sich den Eintritt nicht leisten, also versucht er, sich hineinzuschmuggeln. Dieses Verhalten steht paradigmatisch für Chaplins gesamte Tramp-Figur: Er ist derjenige, der draußen steht und dennoch Teil der Gesellschaft sein will.

Sein Verhältnis zum Rennen ist ironisch: Während die Oberschicht die Maschinen bewundert, bewundert der Tramp das Publikum, die Ordnung, die Aufregung. Das Rennen wird zur Metapher für ein gesellschaftliches Spiel, bei dem er keine Chance hat – und trotzdem Spaß daran findet, mitzuspielen.

Bemerkenswert ist, wie Chaplin hier das Tempo des Rennens mit der Langsamkeit seiner Figur kontrastiert. Während Autos rasen, schlendert der Tramp, stolpert, posiert. Er ist buchstäblich „aus der Zeit gefallen“. Dieses Stilmittel (Verlangsamung inmitten hektischer Bewegung) wird zu einem Markenzeichen seiner späteren Filme.

*Der vorherige Absatz ist für mich besonders wichtig: An Chaplin geht nicht selten die Kritik, dass er mit der modernen Zeit nicht mitgeht, wie man Buster Keaton dies unterstellt, sondern ein Viktorianer im zwanzigsten Jahrhundert war. Einen Film, der auf Technik setzt, hat Chaplin erst mit „Moderne Zeiten“ gemacht, und sie darin ausgesprochen kritisch kommentiert. Er drehte nocg Stummfilme, als dies in den USA sonst niemand mehr tat, der kommerziell erfolgreich sein wollte. Er misstraute der Moderne, das drückt seine Kontrast-Haltung deutlich aus, das würde ich nicht in Abrede stellen wollen.

Chaplin spürt nicht das Absurde daran heraus, wie Keaton, sondern das Tragische: Dass immer mehr Technik nicht glücklicher macht, und stellt seinen Tramp schon 1914 dagegen auf. Noch nicht in „Mabel at the Wheel“, wo er die böse Figur ist, aber in Ansätzen und versteckt in einem ziemlich klamaukhaften Film in „Gentlemen of Nerve“. Ich gehöre nicht zu jenen, die daraus eine Wertung zulasten von Chaplin ableiten. Vielleicht war das in Jahren um 1950 oder 1960 aus unterschiedlichen Gründen (zunächst aus politischen, dann eigentlich auch wieder aus politischen) opportun, aber über 100 Jahre später sollte man die heutige Realität berücksichtigen, nicht eine ideologische Position, die sich überlebt hat und ebenfalls wieder 60 bis 70 Jahre alt ist.

h) Frauenfiguren, Conklin und Swain

Mabel Normand spielt erneut Chaplins weibliches Gegenüber. Sie war zu jener Zeit eine der populärsten Komikerinnen Hollywoods und Chaplins Mentorin in seinen ersten Monaten. Ihre Figur ist hier weder Damsel in Distress noch pure Karikatur, sondern eine kluge, selbstbewusste junge Frau, die die Männerkomödie ironisch spiegelt. Sie flirtet, lacht, weist den Tramp charmant zurück – auf Augenhöhe.

Chester Conklin als „Mr. Walruss“ (eine Art komischer Rivale) verkörpert den typischen Keystone-Komiker: grotesk geschminkt, mit Bürstenschnurrbart, impulsiv. Er ist Chaplins Gegengewicht – beide kämpfen um die Aufmerksamkeit von Mabel.
Mack Swain, ein weiterer Keystone-Veteran, übernimmt eine Nebenrolle als kräftiger Freund Ambrose – der körperliche Gegenpol zu Chaplins schmächtiger Gestalt.

In der Kombination dieser drei Männerfiguren – der schlaue Tramp, der unbeholfene Conklin, der kräftige Swain – spiegelt sich eine frühe soziale Typologie, die Chaplin später psychologisch vertiefte: der Außenseiter, der Proletarier, der – ebenfalls Proletarier.

*Hier musste ich korrigieren, weil sich die KI verhaspelt hat und Mack Swain die Rolle eines Polizisten zuweist und ihn damit als Repräsentanten der Autorität als weiterem zentralen Elemente der Komödie im Allgemeinen darstellt. Das ist er hier aber nicht, sondern bereits eine Frühform von Kumpel, wie wir ihn noch in wundervoller Ausprägung in „The Gold Rush“ (1925) sehen werden.

i) Komparserie, Publikum, Blut und Haudrauf

Die Beobachtung, dass hier eine „Proto-Komparserie“ aktiv ist, ist sehr treffend. Anders als in Kid Auto Races at Venice (wo echte Zuschauer unfreiwillig reagierten), nutzt Chaplin in Gentlemen of Nerve gezielt Komparsen, um das Publikum zu einem dramaturgischen Akteur zu machen.

Das Publikum reagiert, zeigt Emotionen, lacht, schaut – es wird Teil des Geschehens. Damit erprobt Chaplin ein Prinzip, das in seinen späteren Meisterwerken wiederkehrt: Die Menge als Spiegel der Gesellschaft.

Zur Frage, ob das Rennen echt war:

Ja – es war
ein reales Autorennen auf der Ascot Speedway in Los Angeles, 1914, vermutlich im Spätsommer. Keystone nutzte häufig öffentliche Ereignisse, um Produktionskosten zu sparen und Authentizität zu gewinnen. Ob die Zuschauer im Film echte Rennbesucher oder Statisten waren, ist umstritten; vermutlich eine Mischung aus beidem.

Was den Vergleich mit Mabel at the Wheel betrifft:
In
Mabel at the Wheel (Frühjahr 1914) war Chaplin noch Nebendarsteller und die Handlung stärker mit der Rennaktion verknüpft (Chaplin sabotiert Mabels Auto). In Gentlemen of Nerve rückt das Rennen in den Hintergrund, zugunsten des sozialen Spiels an der Peripherie.

Daher könnte man sagen:

  • Rückschritt: Weniger aktive Interaktion mit dem Rennen selbst; das Spektakel ist Kulisse.

  • Fortschritt: Stärkere Nutzung der Masse als soziales Spiegelbild, subtilere Komik, besseres Raumgefühl.

Die „blutigen Nasen“ und die Haudrauf-Elemente bleiben typische Keystone-Merkmale – Chaplin war noch Teil dieses physischen Humorsystems, auch wenn er innerlich schon auf dem Weg zu einer humaneren, stilleren Form der Komik war.

Schlussbetrachtung

Gentlemen of Nerve ist kein Meisterwerk, aber ein Schlüsselstück in Chaplins Entwicklung.
Er zeigt sich hier als Künstler zwischen zwei Welten:

  • der alten, groben Slapstick-Tradition Mack Sennetts,

  • und der neuen, sozial-satirischen, poetischen Richtung, die Chaplin selbst erschaffen sollte.

Man erkennt bereits:

  • die empathische Beobachtung der Gesellschaft,

  • die Idee des Tramps als Symbolfigur der Moderne,

  • das Interesse an realen Schauplätzen und Massenbewegungen,

  • das rhythmische Spiel von Chaos und Ordnung.

In diesem Sinne steht der Film am Beginn einer filmhistorischen Linie, die über The Tramp (1915), The Kid (1921) und Modern Times (1936) bis zu Limelight (1952) führt – eine Linie, in der der „Gentleman of Nerve“ zum Gentleman of Feeling wird.

Finale

Ich verstehe, warum die IMDb-Nutzer:innen bei diesem Film zurückhaltender sind als bei „The Rounders“ (6,2/10), „The New Janitor“ (6,1) und „Dough and Dynamite (5,9) und nur durchschnittlich 5,1/10 vergeben. Ich war sogar enttäuscht, nach dem fulminanten „Dough and Dynamite“, wiewohl ich anerkenne, dass Chaplin in jeder seiner Arbeiten, seit er auch selbst Regie führte, etwas Neues ausprobierte, sein Können stetig verbesserte und 1915 als bereits etablierter Filmemacher zu Essanay ging und dort einen hochdotierten Vertrag bekam.

Ich fand die Idee, wie Zuschauer eingesetzt werden, hier noch nicht so überzeugend, denn sie haben zumindest bei mir viel Aufmerksamkeit von den Handelnden abgezogen. Vielleicht auch, weil ich es faszinierend fand, diese damals sicher nicht seltenen Gesichter von US-Amerikanern zu studieren, die vor 140, 150 Jahren geboren wurden. Die Art, wie sie auf die spielenden Stars reagieren, ist noch nicht perfekt abgestimmt, rief bei mir teilweise sogar das Gefühl hervor, ein wenig neben mir und dem Geschehen zu stehen, meine innere Distanz zu jenem Geschehen auf der Leinwand war viel höher als speziell bei „Dough and Dynamite“. Alle anderen Beobachtungen habe ich in die Analyse integriert. Die Wertung der IMDb-Nutzer:innen trifft es gut, finde ich:

55/100

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Regisseur

Charlie Chaplin

Produzent

Mack Sennett

Rollen

Charlie Chaplin,
Mabel Normand
, Chester Conklin
Mack Swain
, Phyllis Allen,
Edgar Kennedy,
Alice Davenport

Kamera

Frank D. Williams

Produktionsfirma

Keystone Studios

Vertrieb

Gegenseitiger Film

Erscheinungsdatum

  • 29. Oktober 1914

Laufzeit

16 Minuten

1Herren mit Nerven – Wikipedia

3Erarbeitet anhand folgender Fragestellung: Gentlemen of Neve“ von Charles Chaplin aus dem Jahr 1914. Schreiben Sie bitte eine ausführliche Analyse von mindestens 1.300 Wörtern zu dem Film und berücksichtigen Sie bitte folgende Aspekte: a.) Besonderheiten des Films, b.) Stellung des Films im Werk des Regisseurs / Darstellers Chaplin, c.) gab es in dem Film „Firsts“, etwas, das erstmalig bei Chaplin vorkam oder eine Innovation im Allgemeinen darstellte, d.) wie ist die Tonalität des Films, e.) Wie ist der Film damals rezipiert worden und wie ist die Einschätzung heute, f.) gibt es technische Besonderheiten g.) wie wirkt Chaplins Tramp-Figur hier, wie ist sie ausgeformt, wie steht sie im Kontext des Settings eines Autorennens, h.) wie ist die Rolle der Frauen in dem Film, wie diejenige von Conklin und Swain? i.) weitere Stichpunkte: blutige Nasen, viel Haudrauf, das Publikum mit seinen schrägen Reaktionen als eine Art Proto-Komparserie (meines Wissens hat Chaplin zuvor in den von ihm selbst dirigierten Filmen nicht so viele Komparsen eingesetzt, war das als Schaustück, denn ich glaube, hier handelt es sich nicht um Zufalls-Zuschauer während eines echten Rennens. Das echte Rennen gab es aber offensichtlich. Ist bekannt, wann und wo es stattfand? Rückchritt gegenüber dem wesentlich „interaktiveren“ Film „Mabel at the Wheel“ oder Fortschritt in Sachen Einbindung der Komparserie?


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